Gute TV-Doku: Warum Frauen im antiken Christentum eine größere Rolle spielten als gedacht

TV-Rezension - Der Österreichische Rundfunk sendet in seiner Dienstagabend ausgestrahlten Reihe "kreuz und quer" immer wieder interessante gut gemachte Dokumentation.

Screenshot TV-Doku ORF
Nehmen einen mit auf einen spannende Reise in die Vergangenheit: Die Wissenschaftlerinnen Helen Bond (links) und Joan Taylor.

Am Dienstagabend den 19. Juni 2019 befasse sich die 45-minütige Sendung mit der Frage, „ob die Männerdominanz im Christentum immer schon so ausgeprägt war wie heute“. Die Sendung ist etwas provokativ umschrieben mit „Jesus und seine Jüngerinnen“.

Die ORF-Sprecherin der Dokumentation leitet denn auch gleich zu Beginn in die Sendung mit den Worten ein:

„Die traditionelle Geschichte über die Entstehung des Christentums ist von Männern dominiert. Nur Männer galten als Apostel, dachte man lange. Doch nun fanden zwei Historikerinnen neue Hinweise, dass Frauen die Entstehung des Christentums in entscheidender Weise mitbestimmt haben.“

Weiter heißt es in der Anmoderation: „2000 Jahre lang war die Geschichte Jesu und seiner Apostel reine Männersache… in dieser Geschichte spielen Frauen eine untergeordnete Rolle. Als fromme Zuschauerinnen oder reumütige Huren.“

Dann hört man eine der beiden britischen Historikerinnen, die es sich zur spannenden Aufgabe gemacht haben, die Spuren der Frauen im antiken Christentum näher zu beleuchten, sagen: „Eine nackte Frau. Sicher Maria Magdalena. Arme Maria.“

Der Name der britischen Historikerinnen: Helen Bond von der University of Edinburgh und Joan Taylor, Professor of Christian Origins and Second Temple Judaism am King’s College in London.

Zu Unrecht ausradiert in der Geschichte

Beide Wissenschaftlerinnen sind überzeugt, dass die Geschichte über die Rolle der Männer und Frauen im frühen Christentum so nicht stimme. Die Historikerinnen glauben, so die Moderatorin des ORF, dass "mindestens die Hälfte aus dem innersten Kreis um Jesus Frauen waren". Frauen, „die von der Geschichte ausradiert worden waren“.

Die beiden Historikerinnen seien sich einig: Man wisse längst, dass es „sehr viele Jüngerinnen in der Jesusbewegung gab“. Und dies verändere „die Geschichte“.

In einem Auto machten sie sich deshalb nach Israel, um auf Spurensuche zu gehen. Sie suchten Belege „für ihre umstrittenen Behauptungen“, so der ORF.

Die Dokumentation im ORF ist spannend und absolut sehenswert. Klar: Eine noch heute in Israel existierende und zu besichtigende gut 2000 Jahre alte Kirche, in eine Höhle hereingehauen, wird sicherlich nicht damals primär von Frauen gebaut worden sein. Das war eine zu schwere körperliche Arbeit.

Aber, so die Historikerinnen: Wer habe beispielsweise die Männer versorgt – nicht nur mit Essen, sondern auch mit Geld? Wer habe für den Zusammenhalt gesorgt?

Zudem könne man auch in den noch erhaltenen antiken Steinhauereien erkennen, wie zwischen dem Leben Jesus Christus und dem 4. bis 5. Jahrhundert die Rolle der Frau immer kleiner dargestellt werden, wie sie regelrecht ausradiert und degradiert worden sei.

Die große Wende

Die ganz große Wende sei mit Flavius Valerius Constantinus, bekannt als Konstantin der Große oder Konstantin I. gekommen. Er war von 306 bis 337 römischer Kaiser. Ab 324 regierte er als Alleinherrscher. Dabei scheint er durchaus die Frauen geliebt zu haben – war er doch immerhin zwei Mal verheiratet – fast 20 Jahre mit Fausta (307 n. Chr.–326 n. Chr.) und deutlich kürzer mit Minervina (303 n. Chr.–307 n. Chr.).

Er habe, so die TV-Doku, zwar einerseits als erster römischer Kaiser das Christentum offiziell als Staatsreligion anerkannt und damit den Aufstieg zur wichtigsten Religion im Imperium Romanum ermöglicht. Gleichzeitig habe er aber die Rolle der Frauen in der Geschichtsschreibung des Christentums deutlich reduziert. Eine historisch über Tausend Jahre langanhaltende Katastrophe, die bis heute anhalte, so die beiden Historikerinnen in ihrer Bilanz.

Die vom ORF ausgestrahlte Doku ist nicht nur spannend. Die beiden Historikerinnen sind obendrein klasse Frauen. Sie nehmen einen mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Sie verurteilen nicht die Männer, sondern im Gegenteil: Man merkt ihnen beiden an, dass sie im Einklang mit den Männern sich auf die Reise begeben.

Miteinander

Sie spielen nicht das eine Geschlecht gegen das andere aus. Sie zeigen auch keine Wut oder Aggression, auf das was in der Geschichte geschehen ist. Mit einem Schuss Humor und sehr viel Souveränität versuchen sie einfach nur zu verstehen, wie es passieren konnte, dass die Frauen im katholischen Christentum immer weiter reduziert worden waren.

Sekundär ist dabei auch, ob nun die 12 Apostel wirklich nur Männer waren. Das wäre gar nicht so untypisch in arabisch geprägten Gesellschaften gewesen. Denn bis heute sieht man in arabisch geprägten Kulturen Männerverbünde durch Dörfer und Städte ziehen. Auch heute noch bleiben viele Frauen in Ländern wie dem Oman, Katar, Dubai, Abu Dhabi oder in Ägypten eher unter sich.

Aber es ist in der Tat schwer zu glauben, dass eine solch gewaltige Bewegung, wie es das antike Christentum war, ohne eine nachhaltig positiv tragende Rolle der Frauen möglich gewesen sein soll.

Denn es sind bis heute oftmals starke nach Ausgleich suchende Frauen, die Gesellschaften, Familien, maßgeblich helfen zusammenhalten. Am Anfang war das Christentum aber nicht viel mehr als eine solche Gesellschaft, ein solch familiärer heimlicher Verbund.

Warum sollte die Rolle der Frauen also ausgerechnet im Christentum, dem so starken Band rund Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit anders gewesen sein? Warum sollte ausgerechnet das entstehende Christentum nur ein Verbund von Männern gewesen sein?

TV-Verweis zur Rolle der Frauen im frühen Christentum in der ORF-Mediathek, hier anklicken.