Zypern-Krise gibt Scheichs Auftrieb Urlaub in Abu Dhabi: Da wo "Männer noch richtige Männer sind" und die Sonne immer scheint / Nur: Was ist mit der Frau?

Mohammed grinst, als er seinen dicken weißen getunten BMW aus der Parklücke Nähe der im Jahr 2004 eröffneten 8 Kilometer langen herrlichen Pracht-Strandpromenade Corniche Beach in Abu Dhabi herausmanövriert.

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Wann ist ein Mann ein Mann?

Was heißt heraus manövriert? Man könnte eher sagen: Wie ein Pilot im Cockpit heraussteuert. Dann lehnt er sich mit seinen Muskelpaketen cool aus dem Fenster und lädt zum Foto machen ein. Klick. Vorher entschuldigt er sich aber noch dafür, dass sein weißer Luxus-BMW-Geländewagen leider etwas schmutzig sei.

Er komme gerade von einer Wüstentour zurück. Schmutz? Es ist eigentlich nichts zu sehen. Abu Dhabi ist eines von sieben Mitgliedern der Vereinigten Arabischen Emirate. Rund 350.000 Emirati wohnen hier und noch einmal über 1 Mio. Gastarbeiter. Während in Europa die Eurokrise tobt, steht Abu Dhabi im April 2013 besser denn je da. Selbst von der Zypern-Krise glaubt man profitieren zu können. Entsprechend selbstbewusst ist das Auftreten der Emirati. Ein Vor-Ort-Bericht an Ostern 2013.

Weiß ist die Farbe der Männer in Abu Dhabi. Alles, was irgendwie mit Männern zu tun hat, ist dort weiß: Die Schuhe, die Kopfbedeckung, das Gewandt, die Häuser und oftmals eben auch das Auto. Der Name des Wüstenstaates Abu Dhabi heißt übersetzt so viel wie "Vater der Gazelle". Die Reichen und Schönen - ja, die gibt es nicht nur in Hollywood. Nein sie gibt es zu Hauf auch in den Vereinigten Arabischen Staaten. Sie fahren am liebsten mit deutschen Luxusautos der Marken BMW, Mercedes, Porsche, Audi, auch einmal mit Bentley (VW-Tochter) oder Rolls Royce (BMW-Tochter). Ferrari sieht man fast nie. Die Mittelklasse und Arbeiterklasse fährt in den Emiraten eher asiatische Automarken oder vielleicht noch Ford.

Es ist schon verrückt: Eigentlich ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten fast alles anders, als man es im Westen kennt. Man lebt unter dem Motto der Ethiad - was übersetzt so viel bedeutet wie "Union". Das ist auch der Name der im Jahr 1969 gegründete arabischen Tageszeitung, der viel gelesenene "Al Ittihad" (alittihad.ae). An guten Tagen kommt die Zeitung immer noch auf gut 80 Seiten Umfang. Davon können deutsche Tageszeitungen nur träumen.

Die Union, also die Vereinigten Arabischen Emirate, sind unter schwierigen Bedingungen auf Initiative des seit 1793 in Abu Dhabi herrschenden Clans der Zayed gegründet worden. Ihnen ist es zu verdanken, dass die rund 350.000 Emiratis, welche noch vor 60 Jahren überwiegend als Nomaden lebten, sich zusammentaten, Staaten gründeten und miteinander endlich eine Stimme gegen das große Saudi Arabien hatten. Immerhin stehen den Emiratis gut 20 Mio. Saudis gegenüber. Der Bedeutung der Staatsgründungen ist sich heute jeder Emirati bewusst. So kommt es, dass sie, obwohl sie keine institutionell garantierten Mitspracherechte haben - also keine Demokratie -, beispielsweise den Staatsgründer von Abu Dhabi als "Vater" verehren (mehr zur Herrscherfamilie von Abu Dhabi unter ourfatherzayed.ae).

Das mag auch einer von mehreren teils schwer zu verstehenden Gründen sein, warum sich die Emiratis bis heute faktisch ihr eigenes recht abgekapseltes Reich in einem Ausmaß geschaffen haben, wie man es von anderen Kulturen kaum kennt. Nach außen hin wird zwar gerne Weltoffenheit präsentiert, doch die Strukturen sind eng und geschlossen.

Verkehrte Welt: Im Zentrum des Mannseins ist in den Emiraten die Farbe Weiß, im Westen ist es eher Schwarz

Im Zentrum der männlichen Elite der Emirate steht zumindest in der Farbenskala das Weiß. Damit steht die Farbe komplett konträr zum Westen. Denn während dort die Farbe Weiß eine Lieblingsfarbe von vielen Frauen bei der Auto- und Kleiderwahl ist, ist es in den Vereinigten Arabischen Emiraten genau umgekehrt. Hier ist die Farbe Weiß die Farbe der Männer. Sie laufen wie weiße maskuline Engel über die Straßen in ihren traditionellen körperlangen weißen "Kandura"-Gewändern und ihren in der Regel auch weißen oder weiß-roten Kopfbedeckungen, welche durch schwarze oder rote Kopfreife gehalten werden - einer sogenannten "Ghutra". Die Herrscherelite der Emiratis, also die Scheichs (Sheikhs), tragen zwar auch weiße Gewänder, ergänzen diese jedoch je nach Anlass um farbliche Abweichungen - beispielsweise in Gold. Man spricht dann von einer "bisht".

Doch was heißt laufen? Emiratis schweben eher. Dabei scheinen sie sich das gegenseitig abzuschauen, sind sie doch eh alle irgendwie miteinander verwandt oder verschwägert.

Die Männer der Arabischen Emirate können sich rühmen "die letzten wahren Männer auf der Welt zu sein", meint zumindest Bob, 35, ein Australier, der in Abu Dhabi seit Jahren Geschäfte macht. Auch wenn es die Frauenherzen der westlichen Emanzipationsbewegung nicht gerne hören: Aber viele der rund 350.000 Emirati, haben das, was westliche Männer gerne hätten: Sie sehen oft gut aus, sind tendenziell schlank und nicht vom westlichen Fast Food aus der Form gebracht. Sie sind in all ihrem Tun und Unterlassen das Mann-Gen pur.

Emiratis laufen meist in Gruppen. Nur nach der Ehe zeigen sie sich ab und an auch einmal mit ihrer Frau an ihrer Seite.netz-trends.de

Während deutsche oder französische Männer zumindest der akademischen Ökofraktion stolz sind, in einer Ente von Citroën herumzufahren oder einem klapprigen VW-Polo, hocken viele der Emirati in der arabischen Welt in ihren dicken Protzautos mit dunkel getönten Scheiben und machen maskulinen Street-Cat-Walk. Während deutsche Männer nach einem langen Arbeitstag glücklich sind, wenn sie ihrer erfolgreichen Businessfrau ein Dinkelbrot vom Ökobecker mitbringen dürfen, sitzen die jungen Männer in Abu Dhabi abends mit Muskelshirts auf ihren Jet Ski und zeigen den flanierenden Touristen und Gastarbeitern aus aller Welt was Speed, Geschwindigkeit, ist. Oder sie führen in ihren weißen Gewändern ihre teuren weißen Autos vor.

Reiche Araber lieben die Farbe weiß. Selbst ihre Luxusschlitten sind am besten weiß.netz-trends.de

Während deutsche Männer glücklich ihr Köpfchen in der Berliner U-Bahn auf die Schulter der Frau legen und das Cocooning des trauten Friede-Freude-Eierkuchen-Daseins im eingeschachtelten Privatleben beschwören, sitzen die arabischen Männer in Abu Dhabi oder Dubai zusammen in edlen Restaurants - stundenlang und jeden Abend und feiern sich selbst.

Araber lieben dicke Autos als Bestandteil des Männlichkeits-Kultes. netz-trends.de

Wenn die Welt einen neuen Namen hätte, dann hieße sie aus Sicht der Emiratis und Scheichs schlicht "Mann". Dabei ist es für westliche Augen durchaus ein Spektakel, wenn arabische Emiratis oder Scheichs in Restaurants einschweben. Alleine ihr Auftritt ist ein Ritual. Es gehört zum guten arabischen Emirati-Ton, die Welt um einen herum nicht sonderlich wahr zu nehmen. Seitdem jede zweite europäische oder amerikanische Firma in Abu Dhabi oder Dubai um Geld bettelt, ist den arabischen Herren klarer denn je: Die Welt ist zwar eine Kugel. Aber die Könige sitzen auf der arabischen Halbinsel, jenem einstigen Flecken unwirtlicher Wüste, in dem man einst sein Beduinen-Dasein mehr oder weniger gut fristete. Doch seit 1958 - dem Jahr des ersten Ölfundes in Abu Dhabi - hat sich das alles geändert. Seitdem geht es bergauf. Seitdem spucken die Scheichs und Emirati in die Hände. Das viele Geldzählen macht aber manchmal selbst beste Männerhände etwas trocken.

Wirtschaftskrise in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Die Weltwirtschaftskrise ist ein Krise, die den Vereinigten Arabischen Ländern durchaus weiter Auftrieb gibt. Das gilt auch für die Zypern-Krise. So titelte die Tageszeitung "Gulfnews" am 1. April 2013 auf S. B3. "UAE will benefit from Cyprus crises". Man sei sich sicher, schreibt Cleofe Maceda, wonach "The financial turmoil in Cyprus will further boost the capital inflows into the UAE or the rest of the Middle East region, as small-time investors look for safer places to park their money".

Der Autor des netz-trends.de-Reiseberichts über Abu Dhabi mit einem jungen Emirati, der auf dem Heck seines luxuriösen Bentley-Cabrios sitzt (Bentley Corniche). Junge Emiratis treffen sich abends gerne auf Parkplätzen mit ihren Autosnetz-trends.de

Doch es geht nicht nur um kurzfristige Geldanlagen in den Emiraten. Nein, man dreht am ganz großen Rad der Weltwirtschaft mit - und das beschränkt sich längst nicht mehr aufs Öl. Bestes aktuelles Beispiel: Die neue in der arabischen Welt gefeierte Allianz der beiden A-380-Fluglinien Emirates (Dubai) und Qantas (Australien). Was in der Luftfahrt als globale Super-Allianz zweier starker Airlines gefeiert wird, ist in Wirklichkeit nur eins: Die Araber haben die Australier böse jahrelang gejagt, gehetzt, ausgetrocknet. So lange, bis die südlichste Fraktion der westlichen Welt mürbe war und um Gnade bei den Emiratis flehte. Der Hebel der Vereinigten Arabischen Emirate ist dabei zwar das Öl. Doch es geht um mehr. Um viel mehr.

Es geht um Macht. Es geht um Machtdemonstration. Und zwar jenen Menschen gegenüber, die sich früher als Kolonialherren in der Region aufspielten und dort auch in vielfache Verbrechen verwickelt waren, die heute gerne unter den Teppich gekehrt werden. Gemeint ist damit aber nicht Australien, sondern der Westen insgesamt, der von Europa geprägt wird. Das Öl ist Mittel zum Zweck. Das spürt auch die deutsche Lufthansa. Sie leidet von Jahr zu Jahr unter fast 20 Prozent steigenden Kerosinpreisen und unter immer stärker werdenden Konkurrenz - aus den Emiraten.

Skyline und Corniche Badestrand von Abu Dhabi City.netz-trends.de

Es ist die neue Daumenschraube der arabischen Scheichs. Wer nicht spurt und sich von einst lukrativen Fernstrecken im internationalen Carrier-Geschäft verdrückt, wird platt gemacht oder zu einem Übernahmekandidaten sturmreif geschossen. So blieb den Australiern gar nicht mehr viel übrig, als mit den arabischen Scheichs ins Bett zu gehen: 2012 hatte die Airline zum ersten Mal seit der Privatisierung im Jahr 1995 fast eine halbe Milliarde Dollar Verlust eingefahren. Emirates hatte Qantas immer mehr lukrative Strecken mit Dumping-Flugpreisen kaputt gemacht, heißt es in der Luftfahrtindustrie.

Die Araber vollziehen in der Flugwelt das, was die Chinesen mit der europäischen Produktions-Industrie machen: Billiger, billiger, billiger und dann wertvolle in Jahrzehnten aufgebaute westliche Qualitäts-Marken für einen Apple und ein Ei übernehmen. So posten bereits arabische Emiratis aus Abu Dhabi oder Dubai auf twitter, die neue angeblich freiwillige Airline-Allianz verdiene nur einen Namen: "EMIRTAS" - also eine Mischung der beiden Airlinenamen "Emirates" und "Qantas".

Entsprechend titelte denn auch die englischsprachige arabische Zeitung Khaleej Times am 1. April 2013 auf Seite Eins fett: "Emirates-Qantas ties take off". Die Zeitung für die anglikanisch orientierte Bevölkerung in den Emiraten wurde im Jahr 1978 von Dubais Herrscher "His Highness Shaikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum" - dem Vizepräsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) und Premierminister (Erbmonarchie) von Dubai (offizieller Titel) - gegründet (auf arabisch heißt der Herrscher von Dubai "أكد صاحب السمو الشيخ محمد بن راشد آل مكتوم نائب اقرأ المزيد : محمد بن راشد يدشن مركزين للخدمات الاجتماعية بعجمان وأم القيوين - جريدة الاتحاد "). Er versucht seit Jahrzehnten Moderne mit Tradition zu verbinden. Die Tradition - das ist in Dubai, wie in allen anderen UAE-Ländern, der Islam und das eigene Selbstverständnis des Mannes als ein Wesen das stets entscheiden und führen muss. Doch auch bei dieser Sichtweise auf den Mann spielt der Islam eine sehr zentrale Rolle. Der Islam, Mohammeds Aussagen, durchziehen die arabischen Gesellschaften von morgens bis abends in einem enormen Ausmaß.

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