Anfang August lag die Bewertung laut Reuters bei gut 10,5 Milliarden US-Dollar – an der australischen Börse ASX sollten es 30,6 Milliarden werden

Das Wichtigste in Kürze

  • Der australische Rechenzentrumsbetreiber Firmus hat am Freitagmorgen Ortszeit seinen Antrag auf Notierung an der australischen Wertpapierbörse ASX zurückgezogen. Geplant war ein Angebot von rund 5 Milliarden US-Dollar bei einem Ausgabepreis von 11 australischen Dollar je Aktie.
  • Bei diesem Preis hätte das Unternehmen nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mit 30,6 Milliarden US-Dollar an der Börse gestanden – nach einer Finanzierungsrunde Anfang August, die es laut derselben Quelle mit mehr als 10,5 Milliarden US-Dollar bewertet hatte.
  • In Betrieb sind bislang zwei angemietete Rechenzentren in Melbourne und Singapur; fünf weitere Standorte im asiatisch-pazifischen Raum sind im Bau oder in Planung. Die erwartete Verschuldung nach dem Ausbau beziffert der australische öffentliche Rundfunk ABC auf rund 30 Milliarden US-Dollar.

Es wäre nach Darstellung des australischen öffentlichen Rundfunks ABC der größte Börsengang in Australien seit dem Börsengang des Telekommunikationskonzerns Telstra 1997 geworden; die Nachrichtenagentur Reuters nennt ihn den zweitgrößten Aktienverkauf in der Geschichte des Landes. Stattdessen teilte der Vorstand des Rechenzentrumsbetreibers Firmus am Freitagmorgen Ortszeit in Sydney mit, dass daraus nichts wird. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete die Entscheidung unter der Zeile „SYDNEY, Oct 9″, der australische öffentliche Rundfunk ABC stellte seinen Bericht um 9.12 Uhr australischer Ostzeit online – in Deutschland war es da kurz nach Mitternacht.

In der englischsprachigen Mitteilung des Unternehmens heißt es nach übereinstimmender Wiedergabe durch Reuters und ABC, der Vorstand sei zu dem Schluss gekommen, „dass die Durchführung des Angebots nicht im besten Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre liegt“ („that proceeding with the offer was not in the best interests of the company and its shareholders“). Firmus werde nun „Kapital an den privaten Märkten einwerben und alternative öffentliche wie private Optionen prüfen“. Als Grund nennt das Unternehmen selbst die jüngste Marktvolatilität; die Angebotsbedingungen hätten die Stärke des Geschäfts nicht abgebildet. Alle in diesem Beitrag wiedergegebenen Zitate stammen aus englischsprachigen Quellen und sind von der Redaktion übersetzt; der englische Wortlaut der zentralen Passagen steht in Klammern.

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Diese Begründung ist die Darstellung des Unternehmens. Reuters und ABC beschreiben den Vorgang anders: als Ergebnis schwacher Nachfrage. Nach der Darstellung von ABC, die sich auf nicht näher bezeichnete Berichte stützt, hatten Firmus und seine Berater vor dem Rückzug bereits über ein kleineres Angebot und einen niedrigeren Preis von 8,25 australischen Dollar je Aktie nachgedacht.

Was verkauft werden sollte – und was dahintersteht

Firmus betreibt das, was die Branche „Neocloud“ nennt: Rechenkapazität, die an Unternehmen mit KI-Modellen vermietet wird. Gegründet wurde die Firma nach Angaben des australischen Branchendienstes Business News Australia im Jahr 2019 von Oliver Curtis, Tim Rosenfield und Jonathan Levee; Curtis und Rosenfield führen das Unternehmen nach Angaben von ABC heute als gemeinsame Vorstandsvorsitzende.

Der Ausgabepreis sollte bei 11 australischen Dollar je Aktie liegen, die Marktkapitalisierung bei rund 43,7 Milliarden australischen Dollar – das entspricht den von Reuters genannten 30,6 Milliarden US-Dollar. Eingesammelt werden sollten nach Reuters-Angaben rund 5 Milliarden US-Dollar, nach Darstellung des australischen Branchendienstes Startup Daily entspricht das einem Angebotsvolumen von 7,1 Milliarden australischen Dollar. Begleitet wurde die Emission laut Startup Daily von Morgan Stanley, Bank of America, JPMorgan und Morgans Financial.

Der Sprung in der Bewertung ist dabei die eigentliche Zahl dieser Woche. Er lässt sich aus den Angaben der beteiligten Quellen zusammensetzen.

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Zeitpunkt Bewertung Anlass
rund ein Jahr zuvor 1,85 Mrd. A$ Angabe von Startup Daily
Anfang August 2026 über 10,5 Mrd. US$ private Finanzierungsrunde
geplanter Börsengang 30,6 Mrd. US$ 11 A$ je Aktie, rund 43,7 Mrd. A$
9. Oktober 2026 — Antrag zurückgezogen
Quellen: Reuters (Bewertung August 2026 und geplante Börsenbewertung), Startup Daily (Bewertung ein Jahr zuvor, Angebotsvolumen), Firmus-Mitteilung vom 9. Oktober 2026. A$ = australische Dollar, US$ = US-Dollar. Die Angaben stammen aus unterschiedlichen Quellen und sind in der jeweils dort genannten Währung wiedergegeben; eine eigene Umrechnung hat die Redaktion nicht vorgenommen.

46 Megawatt am Netz, mehr als 900 Megawatt unter Vertrag

Was Firmus heute betreibt, ist überschaubar. Nach Reuters-Angaben sind zwei angemietete Rechenzentren in Betrieb, eines in Melbourne und eines in Singapur; fünf weitere Standorte im asiatisch-pazifischen Raum befinden sich im Bau oder in Planung, unter anderem in Malaysia und Indonesien. Startup Daily beziffert die tatsächlich laufende Leistung auf 46 Megawatt bei einer Projektpipeline von 865 Megawatt.

Unter Vertrag steht deutlich mehr, als am Netz hängt. Am 8. September hatte Firmus nach einer Reuters-Meldung einen mehrjährigen Vertrag mit OpenAI über Kapazität in zwei malaysischen Rechenzentren geschlossen; zum Wert des Vertrags äußerte sich Firmus gegenüber Reuters nicht. Die über alle Kunden hinweg vertraglich zugesagte Kapazität stieg damit auf mehr als 900 Megawatt.

Luftaufnahme eines eingezäunten, asphaltierten Areals in einem Gewerbegebiet in Tasmanien; am Rand stehen mehrere weiße Containereinheiten, dahinter eine Umspannanlage und Hallen, im Hintergrund Hügel.
Luftaufnahme aus dem Presse-Kit von Firmus; die Datei ist dort als Standort des Unternehmens in Tasmanien bezeichnet. Zu sehen ist eine eingezäunte, weitgehend freie Fläche mit containerartigen Einheiten und einer benachbarten Umspannanlage. Foto: Firmus / Presse-Kit; Bearbeitung: Beschnitt auf 16:9 durch die Redaktion.

Zum Vergleich eine Zahl aus Deutschland: Die rund 2.000 deutschen Rechenzentren kamen 2025 nach Erhebung des deutschen Branchenverbands Bitkom zusammen auf 2.980 Megawatt IT-Anschlussleistung – NETZ-TRENDS hat diese Zahl im September im Zusammenhang mit den 20-Gigawatt-Plänen von Alibaba eingeordnet. Die vertraglich zugesagte Kapazität eines einzelnen australischen Anbieters entspricht damit rechnerisch knapp einem Drittel dessen, was alle deutschen Rechenzentren zusammen installiert haben. Die Bezugsgrößen sind nicht identisch – Bitkom misst installierte IT-Anschlussleistung, Firmus nennt vertraglich zugesagte Kapazität, die zum größeren Teil noch gebaut werden muss. Genau diese Differenz ist der Kern der Sache.

Rund 30 Milliarden Dollar Schulden gegen 5 Milliarden Ertrag

Der Ausbau soll dabei zu einem erheblichen Teil über Schulden finanziert werden. Nach Darstellung von ABC rechnet Firmus damit, nach Fertigstellung seiner Rechenzentren rund 30 Milliarden US-Dollar Schulden zu tragen – etwa das Sechsfache der 5 Milliarden US-Dollar operativen Ertrags, die das Unternehmen für 2028 erwartet. Reuters nennt unter Berufung auf Analysen der begleitenden Banken dieselbe Größenordnung bei den Schulden und einen Unternehmenswert von rund 60 Milliarden US-Dollar; der Entwurf des Wertpapierprospekts sehe einen Jahresertrag von 5 Milliarden US-Dollar binnen fünf Jahren vor.

Diese Relation ist offenbar der Punkt, an dem die Zeichnung ins Stocken geriet. „Die Neoclouds sind hoch verschuldet“ („The neo-clouds are heavily geared“), schrieb der Marktstratege Lochlan Holloway vom Analysehaus Morningstar nach Angaben von ABC in einer Notiz. John Pearce, Anlagechef der australischen Pensionskasse UniSuper, sagte dem Sender, die Börse brauche neue Geschichten, „und das hätte eine sein können, wenn sie richtig bepreist gewesen wäre“. Und weiter: „Wir finden, dass Firmus tatsächlich eine überzeugende Geschichte hat. Sie hat nur keine überzeugende Bewertung.“ UniSuper wollte nicht direkt investieren.

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Joseph Koh, Portfoliomanager bei der australischen Blackwattle Investment Partners, hatte sich das Angebot nach Reuters-Angaben angesehen, aber nicht geboten: Der Markt sei „noch nicht so weit, diesen Vertrauenssprung zu machen“. Jun Bei Liu, Mitgründerin der australischen Fondsgesellschaft Ten Cap, nannte den Vorgang gegenüber Reuters „einen wichtigen Realitätscheck für den KI-Investitionsboom“.

Zu den Geldgebern von Firmus gehört Nvidia. Der Chipkonzern beteiligte sich nach Reuters-Angaben an der Finanzierungsrunde vom August, zusammen mit Fonds von Blackstone, Coatue Management und Jane Street. ABC beziffert den Nvidia-Anteil an Firmus auf 7,2 Prozent.

Was an der Börse bereits sichtbar ist

Zeitgleich geriet ein Unternehmen unter Druck, das selbst an der ASX notiert und eng mit Firmus verflochten ist. Die australische Maas Group Holdings hält nach Angaben von Business News Australia 3,2 Prozent an Firmus auf voll verwässerter Basis, für die sie insgesamt 410 Millionen australische Dollar bezahlt hat, darunter 300 Millionen im August. Ihre Tochter JLE Group liefert nach demselben Bericht exklusiv Antriebs- und Stromtechnik für die australischen KI-Fabriken von Firmus: ein Auftrag über geschätzt 855 Millionen australische Dollar aus dem August und ein weiterer über 200 Millionen für eine 100-Megawatt-Anlage in Launceston.

Die Aktie von Maas Group schloss am Mittwoch noch bei 6,39 australischen Dollar. Am Donnerstag fiel sie zeitweise bis auf 4,47 und ging mit 4,96 aus dem Handel – ein Minus von 22,4 Prozent an einem Tag, nach den Angaben im Marktliveticker von ABC rund 500 Millionen australische Dollar Börsenwert. Am Freitagmorgen setzte Maas Group den Handel in der eigenen Aktie aus – nach Angaben von Business News Australia, um eine wesentliche Mitteilung zum geplanten Firmus-Börsengang und zu den vertraglichen Vereinbarungen mit Firmus vorzubereiten. Laut dem Liveticker von ABC gilt die Aussetzung bis Dienstag, den 13. Oktober.

Was das für den Ausbau anderswo bedeutet

Der Vorgang in Sydney betrifft kein deutsches Unternehmen und keine deutsche Regel. Er berührt trotzdem eine Frage, die auch hier offen ist: Wer bezahlt die Rechenzentren, die für KI-Anwendungen gebaut werden – und zu welchen Bedingungen?

Die Signale der vergangenen Wochen zeigen in verschiedene Richtungen. Auf der Angebotsseite läuft der Ausbau weiter: Der südkoreanische Konzern Doosan Enerbility hat Anfang Oktober erstmals eine 380-Megawatt-Gasturbine für einen KI-Kunden in die USA verschifft, und der taiwanische Auftragsfertiger TSMC meldete für September ein Umsatzplus von 54,6 Prozent, getragen vor allem von Rechenzentrumstechnik. Auf der Finanzierungsseite sammelten deutsche Start-ups im dritten Quartal nach Zahlen von KfW Research rund 4,5 Milliarden Euro ein – das stärkste Quartal seit Ende 2021.

Was in Sydney ausfiel, war kein Kapital für den Bau an sich, sondern der Schritt vom privaten zum öffentlichen Kapitalmarkt. Zwischen der Bewertung aus der privaten Runde im August und dem angepeilten Börsenwert liegt rechnerisch fast das Dreifache – ein Preis, den die Fondsgesellschaften, die an der Börse zeichnen sollten, nicht mitgetragen haben. Ob das ein Einzelfall bleibt, lässt sich aus einem zurückgezogenen Antrag nicht ableiten – es ist ein Datenpunkt, kein Trend. Firmus selbst will nun zurück an den privaten Markt.

Was offen bleibt

Offene Fragen

  • Keine Angabe zum neuen Zeitplan. Firmus nennt keinen Termin für einen zweiten Anlauf und keine Zielbewertung für die angekündigte Finanzierung am privaten Markt.
  • Keine Angabe zu den Baukosten je Standort. Welche der fünf geplanten Anlagen ohne Börsenerlös wann fertig werden, steht in keiner der vorliegenden Mitteilungen.
  • Keine unabhängige Bestätigung der Betriebszahlen. Die Angaben zu 46 Megawatt laufender Leistung und mehr als 900 Megawatt unter Vertrag stammen aus Unternehmensangaben und deren Wiedergabe; ein geprüfter Börsenprospekt liegt wegen des Rückzugs nicht öffentlich vor.

Halten Sie den Rückzug für eine gesunde Korrektur am KI-Markt – oder nur für eine Preisfrage bei einem einzelnen Angebot? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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