Das Wichtigste in Kürze
- Die deutschen Gasspeicher waren nach den Daten der Bundesnetzagentur am 10. September 2026 zu 55,29 Prozent gefüllt. Am selben Kalendertag des vorangegangenen Speicherjahres waren es 74,41 Prozent.
- Paragraf 35b des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes nennt für den 1. Oktober 80 Prozent und für den 1. November 90 Prozent. Beim Befülltempo der vergangenen zwei Wochen wären es nach eigener Berechnung rund 60 Prozent am 1. Oktober und rund 68 Prozent am 1. November.
- Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hielt die Speicherstände am Samstagmorgen für ausreichend; die Behörde selbst nennt die Versorgungssicherheit gewährleistet. Das Vergleichsportal Verivox erwartete am selben Vormittag zehn bis 20 Prozent höhere Gaspreise für Haushalte zum Jahreswechsel.
An diesem Samstag standen zwei Einschätzungen zur deutschen Gasversorgung nebeneinander, die sich zu widersprechen scheinen. Am frühen Morgen wurde ein Interview des Chefs der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, verbreitet, in dem er die Speicherstände für ausreichend erklärte. Rund eine Stunde später meldete das Vergleichsportal Verivox, Haushalte in Deutschland müssten zum Jahreswechsel mit deutlich höheren Gaspreisen rechnen – und nannte als einen der Gründe ausdrücklich den niedrigen Füllstand der Speicher.
Beides kann zutreffen. Die Behörde beantwortet die Frage, ob im Winter genug Gas da ist. Das Vergleichsportal beantwortet die Frage, was es kostet. Wer die beiden Fragen zusammenzieht, bekommt ein falsches Bild – in die eine wie in die andere Richtung.
Was die Bundesnetzagentur an diesem Samstag gesagt hat
In dem über die Nachrichtenagentur dpa verbreiteten Interview, das unter anderem ZDFheute am 12. September um 8:04 Uhr veröffentlichte, verwies Müller auf einen Vergleich mit dem vergangenen Winter: „Wir haben jetzt schon etwas mehr Gas in den Speichern als wir im gesamten letzten Winterhalbjahr aus den Speichern entnommen haben.“ Der Bestand liege bei mehr als 136 Terawattstunden, entnommen worden seien im vergangenen Winterhalbjahr rund 134 Terawattstunden.
Zur Einfuhr sagte er: „Die LNG-Terminals haben zurzeit eine Auslastung von etwa 45 Prozent. Da sind ausreichend Kapazitäten, zusätzliches Gas zu importieren.“ Staatliche Eingriffe lehnte er ab; sie wären „in jedem Fall teuer“. Das Füllen der Speicher sei „eine Aufgabe der Händler“.
Die Behörde selbst schreibt auf ihrer Lageseite zur deutschen Gasversorgung, zuletzt aktualisiert am 12. September um 8:57 Uhr: „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet.“ Die Gefahr einer Gasmangellage bewertet sie nach derzeitigem Kenntnisstand als gering. Zugleich hält sie dort fest, dass die Füllstände „derzeit deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre“ liegen, und rät angesichts des Preisniveaus weiter zum Sparen. Die Frühwarnstufe des deutschen Notfallplans Gas gilt seit dem 1. Juli 2025.

Die Zahlen der Behörde selbst zeigen den Abstand
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht den Verlauf der Speicherfüllstände als eigenen Datensatz. Er endet mit dem 10. September 2026 und weist für diesen Tag 55,29 Prozent aus. Am selben Kalendertag des Speicherjahres 2025/26 waren es 74,41 Prozent. Der Datensatz enthält zusätzlich den Korridor der Jahre 2018 bis 2021: Dessen Minimum lag am 10. September bei 74,76 Prozent. Der aktuelle Wert liegt damit rund 19 Prozentpunkte unter dem Vorjahr und knapp 20 Punkte unter dem damaligen Tiefstwert.
Aus derselben Reihe lässt sich das Tempo ablesen. In den 14 Tagen bis zum 10. September stieg der Füllstand um 3,34 Punkte, also um rund 0,24 Punkte je Tag; über 30 Tage gerechnet sind es 0,22 Punkte. Schreibt man den Wert der vergangenen zwei Wochen fort, ergeben sich nach eigener Berechnung rund 60 Prozent am 1. Oktober und rund 68 Prozent am 1. November. Um die 80 Prozent des 1. Oktober zu erreichen, wären 1,18 Punkte pro Tag nötig – etwa das Fünffache des derzeitigen Tempos. Für die 90 Prozent des 1. November wären es 0,67 Punkte pro Tag, knapp das Dreifache.
Das ist eine Fortschreibung und keine Prognose: Einspeicherung ist keine gleichmäßige Bewegung, sie hängt an Preisen, Buchungen und Temperaturen. Die Größenordnung des Abstands ändert sich dadurch aber nicht. Wie weit dieser Abstand bereits im Sommer war, hat NETZ-TRENDS Ende August nachgerechnet.
Was Paragraf 35b des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes verlangt
Die Vorschrift nennt für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 1. Februar drei Marken, jeweils bezogen auf das Arbeitsgasvolumen: 80 Prozent am 1. Oktober, 90 Prozent am 1. November, 30 Prozent am 1. Februar. Adressat sind die Betreiber der deutschen Gasspeicheranlagen; sie müssen vertragliche Rahmenbedingungen schaffen, mit denen diese Stände erreichbar sind. Nach Absatz 4 reichen sie der Bundesnetzagentur bis zum 1. April jedes Jahres technische Füllstandskurven ein und melden elektronisch, wenn diese unterschritten werden. Nach Absatz 3 kann das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Energie durch Rechtsverordnung abweichende Termine und Füllstände festlegen, sofern die Sicherheit der Gasversorgung dabei angemessen berücksichtigt bleibt. Werden gebuchte Kapazitäten nicht genutzt, ist der ungenutzte Teil nach den Absätzen 5 bis 7 anteilig dem Marktgebietsverantwortlichen zur Verfügung zu stellen.
Auf EU-Ebene ist die Marke seit 2025 beweglich
Oberhalb des deutschen Rechts steht die EU-Gasspeicherverordnung. Der Rat der Europäischen Union hat sie am 18. Juli 2025 um zwei Jahre verlängert und dabei gelockert. Nach der Mitteilung des Rates bleibt das Ziel bei 90 Prozent, muss aber nicht mehr am 1. November erreicht sein, sondern zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen dem 1. Oktober und dem 1. Dezember. Hinzu kommt eine Flexibilität von zehn Prozentpunkten bei schwierigen Befüllbedingungen; die Europäische Kommission kann sie durch delegierten Rechtsakt um bis zu fünf weitere Punkte erhöhen. Zwischenziele sind nur noch indikativ.
Nach dieser Darstellung liegt die europäische Untergrenze rechnerisch bei 80 Prozent, im Extremfall bei 75 Prozent – und der Stichtag kann bis zum 1. Dezember rutschen. Auch dieser gelockerte Wert liegt weit über dem, was die Fortschreibung des derzeitigen Tempos ergibt. Ob das deutsche Wirtschaftsministerium von den Terminen des Paragrafen 35b abweicht, kommt in den an diesem Samstag verbreiteten Äußerungen der Bundesnetzagentur nicht vor. Eine eigene Anfrage dazu war am Samstagabend nicht möglich.
Verivox rechnet mit zehn bis 20 Prozent – aus einem anderen Grund
Das Vergleichsportal Verivox erwartet für Haushalte in Deutschland steigende Gaspreise. In der am 12. September um 9:08 Uhr verbreiteten Einschätzung nennt Energieexperte Thorsten Storck drei Gründe: „Aufgrund der aktuell stark angestiegenen Großhandelspreise für Gas, dem geringen Füllstand der Gasspeicher in Deutschland und dem kommenden Winter erwarten wir einen Anstieg der Gaspreise für Haushalte.“ Die Spanne liegt nach dieser Darstellung bei zehn bis 20 Prozent, wirksam zum Jahreswechsel. Der Großhandelspreis sei seit Februar um mehr als ein Drittel gestiegen.
Der Marktpreis stützt diese Beschreibung. Für den europäischen Handelspunkt TTF meldete die Nachrichtenagentur APA unter Berufung auf Reuters am 10. September einen Stand von 80,29 Euro je Megawattstunde und damit einen Wert nahe dem höchsten seit dreieinhalb Jahren. Die europäischen Speicher lagen zu diesem Zeitpunkt nach derselben Auswertung bei rund 67 Prozent, verglichen mit einem langjährigen Mittel von 84 Prozent für diese Jahreszeit.
Beide Aussagen des Samstags stehen damit nicht im Widerspruch, sondern nebeneinander: Ein Speicher, der spät und teuer gefüllt wird, gefährdet die Versorgung nicht automatisch – er verteuert sie. Teuer eingekaufte Mengen wirken sich in aller Regel über die Beschaffungspreise der Versorger auf die Rechnungen des kommenden Jahres aus, nicht über eine Mangellage im Januar. Wer die Behördenaussage als Entwarnung für die eigene Gasrechnung liest, liest sie falsch.
| Kennzahl | Deutschland | Österreich | EU |
|---|---|---|---|
| Füllstand, jüngster belegter Wert | 55,29 % (10.09.2026) | 65,73 % (26.08.2026) | rund 67 % (10.09.2026) |
| Vergleichswert | 74,41 % im Vorjahr | 81 % im Vorjahr | 84 % im Mittel |
| Speicherinhalt | über 136 TWh | rund 66 TWh | k. A. |
| Strategische Reserve | 24 TWh geplant | 20 TWh, bis April 2029 | – |
| Vorgabe für den Herbst | 80 % am 1.10., 90 % am 1.11. | EU-Vorgabe | 90 %, flexibel 1.10.–1.12. |
Österreich steht anders da – und hat vorgesorgt
In Österreich sieht die Lage günstiger aus, allerdings auf niedrigerem Niveau als in den Vorjahren. Nach Daten des Verteilergebietsmanagers Austrian Gas Grid Management waren die österreichischen Speicher am 26. August 2026 zu 65,73 Prozent gefüllt, das entspricht rund 66 Terawattstunden bei einer Kapazität von etwa 100 Terawattstunden. Ein Jahr zuvor waren es am selben Tag 81 Prozent. Der österreichische Jahresverbrauch liegt bei 75 bis 80 Terawattstunden – der Speicherinhalt deckt damit einen großen Teil eines ganzen Verbrauchsjahres ab.
Hinzu kommt die strategische Gasreserve. Sie umfasst nach Angaben des österreichischen Bundesministeriums für Wirtschaft, Energie und Tourismus 20 Terawattstunden und wurde im Juni 2026 bis April 2029 verlängert. Wie viel die Einlagerung dieser Reserve kostet und warum der Preis zuletzt deutlich gefallen ist, hat NETZ-TRENDS Anfang September aufgeschlüsselt. Eine vergleichbare deutsche Reserve von 24 Terawattstunden ist angekündigt; nach dem Stand der dort ausgewerteten Unterlagen von Anfang September war sie weder beschlossen noch finanziert.
Einordnung: Zwei Fragen, zwei Antworten
Die Aussage der Bundesnetzagentur bezieht sich auf die physische Verfügbarkeit von Gas. Sie stützt sich auf den Vergleich mit der Entnahme des vergangenen Winters, auf freie Einfuhrkapazitäten an den deutschen LNG-Terminals und auf ein weltweit ausreichendes Angebot. Zum Preis sagt sie nichts – und die Behörde behauptet das auch nicht. Was in beiden Darstellungen dieses Samstags fehlt, ist die Zahl, die Haushalte am meisten interessiert: Wie viel Euro im Jahr ein Anstieg von zehn oder 20 Prozent für einen konkreten Verbrauch bedeutet. In der verbreiteten Darstellung nennt Verivox eine Spanne, keinen Betrag; die Bundesnetzagentur nennt keinen Preis. Beides bleibt offen.
Was als Nächstes ansteht
Drei Termine stehen fest. Am 1. Oktober greift die erste Marke des Paragrafen 35b, am 1. November die zweite; auf EU-Ebene läuft das Zeitfenster bis zum 1. Dezember. Die Bundesnetzagentur aktualisiert ihre Füllstandsreihe werktäglich, sodass sich der Abstand zu den Vorgaben Tag für Tag nachrechnen lässt. Und zum Jahreswechsel werden die Versorger in Deutschland ihre Preisblätter anpassen – erst dann zeigt sich, ob die von Verivox genannte Spanne trägt.
Für Haushalte in Deutschland und Österreich ändert sich an diesem Wochenende nichts. Wer einen Gasvertrag hat, wird die Beschaffungslage dieses Sommers auf der Abrechnung des kommenden Jahres wiederfinden – nicht als Versorgungsproblem, sondern als Preis. Der jüngste Anstieg der Energiekosten im DACH-Raum lässt sich auch an den Kraftstoffpreisen in Deutschland und Österreich ablesen.
Rechnen Sie damit, dass Ihr Gasversorger die Preise zum Jahreswechsel anhebt – und haben Sie deshalb schon einen Wechsel geprüft? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.
Quellen
- Bundesnetzagentur: Verlauf der Speicherfüllstände in Prozent, Datensatz mit Werten bis zum 10. September 2026, abgerufen am 12. September 2026
- Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung, Stand 12. September 2026, 8:57 Uhr
- Nachrichtenagentur dpa: Interview mit dem Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, vom 12. September 2026, unter anderem veröffentlicht bei ZDFheute um 8:04 Uhr
- Verivox, Energieexperte Thorsten Storck: Einschätzung zu den Gaspreisen vom 12. September 2026, verbreitet über die Nachrichtenagentur dpa, unter anderem veröffentlicht bei t-online um 9:08 Uhr
- Paragraf 35b des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes: Füllstandsvorgaben, Bereitstellung ungenutzter Speicherkapazitäten, Verordnungsermächtigung, abgerufen am 12. September 2026
- Rat der Europäischen Union: Pressemitteilung zur Verlängerung und Flexibilisierung der Gasspeicherverordnung vom 18. Juli 2025
- Austrian Gas Grid Management: Füllstand der österreichischen Gasspeicher zum 26. August 2026, wiedergegeben im Bericht des Energynewsmagazine vom 27. August 2026
- Nachrichtenagentur APA unter Berufung auf Reuters: TTF-Gaspreis und europäische Speicherstände, 10. September 2026
- Österreichisches Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus: Pressemitteilung zur Verlängerung der strategischen Gasreserve vom 23. Juni 2026
- Eigene Berechnung NETZ-TRENDS auf Basis der Füllstandsreihe der Bundesnetzagentur (Tempo der letzten 14 und 30 Tage, Fortschreibung bis zum 1. Oktober und 1. November 2026)
Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.