In Dubai oder Abu Dhabi gibt es keine Zeitungskrise, sagt ein Onliner der von der Khaleej Times oder Gulf News begeistert ist

Beispiel Gulf News: Vier dicke Zeitungsbücher erwarten den Leser beispielsweise in der Ausgabe vom 24. April 2014. Dabei variiert die Zeitung in der Papierqualität, als auch in der Größe und Aufmachung der unterschiedlichen Zeitungs-Bücher und redaktionellen Zeitungsbeilagen - und das mitten in der Woche, nicht nur in der Wochenendausgabe.

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Keine Zeitungskrise in Dubai oder Abu Dhabi. Deutsche Verleger könnten dort lernen.

Wer in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist und dort sich die drei führenden Tageszeitungen anschaut, die Gulf News, Khaleej Times (beide englischsprachig) sowie die arabische Wochenzeitung Albayan (الصفحة الرئيسية - البيان), dem fällt vor allem auf: Es gibt dort keine Zeitungskrise. Zustände, von denen der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) im Haus der Presse in Berlin nur träumen kann. Doch die Krise der Verleger von BDZV, VDZ oder BVDA ist auch hausgemacht.

Das erste Zeitungsbuch wird komplett in ähnlichem Papier geboten, wie es in Deutschland beispielsweise DER SPIEGEL seinen Lesern bietet - nämlich auf edlem satiniert-glänzendem Papier. Das hat fast eine Qualität wie Artikel oder Werbung auf einem Tablet-PC. Es bringt für die Gulf News den schönen Effekt, dass die Tageszeitung, wie auch die ähnlich produzierte Khaleej Times, einen edlen frischen Eindruck macht. Er ist gänzlich anders, als jener von genutztem Kloopapier, wie es in Deutschland einige regionalen Abo-Tageszeitungen oder Anzeigenzeitungen aufweisen.

Das ist ein Umfeld, das auch Anzeigenkunden zu schätzen wissen: Schon auf der ersten Seite schaltet ein edler Uhrenhersteller eine große Eckfeldanzeige: Audemars Piguet. Es folgt gleich auf Seite zwei eine halbseitige Anzeige von ADCB, einem Büro für "Personal Loans for Business Owners". Direkt gegenüber, auf Seite drei, folgen großflächige Werbeanzeigen von Crate & Barrel oder der Canadian University of Dubai.

Eine solche Anzeigendichte findet man in Deutschland faktisch in keiner Tageszeitung mehr - weder in den regionalen Abo-Tageszeitungen noch in den nationalen Qualitätszeitungen, noch den Boulevardzeitungen.

In Dubai oder Abu Dhabi leben Zeitungen sehr gut - trotz Internet

Besonders erstaunlich ist: In arabischen Tageszeitungen, wie den Gulf News (aber auch der Khaleej Times) durchziehen faktisch alle Branchen das Blatt. Ob Nissan (halbseitige Anzeige), oder citi Bank (ebenfalls halbseitige Anzeige), ob Elektronikmärkte wie Jumbo Electronics (ganzseitige Anzeige) oder Damas Schmuck (halbseitige Anzeige), ob der chinesische Unterhaltungselektronik-Konzern Lenovo (ganzseitige Anzeige) oder LG (ganzseitige Anzeige) - die Fülle an werblicher Präsenz ist in den Gulf News so stark, dass man sich verwundert fragt: Ist denn die digitale Revolution auf der arabischen Halbinsel vorbeigestreift? Denn eines ist klar: Ohne Erlöse aus Werbung und Anzeigen, gibt es immer weniger Qualitäts-Journalismus in Zeitungen (oder Zeitschriften). Vertriebserlöse alleine genügen nicht.

Für Dubai oder Abu Dhabi gilt: Die digitale Revolution ist auch dort nicht vorbeigegangen, es gibt auch dort zahlreiche Onlineportale. Doch irgendwie ist es den regionalen Tageszeitungen Gulf News oder Khaleej Times, auch der arabischen Wochenzeitung Albayan (الصفحة الرئيسية - البيان), gelungen, der werbungtreibenden regionalen wie globalen Wirtschaft zu belegen, dass sich Werbung lohnt.

Das gelang auch durch eine äußerst kreative Zeitungsmache, die Abwechslung bietet, statt langweiligem lokalem und politischem Einheitsbrei, der sich hörig an Berliner oder Washingtoner Verlautbarungen orientiert (aktuelles Beispiel: Das immer und immer und immer wieder wiederholte Lamentieren über Russland, Putin und die Ukraine). Früher sagte man, die Stärke der deutschen Tageszeitungen sei ihre starke lokale Verankerung. Das mag stimmen. Doch kann es nicht bedeuten, dass faktisch dreiviertel der sonstige Themen, welche die Menschen interessieren, fehlen und dass die Leser nicht mehr überrascht werden.

Selbst überregionale Tageszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt oder Frankfurter Rundschau sind doch, um es mal auf den Punkt zu bringen, häufig meilenweit im Bereich der internationalen Berichterstattung hinter dem zurück, was Zeitungen wie die britische The Times oder die Gulf News, auch die New York Times, bieten.

Vom schwierigen Nordischen Format

Doch es geht nicht nur um die Redaktion: Ein Chefredakteur einer großen deutschen Tageszeitung sagte gegenüber netz-trends.de, wonach er sich bewusst sei, wie schwierig beispielsweise das Nordische Zeitungsformat (also das größte) sei, auch dass die Papierqualität nicht für werbliche Anzeigen ideal sei, aber leider habe man doch langfristige Verträge mit der Druckerei.

Das leidige Thema der teuren Druckereien - selbst im Falle der nun insolvent gegangenen Münchner Abendzeitung (AZ), scheint es eine erhebliche negative Einflussgröße gehabt zu haben. Doch für den Leser, Rezipienten, der zwischen Print und Online sich entscheiden muss, kann ein solches Argument nicht im Zentrum stehen.

Liebe BDZV-Zeitungsverlage, aber auch VDZ-Verlage (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) oder BVDA-Verlage (Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter): Bitte fahrt mal nach Dubai, Abu Dhabi und schaut euch die dortigen Zeitungen an, dann werdet Ihr sehen, dass nicht wenige eurer Print-Mitgliedsverlage teils um Galaxien vom modernen Zeitungsmachen entfernt sind.

Es ist nicht immer die Schuld des Chefredakteurs oder Anzeigenleiters...

Der drohende oder tatsächliche Untergang von deutschen Traditions-Tageszeitungen wie der Berliner Morgenpost, der Abendzeitung und einigen anderen Tageszeitungen, ist auch Zeugnis verlegerischen Versagens, der peinlichen Kapitulation vor Online.

Online ist first. Das mag sein. Das kann und darf aber doch nicht heißen, dass man das Zeitungsverlegen nicht mehr professionell betreibt. Da muss sich keiner wundern, warum in Deutschland immer weniger junge Menschen zur Tageszeitung greifen.

Dabei ist es nicht nur die Aufgabe eines Chefredakteurs oder Anzeigenleiters, seine Leser zu überraschen, sondern auch des Verlegers, seines Geschäftsführers, des Verlagsleiters, der Druckerei. Denn die Gulf News, Khaleej Times oder die Wochenzeitung Albayan (الصفحة الرئيسية - البيان) belegen: Wer kreativ Zeitung macht, in Papierqualität und Aufmachung, auch in die Größe und gestalterische Qualität der Zeitungsbücher variiert, der kann nach wie vor mit spannenden Produkten auch junge Leser fesseln.

Die Zeitungskrise in Deutschland ist, lieber BDZV, lieber BVDA, lieber VDZ, auch hausgemacht. Deshalb wünscht Euch netz-trends: Werdet wieder mutiger und kreativer und glaubt nicht, dass immer nur die Chefredakteure Schuld haben, wenn die Auflagen sinken oder die Anzeigenverkäufer, wenn die Erlöse zurückgehen. Damit macht ihr es euch erheblich zu einfach. Das wünscht euch ein Onliner, der von arabischen Zeitungen begeistert ist, aber nicht mehr oder immer seltener von deutschen.

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