Der Kauf ist seit dem 6. Oktober abgeschlossen: Die Technik soll den Spannungswandler direkt unter den KI-Prozessor setzen

Das Wichtigste in Kürze

  • Der US-Halbleiterhersteller Navitas Semiconductor hat der US-Börsenaufsicht SEC am 6. Oktober 2026 um 16:15 Uhr Ortszeit New York (22:15 Uhr MESZ) den Vollzug der Übernahme des Start-ups Claros gemeldet. Angekündigt worden war der Kauf am 24. August 2026 mit einem Gesamtwert von bis zu 232,8 Millionen Dollar.
  • Navitas setzte 2025 nach seinem Geschäftsbericht 45,9 Millionen Dollar um. Der maximale Kaufpreis entspricht damit gut dem Fünffachen des Jahresumsatzes; Claros wurde nach Unternehmensangaben erst 2024 gegründet.
  • Hintergrund ist der Umbau der Stromversorgung in KI-Rechenzentren: Nvidia will Serverschränke ab 2027 mit bis zu einem Megawatt betreiben und stellt dafür auf 800 Volt Gleichspannung um. Navitas und der deutsche Konzern Infineon gehören zu den 16 Partnerunternehmen, die Nvidia dafür benennt.

Der im kalifornischen Torrance ansässige Halbleiterhersteller Navitas Semiconductor hat die Übernahme des Start-ups Claros abgeschlossen. Das geht aus einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC hervor, die das Unternehmen am 6. Oktober 2026 um 16:15 Uhr Ortszeit New York und damit kurz nach Börsenschluss einreichte – in Deutschland war es da 22:15 Uhr. Angekündigt hatte Navitas den Kauf am 24. August 2026, als Zeitrahmen für den Vollzug nannte das Unternehmen damals einen Abschluss vor Jahresende 2026. Tatsächlich dauerte es rund sechs Wochen.

Der Vorgang ist aus zwei Gründen mehr als eine Firmenmeldung. Zum einen zahlt ein Unternehmen mit 45,9 Millionen Dollar Jahresumsatz einen Preis von bis zu 232,8 Millionen Dollar für ein Start-up, das es nach eigenen Angaben erst seit 2024 gibt. Zum anderen zeigt der Kauf, an welcher Stelle die Branche derzeit das Nadelöhr der KI-Rechenzentren vermutet: nicht bei den Rechenchips, sondern bei der Frage, wie der Strom überhaupt zu ihnen gelangt.

Der Spannungswandler rückt unter den Prozessor

Claros entwickelt nach der Darstellung von Navitas zwei eng verwandte Techniken: vertikale Stromzuführung (vertical power delivery, VPD) und integrierte Spannungsregler (integrated voltage regulator, IVR). Beide verfolgen dasselbe Ziel – die letzte Stufe der Stromumwandlung näher an den Prozessor zu bringen. Statt auf der Platine neben dem Chip zu sitzen und den Strom seitlich heranzuführen, sollen die Bauteile direkt unter oder im Gehäuse des Prozessors liegen.

Worum es technisch geht

Ein KI-Beschleuniger arbeitet mit weniger als einem Volt Kernspannung. Je geringer die Spannung bei gleicher Leistung, desto höher die Stromstärke – bei einem Prozessor im Kilowattbereich sind das mehrere tausend Ampere. Jeder Zentimeter Leiterbahn zwischen Spannungsregler und Chip kostet dabei Energie und verzögert die Regelung, wenn die Last binnen Mikrosekunden springt.

Vertikale Stromzuführung verkürzt diesen Weg, indem die Wandlerstufe unter den Chip wandert. Navitas-Chef Chris Allexandre spricht von einer „Power Wall“ – einer Mauer, die die nächste Prozessorgeneration in Serverschränken im Megawattbereich ausbremse. In den bei der SEC eingereichten Unterlagen nennt das Unternehmen keine unabhängig geprüften Messwerte zur Claros-Technik.

Der Kaufpreis übersteigt den Jahresumsatz um das Fünffache

Die Struktur des Geschäfts hat Navitas im August offengelegt: Rund 216,0 Millionen Dollar werden bei Vollzug in bar und in Navitas-Aktien der Klasse A fällig, der Rest soll über zwei Jahre in Aktien folgen, wenn vereinbarte Ziele erreicht werden. Als Referenzkurs diente der Schlusskurs vom 21. August 2026 von 12,97 Dollar. Zusätzlich nannte das Unternehmen rund 28,9 Millionen Dollar an Eigenkapital als leistungsbezogene Vergütung für die übernommene Belegschaft.

Wie groß dieser Betrag für Navitas ist, zeigt ein Blick in die eigenen Abschlüsse bei der SEC.

Kennzahl Betrag Zeitraum / Stichtag
Kaufpreis Claros, Gesamtwert maximal 232,8 Mio. $ angekündigt am 24. August 2026
davon bei Vollzug, bar und in Aktien 216,0 Mio. $ Vollzug am 6. Oktober 2026
Umsatz Navitas 45,9 Mio. $ Geschäftsjahr 2025
Umsatz Navitas 10,5 Mio. $ 2. Quartal 2026 (April bis Juni)
Quartalsverlust nach US-GAAP 228,2 Mio. $ 2. Quartal 2026
davon nicht zahlungswirksame Earnout-Bewertung 203,1 Mio. $ 2. Quartal 2026
Liquide Mittel 557,4 Mio. $ 30. Juni 2026
Quellen: Navitas Semiconductor, Geschäftsbericht 2025 (Form 10-K) und Quartalsbericht zum 30. Juni 2026 (Form 10-Q) bei der US-Börsenaufsicht SEC; Pressemitteilungen vom 24. August und 6. Oktober 2026. Angaben in US-Dollar.

Der Quartalsverlust von 228,2 Millionen Dollar bedarf der Einordnung: Nach der Mitteilung zum zweiten Quartal entfallen davon 203,1 Millionen Dollar auf eine nicht zahlungswirksame Schlussbewertung sogenannter Earnout-Verpflichtungen, also erfolgsabhängiger Nachzahlungen aus einer früheren Transaktion. Bereinigt weist das Unternehmen einen Fehlbetrag von 9,3 Millionen Dollar aus. Auf die liquiden Mittel wirkt sich eine solche Buchung nicht aus; zum 30. Juni 2026 wies Navitas 557,4 Millionen Dollar aus.

Weniger günstig sieht die Umsatzentwicklung aus. Die 10,5 Millionen Dollar des zweiten Quartals lagen zwar 22 Prozent über dem Vorquartal, aber 27 Prozent unter dem Vorjahreswert von 14,5 Millionen Dollar. Für das dritte Quartal stellte Navitas 13,5 Millionen Dollar plus/minus 0,5 Millionen in Aussicht.

Warum Nvidia die Stromversorgung der Rechenzentren umbaut

Der Zukauf steht im Zusammenhang mit einer Umstellung, die Nvidia im Mai 2025 angestoßen hat. In einer technischen Veröffentlichung zur 800-Volt-Gleichspannungsarchitektur beschreibt der US-Konzern, wie künftige Rechenzentren mit Strom versorgt werden sollen: Aus dem Mittelspannungsnetz mit 13,8 Kilovolt Wechselspannung wird im Gebäude auf 800 Volt Gleichspannung gewandelt und erst im Serverschrank weiter heruntergesetzt. Heutige Schränke arbeiten mit 54 Volt und bis zu 200 Kilowatt.

Die Begründung ist eine Rechenaufgabe. Nach Nvidias Angaben benötigt ein Schrank mit einem Megawatt in der bisherigen Bauweise bis zu 200 Kilogramm Kupfer allein für die Stromschienen; ein Rechenzentrum mit einem Gigawatt käme damit auf bis zu 200 Tonnen. Die 800-Volt-Variante soll den Kupferbedarf um bis zu 45 Prozent senken, den Wirkungsgrad über die gesamte Kette um bis zu 5 Prozent verbessern und die Wartungskosten um bis zu 70 Prozent drücken. Alle diese Werte stammen von Nvidia selbst; die Systeme, an denen sie sich überprüfen ließen, sollen erst 2027 in Serie gehen.

Den Zeitplan nennt Nvidia ebenfalls: Serverschränke der Baureihe Kyber mit den Rubin-Ultra-Prozessoren sollen 2027 in Serie gehen und für ein Megawatt und mehr ausgelegt sein. Navitas gehört seit dem 21. Mai 2025 zu den dafür ausgewählten Zulieferern und liefert Leistungshalbleiter auf Basis von Galliumnitrid und Siliziumkarbid.

Ein deutscher Konzern ist unter den 16 Partnern

Nvidia nennt in seiner Veröffentlichung 16 Unternehmen, die an der 800-Volt-Architektur mitarbeiten. Auf der Halbleiterseite stehen dort neben Navitas unter anderem Analog Devices, Texas Instruments, STMicroelectronics, Renesas, ROHM, onsemi, Innoscience – und der deutsche Konzern Infineon mit Sitz in Neubiberg bei München. Bei der Anlagentechnik werden Eaton, Vertiv und der französische Konzern Schneider Electric geführt, der zuletzt 22,6 Milliarden Dollar für den Softwarehersteller PTC gezahlt hat.

Für Deutschland ist das keine Randnotiz. Nach der Erhebung des Branchenverbands Bitkom vom 10. November 2025 verbrauchten die Rechenzentren hierzulande 2025 rund 21,3 Milliarden Kilowattstunden Strom, nach 20 Milliarden im Jahr davor und 12 Milliarden im Jahr 2015. Jeder Prozentpunkt, den eine neue Stromarchitektur an Wirkungsgrad gewinnt, wirkt sich auf diese Größenordnung aus – und auf die Frage, woher der Strom im deutschen Netz kommen soll. Zum Vergleich der Größenordnungen nennt Bitkom für die USA eine installierte Rechenzentrumsleistung von 48 Gigawatt im Jahr 2024, für Deutschland 2,98 Gigawatt im Jahr 2025.

Was die Mitteilung offenlässt

Navitas erklärt in der SEC-Mitteilung, der Zukauf werde den adressierbaren Markt des Unternehmens für das Jahr 2030 auf über 8 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln; mindestens 3,5 Milliarden Dollar davon entfielen auf vertikale Stromzuführung und integrierte Spannungsregler. Diese Zahlen sind eine Markteinschätzung des Unternehmens über einen Zeitraum von vier Jahren, keine Umsatzprognose und keine überprüfte Größe. Die Mitteilung selbst bezeichnet solche Angaben als zukunftsgerichtete Aussagen.

Offen bleibt außerdem, was Claros bisher tatsächlich liefert. Weder die Ankündigung vom August noch die Mitteilung zum Vollzug nennen Kunden, Umsätze, Stückzahlen, Beschäftigtenzahlen oder einen Zeitpunkt, zu dem die Technik in Serienprodukten erscheinen soll. Angegeben ist allein, dass das Unternehmen 2024 gegründet wurde und beide Häuser zusammen über mehr als 450 erteilte oder angemeldete Patente verfügen. Öffentlich zugänglich sind dazu bislang nur die bei der SEC eingereichten Unterlagen; weitergehende Angaben macht Navitas darin nicht.

Und schließlich ist der Erfolg des Geschäfts an eine Annahme gebunden, die Navitas nicht selbst kontrolliert: dass sich die 800-Volt-Architektur in der Breite durchsetzt und die Prozessoren so schnell leistungshungriger werden wie angekündigt. Fällt der Ausbau der KI-Rechenzentren langsamer aus, trifft das ein Unternehmen, das für diesen einen Markt gerade bis zum Fünffachen seines Jahresumsatzes bezahlt hat.

Die nächsten belegbaren Termine

Navitas hat für den 20. Oktober 2026 ein Online-Seminar unter dem Titel „Breaking the AI Infrastructure Power Wall: From Grid-to-xPU“ angekündigt, bei dem neben dem Vorstandsvorsitzenden auch Dan Kultran auftreten soll – nach Unternehmensangaben früherer Claros-Chef und Mitgründer, inzwischen bei Navitas für den Geschäftsbereich integrierte Spannungsregler zuständig. Die Zahlen zum dritten Quartal 2026 stehen danach an; eine erste Einschätzung, was der Zukauf zum Geschäft beiträgt, dürfte frühestens dort fallen. Die Serienfertigung der Nvidia-Systeme, für die die Technik gedacht ist, hat der Konzern für 2027 angekündigt.

Wie beurteilen Sie diese Entwicklung – ist die Stromversorgung inzwischen der eigentliche Engpass der künstlichen Intelligenz? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

Kommentar schreiben