Kommentar Der Schweizer BLICK-Chefredaktor ist kein „KI-Sünder“ – Schluss mit der Stilpolizei

Ein Schweizer Chefredaktor redigiert seine Texte mit künstlicher Intelligenz – und wird dafür an den Pranger gestellt. Der Fall Rolf Cavalli zeigt, wie eine überhitzte Debatte normale Werkzeugnutzung zur Verfehlung umdeutet. Dabei arbeitet längst fast die gesamte Branche so.

WARNHINWEIS FÜR DIE GANZ BLÖDEN: Achtung, dieses Bild ist mit KI generiert. Wir haben es nicht gemalt, nicht fotografiert.

Der Vorwurf klingt spektakulär, ist bei näherem Hinsehen aber dünn: Die freie Journalistin Esther Diener-Morscher will im Blick-Leitartikel „100 Tage Inferno Crans-Montana – 5 bittere Wahrheiten" von Chefredaktor Rolf Cavalli Formulierungen entdeckt haben, die typisch für Sprachmodelle seien (Esther Diener-Morscher, „Die KI-Richtlinien der Medien sind ein Witz", Infosperber, 12.06.2026). Cavalli weist den Vorwurf zurück, seine Texte von KI schreiben zu lassen – bestätigt aber offen, dass er sie mit KI redigiert (Philipp Loser, Mario Stäuble, Valeria Mazzeo, Tages-Anzeiger, „KI-Vorwurf gegen ‚Blick'-Chefredaktor: Braucht es mehr Transparenz?").

Wie grundsätzlich der Fall die Branche inzwischen beschäftigt, zeigt der Tages-Anzeiger selbst: Unter dem Titel „Künstliche Intelligenz im Journalismus: Wie viel Transparenz braucht es?" widmete der tägliche Podcast „Apropos" dem Thema eine eigene Folge – mit Philipp Loser als Host, Inlandchef Mario Stäuble als Gast und Valeria Mazzeo als Produzentin. Die Kernfragen der Folge: Was steckt hinter dem Vorwurf gegen Cavalli? Wie nutzen Medienhäuser KI, wann wird gekennzeichnet, wann nicht – und verschwindet wegen KI das Schreiben als Kulturtechnik? Bemerkenswert dabei: Auch der Tages-Anzeiger hält nüchtern fest, dass Cavalli lediglich das Redigieren mit KI bestätigt – und ordnet den Fall als Anlass für eine Grundsatzdebatte ein, nicht als erwiesenes Fehlverhalten.

Halten wir also fest, was hier verhandelt wird: Ein Journalist nutzt ein Werkzeug zur Textbearbeitung. Mehr nicht. Und dafür soll er als „Sünder" durchs mediale Dorf getrieben werden? Diese Rhetorik ist nicht nur überzogen – sie geht am Kern der Sache vorbei.

Fast alle tun es – Sünder sind angeblich immer die anderen

Wer den Fall zum Skandal aufbläst, sollte in die Empirie schauen. Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich hat 730 Schweizer Medienschaffende befragt: 87 Prozent setzen KI-Werkzeuge zumindest gelegentlich ein. 65 Prozent lassen sich Titel vorschlagen, 62 Prozent Flüchtigkeitsfehler korrigieren, 49 Prozent die Verständlichkeit verbessern (Guido Berger, Leiter SRF-Digital-Redaktion, SRF News, „Wie verändert KI die Schweizer Medienlandschaft?", 24.09.2025). Genau das, was Cavalli einräumt – Redigieren mit KI –, ist gelebter Alltag in praktisch jedem Newsroom. Wenn KI-Redigat eine Sünde ist, besteht die Branche zu 87 Prozent aus Sündern.

Die Beweisführung: Stilgefühl statt Substanz

Bemerkenswert ist auch die Qualität der „Beweise": Formulierungen, die „nach Sprachmodell klingen", sind keine Recherche, sondern Kaffeesatzleserei. Wohin diese Verdachtskultur führt, zeigte zuletzt der Shitstorm um das „Stranger Things"-Finale: Fans wollten in einer Making-of-Doku ein geöffnetes ChatGPT-Fenster auf einem Laptop der Serienmacher erkannt haben – fertig war der „Beweis", das Finale sei von KI geschrieben. Doku-Regisseurin Martina Radwan hält dagegen: „Zu allererst hat niemand bewiesen, dass sie [ChatGPT] wirklich geöffnet hatten. Das ist, als hätte man sein iPhone neben dem Computer liegen, während man eine Geschichte schreibt." Und weiter: „Ich persönlich denke: Hat das nicht jeder offen? Einfach für eine schnelle Recherche?" (Jan Felix Wuttig, Moviepilot, „Nach Shitstorm gegen Stranger Things: Jetzt meldet sich die Regisseurin zum KI-Vorwurf", 15.01.2026). Das Muster ist identisch: Aus Indizien-Folklore wird ein Charakterurteil gebastelt.

Wo die Grenze wirklich verläuft

Damit kein Missverständnis entsteht: Es gibt echte Verfehlungen im Umgang mit KI. Der frühere Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff ließ wiederholt Meinungsbeiträge von KI verfassen, ohne das offenzulegen, und wurde beurlaubt. „Ich habe einen Riesenfehler gemacht", räumte er ein (Simon Widmer, Tages-Anzeiger, „‚Riesenfehler': Ex-Chefredaktor wird wegen Nutzung von KI beurlaubt", 15.06.2026).

Aber genau dieser Vergleich entlastet Cavalli. Casdorff ließ schreiben und verschwieg es. Cavalli schreibt selbst, lässt redigieren – und sagt das offen. Wer beides in denselben Topf wirft, will den Unterschied zwischen Täuschung und Werkzeugnutzung nicht erkennen.

Diese Unterscheidung ist inzwischen sogar regulatorisch verankert. Ringier hat seine KI-Guidelines angepasst: Gekennzeichnet werden muss nur noch, was nicht journalistisch geprüft wurde. Kommunikationschefin Johanna Walser verweist auf Artikel 50, Absatz 4 des EU AI Act: „Demnach entfällt die Kennzeichnungspflicht für KI-Texte, wenn der Inhalt einen menschlichen Überprüfungsprozess oder eine redaktionelle Kontrolle durchlaufen hat und eine natürliche oder juristische Person die redaktionelle Verantwortung trägt." Prozentgrenzen – etwa die Idee, ein Text mit 95 Prozent KI-Anteil gelte als menschengemacht, wenn ein Journalist 5 Prozent beisteuert – nannte Ringier-CEO Marc Walder „total absurd" (Christian Beck, persoenlich.com, „Das stille Ende der KI-Deklaration", 17.04.2026). Man kann dem alten „BliKI"-Label nachtrauern. Aber der Grundgedanke ist richtig: Transparenz über Verantwortung ist für Leser relevanter als Transparenz über Herstellungsanteile.

Auch die Forschung stützt diese Linie seit Jahren: Eine Expertenbefragung in der Fachzeitschrift Journalistik kam schon 2022 zum Schluss, KI sei im Journalismus „als Assistenz zu begreifen" – bei Recherche, Workflow und Textarbeit, während die Verantwortung beim Menschen bleibt (Michael Graßl, Jonas Schützeneder, Klaus Meier, „Künstliche Intelligenz als Assistenz", Journalistik 1/2022, S. 3–27). Der Governance-Bericht des fög für das Bundesamt für Kommunikation plädiert ebenfalls für klare Verantwortungsstrukturen statt Label-Symbolik (Daniel Vogler et al., „Governance von KI im Journalismus", fög/BAKOM, 4.11.2024).

Maßstab muss die Qualität sein, nicht das Werkzeug

Die entscheidenden Fragen an einen journalistischen Text waren immer dieselben: Stimmt es? Ist es fair? Steht jemand dafür ein? Keine dieser Fragen wird durch ein KI-Redigat berührt. Der „Sünder"-Diskurs beantwortet sie nicht einmal – er ersetzt sie durch Werkzeug-Forensik und Stilverdacht. Das ist keine Medienkritik, das ist Maschinenstürmerei.

Rolf Cavalli hat nichts zu beichten. Wer im Jahr 2026 einem Chefredaktor die Nutzung eines Redigierwerkzeugs vorhält, das 87 Prozent der Branche verwenden, betreibt keine Aufklärung, sondern Ablasshandel mit fremden Sünden. Die Debatte über KI im Journalismus ist wichtig – aber sie gehört dorthin, wo tatsächlich getäuscht wird. Nicht dorthin, wo transparent gearbeitet wird.

So geht netz-trends.de mit KI um: Dieser Artikel wurde unter Einsatz von künstlicher Intelligenz erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. KI unterstützt unsere Redaktion bei Recherche, Quellenauswertung und Textbearbeitung. Die inhaltliche Verantwortung liegt vollständig bei der Redaktion von netz-trends.de. Alle Zitate stammen aus den im Text genannten und verlinkten Quellen. KI-generierte Bilder und Videos kennzeichnen wir grundsätzlich.


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