Essay Der neue Osten sind Städte wie Karlsruhe oder Mannheim

Die Stadtoberen von Karlsruhe sonnen sich gerne im Glanz längst vergangener Epochen. Damals, als es noch Adlige im Karlsruher Schloss gab, sei der Grundstein zum Karlsruher Glanz gelegt worden, sagen sie.

Karlsruher Hauseingang Anfang Dezember 2015. Das Wohnaus steht nicht etwa am Karlsruher Stadtrand, sondern mitten im Zentrum. Der Dreck scheint niemanden groß zu stören.

Groß feierte sich Karlsruhe 2015 in einem 300 Jahresfestakt selber. Kürzlich schwärmte auch eine Stadtobere in den Badischen Neuesten Nachrichten, wie attraktiv doch die Karlsruher Innenstadt sei und dass Menschen von Nah und Fern kämen, um hier shoppen zu gehen. Keine Frage: die Karlsruher lieben ihre Stadt, oder reden sich zumindest ein, sie täten es. Einige tun dies vielleicht auch mangels eigener Benchmark mit anderen Städten. Da heimelt man schnell und findet toll, was andere als eher abstoßend empfinden.

Denn als Außenstehender, der Karlsruhe zum ersten Mal sieht, ist man schockiert: Ob Karlsruhe, oder das eine gute Autostunde entfernte Mannheim – diese Städte sind beispielhaft dafür, warum der Westen der neue Osten ist.

Heißt: Wer in den 1990er Jahren sich in Städten und Dörfern der ehemaligen DDR umschaute, staunte nicht schlecht: Straßen, die nur noch durch Schlaglöcher als solche erkennbar waren. Mausgraue Häuser, einsturzgefährdet. Gehwege in einem desolaten Zustand. Es war, als sei die Zeit 70 Jahre stehen geblieben.

Heute glänzen ostdeutsche Städte wie Leipzig, Dresden, selbst Halle oder Stralsund. Mit Milliarden Euro Aufbauhilfe Ost – gespeist aus Solidaritätszuschlag sowie der EU-Zonenrandförderung – stehen die Städte trotz großer Arbeitslosigkeit (Hartz IV mitgerechnet) heute besser da, als die meisten Metropolen in Westdeutschland.

Symbolisch für den Niedergang der westdeutschen Kommunen stehen zweifelsfrei die badisch-schwäbischen einstigen Residenzstädte Karlsruhe oder Mannheim. Wer als Fremder an den dortigen Bahnhöfen aussteigt, möchte am liebsten gleich wieder einsteigen.

Karlsruhe ist – bis auf wenige Ausnahme beispielsweise zwischen Gutenbergplatz und Haydnplatz in der Weststadt – ein architektonischer Schandfleck. Im Krieg fast vollkommen zerstört, wurde es in den Folgejahren bis weit in die 1970er Jahre schnell mit Billigbauten wieder hochgezogen.

Lieblose Wohnsilos wechseln sich auch 2015 mit Geschäftshäusern ab, die in der DDR als schlechtere Plattenbauten durchgegangen wären. Von Fassaden-Wettbewerben und Architektur-Wettbewerben, wo die Besten als Sieger hervorgehen, scheint der Karlsruher Stadtrat (überwiegend CDU) bislang nicht viel gehört zu haben.

Dann gibt es eine große Straße, die die Stadt wie eine Autobahn teilt, welche ausgerechnet noch Kriegsstraße heißt. Die Mieten sind wie überall in Karlsruhe hoch, die Wohnqualität in 95 Prozent der Häusern erbärmlich.

Wer in der Fußgängerzone von Karlsruhe – durchzogen durch eine Straßenbahn – einkaufen möchte, läuft über Millionen von auf die Straße gespuckten Kaugummis und sieht alle 50 Zentimeter Urin-Umrisse vor oder an den Schaufenstern der Billig-Geschäfte. Was an dieser Straße eine "Kaiserstraße" sein soll, leuchtet beim besten Willen nicht ein. Von Hochdruckreinigern, um den Kaugummi-Schmutz und Urin-Schmutz wenigstens auf Karlsruher Shopping-Straßen zu entfernen, scheint die Stadtreinigung noch nichts gehört zu haben.

Doch Kunden und die Geschäfte-Betreiber scheinen sich an das Dreck-Dilemma direkt vor ihrer Haustüre gewöhnt zu haben. Wenig ansehnlich sind zudem die billigen Betonpflaster-Platten, die in Karlsruhe scheinbar zu Millionen verbaut wurden und als Gehwege fungieren. Während man in Leipzig über teure Granitplatten läuft, ist es in Karlsruhe eben auch hier nicht attraktiv. Das gilt in besonderem Maße für die Gebäude an der Kaiserstraße - also da, wo man einkaufen soll. Denn diese sind in ihrer Fadheit und schnöden Hässlichkeit kaum mehr zu überbieten. Ähnlich sieht es am furchtbaren "Europaplatz" aus, der so wenig Europas schöne Seite repräsentiert, wie Athen die USA.

Dass die Karlsruher Geschäfte obendrein überteuerte Preise haben, ist eine ebenfalls wenig schöne Anekdote. Ebenso, dass die Gastronomie - vor allem die in der Innenstadt, also da, wo man vor Touristen eigentlich glänzen möchte - überwiegend zu den schlechtesten und gleichzeitig teuersten in Deutschland gehören dürfte (ebenfalls von wenigen Ausnahmen abgesehen).

Dann freut sich Karlsruhe über das Badische Landestheater. Doch auch hier konnten wir die Freude leider nicht teilen. Denn aus unserer Sicht: Ein widerlicher Betonklotz, in guter Stadtlage allerdings, der den einen oder anderen an Hitlers Sternschanzenquartier erinnern könnte. Denn da wurde bekanntlich ebenso viel mit Beton gebaut. Dass das Theater völlig überdimensioniert und auch sonst eher schmucklos ist, stört die Badener – denn als solche sehen sich ja die Karlsruher – überwiegend scheinbar nicht weiter.

So ranzig, in die Jahre gekommen, ausgelatscht und ausgelutscht die Innenstadt von Karlsruhe an vielen Stellen ist, so völlig losgelöst von Charme ist auch Mannheim.

Hätten die beiden mittelgroßen Metropolen von Baden-Württemberg als Highlights nicht wenigstens weltweit geschätzte Eliteuniversitäten und einige gute Arbeitgeber, man würde wohl schon bald gar nicht mehr in diese Städte ziehen wollen. Denn unterm Strich kann man nur sagen:

Karlsruhe oder Mannheim – diese Städte sind stadtplanerisch völlige Fehlgriffe und verdienen nur ein Etikett: Das ist das Sinnbild dafür, warum der Westen der neue Osten ist. Schöner leben geht heute eher in Sachsen, Brandenburg oder Thüringen, als in solch üblen, abgewirtschafteten westdeutschen Städtchen. Dabei liegt dies sicherlich nicht alles am mangelnden Geld in den Stadtkassen. Sondern auch am Willen. Und am Geschmack.

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