MDR TV: "Der Absturz" — wie UNISTER zum Weltnachrichten-Krimi auf drei Kontinenten und in sechs Sprachen wurde

Heute Abend im Fernsehen der ARD / MDR

Am 14. Juli 2016 stürzte eine einmotorige Piper PA-32 über den slowenischen Bergen bei Ajdovščina ab. An Bord: UNISTER-Gründer Thomas Wagner (38), sein Mitgründer Oliver Schilling (39), ein Finanzvermittler und der 73-jährige Pilot. Alle vier starben. Wagner kam vom Rückflug aus Venedig, wo er bei einem sogenannten Rip-Deal um 1,5 Millionen Euro betrogen worden war — echtes Bargeld gegen einen Koffer, der bis auf die oberste Lage aus Falschgeld bestand.

Vier Tage später meldete die UNISTER Holding Insolvenz an - unnötig wie NETZ-TRENDS.de kürzliche berichtete. Es war das Ende eines Konzerns, der mit Portalen wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de zeitweise zu den größten Reisevermittlern Deutschlands zählte und von Bloomberg 2014 mit rund 2,1 Milliarden US-Dollar bewertet worden war.

Heute, fast zehn Jahre danach, sendet das öffentlich-rechtliche MDR-Fernsehen eine ARD-Dokumentation (45-minütigen Dokumentation) — mit internen Dokumenten und Aussagen ehemaliger Mitarbeiter. Aufgenommen wurde es bereits 2018. Zu sehen heute, Dienstag, 20:15 Uhr im MDR-Fernsehen und in der ARD-Mediathek.

Eine Weltnachricht, kein Regionalthema

Was die deutsche Berichterstattung damals wie heute zeigt, ist nur ein Ausschnitt. Der Fall UNISTER war ein internationaler Wirtschaftskrimi — präsent in mindestens sechs Sprachen und auf drei Kontinenten. Ein Überblick über die dokumentierte Berichterstattung:

Deutschland

Die Nachrichtenagentur dpa ließ Wagner 2012 in ausführlichen Wortlaut-Interviews selbst zu Wort kommen („UNISTER-Chef Wagner weist Abzock-Vorwürfe zurück“). DER SPIEGEL begleitete den Fall über Jahre: Isabell Hülsen, Nicolai Kwasniewski und Andreas Ulrich enthüllten den Venedig-Betrug in „Falschgeld statt Kredit" und „Jagd nach Levy Vass — Die Masche des UNISTER-Täuschers"; Martin U. Müller porträtierte Wagner früh in einem Video. Das Handelsblatt titelte „Wirtschaftskrimi um UNISTER — Das Venedig-Komplott”, die WirtschaftsWoche „UNISTER-Chef stirbt bei Flugzeug-Absturz", der Stern fragte „War das Höhenruder manipuliert?“. Bild und Bild am Sonntag begleiteten den Fall vom ersten Tag an — von der frühen Kampagne bis zu „Der Absturz des ‚Brain’” (Juli 2016) und dem Kopfgeld-Aufruf 2018. Dazu FAZ, manager magazin, Focus, DIE WELT, Süddeutsche Zeitung, Computer Bild, Mitteldeutsche Zeitung (Steffen Höhne), Leipziger Volkszeitung sowie ARD, ZDF, MDR und RTL.

Slowenien

RTV SLO meldete noch am Absturztag: „Pilotiral je 73-letni Nemec, med žrtvami tudi znani nemški podjetnik" („Am Steuer ein 73-jähriger Deutscher, unter den Opfern auch ein bekannter deutscher Unternehmer“) — mit Augenzeugen, das Flugzeug habe sich gedreht, „als würde es Akrobatik vorführen”. 24ur.com berichtete später über den Abschlussbericht, der „mehrere Unregelmäßigkeiten" offenbare. Slovenske Novice stellte die Frage, die viele bis heute umtreibt: „Je bila nesreča ali sabotaža?" („War es ein Unfall oder Sabotage?“). Siol.net dokumentierte die monatelange Suche nach dem verschollenen Höhenruder, Svet24 klärte über das im Wrack gefundene Geld auf, Delo meldete den Absturz noch am selben Tag, und der Primorski dnevnik nannte in „Na Predmeji usodna zaledenitev" den mutmaßlichen Betrüger „Levy Vass” beim Namen.

Italien

La Nuova Venezia titelte „Venezia, il giallo del milionario caduto con l’aereo" („Venedig, das Rätsel des mit dem Flugzeug abgestürzten Millionärs") und rekonstruierte den Betrug im Detail. Il Gazzettino: „Milionario morto, la truffa imbastita dal commerciante di diamanti Levy". Die Agentur ANSA belegte in „Indagini su truffa a manager Unister", dass Wagner am 13. Juli bei der Staatspolizei Venedig Anzeige erstattet hatte. Dazu Fanpage.it, Il Mattino und VeneziaToday.

Großbritannien, USA, Kanada

Die Financial Times (Guy Chazan) prägte in „The rise and tragic fall of German internet star" das bis heute treffendste Bild: Wagners letzte Tage läsen sich „more like a detective novel than an everyday story of German business“, die Presse zeichne ihn als „an Icarus-like figure who flew too close to the sun — and then, literally, crashed to earth” (dazu die Meldung „Unister files for insolvency after founder dies in plane crash"). Die US-Reisebranchenplattform PhocusWire formulierte, was auch nach zehn Jahren gilt: „one of the biggest questions that will never be fully resolved is why Wagner … fell for the scam“. In den USA berichtete Business Insider, in Kanada CFJC Today („German internet entrepreneur killed in plane crash”).

Frankreich, Belgien, Spanien, Österreich, Schweiz

Über die Agentur AFP lief die Meldung durch die frankophone Presse — L’essentiel (Luxemburg), Tribune de Genève und Le Matin (Schweiz), 7sur7 (Belgien): „Quatre Allemands meurent dans un accident d’avion“. In Spanien meldete das Reise-Fachportal Hosteltur: „El grupo online alemán UNISTER se declara insolvente tras morir su fundador”, dazu Tourinews und Preferente. In Österreich griff Der Standard den Fall auf, in der Schweiz die NZZ.

Die Fragen, die bleiben

Die offizielle slowenische Untersuchung kam 2020 zu dem Schluss: Vereisung und Strukturversagen des Höhenleitwerks. Doch der Weg dahin war widersprüchlich. 2016 sprach der leitende Ermittler öffentlich von Spuren, die auf „Fremdeinwirkung durch einen anderen Gegenstand" hindeuteten — vier Jahre später erklärte der Abschlussbericht dieselben Spuren zu Teilen des eigenen Flugzeugs. Das entscheidende Seitenleitwerk wurde nie gefunden. Ein Wrackteil tauchte erst im Dezember 2019 auf. Und der Betrüger von Venedig ist bis heute nicht gefasst.

Genau in dieser Lücke zwischen Aktenlage und Gewissheit lebt die Faszination des Falls — die heute Abend auch die MDR-Dokumentation umtreibt.

Wer in der Doku zu Wort kommt

Der Film porträtiert Thomas Wagner in den Mittelpunkt. Zu Wort kommen zahlreiche Weggefährten und Beobachter: Mitgesellschafter Daniel Kirchhof, der frühere Chief Communication Officer, Pressesprecher und Freund Wagners, Dr. Konstantin Korosides, der Insolvenzverwalter Dr. Lucas F. Flöther, Jörn-Heinrich Tobaben, der das Leipziger Business Innovation Center leitete, als die Studenten aus Dessau 2001 vorstellig wurden, sowie die früheren UNISTER-Juristen Peter Hense und Michael Hummel. Als Branchenstimme spricht Michael Buller, Vorstand des Verbands Internet Reisevertrieb (VIR). Genannt oder gezeigt werden außerdem der frühe Mitstreiter Jonas Dürr, der damalige Leipziger Oberbürgermeister und heutige Politiker Wolfgang Tiefensee, die Werbegesichter Michael Ballack und Rainer Calmund — und der bis heute nicht gefasste Betrüger von Venedig, der unter dem Alias „Levy Vass" auftrat.

Die O-Töne der Doku zeichnen das Bild eines Mannes zwischen Genie und Größenwahn. Über die Anfänge sagt Innovation-Center-Leiter Tobaben: „Sie hatten eine Idee im Gepäck, die es so noch nicht gab." Mitgesellschafter Kirchhof erinnert sich an den Sprung ins Reisegeschäft: „Das Reisethema, das haben wir uns selbst angeeignet und beigebracht." Und der frühere Pressesprecher Korosides bringt Wagners Antrieb auf den Punkt: „Thomas hatte den Hang zum Größenwahn" — nur wer im Großen denke, könne groß werden, habe dessen Philosophie gelautet. Am Ende, so das Fazit im Film, bleibe „eine Riesentragödie“: die Geschichte von Jungs, die aufbrachen, die Welt zu erobern — und die Lehre, „wenn du zu viel willst und zu schnell willst, dass du am Ende alles verlieren kannst”.

Die Macher der Sendung

Buch und Regie der Dokumentation stammen von MDR-Dokumentarfilmer Ralf Ulrich Schmidt, Produktion Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Länge 45 Minuten. Die Erstausstrahlung lief am 3. September 2018 als „Die Story im Ersten" im Ersten; der MDR zeigt den Film heute erneut. (Die weiteren Gewerke des Abspanns — Kamera, Ton, Schnitt und Licht — sind über die öffentlichen Programmangaben hinaus nicht dokumentiert; sie erscheinen im Abspann der Sendung.)

Und der neue Dreiteiler: Der MDR-Podcast zum zehnten Todestag

Parallel zur Wiederholung des Films hat der MDR den Fall 2026 noch einmal völlig neu aufgerollt — als aufwändige Podcast-Serie „Ab in den Urlaub — Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER" (MDR KULTUR). Die drei Folgen stehen in der ARD-Audiothek und auf den gängigen Plattformen bereit. Host ist Sophia Wetzke; produziert wurde die Serie im Auftrag des MDR von Studio Soma (Berlin) und dem Leipziger Recherche-Team Zimmer & ZirkMarc Zimmer und Anton Zirk. Der Podcast stützt sich auf Originalinterviews mit Zeitzeugen, interne Dokumente und Originalaufnahmen, darunter das Funkprotokoll des letzten Fluges.

„Der Absturz — Wie Deutschlands erfolgreichstes Start-up unterging" (D 2018, Buch/Regie: Ralf Ulrich Schmidt, 45 Min.), MDR, Dienstag, 7. Juli, 20:15–21:00 Uhr, sowie in der ARD-Mediathek. — Der Podcast „Ab in den Urlaub — Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER" (MDR KULTUR, Host: Sophia Wetzke, Studio Soma / Zimmer & Zirk) in der ARD-Audiothek.

Gefällt mir
1