Linker Journalismus droht unter zu gehen Frankfurter Rundschau vor dem Aus: Hoffnung stirbt zu Letzt

Auf einer Doppelseite blickte die Frankfurter Rundschau am Wochenende den 23./24. Februar 2013 auf sich selbst zurück. Die Schlagzeile "Wehmut und Trauer. Nach Jahren guter Arbeit kommt das Aus für die Druckerei. Viele Kollegen verstehen die Welt nicht mehr" (Autor: Achim Ritz). Dafür dass die gute alte linksliberale Dame "Frankfurter Rundschau", bekannt als "FR" vor dem Aus stehen könnte, ist diese Wochenendausgabe mit über 60 Seiten Umfang erstaunlich dick. Im November 2012 musste das Verlagshaus Konkurs anmelden. Seither überschlagen sich trauernde Rückblicke. Dabei hatte das deutsche Verleger-Schlachtschiff aus Köln, Alfred Neven DuMont (Express, Kölner Stadt-Anzeiger, Kölner Wochenspiegel), der die Zeitung 2006 bei damals 160.000 verkauften Exemplaren übernommen hatte, einst für große Hoffnungen gesorgt.

Zitterpartie Frankfurter Rundschau. Droht das Ende des linken und linksliberalen Journalismus?

Die Hoffnung stirbt jedoch bekanntermaßen zu Letzt. Das gilt in besonderem Maße für die Frankfurter Rundschau. Immer wieder gelang es der Redaktion über Jahrzehnte journalistische Akzente zu setzen. Das Boulevardeske "Hau drauf", das man mittlerweile bei so mancher überregionalen Tageszeitung mindestens in den Online-Ausgaben findet, war der FR genauso fremd, wie die in Berlin zwischen einigen Journalisten und Politikern so beliebte Kumpelei. Die FR hielt immer Distanz zu den Mächtigen. Die FR setzte Akzente, wo andere im Mainstream untergingen.

Und dennoch nun das mögliche Aus. Es wäre tragisch. Die deutsche Friedenspolitik ist ohne die Frankfurter Rundschau genauso wenig denkbar, wie der gesamte ökologische Umbau der Gesellschaft. Die FR war gemeinsam mit der linke taz (tageszeitung) sowie dem SPIEGEL ein Garant dafür, dass die intellektuellen linksliberale Strömungen in der Gesellschaft sich ein Gehör verschaffen konnten. Wenn die FR geht, bleiben nur noch SPIEGE, taz sowie die Wochenzeitungen "der Freitag" (Geschäftsführer: Jakob Augstein) sowie die "Junge Welt". Nur: Um die taz steht es auch nicht gut. Seit Jahren betteln die teils brillanten Journalisten an der Berliner Kochstraße um Abos. Auch für den "Freitag" sowie die "Junge Welt" ist jedes Jahr eine neue Existenz-Zitterpartie.

Man möchte vor dem Aus linken und linksliberalen Journalismusses warnen

Es ist die Zeit gekommen, da möchte man vor dem Ende des linken Journalismus in Deutschland warnen. Für viele Linke ist die Tragik, dass ausgerechnet die konservativen Verleger dieses Landes die digitale Wende am besten hinbekamen: Hierzu gehören die Axel Springer AG aus Berlin und Hamburg sowie der Burda Verlag aus München und Offenburg, während die Körner-Fraktion der Dritte-Welt-Läden ihre zu oft bestehende Technik-Abneigung nun zum Verhängnis wird. Denn im Internet spielen weder die Frankfurter Rundschau noch die taz, auch die anderen Vertreter des linken oder linksliberalen Journalismus, keine wirklich wichtige Rolle. Ihnen ist es nicht gelungen hier nachhaltige Fußstapfen zu hinterlassen. Wenigstens ist dieses dem SPIEGEL gelungen.

Zwar ist spiegel-online zweifelsfrei häufig nicht sonderlich journalistisch qualitativ hochwertiger als die Boulevard-Kollegen anderer Medien, dennoch ist spiegel-online mit seinen 400 Redakteuren und Freien Autoren eine Internet-Macht, an der keiner in Deutschland mehr vorbei kommt. Das ist gut und ein wichtiges Gegenstück zu Seo-überoptimierten eher konservativen Angeboten wie beispielsweise welt.de und bild.de. Dass Google großzügig besonders über die Spielerein von welt.de seit Jahren hinwegblickt, wundert viele. Denn es besteht der Eindruck, dass keiner das Spiel mit der Veränderung von Headlines und Texten so gut versteht, wie welt.de. Das führt zu der absurden Situation dass in Google News manchmal zu ein und demselben Thema bis zu drei oder vier unterschiedliche Versionen zum gleichen Thema kursieren, ohne dass es wirklich erquickliche Neuigkeiten gäbe.

Wenn die Mittel den Zweck heiligen, mag das akzeptabel sein. Ist man jedoch publizistisch idealistisch unterwegs und spielt dieses Spiel des permanenten Umverpackens des ein und selben Artikels nicht mit - wie beispielsweise die Frankfurter Rundschau oder taz - ist die digitale Meinungsführerschaft - und damit die Option auf Erlöse - deutlich schmaler.

Übernahme der FR durch Frankfurter Allgemeine Zeitung könnte riskant sein

Ob nun die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) tatsächlich die FR übernimmt oder nicht - das spielt für die betroffenen Redakteure und Mitarbeiter im Verlag und der Technik eine große Rolle. Derzeit liegt der Übernahmeantrag beim Bundeskartellamt. Dennoch dürfte wohl allen Beteiligten klar sein: Auch diese Print-Übernahme wird ein Sterben auf Raten sein. Die FR ist wahrscheinlich in ihrer umfänglichen täglichen Print-Form nicht zu retten, da viel zu wenig in die digitale Wende investiert worden ist.

Möglicherweise könnte die FR aber als Wochenzeitung oder als ein Produkt, das lediglich zwei bis drei Mal die Woche erscheint, noch einige Jahre gut überstehen. Damit würde die Frankfurter Rundschau wieder zurück zu den Anfängen der Tageszeitungen finden. Denn ursprünglich erschient kein Print-Produkt täglich. Erst mit dem Wachsen der Industrienationen stieg auch der Bedarf an täglicher aktueller Information in gedruckter Form. Die Digital-Revolution hat dies aber erheblich verändert. Wir stehen am Scheideweg.

Deshalb wäre es sträflich zu vergessen, dass die FAZ zwar wirtschaftlich wieder erheblich besser da steht, als noch vor wenigen Jahren. Aber im Geld schwimmen tut eine der letzte Bastionen hochwertigen Journalismus auch nicht. Zudem hatte sich die FAZ vor rund zehn Jahren schon einmal mit einer Print-Schlacht finanziell nahezu ausgezehrt. Damals wollten die Verleger der FAZ mit einem eigenen Wochenblatt mit gut einer Millionen Print-Auflage den damaligen Anzeigenzeitungs-Platzhaltern von Horst Vatter, Blitz-Tip und Äppler, das Wasser abgraben. Das Resultat ist bekannt: FAZ und der Blitz-Tip Verlag verbrannten Millionen Euro. Am Ende mussten sowohl die FAZ ihr Millionen-Wochenblatt einstellen und Jahre später hat es vor kurzem nun auch den Blitz-Tip sowie den Äppler getroffen.

Der Frankfurter Printmarkt ist und bleibt zu dicht besetzt. Es tummeln sich die FAZ neben der Frankfurter Neuen Presse, der Frankfurter Rundschau sowie der Frankfurter Ausgaben von "Die Welt" und "Bild", obendrein ist der Münchner Verleger Dirk Ippen dort immer stärker aktiv. Es ist kaum vorstellbar, dass es hier dauerhaft so weitergehen kann wie bisher.

Deshalb gilt: Möchte der deutsche Journalismus der Linken und Linksliberalen überleben muss er stärker kooperieren. So ist absolut unverständlich, warum bislang beispielsweise niemand über eine Zusammenlegung von taz und FR nachgedacht hat. Und auch das gilt: Eine Investition in den digitalen Ausbau ist unerlässlich. Wenn das nicht geschieht, droht eine konservative Online-Meinungsführerschaft. Das ist in einer Demokratie nicht gut.

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