Das Wichtigste in Kürze
- Der US-Konzern THOR Industries hat am Dienstag um 12:36 Uhr deutscher Zeit seine Jahreszahlen bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Die Europasparte, zu der die Erwin Hymer Group mit Sitz im baden-württembergischen Bad Waldsee gehört, kam auf 3.296,7 Millionen US-Dollar Umsatz – 9,0 Prozent mehr als im Vorjahr.
- Damit war Europa im abgelaufenen Geschäftsjahr die umsatzstärkste der drei ausgewiesenen Sparten. Ein Jahr zuvor lagen die nordamerikanischen Wohnwagen mit 3.784,7 Millionen Dollar noch deutlich vorn; sie brachen um 16,1 Prozent ein.
- Für den Umbau des Europageschäfts fielen im Geschäftsjahr 2026 nach Konzernangaben 25,2 Millionen Dollar an Restrukturierungskosten an. Am stärksten betroffen war laut THOR das britische Geschäft, dessen Fertigung auf bestehende Kapazitäten in Kontinentaleuropa verlagert wurde.
THOR Industries mit Sitz in Elkhart im US-Bundesstaat Indiana hat am Dienstag seine Zahlen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr des am 31. Juli 2026 beendeten Geschäftsjahres veröffentlicht. Die Unterlagen gingen um 6:36 Uhr US-Ostküstenzeit, also 12:36 Uhr deutscher Zeit, als Meldung auf dem Formular 8-K bei der US-Börsenaufsicht SEC ein. Für den deutschsprachigen Raum ist an dieser Meldung vor allem eine Sparte interessant, die im Bericht nur „European RVs“ heißt.
Zu dieser Sparte gehört die Erwin Hymer Group. Sie sitzt im oberschwäbischen Bad Waldsee in Baden-Württemberg und ist nach eigenen Angaben vom September 2025 eine hundertprozentige Tochter von THOR und beschäftigte damals knapp 7.700 Menschen. Zum Markenportfolio zählt sie unter anderem Hymer, Dethleffs, Bürstner, Niesmann+Bischoff, LMC, Carado, Sunlight, Etrusco, Laika, Eriba, Corigon, Crosscamp, Elddis, Buccaneer und Xplore.
Wie viel der Europasparte auf die Erwin Hymer Group entfällt, weist THOR nicht aus. Die Größenordnungen decken sich allerdings: Die Erwin Hymer Group bezifferte ihren Umsatz im Geschäftsjahr 2024/2025 auf rund drei Milliarden US-Dollar, die Europasparte von THOR kam im selben Zeitraum auf 3.024,0 Millionen Dollar. Dieser Abgleich stammt von NETZ-TRENDS, nicht von einem der beiden Unternehmen.
Europa wächst, Nordamerika bricht ein
Der Konzern insgesamt setzte im Geschäftsjahr 2026 9.608,1 Millionen US-Dollar um und lag damit 0,3 Prozent über dem Vorjahr. Der auf THOR entfallende Jahresüberschuss sank dagegen um 31,3 Prozent auf 177,5 Millionen Dollar. Im vierten Quartal allein fiel der Umsatz um 8,4 Prozent auf 2.311,6 Millionen Dollar, der Quartalsgewinn um 67,5 Prozent auf 40,8 Millionen Dollar. Das verwässerte Ergebnis je Aktie lag bei 0,78 Dollar nach 2,36 Dollar ein Jahr zuvor.
Die drei berichtspflichtigen Sparten entwickelten sich dabei sehr unterschiedlich:
| Sparte | Umsatz 2026 | Veränderung | Rohertragsmarge | Ergebnis vor Steuern |
|---|---|---|---|---|
| Europa | 3.296,7 Mio. $ | +9,0 % | 13,5 % | 72,2 Mio. $ |
| Nordamerika, Wohnwagen | 3.176,7 Mio. $ | −16,1 % | 11,2 % | 147,3 Mio. $ |
| Nordamerika, Reisemobile | 2.455,2 Mio. $ | +12,8 % | 8,8 % | 74,2 Mio. $ |
| Konzern insgesamt | 9.608,1 Mio. $ | +0,3 % | 12,6 % | 238,7 Mio. $ |
Der Abstand ist deutlich: Während das Europageschäft 272,8 Millionen Dollar Umsatz hinzugewann, verlor die nordamerikanische Wohnwagensparte 608,0 Millionen. Die Stückzahlen erzählen dieselbe Geschichte. In Europa lieferte THOR 45.623 Fahrzeuge aus, 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr. In der nordamerikanischen Wohnwagensparte waren es 95.045 Fahrzeuge – ein Fünftel weniger als zuvor.
Eine Sparte, die vor einem Jahr noch die zweitgrößte war

Im Geschäftsjahr 2025 lag die nordamerikanische Wohnwagensparte mit 3.784,7 Millionen Dollar noch 760,7 Millionen vor dem Europageschäft. Ein Jahr später hat sich das Verhältnis umgekehrt. Das ist keine Wachstumsgeschichte, sondern zu großen Teilen eine Schrumpfungsgeschichte auf der anderen Seite des Atlantiks – das Europageschäft legte um 272,8 Millionen Dollar zu, das nordamerikanische Wohnwagengeschäft verlor mehr als das Doppelte davon.
Das Wachstum in Europa ist zudem zu einem Teil ein Währungseffekt. Bereinigt um Wechselkurse lag das Plus im Gesamtjahr nach Konzernangaben bei 3,1 Prozent statt bei 9,0 Prozent. Die Differenz von 5,9 Prozentpunkten entfällt damit rechnerisch auf Wechselkurseffekte und nicht auf das Geschäft selbst – diese Ableitung stammt von NETZ-TRENDS, nicht aus der Mitteilung.
Der Gewinn folgt dem Umsatz nicht
So stabil die Umsatzseite in Europa aussieht, so wenig gilt das für die Erträge. Das Ergebnis vor Steuern der Europasparte sank im Geschäftsjahr 2026 um 28,9 Prozent auf 72,2 Millionen Dollar. Die Rohertragsmarge fiel von 15,2 auf 13,5 Prozent, ein Rückgang um 170 Basispunkte.
THOR nennt dafür zwei Gründe. Zum einen habe es im europäischen Markt eine Spreizung gegeben, die vor allem auf die Standardbaureihen drücke – im Bericht heißt das „notable pressure on our mainstream products“. Zum anderen seien in den ersten drei Quartalen Sondermodelle mit niedrigerer Marge abverkauft worden, während neue Modelle eingeführt wurden. Im vierten Quartal, als diese Fahrzeuge weitgehend aus dem Handel verschwunden waren, lag die Marge mit 15,3 Prozent wieder um 90 Basispunkte über dem Wert des dritten Quartals.
25,2 Millionen Dollar für den Umbau – am stärksten traf es das britische Geschäft
In den europäischen Zahlen stecken Restrukturierungskosten von 25,2 Millionen Dollar für das Gesamtjahr und 11,1 Millionen allein für das vierte Quartal. Was dahintersteht, beschreibt THOR in einem begleitenden Frage-und-Antwort-Dokument, das ebenfalls zur Meldung gehört.
Danach ging es in Europa im Wesentlichen um zwei Dinge: die Anpassung der Belegschaft an die erwartete Produktionsmenge und die Auslastung der Werke. Mehrere Gesellschaften hätten ihre Kapazitäten in den Geschäftsjahren 2025 und 2026 zurückgefahren. Am stärksten betroffen sei das britische Geschäft gewesen, dessen Fertigung auf bestehende Kapazitäten in Kontinentaleuropa verlagert wurde. Konkrete Standorte, Werke oder Beschäftigtenzahlen nennt der Konzern nicht.
Was ein Formular 8-K ist
Unternehmen, die an einer US-Börse notiert sind, müssen wesentliche Ereignisse kurzfristig auf dem Formular 8-K bei der US-Börsenaufsicht SEC melden – darunter Quartals- und Jahresergebnisse, Führungswechsel, Übernahmen oder Werksschließungen. Anders als eine gewöhnliche Pressemitteilung ist die Einreichung damit eine aufsichtsrechtlich vorgeschriebene Meldung. Ihr Inhalt bleibt dennoch die Darstellung des Unternehmens und ist keine unabhängige Prüfung; die geprüften Jahreszahlen folgen erst mit dem Jahresbericht auf dem Formular 10-K.
Der europäische Markt verschiebt sich vom Wohnwagen zum Reisemobil
Die Entwicklung bei THOR spiegelt eine Verschiebung, die sich auch in den Marktzahlen zeigt. Nach den vom Konzern zitierten Daten der European Caravan Federation stiegen die Neuzulassungen von Freizeitfahrzeugen in Europa im ersten Halbjahr 2026 um 1,9 Prozent. Getragen wurde das Plus von Reisemobilen und Campervans mit 2,6 Prozent, während die Zulassungen von Wohnwagen um 0,3 Prozent zurückgingen. Bei Reisemobilen und Campervans kam THOR im selben Zeitraum nach eigenen Angaben auf einen europäischen Marktanteil von 27,0 Prozent.
In Deutschland ist dieselbe Bewegung deutlich schärfer ausgeprägt. Nach der Jahresbilanz des Caravaning Industrie Verbands vom 19. Januar 2026 wurden hierzulande im Jahr 2025 insgesamt 94.134 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen, 2,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Dahinter lagen zwei gegenläufige Zahlen: 75.368 Reisemobile mit einem Plus von 0,9 Prozent und 18.766 Wohnwagen mit einem Minus von 13,4 Prozent. Der Branchenumsatz in Deutschland sank um 6,5 Prozent auf rund 14,1 Milliarden Euro, die Produktion der deutschen Hersteller um 17 Prozent auf rund 99.000 Fahrzeuge.
Das ist der eigentliche Befund hinter den THOR-Zahlen: Nicht das Caravaning insgesamt schrumpft, sondern sein günstigeres Ende. Der Wohnwagen, über Jahrzehnte der Einstieg in den Urlaub mit dem eigenen Fahrzeug, verlor 2025 in Deutschland zweistellig, während die teureren Reisemobile leicht zulegten.
Was das für die Kundschaft bedeutet
THOR-Chef Bob Martin beschreibt die Lage in der Mitteilung so, dass anhaltend hohe Zinsen, erhöhte Kraftstoffkosten und Inflationsdruck die Haushaltsbudgets belastet und den Absatz während der entscheidenden Verkaufssaison gedämpft hätten. Der Konzern habe mit Umbaumaßnahmen reagiert und diese nach eigener Darstellung darauf gerichtet, erreichbare Preislagen für Verbraucher zu sichern (im Original: „protecting attainable price points for consumers“) – und dafür kurzfristigen Margendruck in Kauf genommen.
Für den deutschsprachigen Markt lassen sich die beiden genannten Kostenfaktoren beziffern. Die Europäische Zentralbank hat ihren Einlagesatz zum 16. September 2026 von 2,25 auf 2,50 Prozent angehoben; der Hauptrefinanzierungssatz liegt seither bei 2,65 Prozent. Und der Kraftstoff, den ein Reisemobil in großen Mengen braucht, ist teuer: NETZ-TRENDS berichtete am 17. September über Dieselpreise von 2,422 Euro je Liter in Deutschland und 2,268 Euro in Österreich, wobei der österreichische Wert nach ADAC-Angaben ein Rekordstand war.
THOR selbst hält den europäischen Markt für widerstandsfähiger als den nordamerikanischen und begründet das damit, dass in Europa ein höherer Anteil des Kaufpreises bar bezahlt werde und die Kundschaft weniger stark von Finanzierungen abhänge. Belege für diese Einschätzung nennt der Konzern nicht; es handelt sich um seine eigene Markteinschätzung, nicht um eine erhobene Größe.
Die Händler bestellen vorsichtig
Ein Wert aus dem Bericht wird in den kommenden Monaten wichtiger sein als der Jahresumsatz: die Bestände bei den unabhängigen Händlern. Weltweit lagen sie zum 31. Juli 2026 um 11,5 Prozent unter dem Vorjahreswert. In Europa zählte THOR rund 20.500 Fahrzeuge bei den Händlern, 7,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor und nach Konzerndarstellung nahe dem Niveau vor der Pandemie.
Niedrige Händlerbestände wirken in zwei Richtungen. Sie bedeuten, dass weniger Fahrzeuge mit Rabatt abverkauft werden müssen – was den Preisen hilft und den Margen des Herstellers. Für Kaufinteressierte dürfte dasselbe aber bedeuten, dass weniger Fahrzeuge sofort verfügbar sind und der Verhandlungsspielraum kleiner ausfällt – eine Folgerung aus den genannten Beständen, die der Konzern selbst nicht zieht. Der europäische Auftragsbestand von THOR lag zum Stichtag bei 1.654,0 Millionen Dollar und damit 8,4 Prozent über dem Vorjahr.
Was der Konzern offenlässt
Drei Lücken in der Mitteilung
- Keine Jahresprognose. THOR legt für das Geschäftsjahr 2027 keine Zahlen vor. Der Konzern verweist auf zwei Branchenveranstaltungen in den USA in der zweiten Septemberhälfte und will die Prognose erst im weiteren Herbstverlauf nachreichen. Ein Datum nennt er nicht.
- Keine Angaben zum Personal. Der Bericht beziffert die Restrukturierungskosten, nicht aber, wie viele Stellen in Europa betroffen waren oder an welchen Standorten.
- Einsparziel ohne Zeitplan. Die angekündigten Maßnahmen sollen die Kosten dauerhaft um mehr als 100 Millionen Dollar im Jahr senken – allerdings erst, wenn sie vollständig umgesetzt sind. Wann das der Fall ist, steht nicht in der Mitteilung.
Die Angaben zur Belegschaft sind dabei nicht nur eine Formalie: Der Bericht benennt ausdrücklich, dass mehrere Gesellschaften der Sparte ihre Kapazitäten zurückgefahren haben, und die Erwin Hymer Group gab für September 2025 knapp 7.700 Beschäftigte an. Welche das in Deutschland waren und ob dort Stellen wegfielen, geht aus den am Dienstag veröffentlichten Unterlagen nicht hervor. Auf den Presseseiten der Erwin Hymer Group war am Dienstagmittag keine eigene Mitteilung zu den Jahreszahlen abrufbar; der jüngste dort veröffentlichte Beitrag stammt vom 25. September 2025.
Was als Nächstes ansteht
Drei Termine sind absehbar. Erstens der Jahresbericht auf dem Formular 10-K für das am 31. Juli 2026 beendete Geschäftsjahr, der die Segmentzahlen in geprüfter Form und mit weiteren Erläuterungen enthält. Zweitens die von THOR angekündigte Prognose für das Geschäftsjahr 2027 samt Angaben zu den erwarteten Kosteneinsparungen, die im Herbst folgen soll. Drittens die nächste Zulassungsstatistik des Caravaning Industrie Verbands, an der sich ablesen lässt, ob sich der Rückgang bei Wohnwagen in Deutschland fortsetzt.
Der Konzern selbst rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit einem in etwa unveränderten Absatzmarkt und denselben Belastungen wie zuletzt. Für das Europageschäft erwartet er nach den Markenüberarbeitungen und der Restrukturierung eine bessere Ertragslage – eine Erwartung des Unternehmens, keine Zahl.
Zur Einordnung in die deutsche Fahrzeugindustrie: NETZ-TRENDS berichtete am 20. September über die Halbjahresbilanzen von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW, deren operativer Gewinn nach einer EY-Auswertung um 19 Prozent sank, und am 21. September über den deutschen Pkw-Außenhandel mit vier Prozent weniger Exporten. Der Freizeitfahrzeugbau steht damit in einem Umfeld rückläufiger Mengen – und das europäische Geschäft von THOR gehört zu den Ausnahmen, die im abgelaufenen Geschäftsjahr gewachsen sind.
Planen Sie eine Anschaffung im Bereich Wohnwagen oder Reisemobil – und wie stark beeinflussen Kraftstoffpreise und Zinsen Ihre Entscheidung? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.
Quellen
- THOR Industries: Meldung auf Formular 8-K vom 22. September 2026, eingereicht um 6:36 Uhr US-Ostküstenzeit, mit der Ergebnismitteilung zum vierten Quartal und Gesamtjahr 2026 und dem begleitenden Frage-und-Antwort-Dokument
- Erwin Hymer Group: „Erwin Hymer Group: Starke Zahlen in herausforderndem Marktumfeld“, Pressemitteilung vom 25. September 2025, mit Angaben zu Sitz, Beschäftigtenzahl und Markenportfolio
- Caravaning Industrie Verband: „Über 94.000 Neuzulassungen: Deutsche Caravaning-Industrie zieht positive Jahresbilanz“, Pressemitteilung vom 19. Januar 2026
- Europäische Zentralbank: Leitzinsen der EZB, Stand 16. September 2026
- Bildquelle: Wikimedia Commons, Datei „Hymer 2021-09c.jpg“ von Mussklprozz, Lizenz CC BY-SA 4.0
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