Marc Backhaus im Interview E-Mobilität in Leipzig - nachgefragt

Netz-Trends hatte in den vergangenen Wochen mehrfach über die Live-Erfahrungen unseres Testfahrers in Sachen Elektromobilität in Leipzig berichtet. Leider stand hier eine ganze Reihe von Enttäuschungen in Sachen „Stromtanken" an. Diese Aussage gilt insbesondere für die Ladestationen von Leipzig Mobil. Aber nicht nur auf Netz-Trends sondern auch auf LVZ.de wurde von vergleichbaren Problemen berichtet.

Leipziger Stadtholding

Die Sorgen-Liste der E-Mobile Nutzer ist lang: Softwareprobleme am Terminal, schwarze Bildschirme, fehlende Fernwartung, nicht hinterlegte Service-Rufnummern, mangelnde Leistung bei der Aufladung und daraus resultierend lange Ladezeiten, Probleme beim Andocken durch akute Parksituationen etc.. Kurz gesagt, das Aufladen von E-Mobilen gestaltet sich in Sachen der zur Verfügung gestellten Infrastruktur Leipzig Mobil eher schwierig. Dabei ist die Idee von Leipzig Mobil, nämlich die Vernetzung verschiedener Mobilitätsangebote (Bus, Bahn, Fahrrad, Auto) zweifelsfrei sehr gut. Nach den gemachten Erfahrungen unseres Testfahrers wollen wir gern mehr über die Hintergründe zur aktuellen Situation für das Stromtanken in Leipzig erfahren. Herr Backhaus hat sich bereit erklärt, unsere Fragen an die LVB/LVV zu beantworten.

Marc Backhaus ist Sprecher der LVB (Leipziger Verkehrsbetriebe) und der LVV, der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft - eine Holding, welche Aktivitäten im Bereich Energie, Wasser und Verkehr koordiniert. Zur Holding gehören insbesondere die Töchter LVB, die SWL (Stadtwerke Leipzig) und die KWL (Kommunale Wasserwerke Leipzig) und weitere Unternehmen mit städtischer Beteiligung.

Seit dem 12.1.2016 tritt die LVV unter der neuen Marke „Wir sind Leipziger“ auf und die LVV nennt sich damit auch Leipziger Stadtholding. Der neue Internetauftritt ist unter www.l.de aufzurufen.

Nun aber zu unseren Fragen:

Herr Backhaus, welches Etat und wieviel Zeit standen Ihnen und Ihren Partnern vom Start des Projektes Leipzig Mobil bis zur Inbetriebnahme zur Verfügung? Aus welchen „Töpfen" wurde das Projekt umgesetzt?

Marc Backhaus: „Der Freistaat Sachsen unterstützte im Rahmen der Förderung durch den europäischen Fonds für regionale Entwicklung das Projekt „Leipzig mobil – neue Wege zur öffentlichen Mobilität“ mit über einer Million Euro. Insgesamt kostete das Projekt rund 1,6 Millionen Euro. Ziel war die Entwicklung einer Mobilitätsplattform als Informations- und Auskunftssystem zu den verfügbaren Angeboten der Leipziger Verkehrsbetriebe, von teilAuto und nextbike. Dieses steht als Smartphone-App und an den zu den Mobilitätsstationen gehörenden Mobilitätssäulen zur Verfügung. Die multimodalen Angebote der Leipziger Verkehrsbetriebe, Carsharing (teilAuto) und Bikesharing (nextbike) sind seit 1. August buchbar. Die Leipziger Verkehrsbetriebe haben zu diesem Zeitpunkt das neue multimodale Produkt „Leipzig mobil“ eingeführt. Vertragskunden können also zusätzlich zu ihrem Tarifprodukt mit „Leipzig mobil“ weitere Mobilitätsleistungen nutzen.

Darüber hinaus wurden im Stadtgebiet 25 Mobilitätsstationen mit Lademöglichkeiten für E-Autos eingerichtet. Diese Mobilitätsstationen sind immer an Netzpunkten der Leipziger Verkehrsbetriebe und sollen vor allem das Umsteigen vom ÖPNV zum Car- und Bike-Sharing erleichtern. Daneben wurde zusätzlich eine Möglichkeit zum Laden von Elektroautos an den Mobilitätsstationen geschaffen. Für das Errichten der Elektroladesäulen erhielten die Leipziger Stadtwerke Fördermittel über die Programme Schaufenster Laternenparken und SaxMobility II vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie für Wirtschaft und Energie zur inhaltlichen Bearbeitung, für Hardware und die Systemanbindung.

Die netztechnische Anbindung und die Ladeinfrastruktur wurden durch das Projekt SaxMobility II gefördert. Die Gesamtkosten betrugen 100.000 €. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen sind solche Projekte trotz eines erheblichen Eigenanteils nicht ohne Fördermittel realisierbar. Bereits 2013 haben wir erste Überlegungen zu dem Projekt begonnen. Im November 2013 bekamen die Leipziger Verkehrsbetriebe den Fördermittelbescheid überreicht. Daraufhin wurde im Sommer 2015 gestartet, das Netz der Stationen schrittweise zu eröffnen. Diese rund 1,5 Jahre sind für ein so ambitioniertes und komplexes Thema sehr kurz, zumal es keine vergleichbare Blaupause in Deutschland für einen solchen Ansatz gab und gibt.“

Netz-Trends: Wie sah die Beteiligung der HTWK im Projekt aus?

Marc Backhaus: „Die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig programmierte die Menüführung zur Autorisierung des Ladevorganges und sichert die Anbindung der Datenkommunikation für den Ladevorgang.“

Netz-Trends: Konnte man aus Erfahrungen ähnlicher Projekte andere Städte oder Regionen für die technische Umsetzung dieses Projekts schöpfen?

Marc Backhaus: "Natürlich sind die Kollegen der Leipziger Stadtwerke und der Leipziger Verkehrsbetriebe ständig im Austausch mit anderen Kollegen in Deutschland. Dies geschieht nicht nur durch bundesweite Projekttreffen oder der Teilnahme an der Begleitforschung im Rahmen der Initiativen der Bunderegierung (Modelregion Elektromobilität, IKT für Elektromobilität und Schaufenster Elektromobilität), sondern auch auf diversen Messen, Kongressen oder Foren. Dass wir mit dem Innovationsprojekt „Leipzig Mobil“ im deutschen Vergleich zu den Vorreitern gehören, bestätigte uns auch die TU Dresden, die das Projekt aus der wissenschaftlichen Perspektive begutachtete. Aber um dies nochmal zu bekräftigen, für diesen hier gewählten Ansatz von „Leipzig mobil“ gab es keine Blaupause auf die man hätte zurückgreifen können.“

Netz-Trends: Warum sind Ladestationen unterschiedlich ausgestattet anstatt ein Spektrum an verschiedenen, geläufigen Anschlüssen standardisiert anzubieten?

Marc Backhaus: „Die Ladeinfrastruktur ist seit dem Beginn der Forschungsprojekte historisch gewachsen und entspricht den gängigen Normen und der deutschen und europäischen Standardisierung und unterscheidet sich lediglich in Form, Anordnung der Bauteile und Hersteller. Auch legen wir den Fokus auf einen bedarfsgerechten Ladeinfrastrukturausbau, d.h. wir beobachten im Rahmen der Forschungsprojekte das Ladeverhalten und treffen auf dieser Grundlage die Entscheidung bzgl. des Standorts, angemessener Ladeleistung, Steckertyp sowie Anzahl der insgesamt notwendigen Ladestationen. Beispielsweise bieten wir neben dem herkömmlichen Typ 2-Stecker auch Lademöglichkeiten mit Schuko-Stecker an. Damit können wir auch diversen elektrischen Kleinfahrzeugen (z.B. Twike, eBikes), welche in Leipzig unterwegs sind, eine Lademöglichkeit bieten.“

Netz-Trends: Warum bietet man an den neuen Stationen nur eine reduzierte Leistung von 11KW anstatt von 22KW an?

Marc Backhaus: „Zum einen ist es nicht nur relevant was die Ladestation an Leistung abgibt, sondern auch was das Fahrzeug an Leistung aufnehmen kann. Des Weiteren ermöglicht die standardisierte Abgabe von 11 KW an den Mobilitätsstationen perspektivisch eine Erweiterung von meistens zwei auf vier Ladepunkte, ohne einen weiteren signifikanten Installationsaufwand leisten zu müssen. Falls einzelne Kunden doch zwingend auf 22 KW angewiesen sind, können diese selbstverständlich auch unsere Ladestationen mit 22 KW/32A Leistungsabgabe anfahren. Wenn man ausschließlich Ladepunkte mit 22KW anbietet, können mit dem gleichen Projektbudget weniger Ladepunkte errichtet werden.“

Netz-Trends: Wäre eine Trennung Ladestation / Sharing-Station unter Umständen die bessere Wahl?

Marc Backhaus: „Nein, das glauben wir nicht, intermodale Verkehrskonzepte beinhalten immer auch die Elektromobilität. Wenn wir von intermodalen Angeboten, also dem einfachen Angebot unterschiedlicher Verkehrsarten reden, so müssen diese Angebote einfach benutzbar, verständlich und preislich akzeptabel sein. Selbst wenn diese Faktoren alle schon erfüllt sind, braucht der Kunde eine Eingewöhnung, eine Phase des Lernens, wie er sein Leben, seine tägliche Mobilität jetzt mit den neuen Angeboten meistern kann. Aus unserer Sicht macht es daher Sinn, bei der Einführung solcher intermodalen Produkte das Umsteigen auch räumlich nicht an unterschiedlichen Stellen zu haben, sondern konzentriert und in unserem Fall an den 25 Stationen.“

Netz-Trends: Warum wurde das Thema der Fernwartung nicht in den Terminals implementiert?

Marc Backhaus: „Bei den regulären Ladestationen ist eine Fernwartung eingerichtet. Auch bei den Mobilitätsstationen wurde ein Monitoringsystem implementiert. Im Rahmen des Betriebs der Stationen zeigte sich jedoch, dass das eingerichtete Monitoring die Komplexität des Gesamtsystems Mobilitätsstation nicht ausreichend abbildet. Daher wird das Fernwartungssystem aktuell erweitert.“

Netz-Trends: Warum sind keine Service-Rufnummern im Falle defekter Systeme ausgeschildert?

Marc Backhaus: „Die Servicerufnummer ist im Informationsterminal an den Mobilitätsstationen enthalten. Wir haben nun die Servicenummer 0341-492-1000 auch an den E-Ladesäulen angebracht.“

Netz-Trends: Wo findet der Suchende eine detaillierte Übersicht zu den Ladestationen, Anschlüssen und Stromleistungen im Internet?

Marc Backhaus: „Bei Übergabe der Ladekarte erhält der Nutzer nicht nur ein kleines Startpaket mit vielen nützlichen Informationen, sondern auch den Hinweis auf unsere Homepage, wo er sich immer über Neuigkeiten rund ums Thema Elektromobilität bei der Leipziger Gruppe informieren kann. Die Adresse lautet https://www.l.de/gruppe/wir-fuer-leipzig/elektromobilitaet. Parallel dazu kann man auch auf den Seiten der Roamingpartner die hubjectfähigen Ladestationen finden. In Echtzeit kann dort sogar Verfügbarkeit geprüft werden.“

Netz-Trends: Die Stadt Leipzig hat Ende letzten Jahres 50 BMW i3 für zwei Jahre geleast. Wo werden diese Fahrzeuge betankt?

Marc Backhaus: „Drei Viertel der geleasten BMW, die über die Leipziger Stadtholding beschafft wurden, befinden sich bei den kommunalen Unternehmen in Benutzung wie der LWB, der Leipziger Messe oder der LeCoS und natürlich der größte Teil bei der Leipziger Gruppe selbst. In der Regel sind die Fahrzeuge nicht neu, sondern im Austausch mit beim Leasing abgelaufenen Fahrzeugen beschafft worden. Insofern ist der Einsatz der gleiche wie ihn vorher Autos mit Verbrennermotor getan haben. Daher laden die Fahrzeuge ganz normal auf ihren Parkplätzen auf den Betriebshöfen und natürlich auch bei Bedarf im öffentlichen Bereich. Dies gilt in gleicher Weise für die bei der Stadt Leipzig im Einsatz befindlichen 12 Fahrzeuge.“

Netz-Trends: Welche Hinweise würden Sie aus Ihrer Sicht den Nutzern von E-Mobilen in Leipzig bezüglich der Betankung ihrer Fahrzeuge geben?

Marc Backhaus: „Wir freuen uns über die wachsende Zahl von E-Fahrzeugen auf Leipzigs Straßen und wir pflegen heute schon einen engen Kontakt zu Nutzern, welche uns Feedback geben. Dies möchten wir gern vertiefen. Um mit uns in Kontakt zu kommen, genügt eine einfache E-Mail an: emobility.stadtwerke@L.de“

Netz-Trends: Gibt es Dinge, die Sie mit dem heutigen Wissen anders gestalten würden?

Marc Backhaus: „Sicherlich sind wir mit dem Innovationsprojekt schlauer als vorher, aber trotzdem beschäftigen wir uns mit einer solchen Frage nicht, sondern versuchen weiter mit aller Energie das Projekt voran zu bringen.“

Netz-Trends: Sind zukünftige Ladestationen stets Gemeinschaftsprojekte innerhalb der Holding oder wird es losgelöst auch Einzelprojekte, beispielsweise durch die Leipziger Stadtwerke geben?

Marc Backhaus: "Beides wird möglich sein, doch das Ziel ist es, dass wir gemeinsam unsere Ressourcen bündeln, um das Thema weiter voran zu bringen. Wir wollen hier etwas für Leipzig bewegen. Natürlich sind nach Abschluss dieses Förderprojektes immer schlauer und haben besser einen Blick dafür, wo die größten Herausforderungen aber auch Grenzen liegen, wie wir bestimmte Prozesse ggf. beschleunigen müssen oder auch, wo wir uns besser abgrenzen sollten. Aber dafür sind solche innovativen Förderprojekte ja auch da, Erfahrungen zu sammeln, neue Ansätze zu entwickeln und technisch innovative Ansätze auf den Weg zu bringen.“

Netz-Trends: Welche Aussichten möchten Sie den E-Mobilern geben?

Marc Backhaus: „Trotz der technischen Startschwierigkeiten bei dem Innovationsprojekt Leipzig Mobil, besitzt die Messestadt im bundesweiten Vergleich eine sehr gut ausgebaute Ladeinfrastruktur. Diese ermöglicht dem Nutzer im gesamten Stadtgebiet einen bequemen Ladevorgang. Auch in Zukunft werden wir die Elektromobilität nur gemeinsam und konstruktiv voran bringen.“

Netz-Trends: Herr Backhaus, vielen Dank für das Interview!