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Aktueller Spiegel-Titel will Macht des Silicon Valley aufzeigen.
01.03.2015

In einem mehrseitigen Artikel widmet sich das deutsche wöchentlich erscheinende Print-Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (über eine Millionen Leser pro Ausgabe; Nr. 10 vom 28. Februar 2015) der zunehmenden Macht von Tech-Firmen im kalifornischen Silicon Valley.

Auch wenn es kaum ein deutsches Medium gibt, das nach wie vor so stark Themen in der Öffentlichkeit setzen kann, wie DER SPIEGEL: Die Titelgeschichte von Autor Thomas Schulz hält nicht ganz, was sie vom Titelbild her verspricht: "Die Weltregierung. Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert".

Auf dem Titelblatt des SPIEGEL sind die Gesichter der US-Größen des Kriegs um die Macht im Internet zu sehen: Apple-Chef Tim Cook, Uber-Chef Travis Cordell Kalanick, der Co-Gründer von Google, Sergey Brin, Yahoo-Chefin Marissa Mayer und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Doch gelingt es SPIEGEL-Autor Thomas Schulz nicht, in die Tiefen der tatsächlichen Macht von Google & Co vorzudringen: Kein großes Wort davon, wie abhängig auch in Deutschland Millionen Jobs direkt von Google sind. Kaum ein Wort davon, was denn die Google-Macht tatsächlich ausmacht - nämlich die Werbesysteme Google AdWords und Google Adsense und auch die Macht von Big Data und Big Audience. Auch erfahren wir wenig über die direkte wirtschaftliche Abhängigkeit Hunderttausender im Internet tätiger Unternehmen von Google.

Kunden zahlen an Google auch in Deutschland bis zu 150 Millionen Euro im Jahr

Beispiel Google die Werbe-Weltmacht: Wer in Google nicht Anzeigen schaltet, der kann kaum Geschäfte tätigen: Ob Check24 oder andere Portalanbieter - wer nicht mindestens 30 bis 150 Millionen Euro im Jahr alleine in Google-Werbung steckt (Google AdWords), kann im E-Commerce nicht erfolgreich sein.

Das liegt daran, dass bis zu 99% der E-Commerce Umsätze auch in Deutschland direkt von der Präsenz in Googles Werbesystem Google AdWords abhängig sind. Wer nicht an Google viele Millionen Euro jährlich überweist, kommt faktisch als wirtschaftliche Größe im E-Commerce in vielen Ländern - auch in Deutschland - nicht vor. Nicht ganz so groß ist die Abhängigkeit für Nachrichtenseiten, aber auch sie ist da. Legt Google einen sogenannten "Filter" über eine Webseite, sind ihre Nachrichten einfach nicht mehr auffindbar im Google-Index. Das ist dann der Tod für einen Publisher.

Netz-trends.de kennt Beispiele wo Google selbst über Webseiten solche Filter gelegt hat, die einstmals über eine Millionen Nutzer (Unique User) im Monat hatten. Teils hielt Google solche Filter über Jahre aufrecht. Warum eine Seite von Google abgestraft wird – das erfährt man im Detail in aller Regel weder in Googles Europazentrale in Dublin, noch im Headquarter im kalifornischen Mountain View.

So gut wie nicht geht der aktuelle SPIEGEL-Artikel auch auf das große zunehmende Problem ein, dass sich sowohl Google wie Apple 95% des Smartphone-Marktes Dank iOS und Google Android aufteilen. Wer eine App unters Volk bringen will, der kommt an Google und Apples Handy-Betriebssystem nicht vorbei. Es sind Google und Apple, die entscheiden, ob eine App auf Google Play oder dem App Store von Appel gut oder schlecht oder gar nicht präsentiert wird.

Wer eine App hat, kommt an Google und Apple nicht vorbei

Deshalb haben deutsche Apps kaum eine Chance auf Erfolg in der Welt von Apple und Google. Alleine Googles Handy-Betriebssystem Google Android ist mittlerweile auf über einer Milliarde Handys oder Tablet-PCs installiert. Eine Milliarde Handy-Nutzer sind also direkte Kunden im Google-Weltreich. Das Ziel sind zwei Milliarden Nutzer – jeder dritte bis vierte Mensch auf diesem Globus.

So wichtig die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte ist, so ist doch schade, dass es auch keine Hinweise auf die Themen gibt: Mangelnde Regulierung der EU hinsichtlich des Wettbewerbs im E-Commerce im Netz und die daraus resultierenden aktuell in der EU-Kommission vorliegenden Wettbewerbsbeschwerden.

Der SPIEGEL hätte auch nur im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin nachfragen müssen, dann hätte er gesehen, wie erdrückend der Machtanspruch von Google sein kann und zwar anhand aktueller Charts bezüglich von Preisvergleichsseiten in Deutschland.

Seitdem Google seine eigenen Produkte wie Google Products oder - aktuell - Google Compare (soll größter Finanzmakler weltweit werden) ausbaut, verloren 2014 seltsamerweise selbst beste deutsche Preisvergleichsseiten an Sichtbarkeit im Google Index.

Wenn Google Filter über Webseiten legt - sind sie weg

Teils ging die Sichtbarkeit von Webseiten, welche in Konkurrenz zu Google’s Geschäftsinteressen stehen, um bis zu 80% im Google Such-Index zurück. Das heißt: Auf eine Suchanfrage wurden die Webseiten-Ergebnisse einfach nicht mehr angezeigt. Doch 80% Verlust an Sichtbarkeit im Google Such- und Finde-Index bedeutet 80% weniger Klicks und folglich 80% weniger Umsatz.

Wir sprechen also von einer existentiellen Abhängigkeit ganzer Wirtschaftsbereiche von der Macht der Amerikaner. Google ist so, also würde eine einzige Person sämtliche Gehwege, Straßen und Schotterpisten, selbst die Landebahnen für Flugzeuge, privat verwalten und von jedem, der sie nutzen möchte, einen Wegezoll erheben.

Noch niemals war so viel Macht in privater Hand. Die Internet-Branche liebt Google und fürchtet Google. Ist so viel Macht mit einer Demokratie kompatibel, fragen sich immer mehr? Doch was getan werden kann, weiß auch niemand so recht.

Es gibt Pläne, die allen Internet-Suchmaschinen vorschreiben möchten, dass bereits auf der Startseite in gleicher Fläche Konkurrenz-Suchmaschinen gelistet werden müssen. Das würde zumindest etwas die Macht der Amerikaner einschränken.

Facebook und die Macht des Publikums

Neben Google ist Apple die zweite große Koordinate in der digitalen Ergreifung der Weltmacht und Microsoft die dritte. Auch Facebook hat enorme Macht: Die Macht des Klatsches über Gott und die Welt. Und die Macht des Verbindens von über einer Milliarde Menschen.

Wie auch immer: Unterm Strich ist die aktuelle SPIEGEL-Geschichte absolut zeitgemäß und doch hat sie es nicht geschafft, das Thema "Macht des Silicon Valley" mit der nötigen Relevanz zu füttern, die angebracht und notwendig wäre.

Wie auch: Außer dass einige US-Größen von Silicon Valley zu Wort kommen, wird beispielsweise die deutsche Internet-Szene mit einem Feedback so gut wie komplett ausgespart. Das dürfte auch daran liegen, dass selbst ein durchaus angesehener Autor wie Thomas Schulz vom SPIEGEL, immer noch nicht wirklich zu verstehen scheint, wie das Netz funktioniert und welche Abhängigkeit auch von Deutschland tatsächlich von den USA in der digitalen Welt vorhanden ist.

Am ehesten lässt sich die Macht der Größen in Silicon Valley mit dem Opec-Kartell der 1970er Jahre vergleichen:

Ohne Öl keine Industrie - das weiß man bis heute und deshalb werden bis heute ums Öl (und Gas) Kriege geführt. Das neue Öl der Menschheit ist das Internet und die darauf basierende digitale Kontrolle der Menschheit. Alles liegt in der Hand der USA. Das ist vielleicht des Pudels Kern, den wir gerne in der aktuellen SPIEGEL-Geschichte mit viel mehr Zahlen und Fakten und Verständnis für das Funktionieren dieser globalen Macht gelesen hätten.

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