PŸUR bucht 49,47 statt 29,99 Euro ab – KI durchsucht das E-Mail-Postfach, entlarvt die Anbieter-„Antwort“ per Prüfsumme, holt die Rechnung aus dem Kundenportal und rechnet sie Cent für Cent nach

Ein Erfahrungsbericht für netz-trends.de: "Ich dachte, die verarschen mich von a bis z bei Pyur, bzw. PŸUR".

Es beginnt mit einem Blick aufs Konto, der vielen bekannt vorkommen dürfte: Abgebucht sind 49,47 Euro – versprochen waren 29,99. Der Anbieter: PŸUR, einer der großen deutschen Kabelnetzbetreiber. Die Hotline: mehrfach kontaktiert, mehrfach andere Auskünfte, zuletzt der bemerkenswerte Satz, der zugesagte Preis stehe „nur in den Unterlagen“. Mein Puls: entsprechend. Mein Verdacht: Vertriebsmasche, untergeschobener Vertrag, Abzocke.

Statt mich weiter durch Warteschleifen zu kämpfen, habe ich den Fall komplett an eine KI übergeben – an Claude im sogenannten Cowork-Modus, der auf dem Mac direkt mit Dateien, Browser und Programmen arbeiten kann. Der Auftrag, wörtlich aus dem Bauch heraus formuliert: Recherchiere meinen gesamten Schriftverkehr, prüfe, ob ich betrogen wurde, lege alles ordentlich ab – und wenn es Betrug ist, bereite eine saftige Beschwerde vor. „Du bist jetzt Staatsanwalt und investigativer Journalist.“

Die Vorgeschichte: eine KI als privater Finanz-Controller

Dass es diesen neuen Vertrag überhaupt gibt, ist selbst schon ein KI-Ergebnis. Seit Wochen läuft über die privaten Finanzen des Kunden ein KI-gestütztes Controlling – Einnahmen, Ausgaben, Abos, alles auf dem Prüfstand. Dabei fiel ein Klassiker auf: Für eine Zweitwohnung, die nur drei Tage pro Woche genutzt wird, flossen rund 50 Euro monatlich an die Deutsche Telekom für Internet und Telefon, dazu knapp 15 Euro an PŸUR für Kabelfernsehen. Zusammen etwa 65 Euro im Monat – rund 780 Euro im Jahr, gut 1.500 Euro über die Laufzeit. Und beides waren Zweijahresverträge.

Der Vorschlag der KI: Kosten senken. Erst bei der Telekom anfragen, ob es günstiger geht – sonst kündigen. Die Telekom antwortete schlicht nicht; also wurde gekündigt und stattdessen bei PŸUR angerufen. Dort gab es, wieder mit 24 Monaten Laufzeit, aber zu deutlich besseren Konditionen, ein Kombipaket aus Internet, Telefon und Kabel-TV für 29,99 Euro im Monat: knapp 360 statt 780 Euro im Jahr, rund 720 statt über 1.500 Euro in zwei Jahren – eine Ersparnis von etwa 840 Euro über die Vertragslaufzeit.

Dann kam die erste Abbuchung: 49,47 Euro von PŸUR – und parallel zog auch die Telekom noch einmal ihre rund 50 Euro ein, weil deren Kündigungsfrist noch lief. Unterm Strich standen in einem Monat also fast 100 Euro für Telekommunikation auf dem Konto – beim Versuch, auf 29,99 zu kommen. Genau dafür war der Sparplan nicht gedacht. Daher der Verdacht, daher der Ärger, daher der Ermittlungsauftrag an die KI.

Was die KI dann tatsächlich gemacht hat

Schritt 1: Beweise sammeln. Die KI öffnete – nach expliziter Freigabe durch mich – das E-Mail-Postfach des Kunden im Browser und durchsuchte den kompletten PYUR-Schriftverkehr, inklusive Spam-Ordner: die Kündigung des alten Pay-TV-Vertrags, das Angebot für den neuen Tarif „Kombi Light 250“, die Annahme-E-Mail des Kunden, die Standardantworten des Anbieters, die Rechnungsbenachrichtigung. Alle Vertrags-PDFs lud sie herunter.

Schritt 2: Forensik statt Bauchgefühl. Jede Datei wurde per Prüfsumme (MD5) verglichen. Dabei kam ein Detail ans Licht, das man von Hand nie gefunden hätte: Die „Antwort“, die PYUR auf ein inhaltliches Kundenschreiben schickte, enthielt als Anhang Byte für Byte dieselbe Vertragszusammenfassung, die ich längst hatte – null inhaltliche Reaktion, nur Papier-Recycling in digital.

Schritt 3: Ordnung schaffen. Alle Dokumente wurden umbenannt (Datum, Absender, Inhalt), E-Mail-Transkripte als Textdateien gesichert und in der bestehenden Ordnerstruktur des Kunden abgelegt. Doppelte Downloads flogen raus – nach Rückfrage und Freigabe, versteht sich.

Schritt 4: Die eigentliche Prüfung. Die Vertragszusammenfassung – ein Dokument, das Anbieter nach EU-Recht ausstellen müssen – belegte: 39,99 Euro Listenpreis minus 10 Euro Dauerrabatt, also 29,99 Euro monatlich. Verbindlich, kein Werbeprospekt. Die Hotline-Auskunft, das stehe „nur in den Unterlagen“, ist damit ungewollt komisch: Die Unterlagen sind der Vertrag.

Schritt 5: Die Rechnung selbst. Die lag nur im Kundenportal. Die KI loggte sich nicht etwa mit einem Passwort ein – das kennt sie nicht und darf sie nicht abfragen –, sondern nutzte die bestehende Browser-Sitzung des Kunden, lud die Rechnungs-PDF und rechnete sie Position für Position nach.

Das Ergebnis: kein Betrug – aber ein Kommunikationsversagen

Die 49,47 Euro lösten sich vollständig auf: anteiliger Juni ab Vertragsstart (19 Euro), Juli im Voraus (exakt 29,99 Euro, Rabatt korrekt angewendet), plus 48 Cent für den letzten Tag des alten Pay-TV-Vertrags, der sauber beendet wurde. Eine stinknormale Erstrechnung also – angebrochener Monat plus Vorausmonat. Und die parallele Telekom-Abbuchung? Schlicht die auslaufende Kündigungsfrist, ein einmaliger Übergangseffekt. Ab dem Folgemonat greift die kalkulierte Ersparnis von rund 35 Euro monatlich. Niemand hat mich betrogen.

Und genau das ist die Pointe: Drei Hotline-Kontakte konnten mir das nicht erklären. Eine KI mit Zugriff auf meine eigenen Unterlagen brauchte dafür einen Nachmittag – inklusive Chronologie, Archiv und einem fertigen Beschwerdebrief mit Fristsetzung, der jetzt als Versicherung in der Schublade liegt, falls die August-Abbuchung doch nicht bei 29,99 Euro landet.

Was man daraus lernt

Erstens: Der Skandal steckt oft nicht in der Rechnung, sondern in der Unfähigkeit, sie zu erklären. Zweitens: Wer Vertragszusagen per E-Mail dokumentiert – Preis, Rabatt, Laufzeit, schriftlich bestätigen lassen –, hat im Zweifel alle Trümpfe in der Hand. Drittens: KI-Agenten, die E-Mails, Dateien und Browser kombinieren, sind für solche Verbraucherfälle ein ernstzunehmendes Werkzeug. Bemerkenswert fand ich dabei die eingebauten Grenzen: Passwörter tabu, Downloads und Löschungen nur nach Freigabe, und statt meinen Betrugsverdacht zu bestätigen, rechnete die Maschine nüchtern nach – und widersprach mir. Ein Staatsanwalt, der auch entlastet: mehr, als manche Hotline schafft.

Transparenzhinweis: Dieser Artikel beschreibt einen realen, der Redaktion vollständig dokumentiert vorliegenden Fall; Name, Wohnort und Vertragsdaten des Betroffenen wurden anonymisiert. Die Recherche- und Prüfschritte wurden von Claude (Anthropic) im Cowork-Modus ausgeführt. Der Artikelentwurf selbst stammt ebenfalls aus dieser Zusammenarbeit.

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