Apple-Chef Tim Cook & schwul: Wie sieht es in der deutschen Internetszene aus?

Zwar ist Tim Cook nicht der erste Konzernlenker, der sich zu einem durchaus auch Aktienkurs beeinflussbaren privaten Statement hat hinreißen lassen, aber doch einer der ganz wenigen weltweit. In Großbritannien war bekannt geworden - aber eher unfreiwillig durch kriminelle Machenschaften eines Escorts (so nennen sich heute "Stricher"), dass der jahrelang amtierende ehemalige CEO des Ölriesen BP (British Petrol) sich ebenfalls eher dem männlichen Geschlecht zugezogen fühlte, als dem weiblichen:

Es ist die Nachricht, mit der nun wirklich keiner gerechnet hatte: Der Chef des reichsten Konzerns der Welt, des mit über 600 Milliarden US-Dollar bewerteten Apple-Konzerns, Tim Cook, sagte nun öffentlich die berühmten sechs Worte: "Ich bin stolz, schwul zu sein". Wupps, das saß.

Doch mit Tim Cook nimmt das Thema der allgemeinen Liberalisierung der Welt eine ganz neue unbekannte Fahrt auf. Dabei dürften nicht wenige in geradezu große Gewissenskonflikte geraten. Nehmen wir zum Beispiel das reiche Dubai oder Katar. Hier ist es unter den Scheichs ("Sheiks") geradezu Kult, entweder mit dem neuesten Apple iPhone in den neuesten Porsche, BMW, Rolls Royce, Audi, Bentley, Ferrari, Mercedes oder Masserati vor der Dubai Mall zu steigen, oder eben mit einem Samsung Galaxy.

Apple wird es verkraften, wenn der eine oder andere Scheich in Dubai oder Abu Dhabi das iPhone nun nicht mehr kauft

Nun gehören Dubai, Saudi-Arabien oder Katar sicherlich nicht zu den Massenabsatzmärkten, aber komplett unwichtig sind sie für eine Welt-Kultmarke auch nicht. Jedoch gilt ebenfalls: Es wird den Aktienkurs von Apple herzlich wenig beeinflussen, ob nun erzkonservative islamische Scheichs aus Protest kein iPhone mehr kaufen (wovon kurzfristig ausgegangen werden kann). Dass es auch zahlreiche schwule oder bisexuelle Scheichs gibt, selbst wenn sie verheiratet sind, wird in der arabischen Welt gerne totgeschwiegen.

Man darf wohl davon ausgehen, dass Apple-Chef Tim Cook seine etwas dümmlich als "Coming Out" von vielen Medien umschriebene Publikmachung vorher mit seinem Aufsichtsrat abgestimmt hat. Die leider von vielen Journalisten und Meinungsmachern eingeübte Floskel des "Coming Out" ist deshalb etwas dümmlich und unglücklich, da diese Umschreibung suggeriert, als habe man vorher wie eine Ratte in einem Erdloch gelebt und sich nicht ans Tageslicht getraut. Dabei stimmt in 99 Prozent der heutigen Fälle weder das eine, noch das andere.

Natürlich liegt die ganz normale weitere Frage auf der Hand: Was ist das Motiv von Tim Cook sein "Schwulsein" genau jetzt publik zu machen? Ist es eine neue Liebe in seinem Leben, die ihn dazu motiviert oder gar gedrängt hat? Man darf davon ausgehen, dass dieses nun nicht das letzte Statement von Apple-Chef Tim Cook zum Thema ist.

Erfrischend, wie Tim Cook der Weltöffentlichkeit das Thema vor die Füße knallt

Erfrischend ist die Unbekümmertheit, mit welcher ein solch einflussreicher Mann wie Cook das Thema der Weltöffentlichkeit vor die Füße geknallt hat. Das tut gut anzusehen und ist ein richtiger, durchaus auch ein revolutionärer Schritt. Die einzigen, die in dieser Liga anzusiedeln sind im weltweiten Vergleich, sind Guido Westerwelle (FDP), der ehemalige deutsche Außenminister und - fast noch wichtiger als Signalwirkung - Klaus Wowereit (SPD), der zurückgetretene Oberbürgermeister aus Berlin.

Neben dem BP-Chef gibt es aber eine ganze Reihe durchaus mächtiger Leute, deren homosexuellen Neigungen nicht freiwillig publik wurden und die deshalb stets - auch dem Zeitgeist geschuldet - bemüht waren, ihre Neigungen für sich zu behalten. Zu nennen wäre ein zentrales Familienmitglied der Gründergeneration vom Essener Stahlkonzern Krupp, aber auch im britischen Königshaus gibt es homosexuelle Linien, ebenso soll es diese entsprechend hartnäckiger alter Gerüchte im Hohenzollern-Königshaus geben. Dass Musik und Kunst voll davon sind, muss nicht weiter betrachtet werden.

Doch auch die weltweite, so auch deutsche, Technik- und Internetszene dürften überdurchschnittlich hoch mit bisexuell oder homosexuell orientierten Menschen durchdrungen sein. Der Grund ist einfach: Kein anderes Wirtschaftssegment bietet die Möglichkeit recht zurückgezogen stundenlang vor dem Computer zu arbeiten, wie es eben die Entwicklung von Internet-Unternehmen oder sonstigen technikgetriebenen Unternehmen abverlangen. Dabei ist es natürlich so, dass homosexuell orientierte Menschen häufig genau ein solches Leben führen – also genau das Gegenteil vom schrillen Leben einer Reeperbahn-Transe.

Internet, Technik und Kunst durchaus eine Gemeinsamkeit

Insofern haben Internet, Technik und Kunst durchaus eine Gemeinsamkeit. Deshalb passt auch das öffentliche Bekenntnis von Apple-Chef Tim Cook geradezu perfekt in diese Welt. Interessant ist es, die deutsche Internetszene zu betrachten: Natürlich gibt es hier Leute, die ganz weit oben oder recht weit oben angesiedelt sind, die ebenfalls sich eher dem männlichen Geschlecht zugezogen fühlen.

Darunter sind bekannte Gründer ebenso, wie die sonstige Management-Ebene. Dass es hier bislang keine größeren Bekanntmachungen in eigener Sache gab, liegt aber nicht unbedingt am verkorksten individuellen Leben, sondern daran, dass die Internetszene eher eine jüngere und liberaler geprägte Szene ist, voll von Tech-Freaks, die es einfach nicht für nötig befinden, über ihr Privatleben öffentlich zu reden.

In aller Regel ahnen und vermuten es sowieso die Menschen im unmittelbaren Umkreis solcher Personen, manche wissen es auch. Natürlich spielen bei einigen Internet- oder sonstigen Technik-Führungskräften auch Sorgen eine Rolle. Dazu gehört zum Beispiel, dass im Zeitalter von Social Media irgendwelche Verblendeten dann fiese Sprüche auf Twitter, StudiVZ, Lokalisten.de oder Facebook posten.

Sorgen vor fiesen Social Media Postings bei der Publikmachung sind berechtigt

Das sind dann durchaus auch berechtigte Sorgen, warum sich der eine oder andere mit einer Öffentlichkeitmachung eigener sexueller Präferenzen eher zurückhält. Denn gerade bei Anbietern wie Twitter kann das Posten von unerwünschten Personen im eigenen Profil - im Gegensatz zu Facebook - nicht unterdrückt werden. Und wer hat schon gerne vor all den Kollegen und BtoB-Geschäftspartner dort etwas stehen wie "du schwule Ratte" oder "du scheiß Kampflesbe".

Insofern: Es gibt natürlich in der deutschen Internetszene zahlreiche hoch oder höher angesiedelte homosexuelle orientierte Menschen, die aber auch vor der durchaus stigmatisierenden Bezeichnung als "Homo" oder "Homosexueller" zurückschrecken - und dies zu Recht. Denn einen "Hetero" oder "Heterosexuellen" bezeichnet man ja auch nicht immer und überall als "Hete". Der Grund ist hier relativ einfach:

Man versteht die Umschreibung "heterosexuell" als einen Teilbereich des Gesamtwesens "Mensch". Aber dieser Teilbereich macht vielleicht nur 20 Prozent des komplexen Gebildes des "Ichs" aus (bei vielen "Heten" sogar unter 1 Prozent; sprich: es gibt in der Ehe gar keinen Sex mehr). Der Rest ist soziale Herkunft, Bildung, Charakter und vieles mehr.

Das Wort schwul ist mehr als Sex – es bezeichnet einen offenen Lebensstil, eben was wie Apple

Alleine schon die Bezeichnung von Kollegen über andere Kollegen, "das ist nen Homosexueller" hat etwas deskribierendes, da das Sexuelle zum dominierenden Markenzeichen hervorgehoben wird. Angemessener wäre zu sagen, wonach der oder die "homosexuell orientiert" sei. All das sind zwar Feinheiten, die aber ebenfalls gerade für Menschen, die auch in der Öffentlichkeit stehen, im Zeitalter des Social Media nicht unwichtig wären.

Tim Cook von Apple sagte nun, er sei schwul. Ist es nun wiederum für andere zulässig, das über Tim Cook zu sagen oder eher nicht? Es ist nur dann zulässig, wenn die Person es selbst so formuliert hat. Da der Apple-Chef es tat, ist es auch zulässig. Hinzu kommt: "Schwul" bezeichnet mehr, als nur eine sexuelle Orientierung. Nicht umsonst steht das englische Wort "gay", nicht nur für schwul, sondern für einen etwas ausgefallenen, einige sagen "verrückten, närrischen, kreativen" Lebensstil.

Doch "gay" ist viel mehr: Es ist die Lebenssehnsucht von Menschen, Neues zu erblicken, viele Dinge zu erleben, zu reisen, offen zu sein. "Gay" steht als in Stein gehauenes Gegenteil zu "spießig". Man könnte sagen: Der Kult rund um eine Marke ist fast immer auch von "gays" angetrieben. Sei es der Kult um das neueste iPhone, die neueste Mode, das neueste Auto, das neueste Flugzeug. Überall wo Kult-Objekte des Kapitalismus entstehen, sind schwule Macher, Kreierer und Förderer nicht weit. Eben Menschen wie Tim Cook.

Seit über 50 Jahren kämpfen die Menschen für sexuelle Freiheit

Dennoch sollte mit dem "Outing" des CEO von Apple das Thema Liberalisierung der Welt nicht überbewertet werden. Denn seit über 50 Jahren versuchen homosexuell orientierte Männer oder Frauen sich dem Kampf für dieses Themas zu stellen.

Insofern ist Tim Cooks Schritt, gerade da er von einer mächtigen und reichen globalen Marke kommt wie Apple, ein für alle durchaus hilfreicher Schritt in die richtige Richtung, welcher da lautet: Schwule können mächtige, geniale und reiche Männer oder Frauen sein. Sie sind also nicht selten genau das Gegenteil von dem Tucken-Klischee, mit welchem irgendwelche "Comedy"-Idioten auf RTL & Co ihre Witze versuchen anzuheizen.

Das ist die eigentlich wichtigste Message auch an Kinder und Jugendliche, die fühlen, dass sie möglicherweise "schwul" oder "lesbisch" sind, nämlich: Du bist wertvoll und Du kannst aus deinem Leben etwas machen. Dein Leben ist erheblich mehr, als ein verkorkster Kampf mit der eigenen Sexualität. Du musst nur etwas Mut haben. Insofern: Danke Tim Cook für den Mut, den Du den Menschen bringst.