Das Wichtigste in Kürze

  • Der Verband der Chemischen Industrie meldet für das zweite Quartal 2026 einen Branchenumsatz von 54,5 Milliarden Euro, 7,3 Prozent mehr als im Vorquartal – nach Verbandsangaben der erste spürbare Anstieg seit über drei Jahren.
  • Getragen wird das Plus überwiegend von Preisen: Die Erzeugerpreise der Branche stiegen um 5,7 Prozent zum Vorquartal, die Produktion nur um 2,4 Prozent. Als Ursache nennt der Verband den Nahostkonflikt.
  • Die Kapazitätsauslastung der Chemie sank im selben Zeitraum von 75,1 auf 73,2 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet der Verband weiterhin einen Produktionsrückgang von 1,5 Prozent bei einem Umsatzplus von 2,5 Prozent.

Der Umsatz der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie ist im zweiten Quartal 2026 nach Angaben ihres Branchenverbands erstmals seit über drei Jahren wieder spürbar gestiegen. Das geht aus der Mitteilung zum Quartalsbericht 2/2026 hervor, die der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am Donnerstagmorgen um 8.35 Uhr veröffentlicht hat. Der Branchenumsatz stieg demnach um 7,3 Prozent auf 54,5 Milliarden Euro, die Produktion legte saisonbereinigt um 2,4 Prozent zu.

Die Überschrift, die der Verband selbst über diese Zahlen setzt, lautet allerdings: „Atempause statt Aufschwung“. VCI-Präsident Markus Steilemann wird mit den Worten zitiert: „Das Plus bei Produktion und Umsatz ist erfreulich, aber trügerisch. Vorratskäufe und geopolitische Verwerfungen sind keine Trendwende.“

Der Verband meldet damit ein Wachstum und relativiert es im selben Text. Ein Abgleich mit den amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes und mit dem eigenen Vorquartalsbericht des Verbands zeigt, worauf diese Zurückhaltung sich stützt – und an welchen drei Stellen die veröffentlichten Angaben Fragen offenlassen.

Das Umsatzplus ist zu großen Teilen ein Preisplus

Von den 7,3 Prozent Umsatzwachstum entfällt der größere Teil nicht auf verkaufte Mengen, sondern auf höhere Preise. Die Erzeugerpreise der Branche stiegen nach Verbandsangaben um 5,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal und lagen 5,3 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Produktion wuchs im selben Zeitraum um 2,4 Prozent.

Wer beide Größen nebeneinanderlegt, sieht: Die Branche verkauft etwas mehr, vor allem aber teurer. Der Verband benennt das selbst und führt es auf den Nahostkonflikt zurück – gestiegene Preise für Rohöl, Naphtha und Gas erhöhten den Kostendruck spürbar, heißt es in der Mitteilung. Hinzu kämen Vorratskäufe der Kundschaft und Lieferkettenprobleme bei Wettbewerbern aus Asien und dem Nahen Osten, die einigen deutschen und europäischen Herstellern zugutegekommen seien.

Die amtliche Statistik stützt diese Ursachenzuschreibung. Das Statistische Bundesamt wies in seiner Pressemitteilung Nummer 298 vom 20. August 2026 für den Monat Juli einen Anstieg der Erzeugerpreise für chemische Grundstoffe von 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Bei Mineralölerzeugnissen waren es 31,4 Prozent, bei Rohbenzin – dem wichtigsten Rohstoff der Chemie – 34,6 Prozent. Als Ursache nennt die Behörde ausdrücklich „Kriegshandlungen im Iran und Nahen Osten“.

Die Energiepreise zogen erst nach dem Berichtsquartal stark an

Ein Blick auf die zeitliche Abfolge lohnt sich. Das zweite Quartal umfasst die Monate April bis Juni. Die Energiepreise in Deutschland stiegen aber erst danach deutlich: Nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes zum Verbraucherpreisindex lag die Teuerung für Energie im Juni bei 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, im Juli bei 8,3 Prozent und im August bei 10,5 Prozent.

Diese Werte messen die Preise für Endverbraucher und nicht die Rohstoffkosten der Chemie. Sie zeigen aber, dass sich die Verteuerung im Energiebereich erst nach dem Berichtszeitraum des Quartalsberichts beschleunigt hat. Für die Monate Juli und August liegen noch keine Branchenzahlen vor. Ob die vom Verband beschriebene Entwicklung damit ihren Höhepunkt bereits hinter sich hat oder noch vor sich, lässt sich anhand der jetzt veröffentlichten Daten nicht beantworten.

Kennzahl der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie 1. Quartal 2026 2. Quartal 2026
Produktion, Veränderung zum Vorquartal − 2,8 % + 2,4 %
Umsatz, Veränderung zum Vorquartal + 2,1 % + 7,3 %
Umsatz absolut 50,9 Mrd. € 54,5 Mrd. €
Erzeugerpreise, Veränderung zum Vorquartal + 0,2 % + 5,7 %
Kapazitätsauslastung Chemie 75,1 % 73,2 %
Quellen: VCI-Quartalsbericht 1/2026 vom 29. Mai 2026 und VCI-Mitteilung zum Quartalsbericht 2/2026 vom 3. September 2026. Die Auslastungswerte beziehen sich nach Quellenangabe des Verbands auf die Chemie ohne Pharma; als langjährigen Durchschnitt nennt der Verband 83 Prozent.

Die Auslastung sinkt, obwohl die Produktion steigt

Eine Zahl des Berichts fällt bei genauerem Hinsehen auf: Die Kapazitätsauslastung lag im zweiten Quartal bei 73,2 Prozent. Im Quartalsbericht 1/2026 hatte der Verband für die vorangegangenen drei Monate noch 75,1 Prozent ausgewiesen; die Auslastung sei damit leicht gestiegen, hieß es dort.

Die Auslastung ist also um 1,9 Punkte gefallen, während die Produktion um 2,4 Prozent zulegte. Beides zusammen ist erklärungsbedürftig, aber kein Widerspruch: Der Verband weist die Auslastungswerte laut Quellenangabe seines Vorquartalsberichts für die Chemie ohne Pharma aus, Produktions- und Umsatzzahlen dagegen für beide Sparten zusammen. Ein Rückgang in der Chemie bei gleichzeitigem Zuwachs im Pharmabereich würde die Zahlen in Einklang bringen.

Ob es sich so verhält, geht aus der Mitteilung nicht hervor: Eine nach Sparten getrennte Darstellung der Produktion enthält sie nicht, und eine Erklärung für den Rückgang der Auslastung ebenfalls nicht.

Der Verband nennt zwei verschiedene Beschäftigtenzahlen

Im Kurzporträt am Ende der aktuellen Mitteilung beziffert der VCI die Branche auf „rund 545.000 Beschäftigte in Deutschland“ bei 230 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025 und rund 2.000 Unternehmen.

In seiner eigenen Konjunkturstatistik steht eine deutlich niedrigere Zahl. Im Quartalsbericht 1/2026 heißt es wörtlich, die Beschäftigung in der Branche sei um rund ein Prozent „auf 471.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ zurückgegangen; der leichte Zuwachs im Pharmabereich habe den Stellenabbau in der Chemie nicht ausgleichen können. Zwischen beiden Angaben liegen gut 70.000 Personen.

Beide Werte stammen vom selben Verband und widersprechen einander nicht zwingend – die amtliche Monatsstatistik, auf der die Konjunkturzahlen beruhen, erfasst nur Betriebe ab 50 Beschäftigten, während das Kurzporträt offenbar die Gesamtbranche meint. Erläutert wird die Differenz in der Mitteilung allerdings nicht, und die beiden Zahlen sind nicht gegeneinander austauschbar.

Drei Punkte, die der Bericht offenlässt

  • Warum die Kapazitätsauslastung von 75,1 auf 73,2 Prozent fällt, während die Produktion um 2,4 Prozent steigt – und wie sich Produktion und Umsatz auf Chemie und Pharma verteilen.
  • Worauf sich der als Vergleichsmaßstab genannte „langjährige Durchschnitt“ von 83 Prozent bezieht und über welchen Zeitraum er gebildet wurde.
  • Wie sich die 545.000 Beschäftigten des Kurzporträts zu den 471.500 der eigenen Konjunkturstatistik verhalten.

Die Mitteilung verweist für Einzelheiten auf den vollständigen Quartalsbericht. Auf der Übersichtsseite des Verbands zur wirtschaftlichen Lage war am Vormittag des 3. September als jüngster Quartalsbericht weiterhin der vom 29. Mai 2026 verzeichnet. Sobald die ausführliche Fassung vorliegt, dürfte sie einen Teil dieser Fragen beantworten.

Bei Verbrauchern kommt der Konflikt an der Tankstelle an, nicht im Drogerieregal

Naheliegend wäre die Annahme, dass Erzeugerpreise von plus 11,5 Prozent bei chemischen Grundstoffen mit einiger Verzögerung in den Regalen ankommen – bei Reinigungsmitteln, Körperpflege, Verpackungen. In den bislang veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes lässt sich das nicht belegen.

In der Übersicht der auffälligsten Preisveränderungen für den Berichtsmonat Juli 2026, Stand 12. August, tauchen weder Reinigungsmittel noch Körperpflegeprodukte oder Arzneimittel auf. Was dort steht, sind Dieselkraftstoff mit 26,5 Prozent, Superbenzin mit 22,1 Prozent und Heizöl mit 22,0 Prozent Preisanstieg gegenüber dem Vorjahr. Auf der Seite der Rückgänge steht unter anderem Strom mit minus 5,3 Prozent.

Der Nahostkonflikt erreicht die Haushalte in Deutschland derzeit also unmittelbar über die Tankstelle und die Heizkostenabrechnung – nicht über den Umweg der Chemieprodukte. Die Inflationsrate lag im August 2026 nach der Schnellschätzung des Statistischen Bundesamtes vom 31. August bei 2,9 Prozent, Energie verteuerte sich um 10,5 Prozent, die Kerninflation lag bei 2,4 Prozent.

Das kann sich ändern, weil Erzeugerpreise den Verbraucherpreisen typischerweise vorauslaufen. Belegt ist ein solcher Durchschlag auf die genannten Produktgruppen bislang aber nicht.

Was als Nächstes ansteht

Der nächste belastbare Datenpunkt steht in einer Woche an: Das Statistische Bundesamt hat die endgültigen Verbraucherpreise für August 2026 für den 10. September angekündigt. Die Schnellschätzung wies für Energie bereits einen Anstieg von 10,5 Prozent aus. Die Erzeugerpreise für August und die Produktionszahlen für Juli folgen im weiteren Monatsverlauf und werden zeigen, wie sich Kosten und Mengen nach dem Berichtsquartal entwickelt haben.

Für das Gesamtjahr bleibt der VCI bei seiner bisherigen Prognose: ein Rückgang der Produktion um 1,5 Prozent bei einem Umsatzplus von 2,5 Prozent. Der Verband weist selbst darauf hin, dass dieses Plus „überwiegend preisbedingt“ wäre – die Branche würde also auch 2026 weniger herstellen und trotzdem mehr einnehmen.

Wie beurteilen Sie die Lage der deutschen Chemieindustrie – erleben wir eine beginnende Erholung oder nur eine Verschnaufpause? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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