Das Wichtigste in Kürze

  • Der Kreditversicherer Allianz Trade zählt für Deutschland 33 Großinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026, zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Als Großinsolvenz gilt dabei ein Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz.
  • Auf Deutschland entfallen nach diesen Angaben 97 der 325 westeuropäischen Großinsolvenzen der vergangenen zwölf Monate – rund 30 Prozent. Frankreich folgt mit 69, Italien mit 62 Fällen.
  • Die amtliche Insolvenzstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt für den zuletzt veröffentlichten Monat Mai 2026 dagegen einen Rückgang um 2,0 Prozent. Beide Zahlenwerke messen Unterschiedliches – der Vergleich erklärt, warum.

Die Zahl der großen Firmenpleiten in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2026 nach Angaben eines Kreditversicherers weiter gestiegen. Das geht aus einer Mitteilung des Kreditversicherers Allianz Trade hervor, die das Unternehmen am Freitagvormittag um 9.25 Uhr veröffentlicht hat. Danach registrierte der Versicherer im ersten Halbjahr 2026 in Deutschland 33 Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Die Zahl, die der Mitteilung ihre Überschrift gibt, ist eine andere: Über die vergangenen zwölf Monate zählt Allianz Trade in Westeuropa 325 solcher Fälle, 97 davon in Deutschland. Milo Bogaerts, nach Unternehmensangaben Vorstandschef von Allianz Trade für Deutschland, Österreich und die Schweiz, wird mit dem Satz zitiert: „Jede dritte Insolvenz in Westeuropa in den vergangenen zwölf Monaten kommt aus Deutschland.“ Rechnerisch sind es 29,8 Prozent.

Balkendiagramm: Deutsche Großinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 nach Branchen. Automobilbranche 7 Fälle, Einzelhandel 5, Maschinenbau 4, Dienstleistungen 4, übrige Branchen 13.
Verteilung der 33 deutschen Großinsolvenzen des ersten Halbjahres 2026 auf die vom Kreditversicherer genannten Branchen. Die Restgröße „übrige Branchen“ ergibt sich aus der Differenz zur Gesamtzahl. Grafik: NETZ-TRENDS-Redaktion, Datengrundlage: Allianz Trade, Mitteilung vom 4. September 2026.

Die Automobilbranche stellt mehr als jeden fünften Fall

Nach den Angaben des Versicherers verteilen sich die 33 deutschen Fälle des ersten Halbjahres auf vier hervorgehobene Branchen: sieben entfielen auf die Automobilbranche, fünf auf den Einzelhandel, je vier auf Maschinenbau und Dienstleistungen. Die restlichen 13 Fälle ordnet die Mitteilung keiner Branche einzeln zu.

Sieben von 33 Fällen sind gut 21 Prozent. Für eine einzelne Branche ist das ein hoher Anteil, er fällt in eine Phase, in der sich auch die Neuwagenpreise in Deutschland stark verschoben haben. Ob und wie beides zusammenhängt, lässt sich aus der Mitteilung nicht ableiten: Welche Unternehmen konkret gemeint sind, nennt die Mitteilung nicht; überprüfbar ist an dieser Stelle allein die Zahl, nicht ihre Zusammensetzung.

Bogaerts wird mit der Einschätzung zitiert, das sei „ein Warnsignal für die deutsche Wirtschaft“, der Anpassungsdruck in vielen Branchen bleibe „weiterhin enorm“. Für das restliche Jahr erwartet der Versicherer nach eigenen Angaben „keine nachhaltige Entspannung“.

Der Umsatz je Fall sinkt, obwohl die Fallzahl steigt

Eine zweite Zahlenreihe der Mitteilung wird leicht überlesen. Die insolventen Großunternehmen kamen im ersten Halbjahr 2026 zusammen auf rund 4,5 Milliarden Euro Jahresumsatz, drei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der durchschnittliche Umsatz je Fall lag bei 137 Millionen Euro – und damit sieben Prozent niedriger als ein Jahr zuvor.

Beides zusammen beschreibt eine Verschiebung, die die Mitteilung selbst nicht ausdrücklich benennt: Es sind mehr Fälle, aber im Schnitt kleinere Unternehmen. Der Anstieg der Gesamtsumme kommt in dieser Rechnung überwiegend aus der Zahl der Fälle, nicht aus deren Größe. Für Beschäftigte und Lieferanten ändert das wenig, für die Einordnung des Trends aber einiges: Ein einzelner sehr großer Fall würde die Summe stärker bewegen als zwei mittlere.

Die amtliche Statistik zählt anders – und zeigt für Mai einen Rückgang

Wer die Zahlen des Versicherers neben die amtliche Insolvenzstatistik legt, sieht auf den ersten Blick einen Widerspruch. Das Statistische Bundesamt meldete in seiner Pressemitteilung Nummer 288 vom 14. August 2026 für den Monat Mai 2026 exakt 1.995 beantragte Unternehmensinsolvenzen in Deutschland – 2,0 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Für die Monate Januar bis Mai zusammen weist die Behörde 10.546 Fälle aus, 4,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Ein Widerspruch ist das nicht, weil beide Zahlenwerke Verschiedenes messen. Drei Unterschiede sind entscheidend.

Merkmal Allianz Trade Statistisches Bundesamt
Erfasste Unternehmen nur ab 50 Mio. € Jahresumsatz alle Unternehmen, unabhängig von der Größe
Fallzahl im Berichtszeitraum 33 (1. Halbjahr 2026, Deutschland) 10.546 (Januar bis Mai 2026)
Zeitpunkt der Erfassung nicht veröffentlicht nach erster Gerichtsentscheidung, Antrag oft rund drei Monate früher
Aktuellster Stand 1. Halbjahr 2026 und rollierende zwölf Monate Mai 2026
Forderungen der Gläubiger, Jan.–Mai – (nicht ausgewiesen) 15,4 Mrd. € (Vorjahr: 25,7 Mrd. €)
Quellen: Allianz Trade, Mitteilung vom 4. September 2026; Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 288 vom 14. August 2026. Beide Zahlenreihen beziehen sich auf Deutschland, sind aber wegen abweichender Abgrenzung nicht unmittelbar vergleichbar.

Der wichtigste Unterschied ist die Abgrenzung. Die amtliche Statistik erfasst jede Unternehmensinsolvenz vom Einzelbetrieb bis zum Konzern; der Versicherer betrachtet ausschließlich das obere Ende. Dass die Gesamtzahl im Mai leicht zurückgeht, während die Zahl der großen Fälle steigt, ist deshalb kein Gegensatz, sondern eine Aussage über die Verteilung: Nach der amtlichen Statistik wurden es zuletzt nicht mehr Fälle, nach den Angaben des Versicherers aber mehr große.

Der zweite Unterschied betrifft den Zeitpunkt. Das Statistische Bundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass die Anträge erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik einfließen und der tatsächliche Antrag „in vielen Fällen annähernd drei Monate“ davor liegt. Die amtlichen Mai-Zahlen bilden damit in vielen Fällen Anträge ab, die im Februar gestellt wurden. Wann der Versicherer einen Fall zählt, geht aus der Mitteilung nicht hervor.

Der dritte Unterschied liegt in der Geldgröße. Das Bundesamt beziffert die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger für Januar bis Mai 2026 auf rund 15,4 Milliarden Euro nach 25,7 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum – ein deutlicher Rückgang. Der Versicherer nennt keine Forderungssumme, sondern den Jahresumsatz der insolventen Unternehmen. Das sind zwei verschiedene Größen, die sich nicht ineinander umrechnen lassen; wer sie nebeneinanderstellt, vergleicht nicht.

Drei Zeiträume in einer Mitteilung

Ein Punkt erschwert das Lesen der Mitteilung zusätzlich: Sie stellt drei verschiedene Zeiträume nebeneinander, ohne sie im Fließtext deutlich zu trennen. Genannt werden das erste Halbjahr 2026 mit 33 deutschen Fällen, das Kalenderjahr 2025 mit 94 Fällen – nach Angaben des Versicherers der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2015 – und ein rollierender Zwölfmonatszeitraum mit 97 Fällen.

Welche Monate dieser Zwölfmonatszeitraum genau umfasst, teilt die Mitteilung nicht mit. Damit lässt sich von außen nicht nachrechnen, wie sich die 97 Fälle auf die Halbjahre verteilen und ob die Entwicklung innerhalb des Jahres gleichmäßig verlief. Auch für die weltweite Einordnung – 247 Großinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026, ein Plus von 13 Prozent, sowie ein westeuropäischer Anteil von mehr als 60 Prozent an den weltweiten Fällen – wechselt der Bezugszeitraum zwischen Halbjahr und Zwölfmonatsbetrachtung.

Was eine Herausgeberdarstellung leisten kann – und was nicht

Allianz Trade ist ein Kreditversicherer; das Insolvenzgeschehen gehört damit zum eigenen Geschäftsfeld des Unternehmens. Die veröffentlichten Zahlen stammen aus einer Erhebung des Versicherers. Eine Methodenbeschreibung, eine Liste der erfassten Fälle oder einen Hinweis auf eine externe Prüfung enthält die Mitteilung nicht. Nachprüfbar ist von außen deshalb, was das Unternehmen mitteilt – nicht, wie es zu den Werten gelangt. Bei der amtlichen Insolvenzstatistik liegt es umgekehrt: Erhebungsweg und zeitlicher Verzug sind in der Veröffentlichung benannt, dafür erscheint sie später und trennt nicht nach Unternehmensgröße.

Was die Zahlen für Beschäftigte und Gläubiger bedeuten

Eine Großinsolvenz nach der hier verwendeten Definition betrifft ein Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Wie viele Arbeitsplätze in den 33 deutschen Fällen des ersten Halbjahres hängen, teilt der Versicherer nicht mit; eine Beschäftigtenzahl enthält die Mitteilung nicht. Belastbar ist damit die Aussage über die Zahl der Unternehmen, nicht über die Zahl der betroffenen Menschen.

Für Gläubiger – Lieferanten, Dienstleister, Vermieter – ist die Unterscheidung zwischen Fallzahl und Fallgröße die praktisch wichtigere. Ein durchschnittlicher Jahresumsatz von 137 Millionen Euro je Fall bedeutet nicht, dass Forderungen in dieser Höhe ausfallen; er beschreibt die Größe des Unternehmens, nicht die Höhe der offenen Rechnungen. Die einzige veröffentlichte Größe zu tatsächlichen Forderungen stammt vom Statistischen Bundesamt und bezieht sich auf alle Unternehmensinsolvenzen in Deutschland: 15,4 Milliarden Euro von Januar bis Mai 2026.

Für Österreich und die Schweiz enthält die Mitteilung keine gesonderten Zahlen. Genannt werden neben Deutschland nur Frankreich mit 69, Italien mit 62 und Großbritannien mit 45 Fällen im Zwölfmonatszeitraum; die verbleibenden 52 Fälle verteilen sich auf das übrige Westeuropa, ohne dass die Mitteilung sie einzelnen Ländern zuordnet.

Was als Nächstes ansteht

Der nächste unabhängig prüfbare Datenpunkt steht in genau einer Woche an. In seiner Terminvorschau für den 7. bis 11. September 2026 kündigt das Statistische Bundesamt für Freitag, den 11. September, unter der Nummer 325 die Veröffentlichung „Insolvenzen, Juni und 1. Halbjahr 2026“ an. Damit liegen erstmals amtliche Zahlen für denselben Zeitraum vor, über den der Versicherer heute berichtet hat.

Direkt vergleichbar werden die beiden Zahlenreihen dadurch nicht, weil die amtliche Statistik weiterhin alle Unternehmensgrößen zusammenfasst und den Antrag erst nach der Gerichtsentscheidung erfasst. Sie zeigt aber, wie sich das Insolvenzgeschehen insgesamt im ersten Halbjahr entwickelt hat – und damit, ob die steigende Zahl großer Fälle in eine steigende oder in eine rückläufige Gesamtzahl fällt. Bis dahin gilt: Die eine Zahlenreihe weist mehr große Pleiten aus, die andere für den zuletzt erfassten Monat weniger Fälle insgesamt, und beide können zutreffen.

Wie beurteilen Sie die Lage – erleben deutsche Unternehmen gerade eine Zuspitzung bei den großen Insolvenzen, oder verschiebt sich das Geschehen nur innerhalb der Größenklassen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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