Das Wichtigste in Kürze

  • Im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen steht seit 2022 der Satz: „Wir wollen 10.000 zusätzliche Lehrkräfte in das System Schule bringen.“ Vier Jahre später kann das nordrhein-westfälische Schulministerium nach Angaben der „Neuen Westfälischen“ nicht beziffern, wie viele zusätzliche Lehrkräfte daraus geworden sind.
  • Im Schulsystem des Landes arbeiten nach diesem Bericht 12.600 Personen mehr als vor vier Jahren – darin enthalten sind auch Schulsozialarbeit und Verwaltungsassistenz. Die Zahl der offenen Stellen stieg im selben Zeitraum von 4.400 auf 7.800.
  • Den Ausweg hat der Koalitionsvertrag selbst angelegt: Nicht sofort besetzbare Stellen sollten „temporär“ mit weiteren pädagogischen Fachkräften und unterstützendem Personal besetzt werden. Eine Frist, bis wann aus „temporär“ wieder eine Lehrkraft wird, nennt der Vertrag nicht.

Der Satz, um den es geht, steht auf Seite 56 der 148-seitigen PDF-Fassung eines Koalitionsvertrags und ist in seiner Eindeutigkeit selten für einen Koalitionsvertrag: „Wir wollen 10.000 zusätzliche Lehrkräfte in das System Schule bringen.“ So formulierten es CDU und Grüne 2022 im „Zukunftsvertrag für Nordrhein-Westfalen“, der Koalitionsvereinbarung für die Wahlperiode 2022 bis 2027. Eine runde Zahl, ein klarer Gegenstand, ein überprüfbares Versprechen.

Überprüfbar allerdings nur, wenn jemand nachzählt. Genau das ist nach einem Bericht der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung „Neue Westfälische“ vom Samstagmorgen das Problem: Das für Schule zuständige Ministerium in Düsseldorf kann der Zeitung zufolge nicht angeben, wie viele der zusätzlichen Beschäftigten im Schulsystem tatsächlich ausgebildete Lehrkräfte sind. Die Zeitung hatte ihre Darstellung am 19. September 2026 um 5 Uhr über den Verteiler Presseportal vorab veröffentlicht. Unterrichtsausfall und Lehrermangel bezeichnet sie darin als die größten Probleme an den Schulen des Landes.

Eine Zahl, die nicht das misst, was versprochen wurde

Nach dem Bericht arbeiten im nordrhein-westfälischen Schulsystem heute 12.600 Personen mehr als vor vier Jahren. Diese Zahl liegt über der zugesagten Marke von 10.000 – sie zählt aber etwas anderes. Enthalten sind der Darstellung zufolge auch Schulsozialarbeit und Verwaltungskräfte. Wie groß der Anteil der Lehrkräfte daran ist, geht aus ihr nicht hervor.

Die Begründung des Ministeriums gibt die Zeitung sinngemäß so wieder: Die Statistik enthalte kein Merkmal, das einzelne Berufe abbilde. Das ist keine Weigerung, sondern die Auskunft, dass die Verwaltung den eigenen Zielwert nicht getrennt erfasst. Für ein Versprechen, das sich auf eine bestimmte Berufsgruppe bezieht, ist das die entscheidende Lücke: Gemessen wird der Kopf, nicht die Qualifikation.

Angabe zum Schulsystem in Nordrhein-Westfalen Wert Herkunft der Angabe
Zusätzliche Lehrkräfte, die der Koalitionsvertrag zusagt 10.000 Zukunftsvertrag CDU/Grüne 2022, Seite 56
Mehr Beschäftigte im Schulsystem als vor vier Jahren 12.600 „Neue Westfälische“, 19.09.2026
Davon nachweislich ausgebildete Lehrkräfte k. A. Schulministerium, nach Darstellung der „Neuen Westfälischen“
Offene Stellen zu Beginn der Wahlperiode 4.400 Franziska Müller-Rech (FDP), nach Darstellung der „Neuen Westfälischen“
Offene Stellen aktuell 7.800 Franziska Müller-Rech (FDP), nach Darstellung der „Neuen Westfälischen“
Lehrkräfte im Land insgesamt rund 220.000 „Neue Westfälische“, 19.09.2026
Quellen: Koalitionsvereinbarung von CDU und Grünen in Nordrhein-Westfalen für die Jahre 2022 bis 2027, Seite 56 (von NETZ-TRENDS im Volltext geprüft); übrige Angaben nach dem Bericht der „Neuen Westfälischen“ vom 19. September 2026. Die Angaben der Zeitung sind von NETZ-TRENDS nicht unabhängig überprüft. „k. A.“ bedeutet: Die Zahl wird nach Darstellung des Ministeriums nicht gesondert erfasst.

Der Vertrag hat den Ausweg selbst formuliert

In der Debatte um das Versprechen geht ein Halbsatz unter, der unmittelbar hinter der Zusage steht. Im Wortlaut des Koalitionsvertrags heißt es weiter: „Die nicht sofort besetzbaren Stellen werden wir temporär durch weitere pädagogische Fachkräfte und unterstützendes Personal besetzen.“

Damit ist das, was die Landesregierung nach Darstellung der Zeitung heute als bewusst breiter angelegten Ansatz verteidigt, keine nachträgliche Auslegung. Es steht im Vertrag, und zwar im selben Absatz wie die Zahl 10.000. Wer den Text von 2022 liest, findet dort beides: das Ziel und die Erlaubnis, es vorläufig anders zu erfüllen.

Entscheidend ist deshalb ein einziges Wort – „temporär“. An dieser Stelle nennt der Vertrag weder einen Zeitpunkt, bis zu dem die ersatzweise besetzten Stellen wieder mit Lehrkräften besetzt sein sollen, noch eine Obergrenze für ihren Anteil. Eine Befristung ohne Frist lässt sich nicht verfehlen.

Einordnung: Was die Zahl 12.600 belegt – und was nicht

Belegt ist nach dem Bericht ein Personalaufwuchs im Schulsystem. Nicht belegt ist, dass damit das Versprechen aus dem Koalitionsvertrag eingelöst wurde, denn dieses Versprechen bezieht sich ausdrücklich auf Lehrkräfte.

Eine zweite Zahl macht die Lücke sichtbar: Nach den von der FDP genannten Werten hat sich die Zahl der offenen Stellen von 4.400 auf 7.800 nahezu verdoppelt. Das muss dem Personalaufwuchs nicht widersprechen – beide Werte können gleichzeitig zutreffen, etwa wenn zusätzliche Stellen geschaffen wurden oder der Bedarf schneller wächst als die Einstellungen. Ein Beleg dafür, dass sich die Unterrichtsversorgung verbessert hat, ist der Aufwuchs damit aber nicht.

Opposition, Ministerium und ein Wahlkampf, der begonnen hat

Kritik kommt nach dem Bericht aus zwei Fraktionen des nordrhein-westfälischen Landtags. Jochen Ott, Vorsitzender der SPD-Fraktion, stellt der Darstellung zufolge die Frage, ob die Ministerin für Schule und Bildung, Dorothee Feller (CDU), entscheidende Daten zurückhalte. Franziska Müller-Rech von der FDP verweist auf den Anstieg der offenen Stellen.

Beide Aussagen sind politische Bewertungen, keine belegten Tatsachen über das Ministerium – und sie fallen in eine Phase, in der sie zusätzliches Gewicht bekommen. Die Wahlperiode endet 2027; im selben Jahr wird der Landtag neu gewählt. Ott ist dabei nicht irgendein Fraktionsvorsitzender: Der Vorstand der NRWSPD hat ihn bereits im Januar 2026 zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2027 nominiert. Die Bilanz der Schulpolitik ist damit zugleich sein Wahlkampfthema.

Das entwertet den Einwand nicht. Es ordnet ihn ein: Die Frage, wie viele Lehrkräfte eingestellt wurden, stellt sich unabhängig davon, wer sie stellt. Nur beantwortet ist sie damit noch nicht.

Warum die Frage über Nordrhein-Westfalen hinausreicht

Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland; nach dem Bericht arbeiten dort rund 220.000 Lehrkräfte. Wenn schon dieses Land nicht getrennt ausweist, wie viele Lehrkräfte es eingestellt hat, betrifft das nicht nur eine Landesregierung, sondern die Prüfbarkeit von Regierungszusagen überhaupt.

Der Mechanismus ist dabei nicht auf Schulpolitik beschränkt. Ein Koalitionsvertrag nennt eine Zahl, die Verwaltung erhebt eine andere, größere – und am Ende der Wahlperiode steht eine Bilanz, die formal stimmt und die Zusage trotzdem nicht belegt. Für Familien, die von Unterrichtsausfall betroffen sind, ist der Unterschied nicht statistisch: Eine Verwaltungsassistenz entlastet eine Schule, aber sie unterrichtet keine Klasse.

Was offen bleibt

Vier Punkte sind nach dem Stand von Samstagmorgen ungeklärt.

  • Die Zahl selbst. Wie viele ausgebildete Lehrkräfte seit 2022 zusätzlich eingestellt wurden, ist nach Darstellung des Ministeriums aus der vorhandenen Statistik nicht zu ermitteln. Ob sie sich aus anderen Quellen rekonstruieren lässt – etwa aus den Einstellungsverfahren des Landes –, ist damit nicht beantwortet.
  • Der Stichtag. Der Bericht nennt den Vergleich „vor vier Jahren“, ohne ein Datum für die Erhebung der 12.600 zu nennen. Auch für die Werte 4.400 und 7.800 ist der jeweilige Stichtag nicht angegeben.
  • Die Herkunft der Angaben. Ob die Zahlen auf einer parlamentarischen Anfrage im Landtag oder auf einer Auskunft des Ministeriums an die Zeitung beruhen, geht aus der Vorabmeldung nicht hervor. Ein Landtagsdokument mit diesen Werten war bei einer Recherche am Samstagvormittag nicht auffindbar.
  • Die Antwort des Ministeriums. Eine über die zitierte Auskunft hinausgehende Stellungnahme des nordrhein-westfälischen Schulministeriums lag zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung nicht vor. An einem Samstagvormittag ist das der Regelfall, nicht der Ausnahmefall.

Was bleibt, ist ein Befund, der sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Das Versprechen war exakt, die Buchführung darüber ist es nicht.

NETZ-TRENDS hat zuletzt mehrfach über unbesetzte Stellen und über Schulpolitik berichtet – etwa über die 242 Tage, die eine Handwerksstelle in Deutschland im Schnitt unbesetzt bleibt, und über das einjährige Verbot generativer KI an den Schulen von New York City bis Klasse 8.

Sollte eine Landesregierung verpflichtet sein, für jede Zahl aus dem Koalitionsvertrag eine passende Statistik zu führen – oder ist das eine Erwartung, die Verwaltung im Alltag nicht leisten kann? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

Kommentar schreiben