Eine Studie im Auftrag von NETZ-TRENDS.de ergibt: Frauen unterperformen beim Nobelpreis um Ø 30,7 Prozentpunkte — Männer überperformen um denselben Wert.
Die Analyse eines 123-jährigen Gender-Gaps. Toxische Männer? Sicher hier nicht. Teil 2 einer Serie.
Es ist eines der markantesten Paradoxien der modernen Wissensgesellschaft: In Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen Frauen heute mehr als die Hälfte aller Studierenden. Im deutschen Hochschulsystem lag der Frauenanteil im Wintersemester 2023/24 bei 53 Prozent. In Österreich wurde die Marke von 50 Prozent schon im Jahr 2000 überschritten, die Schweiz folgte kurz darauf. Die akademische Bildung ist, was Zahlen und Zugangsmöglichkeiten betrifft, längst paritätisch.
Und doch: Wer den Blick auf den Nobelpreis richtet — gemeinhin als höchste Auszeichnung wissenschaftlicher Exzellenz weltweit anerkannt — findet ein grundlegend anderes Bild. Von 1901 bis 2024 wurden weltweit 883 Nobelpreise an Einzelpersonen vergeben: 819 an Männer, 64 an Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von 7,2 Prozent in 123 Jahren. Aus der gesamten DACH-Region erhielten in diesem Zeitraum lediglich fünf Frauen einen Nobelpreis — gegenüber rund 130 Männern. Das Verhältnis beträgt 26:1. Die meisten Nobelpreise an Frauen wurden zudem in Literatur vergeben. Das dürfte nicht an toxischen Männern liegen, die alles verhindern, sondern schlicht an mangelnder naturwissenschaftlicher nobelpreisverdächtiger Exzellenz, an Ergebnissen, die die Welt rocken und weiter bringen.
Die akademische Bildung ist paritätisch. Die wissenschaftliche Elite ist es nicht. Die Studie im Auftrag von NETZ-TRENDS.de ergibt aber klar: Frauen unterperformen beim Nobelpreis um durchschnittlich 30,7 Prozentpunkte gegenüber ihrem Studienanteil — Männer überperformen um exakt denselben Wert. Der Abstand zwischen Bildung und Elite auf Nobelpreisniveau beträgt rund 30 Jahre. Aber selbst wenn man annimmt, dass in 30 Jahren noch mehr Frauen studieren könnten, gewährleistet das nicht ein Anstieg an nobelpreisverdächtiger Exzellenz.

Dieser Artikel ist Teil 2 der Netz-Trends-Serie Toxische Männer? Toxische Frauen. Eine Analyse, ein Widerspruch 2013 und das vollständige Bild. Er untersucht, warum mehr Bildung nicht sofort zu mehr Elite führt, welche strukturellen Mechanismen den Zeitversatz erklären, was die internationale Forschung dazu sagt — und was die Zahlen wirklich bedeuten.
Der Frauenanteil beim Nobelpreis folgt keinem linearen Wachstum, sondern einer ausgeprägten historischen Kurve. Laut innovative-frauen-im-fokus.de, die sich direkt auf die Nobel Foundation stützt, lassen sich folgende Phasen unterscheiden:
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Jahrzehnt |
Frauenanteil |
Kontext |
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1901–1910 |
5,0 % |
Marie Curie, Physik 1903; einzige naturwiss. Preisträgerin dieser Ära |
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1911–1930 |
2–3 % |
Marie Curie Chemie 1911; dann lange Pause |
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1931–1940 |
6,0 % |
Radioaktivitätsforschung; Irène Joliot-Curie |
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1941–1950 |
6,3 % |
Kriegsjahrzehnt; weiterhin Ausnahme-Frauen |
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1951–1960 |
0,0 % |
KEINE einzige Preisträgerin — historischer Tiefpunkt |
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1961–1970 |
~3,0 % |
Langsame Erholung; Bildungsreform läuft an |
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1971–1980 |
~2,5 % |
Bildungsreform wirkt — aber noch kein Effekt beim NP (Zeitversatz!) |
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1981–1990 |
~3,5 % |
Erste Forscherinnen-Generation der 70er noch nicht Nobel-reif |
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1991–2000 |
6,8 % |
Erste spürbare Steigerung — Wirkung der 60er/70er Bildungsreform |
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2001–2010 |
9,4 % |
2009: Rekordjahr mit 5 Frauen; erste Wirtschafts-NP-Trägerin |
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2011–2020 |
14,5 % |
Erstmals >10 % in einem Jahrzehnt |
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2021–2024 |
17,0 % |
Vorläufiger Höchstwert; 2024 nur 1 von 11 — Trend fragil |
Quelle: innovative-frauen-im-fokus.de / Nobel Foundation · Zahlen für 2021–2024 per Stand April 2026.
Der entscheidende Erklärungsansatz für die Diskrepanz liegt in der Eigenlogik des Nobelpreises selbst. Laut einer Analyse des Fachmagazins Nature wartet der durchschnittliche Nobelpreisträger rund 20 Jahre auf die Auszeichnung, nachdem er seine nobelpreiswürdige Forschung abgeschlossen hat. Das Komitee zeichnet nicht aktuelle, sondern langfristig bewährte Leistungen aus.
Die Wikipedia-Seite zum Nobelpreis hält fest, dass das Durchschnittsalter der Preisträger seit den 1960er Jahren kontinuierlich gestiegen ist: von 56,4 Jahren in den 1950ern auf 67,3 Jahre in den 2010ern. Wer 2020 ausgezeichnet wird, hat seine entscheidende Forschungsarbeit typischerweise als 35- bis 50-jährige Person in den 1980er und 1990er Jahren geleistet — einer Zeit, in der Frauen zwar formal in die Hochschulen eingetreten waren, die Strukturen der Spitzenforschung aber noch tief männlich dominiert blieben.

Phase 1 — Bildungsöffnung (1960–1975): Deutschland, Österreich und die Schweiz öffnen die Hochschulen systematisch für Frauen. Der Frauenanteil unter Studierenden steigt in Deutschland von rund 24 Prozent (1960) auf 32 Prozent (1973) und weiter auf 45 Prozent (1982). In der DDR erreicht er 1986 sogar 50 Prozent.
Phase 2 — Forschungsaufbau (1975–1995): Die erste Massengeneration von Akademikerinnen promoviert und forscht als Post-Docs — stößt aber an strukturelle Grenzen. 1982 betrug der Frauenanteil an deutschen Professuren gerade einmal 4 Prozent, obwohl 45 Prozent der Studierenden weiblich waren. Die so genannte Leaky Pipeline wirkte massiv.
Phase 3 — Nobelpreis-würdige Leistungen (1985–2010): Frauen, die in den 1970ern ihr Studium aufnahmen, leisten in den 1990ern und 2000ern ihre bedeutendsten wissenschaftlichen Beiträge — unter widrigen strukturellen Bedingungen.
Phase 4 — Auszeichnung (2005–heute): Erst jetzt erscheinen diese Frauen als Kandidatinnen für den Nobelpreis. Der Anstieg seit 2001 ist das direkte, um 30 Jahre verzögerte Echo der Bildungsöffnung von 1960 bis 1975.
Der Nobelpreis ist kein Spiegel der heutigen Wissenschaft. Er ist ein Spiegel der Wissenschaft von vor 20 bis 35 Jahren — und die war noch weit von Parität entfernt.
Ein zweiter, vom Zeitversatz unabhängiger Mechanismus verschärft die Situation: die sogenannte Leaky Pipeline — die undichte Karriereleitung. Laut aktuellen Daten des Portals innovative-frauen-im-fokus.de auf Basis der GWK 2024/2025 sinkt der Frauenanteil mit jeder Qualifikationsstufe:
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Qualifikationsstufe |
Frauenanteil |
Quelle |
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Studium (D, 2023/24) |
53,5 % |
GWK 2025 / Destatis |
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Erstabschluss (D, 2024) |
53,5 % |
GWK 2025 / innovative-frauen-im-fokus.de |
|
Promotion (D, 2024) |
46,2 % |
GWK 2025 |
|
Habilitation (D, 2024) |
~31 % |
GWK 2025 / CEWS |
|
Juniorprofessur (D, 2024) |
50,3 % |
GWK 2025 (Tenure-Track-Effekt) |
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Professur gesamt (D, 2024) |
~28 % |
GWK 2025 |
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W3/C4-Professur (D) |
~22 % |
CEWS / innovative-frauen-im-fokus.de |
|
Nobelpreis weltweit (1901–2024) |
7,2 % |
Nobel Foundation |
Bemerkenswert: Bei den Juniorprofessuren ist mit 50,3 Prozent nahezu Parität erreicht. Aber die Schere öffnet sich mit steigender Besoldungsstufe drastisch. Eine aktuelle Längsschnittstudie der Universität Springer Nature (2025) zu deutschen Soziologen kommt zu einem signifikanten Befund: Frauen haben selbst bei vergleichbarem wissenschaftlichem Output ein 35 Prozent höheres Risiko, die Wissenschaft zu verlassen, als ihre männlichen Kollegen. Der Effekt lässt sich nicht vollständig durch Elternschaft, Karrierestufe oder Forschungsproduktivität erklären.

Internationale Forschung (Nature, 2024): Liselotte Jauffred (Niels-Bohr-Institut, Kopenhagen), die Genderverzerrungen beim Nobelpreis untersucht hat, bringt es auf den Punkt: Die ausgezeichneten Männer seien 'Superstars' — aber die eigentliche Frage sei, welche Mechanismen es Männern leichter machen, überhaupt in den Pool möglicher Kandidaten zu gelangen. Quelle: STAT News / Nature, Oktober 2024
Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben zwischen 1901 und 2024 rund 130 Männer einen Nobelpreis erhalten. Frauen aus der DACH-Region erhielten in diesem Zeitraum genau fünf Auszeichnungen — alle im nicht-naturwissenschaftlichen Bereich nach 1990, mit einer Ausnahme aus 1905:
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Jahr |
Name |
Kategorie |
Land |
Bedeutung |
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1905 |
Bertha von Suttner |
Frieden |
AT |
Erste Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte |
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1966 |
Nelly Sachs |
Literatur |
D† |
Geb. Berlin; bei Preisvergabe schwedische Staatsbürgerin |
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1995 |
Christiane Nüsslein-Volhard |
Medizin |
D |
Entwicklungsgenetik; Gene die Körperform steuern |
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2004 |
Elfriede Jelinek |
Literatur |
AT |
Gesellschaftskritische Literatur; Österreich |
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2009 |
Herta Müller |
Literatur |
D |
Rumäniendeutsche Literatur; Deutschland |
† Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin geboren und hielt bis 1940 die deutsche Staatsbürgerschaft. 1940 floh sie vor dem NS-Regime nach Schweden. Beim Nobelpreis 1966 war sie schwedische Staatsbürgerin. Die Schweiz stellt keine einzige weibliche Nobelpreisträgerin. Das DACH-Verhältnis Männer zu Frauen beträgt 26:1.
Auffällig ist, dass alle fünf DACH-Nobelpreisträgerinnen in den Kategorien Literatur und Frieden ausgezeichnet wurden — mit Ausnahme von Christiane Nüsslein-Volhard 1995 in der Medizin. Keine einzige Frau aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz erhielt je einen Nobelpreis für Physik, Chemie oder Wirtschaftswissenschaften.
Eine im Journal of Neuroscience veröffentlichte Analyse (Maldonado-Vlaar, Januar 2025) fasst den internationalen Forschungsstand zusammen: "New Perspective of the Persistent Gender and Diversity Gap in Nobel Prizes". Die Kernaussage: Vor 30 Jahren erhielten 3 Prozent der Wissenschafts-Nobelpreise Frauen, heute sind es rund 4 bis 7 Prozent, je nach Kategorie und Zeitraum. Die Frage "Warum noch immer so wenige?" beantwortet die Studie mit einem Katalog struktureller Erklärungsansätze.
In der Physik ist die Lage besonders drastisch: Von 226 Physik-Nobelpreisträgern (1901–2024) waren 221 Männer und 5 Frauen — ein Frauenanteil von 2,2 Prozent. Physik ist nach Wirtschaftswissenschaften (3 Prozent Frauen) die Kategorie mit der niedrigsten weiblichen Beteiligung.
Ein in der Wissenschaftssoziologie diskutiertes Konzept bietet einen weiteren Erklärungsansatz: der Matilda-Effekt — benannt nach der Wissenschaftshistorikerin Margaret Rossiter. Er beschreibt das Phänomen, dass Beiträge von Frauen in der Wissenschaftsgeschichte häufig weniger Sichtbarkeit erhielten als die ihrer männlichen Kollegen. Bekannte historische Fälle aus der DACH-Region sind nz, die Beiträge von Frauen zu wissenschaftlichen Entdeckungen zu unterschätzen, zu ignorieren oder männlichen Kollegen zuzuschreiben. Die bekanntesten Beispiele aus der DACH-Region sind Lise Meitner (Kernspaltung, 1938 gemeinsam mit Otto Hahn erarbeitet; Hahn erhielt 1944 den Nobelpreis allein), Rosalind Franklin (Röntgenbeugungsaufnahmen der DNA-Doppelhelix; Watson, Crick und Wilkins erhielten 1962 den Nobelpreis; Franklin war 1958 verstorben) und Jocelyn Bell Burnell (Entdeckung der Pulsare 1967; ihr Doktorvater Hewish erhielt 1974 den Nobelpreis).
Nobelkomitee-Reform (Nature, 2024): Seit 2019 werden Nominatoren vom Nobelkomitee ausdrücklich gebeten, auch Frauen und Personen aus nicht-westlichen Ländern zu berücksichtigen. Thomas Perlmann, Sekretär des Medizin-Komitees, erklärte gegenüber Nature: 'We are extending invitations to an increasing number of individuals from regions beyond traditional academic research hubs.' Eine Maßnahme, die der Nobelstiftung zufolge die Breite der Nominierungen erweitern soll. Quelle: STAT News, Oktober 2024

Ein besonders aufschlussreicher Fall ist Claudia Goldin, die 2023 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt — als erste Frau, die diesen Preis allein, ohne männliche Mitpreisträger, gewann. Goldin hatte zuvor als erste Frau überhaupt eine Professur am Wirtschaftsfachbereich der Harvard University erhalten. Ihre Forschung über die Ursachen des gender pay gap — die sie auf Unterschiede in Karrierewahl, Arbeitsmarktstruktur und die ungleiche Verteilung familiärer Verantwortung zurückführte — ist eine der umfassendsten empirischen Analysen ihrer Art. Die Ironie ist nicht zu übersehen: Eine Frau erhält den höchsten Wissenschaftspreis dafür, dass sie erklärt hat, warum Frauen so selten höchste Auszeichnungen erhalten.
Um die Diskrepanz zwischen Studienanteil und Nobelpreis-Anteil präzise zu quantifizieren, haben wir eine eigene Berechnung vorgenommen (redaktionelle Analyse, keine externe Primärquelle): Als Vergleichsgröße dient der Frauenanteil unter Studierenden in der DACH-Region rund 30 Jahre vor dem jeweiligen Jahrzehnt der Nobelpreisvergabe. Dieser Wert repräsentiert die Generation, die in diesem Jahrzehnt hätte Nobel-prämiert werden können. Die Differenz zeigt, ob Frauen bezogen auf ihr Bildungsgewicht über- oder unterperformen.
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NP-Jahrzehnt |
F-Studienanteil 30 J. früherher |
F-NP-Anteil |
F-Differenz |
M-Differenz |
|
1960–70 |
~15 % |
~3,0 % |
−12,5 Pp. |
+12,5 Pp. |
|
1970–80 |
~27 % |
~2,5 % |
−24,5 Pp. |
+24,5 Pp. |
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1980–90 |
~32 % |
~3,5 % |
−28,5 Pp. |
+28,5 Pp. |
|
1990–2000 |
~45 % |
6,8 % |
−38,2 Pp. |
+38,2 Pp. |
|
2000–2010 |
~49 % |
9,4 % |
−39,6 Pp. |
+39,6 Pp. |
|
2010–2020 |
~51 % |
14,5 % |
−36,5 Pp. |
+36,5 Pp. |
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2021–2024 |
~52 % |
17,0 % |
−35,0 Pp. |
+35,0 Pp. |
|
Durchschnitt |
— |
— |
Ø −30,7 Pp. |
Ø +30,7 Pp. |
Hinweis: Die Differenzwerte sind spiegelgleich, weil sich Frauen- und Männeranteil stets auf 100 Prozent addieren. Eine negative Abweichung bei Frauen entspricht definitionsgemäß einer positiv gleich hohen Abweichung bei Männern. Die Analyse basiert auf eigenen Berechnungen der Redaktion (Netz-Trends.de) auf Basis von Nobel Foundation-Daten und Destatis-Studierendenstatistiken. Die DACH-Studierendenanteile für historische Jahrzehnte sind Näherungswerte.
Wenn die Zeitversatz-These stimmt, dann sollte der Nobelpreis-Frauenanteil in den nächsten zwei Jahrzehnten weiter steigen — denn ab den 1990er Jahren forschten Frauen in der DACH-Region auf breiter Front auf höchstem Niveau, bei einem Studierendenanteil von 44 bis 51 Prozent.
Ein Indikator dafür liefert der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, der wichtigste Forschungsförderpreis Deutschlands. Laut innovative-frauen-im-fokus.de lag der Frauenanteil beim Leibniz-Preis 2021–2024 bei durchschnittlich 40 Prozent. Beim Heinz Maier-Leibnitz-Preis für Nachwuchswissenschaftler sogar bei 47,5 Prozent — nahezu Parität. Diese Preise gelten als mögliche Vorboten des Nobelpreises. In 20 bis 30 Jahren könnten sich diese Zahlen im Nobelpreis niederschlagen.
Die entscheidende Bedingung: Die Leaky Pipeline muss weiter geschlossen werden. Wenn Frauen weiterhin überproportional auf dem Weg von der Promotion zur Vollprofessur verloren gehen — aktuell ein Rückgang von 46 auf 28 Prozent auf dieser Strecke — dann wird selbst vollständige Studienparität nie vollständig im Nobelpreis ankommen.
Der Leibniz-Preis ist paritätisch. Der Nobelpreis ist es noch nicht. Der Abstand zwischen beiden beträgt in der Wissenschaft schätzungsweise 30 Jahre. Wenn sich nichts ändert an den Strukturen, wird er es auch in 30 Jahren nicht vollständig sein.
Die zunehmende Akademisierung von Frauen führt nicht sofort und nicht automatisch zu mehr wissenschaftlicher Elite im Sinne des Nobelpreises. Sie führt dazu mit einem Versatz von 30 bis 35 Jahren — und nur dann, wenn die strukturellen Hürden auf dem Weg nach oben abgebaut werden.
Der Anstieg des Frauenanteils beim Nobelpreis seit 2001 ist kein Zufall und kein Ergebnis von Quoten. Er ist das verzögerte Echo der Bildungsöffnung der 1960er und 1970er Jahre. Die Frauen, die heute Nobelpreise erhalten, haben in den 1980er und 1990er Jahren geforscht — in einer Zeit, als die Hochschulen bereits offen, die Strukturen der Spitzenforschung aber noch tief männlich dominiert waren.
Unsere Über-/Unterperformance-Analyse zeigt: Männer erhalten im Schnitt aller Jahrzehnte seit 1960 rund +30,7 Prozentpunkte mehr Nobelpreise als ihr Studienanteil 30 Jahre zuvor erwarten ließe. Frauen erhalten im gleichen Zeitraum −30,7 Prozentpunkte weniger. Die Werte sind, wie mathematisch zwingend, spiegelgleich — weil sich beide Anteile zu 100 Prozent addieren.
Wenn die Leibniz-Preis-Daten als Frühindikator taugen, sollte sich der Nobelpreis-Frauenanteil in den nächsten 20 Jahren weiter erhöhen. Ob er jemals 50 Prozent erreicht, hängt davon ab, ob die Leaky Pipeline strukturell geschlossen wird. Auf diesem Weg sind Deutschland, Österreich und die Schweiz noch weit.
53 % Studentinnen heute — 7,2 % Nobelpreisträgerinnen historisch.
Frauen: Ø −30,7 Pp. Unterperformance. Männer: Ø +30,7 Pp. Überperformance. In 20–30 Jahren wird sich das verschieben — sofern Frauen auf den oberen Karrierestufen der Wissenschaft stärker vertreten sein werden als heute.
Nobel Foundation via innovative-frauen-im-fokus.de: Frauenanteil Nobelpreis nach Jahrzehnten
GWK 2025 / innovative-frauen-im-fokus.de: Leaky Pipeline in der Wissenschaft (aktuell)
Maldonado-Vlaar (2025), Journal of Neuroscience: New Perspective of the Persistent Gender and Diversity Gap in Nobel Prizes
Jauffred et al. (2019), Nature Humanities & Social Sciences: Gender bias in Nobel prizes
Springer Nature (2025): Why women leave academia: A longitudinal study of the leaky pipeline in German sociology
STAT News / Nature (Oktober 2024): 2024 Nobel Prizes in science reflect larger gender bias problem
innovative-frauen-im-fokus.de: Leibniz-Preis und Heinz Maier-Leibnitz-Preis Frauenanteil
Wikipedia: Liste der Nobelpreisträgerinnen · Nobelpreis (Altersstatistik, Vergabepraxis)
Destatis: Frauenanteile akademische Laufbahn
bpb.de: Geschichte des Frauenstudiums in Deutschland bis 1945
– Ende Teil 2 – Netz-Trends.de · Stand: 14. April 2026 · Redaktion: NETZ-TRENDS.de –