Wirtualna Polska Holding drängt Janka Lehner und Christian Schilling aus ab-in-den-urlaub.de

Das Wichtigste in Kürze

  • Im 10. Todesjahr (Todestag war der 14. Juli 2026): Der Absturz der Piper PA-32 im Jahr 2016 in Slowenien kostete UNISTER-Gründer Thomas Wagner (38 Jahre, knapp 50 % Anteile), Gesellschafter Oliver Schilling (39 Jahre), Pilot Kurt Ebert (73 Jahre) und einem weiteren Passagier (65 Jahre) das Leben.
  • Die Demontage der Retter: Die polnische Wirtualna Polska Holding S.A. drängte mit Janka Lehner und Christian Schilling jene beiden Schlüsselfiguren aus der ab in den urlaub GmbH, die im Juli/August 2016 das operative Überleben gesichert hatten.
  • Die verfehlte Insolvenz & bittere Reue: Janka Lehner bereut im Gespräch mit mir heute zutiefst, dass das Alt-Team damals die Insolvenz anstrebte. Der spätere Verkaufspreis von knapp 300 Millionen Euro für nur einen Bruchteil belegt: Unister war ein kerngesunder Sanierungsfall.
  • Der vergebliche Rettungsversuch: Am 15. Juli 2016 versuchte ich am Leipziger Flughafen auf Bitten von Daniel Kirchhof und Andreas Prokop vergeblich, zwischen den verfeindeten Gesellschafterlagern zu vermitteln und das Schicksal aufzuhalten.
  • Das google-gestützte Überleben: Dass UNISTER im Sommer 2016 nicht sofort erstickte, war maßgeblich Christian Schilling und seinen exzellenten Kontakten zu Google zu verdanken. Umso absurder wirkt der heutige Umgang mit ihm.
  • Historische Schuldfragen: Der Betrug in Venedig entpuppte sich als eiskalter Rip-Deal des Betrügers Levy Vass: Thomas Wagner hatte 1,5 Millionen Euro in bar in seinem privaten, uns allen vertrauten blauen Rucksack mit nach Venedig genommen.
  • Machtwechsel im Handelsregister: Laut Eintrag vom 20. April 2026 führen seither Michał Brański und Konzern-CFO Sergej Manthey die ab in den urlaub GmbH. Ralph Michaelsen agiert seither als Prokurist (CCO).

Ausgerechnet im Gedenkjahr wurden mit Janka Lehner und Christian Schilling die zwei wichtigsten verbliebenen Identifikationsfiguren und Retter der ersten Stunde von der polnischen Wirtualna Polska Holding S.A. aus dem Unternehmen gedrängt.

Warum „Retter der ersten Stunde“? Weil beide unmittelbar nach der Flugzeug-Katastrophe im Juli 2016 den totalen Kollaps verhinderten: Schilling reaktivierte über seine exzellenten Kontakte zu Google die zuvor gekappten Werbekonten, während Lehner das operativ lebenswichtige 350-köpfige Service-Center in Leipzig zusammenhielt.

Anzeige

Um ein Haar wäre ich selbst in jenem verhängnisvollen Flugzeug gesessen. Nun wurde Lehner – langjährige Lebenspartnerin von Thomas Wagner und Herz der Reisesparte – mit einem spöttischen Angebot vergrault; Schilling – Mitgründer und SEA-Architekt – per Aufhebungsvertrag vor die Tür gesetzt, wobei dieser immerhin einigermaßen fair gewesen sein soll.

Als ich 2009 als Chief Communication Officer (CCO) in die Unister Holding eintrat, war das Unternehmen mit rund 350 Beschäftigten noch vergleichsweise überschaubar. Bis zu meinem Abschied im Jahr 2015 entwickelte es sich in einer rasanten Expansionsphase zu einem großen Digitalunternehmen mit zeitweise mehr als 2.100 Mitarbeitern. Als Verantwortlicher für die gesamte Außendarstellung begleitete ich diesen Aufstieg gemeinsam mit meinem Team kommunikativ über alle sechs Geschäftsfelder des Konzerns hinweg. Meine Position eröffnete mir einen umfassenden Einblick in die Entwicklung des Unternehmens, seine Strukturen und seine strategische Ausrichtung. Zudem verband mich mit Thomas eine gute Freundschaft, die über die Jahre gewachsen war. Vor diesem Hintergrund blicke ich fassungslos auf das Treiben der WP Holding.

Der Absturz in Slowenien und das menschliche Leid

Es gibt Augenblicke in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, in denen Schicksal, Hybris und Tragödie unbarmherzig ineinandergreifen.

Der Donnerstag, 14. Juli 2016, war ein solcher Tag. Gegen 10:45 Uhr riss das Radarsignal einer einmotorigen Piper PA-32 ab, die sich auf dem Flug von Venedig nach Leipzig befand.

Anzeige

Die Maschine zerschellte über einem dicht bewaldeten Berggebiet bei Žiri im Westen Sloweniens. An Bord starben vier Menschen, darunter Thomas Wagner und Oliver Schilling.

Dass ich diese Zeilen heute überhaupt schreiben kann, grenzt an Fügung. Um ein Haar wäre ich an jenem 14. Juli 2016 selbst mit in der Unglücksmaschine von Venedig nach Leipzig gesessen.

Thomas hatte mich kurz vor der Reise gefragt, ob ich ihn begleiten wolle. Ich wusste damals nicht genau, was er in Italien vorhatte – nur, dass es sich um geschäftliche Termine handelte.

Ich schlug die Einladung letztlich schweren Herzens aus, weil mir die doppelte Reiserei schlicht zu viel gewesen wäre. Für die darauffolgende Woche stand bei mir bereits ein lange geplanter Urlaub in Südfrankreich mit meinem Freund an, der bei der Lufthansa-IT bis heute arbeitet.

Ein zentraler Grund dafür war eine mir persönliche Herzensangelegenheit: der Besuch der Aufführung von Prima Donna des Komponisten Rufus Wainwright, der am 24. Juli 2016 im Cour d’honneur des Papstpalastes beim Festival d‘Avignon auftrat.

Anzeige

Mit Rufus Wainwright verbindet mich seit langem eine enge privat-familiäre Verbindung. Erst nach Venedig und unmittelbar danach nach Südfrankreich zu fahren, war mir organisatorisch zu viel.

Diese Absage rettete mir nach menschlichem Ermessen das Leben. Hinter den nüchternen Polizeimeldungen jener Sommertage tun sich Abgründe auf, die bis heute nicht verheilt sind.

Sabina Ebert, erfolgreiche Bankerin bei der Deutschen Bank in London und jetzt Frankfurt, kämpft zusammen mit ihrer Schwester bis heute um die vollständige Aufklärung. Sie verloren an jenem Vormittag ihren Vater, den erfahrenen Piloten Kurt Ebert.

Nur 96 Stunden nach der Tragödie sollte das von Wagner errichtete Digital-Imperium in einer toxischen Trümmerlandschaft versinken. Das Justiz- und Aktengeflecht der Dresdner und sächsischen Behörden, insbesondere der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen und der Integrierten Ermittlungseinheit Sachsen (INES), hatte die Gruppe bereits in den vier Jahren zuvor unerbittlich in Atem gehalten.

Wenn ich an jenen tragischen Abend des 14. Juli 2016 zurückdenke, als ich in Karlsruhe war und die Nachricht vom Tod von Thomas über die Leipziger Anwältin RA Ines Große übermittelt bekam, durchfuhr mich ein Schauder.

Oliver Schilling war der Zwillingsbruder von Christian Schilling, dessen Büro Wand an Wand mit dem meinen lag.

Christian Schilling war Mitgründer und das Genie hinter der Suchmaschinenarchitektur (SEA). Und dann war da Janka Lehner.

Als Leiterin des Service-Centers kommandierte sie ein Bataillon von rund 350 Reiseberatern. Als langjährige Lebenspartnerin an Thomas Wagners Seite war Lehner weit mehr als eine Top-Managerin: Sie war das schlagende Herz der Gründerjahre.

Unzählige Nächte saßen Thomas, Janka, ich und die Führungsriege im Leipziger Barfußgässchen zusammen. Janka Lehner war das Gesicht und die operative Wirbelsäule der Reisesparte – und sie ist mir bis heute als geschätzte Freundin verbunden.

Das zehnte Todesjahr 2026 lenkt den Blick zurück auf zwei bemerkenswerte mediale Aufarbeitungen.

Die erste ist der vom MDR in Auftrag gegebene, dreiteilige ARD-Audio-Podcast „Ab in den Urlaub – Der Crash des Internet-Imperiums Unister„ (2016/2026). Maßgeblich umgesetzt wurde er von Head-Autorin und Host Sophia Wetzke (Studio Soma, Berlin), den Rechercheuren Marc Zimmer und Anton Zirk (Rechercheteam Zimmer & Zirk, Leipzig), Creative Producer Max Stern sowie Redakteur Marvin Standke und Redaktionsleiterin Ulivia Gattermann auf Senderseite.

Die zweite ist die MDR-Fernsehdokumentation „Der Absturz – Wie Deutschlands erfolgreichstes Start-up unterging“ (2018/2026) aus der Feder von Autor und Regisseur Ralf Ulrich Schmidt.

Als NETZ-TRENDS.de die neue Führung der Wirtualna Polska Holding S.A. mit den Recherchen konfrontierte, reagierten die Warschauer Konzernlenker mit Arroganz: „Niemand hat uns kontaktiert, und wir haben auch keine Haltung zu diesem tragischen Ereignis.“

Ein historisches Fehlurteil: Wenn das Alt-Team selbst die Kontrolle abgibt

Dass UNISTER in den chaotischen Sommerwochen nach der Tragödie im Juli 2016 nicht sofort in ein kaufmännisches Koma fiel, grenzte an ein Wunder.

Es war das Verdienst zweier Schlüsselpersonen: Christian Schilling und Janka Lehner. Sie wurden in den ersten Wochen nach der Katastrophe zu den Rettern.

Während Lehner das Service-Center zusammenhielt, warf Schilling seine Verbindungen in die Waagschale. Nach Bekanntwerden des Absturzes drohte die Stilllegung der Google-Werbekonten.

Über intensive Verhandlungen erwirkte Schilling im Juli und August 2016 eine richtungsweisende Einigung mit Google. Die Schaltung der Anzeigen wurde fortgeführt, der Traffic floss weiter.

Möglich wurde dies durch Schillings exzellente Kontakte zu Google sowie nach Mountain View, Dublin und Hamburg. Bei einem Werbebudget von bis zu 150 Millionen Euro pro Jahr war diese Symbiose überlebenswichtig.

Doch im Schatten der Trauer vollzog sich ein historischer Irrtum. Getrieben von Panik glaubten Christian Schilling, Sebastian Gantzckow und Janka Lehner, die Kontrolle in einer geordneten Insolvenz abgeben zu müssen.

Sebastian Gantzckow war im Gefüge eine prägende Figur – wenngleich sein Verhältnis zu Thomas Wagner von tiefem Misstrauen geprägt war. Bereits im Jahr 2010 hatte Wagner versucht, Gantzckow für rund 12 Millionen Euro aus dem Gesellschafterkreis zu drängen, weil er ihn schlicht „für nicht sehr fähig“ hielt. Solche harten, kompromisslosen Brüche kamen im Umgang Thomas Wagners mit Managern und Partnern des Öfteren vor.

Im Gespräch mit mir blickt Janka Lehner heute auf jene Tage zurück und bereut den Schritt tief: Sie sieht heute glasklar ein, dass das Alt-Team damals mit dem Insolvenzantrag die Axt an das eigene Lebenswerk legte – völlig unabhängig von den früheren internen Gräben oder dem gescheiterten Ausschluss von Gantzckow im Jahr 2010.

Sebastian Gantzckow und Christian Schilling reichten am 18. Juli 2016 schließlich die bitteren Formulare ein und stellten den Antrag beim Amtsgericht Leipzig. Über der Führung schwebte das Damoklesschwert der persönlichen Haftung.

Schon ab dem Jahr 2013 hatte Thomas Wagner zudem Peter Zimmermann – den ehemaligen Regierungssprecher von Thüringen und Sachsen – ins Haus geholt und ihn als CEO inthronisiert, obwohl wir von vielen Seiten gewarnt wurden: Zimmermann besaß schlicht keine ausreichenden Erfahrungen als Konzernlenker. Thomas war damals fest davon überzeugt, dass in einer solchen Phase ein weiterer PR-Fachmann an der Spitze nicht schaden könne.

Deshalb trafen wir uns regelmäßig dienstagsabends in Peter Zimmermanns damaliger privater Wohnung in der Leipziger Karl-Liebknecht-Straße – Thomas Wagner, Daniel Kirchhof, Peter Zimmermann und ich –, um die Pläne für die Zukunft auszuarbeiten. Peter kochte dabei gerne Spaghetti und es gab Rotwein. Das Essen genoss ich, das andere fand ich des öfteren mal befremdlich.

In den Monaten vor meinem eigenen Ausstieg im Mai 2015 spürte ich das heraufziehende Unheil hautnah: Zimmermann versuchte mich damals über Monate hinweg dezent, aber eindringlich genau dorthin zu bringen, dass ich selbst erkennen musste – wenn ich an Bord bleibe und die ausufernden finanziellen Risiken nicht in den Griff zu bekommen sind, würde das System auch mich bei einem Crash öffentlich mit in den Abgrund reißen.

Schon im Januar und Februar 2016 war mir zudem jene fatale Dynamik endgültig entglitten, mit der Thomas damals mit Karsten K. zusammengebracht worden war – der Beginn einer mephistophelischen Verschwörung, so kam es mir damals metaphysisch vor. Es war die stille Einsicht, dass man rechtzeitig von Bord gehen musste, bevor die Lawine unaufhaltsam rollte.

Ich selbst hatte das Unternehmen daher bereits im Mai 2015 verlassen, weil mir das juristische Umfeld zu gefährlich geworden war. Vorausgegangen war der von Wagner vollzogene Rauswurf des hochangesehenen Finanzchefs Daniel Kirchhof im Jahr 2015 – eine fundamentale Schwächung, die der Holding in der anschließenden Krise schmerzhaft fehlen sollte.

Als die Maschine am 14. Juli 2016 abstürzte, kehrte ich sofort zurück. Auf Bitten von Daniel Kirchhof und Andreas Prokop versuchte ich am 15. Juli 2016 am Flughafen vergeblich zu vermitteln und die verfeindeten Lager zusammenzubringen.

Die juristische Fallbeil-Mechanik war jedoch nicht mehr zu stoppen. In den verbleibenden 96 Stunden ließ sich kein wasserdichtes Sanierungskonzept mehr aufstellen.

Wie folgenschwer das war, belegen die Erlöse der Neuzeit: Allein die aus dem Nachlass verscherbelten Bruchstück-Pakete erzielten 2024/2025 Verkäufe von knapp 300 Millionen Euro (Invia Group und fluege.de).

Ein Konzern, dessen Trümmer Jahre später Hunderte Millionen Euro wert sind, war kein Insolvenzfall. Es war an sich ein operativ kerngesunder Sanierungsfall.

Das Venedig-Inferno: Kreditschieflage, HanseMerkur und der blaue Rucksack

Im Zentrum der dramatischen Zuspitzung stand der angebliche 15-Millionen-Euro-Kredit-Deal, der sich als eiskalter Rip-Deal des Betrügers Levy Vass entpuppte.

Der fatale Ursprung lag in einer Schieflage von Ende 2015: Die HanseMerkur (HanseMerkur Reiseversicherung AG, mit Sitz in Hamburg) hatte einen Kredit über 50 Millionen Euro völlig überraschend fällig gestellt.

Über diese Hamburger Traditionsgesellschaft – mit der wir über die Portale im großen Stil Reiseversicherungen vertrieben hatten und die in den wichtigen Segmenten als verlässlicher Partner an unserer Seite stand –, brach damals die finanzielle Lawine los.

Mit dem schlagartigen Einfordern des Kredits zog die HanseMerkur jene Schlinge zu, die das Fundament der gesamten UNISTER-Gruppe ins Wanken brachte. Die von Wagner in den Folgemonaten durch beispiellose Kraftanstrengungen gestemmten, netto rund 15 Millionen Euro an Rückzahlungen entzogen dem operativen Geschäft brutal die Liquidität.

Jeder Cent wurde abgezogen, um den Hamburger Druck zu bedienen, während das Tagesgeschäft an der Belastungsgrenze erstickte. Dieser von Hamburg aus erzeugte Liquiditätsdruck war der direkte, unbarmherzige Auslöser für Thomas Wagners verzweifelte Hatz nach alternativen Krediten – und damit letztlich derjenige Druck, der ihn im Juli 2016 nach Italien führte.

Wagner plante zur Rettung den großen Börsengang im Herbst 2016, auf den intern alle hinarbeiteten. Für die verbleibende Übergangszeit suchte er händeringend nach einem Überbrückungskredit.

Die Vermittlung nahm ihren Anfang bei Dr. Volker Külow (Landtagsabgeordneter DIE LINKE in Sachsen), der im Glauben, Gutes zu tun, den Kontakt gesucht hatte.

Külow brachte mich mit dem Leipziger Immobilienunternehmer Oliver Bechstedt zusammen, der in gutem Glauben agierte und den Kontakt zu weiteren Gesprächspartnern wie Karsten K. herstellte.

In diesem Rahmen kam es zu der Visite in Venedig: Thomas Wagner hatte 1,5 Millionen Euro in bar in seinem privaten, uns allen vertrauten blauen Rucksack mit nach Venedig genommen.

Die Betrüger hatten ihm im Darlehensvertrag weisgemacht, diese Summe sei eine zwingende Sicherheitseinlage für eine Notar-Hinterlegung bei der Londoner Barclays Bank.

Statt echter Kreditzusagen raubten die Täter Wagner das echte Bargeld und drehten ihm wertloses Falschgeld an.

Ausgerechnet jene beiden Akteure, die am meisten von der Provision profitiert hätten, saßen nicht im Absturzflugzeug. Ex-Banker Karsten K. fuhr wegen angeblicher Flugangst seiner Frau mit dem Auto nach Venedig.

Karsten K. kehrte auf dem Landweg zurück und geriet ins Zentrum der Ermittlungen. Der Vermittler Wilfried Schwätter wurde später vom Landgericht Leipzig zu einer Haftstrafe verurteilt.

Der Haupttäter und Betrüger Levy Vass war kurz nach der Tat in Kroatien festgenommen worden, kam jedoch von den dortigen Behörden völlig überraschend wieder auf freien Fuß – ein Vorgang, den ich für einen Justizskandal erster Güte halte.

Herzstück demontiert: Der Hintergrund der WP Holding und das eiskalte Kalkül

Vor diesem Hintergrund wirkt die Demontage der Gründer-Kader durch die neuen Eigentümer wie ein Akt kultureller Barbarei.

Die Wirtualna Polska Holding S.A. (börsennotiert an der Warschauer Wertpapierbörse GPW unter dem Ticker WPL) ist einer der mächtigsten Digital- und Medienkonzerne Polens. Das Unternehmen wagte im Mai 2015 den Gang an das Börsenparkett in Warschau, um seine aggressive Expansionsstrategie zu finanzieren.

Mit einer aktuellen Marktkapitalisierung von rund 1,45 Milliarden PLN (ca. 337,2 Millionen EUR) inszeniert sich der Koncern auf seiner Website gern mit dem Pathos eines Tech-Giganten („The future is online. Let’s shape it together!“) und brüstet sich im 1. Quartal 2026 mit einem Cash-Umsatz von 551,5 Millionen PLN (ca. 128,26 Millionen EUR).

Doch wer an den Finanzmärkten als Titan auftritt – getrieben von polnischen Medienberichten zufolge immensem Renditedruck –, agiert in der Leipziger Praxis mit kühler Härte. Die Personalie Janka Lehner wurde operativ über CCO Ralph Michaelsen abgewickelt.

Lehners historische Lebensleistung für ab-in-den-urlaub.de wurde mit einem spöttischen Angebot entwertet, um sie aus dem Haus zu drängen.

Ebenso schockierend ist das Aus für Christian Schilling, der per Aufhebungsvertrag vor die Tür gesetzt wurde – wobei dieser immerhin einigermaßen fair gewesen sein soll.

Insider berichten von einer tiefen Entfremdung, nachdem sich eine Phalanx von überwiegend polnischen McKinsey-Beratern und -Beraterinnen in den Leipziger Büros einnistete.

Das Auftreten dieser Statthalter wird von Mitarbeitern als extrem ruppig und überheblich beschrieben. Die intime Familien-Aura der UNISTER-Gruppe ist flächendeckend ausradiert.

Wo echte Pionierarbeit geschätzt wird, zeigt die Konkurrenz: Ehemalige UNISTERianer treiben heute bei CHECK24 in Leipzig und München den Erfolg voran.

NETZ-TRENDS.de konfrontierte die WP Holding am 8. Mai 2026 mit einem Fragenkatalog. Am 11. Mai 2026 bügnete die Pressestelle die Anfrage ab: Zu internen Personalangelegenheiten äußere man sich nicht.

Das ehemalige UNISTER-Reich: Was von den 60 Portalen übrig blieb

Vor dem Zusammenbruch 2016 befehligte Unister eine Armada von mehr als 60 Reiseportalen.

Eine aktuelle NETZ-TRENDS.de-Analyse hat die Impressen aller 17 hier erfassten Nachfolgemarken einzeln geprüft (Stand 07.11.2026). Vier Marken liegen weiterhin bei der polnisch kontrollierten ab in den urlaub GmbH, zwei bei der chinesisch kontrollierten TC Flights Germany GmbH. Sieben Marken gehören unabhängigen deutschen Unternehmen ohne UNISTER– oder WP-Holding-Bezug. Vier Domains waren beim Redaktionsschluss nicht mehr erreichbar:

Infografik: Wer gehört wem – Auswahl von 17 UNISTER-Nachfolgemarken im Check, Stand 06.11.2026, NETZ-TRENDS.de
Eigene Darstellung und Recherche von NETZ-TRENDS.de auf Basis eigener Impressum-Prüfung, Stand 06.11.2026.
MarkeKategorieHeutiger EigentümerStatus
ab-in-den-urlaub.deReiseab in den urlaub GmbH (WP Holding, Polen)aktiv
reisen.deReiseab in den urlaub GmbH (WP Holding, Polen)aktiv
reisegeier.deReiseab in den urlaub GmbH (WP Holding, Polen)aktiv
hotelreservierung.deReiseab in den urlaub GmbH (WP Holding, Polen)aktiv
fluege.deReiseTC Flights Germany GmbH (Tongcheng Travel, China)aktiv
billigfluege.deReiseTC Flights Germany GmbH (Tongcheng Travel, China)aktiv
kurz-mal-weg.deReiseGetAway Travel GmbH, Leipzigunabhängig, aktiv
urlaubstours.deReise–nicht mehr erreichbar
Travel24.comReise–nicht mehr erreichbar
Preisvergleich.dePreisvergleichGET Sol 1 GmbH, Leipzigunabhängig, aktiv
Auto.deAutomobileauto.de GmbH, Sandersdorf-Brehnaunabhängig, aktiv
News.deNachrichtenMM New Media GmbH, Leipzigunabhängig, aktiv
Börsennews.deNachrichtenMarkets Inside Media GmbH, Leipzigunabhängig, aktiv
geld.deFinanzenJDC Geld.de GmbH, Wiesbadenunabhängig, aktiv
private-krankenversicherung.deFinanzen/Versicherung–nicht mehr erreichbar
shopping.deShoppingMarktplatz Mittelstand Operations GmbH, Karlsruheunabhängig, aktiv
Partnersuche.deShopping/Sonstiges–nicht mehr erreichbar

Stand: 07.11.2026, erhoben von NETZ-TRENDS aus Impressumsangaben und Handelsregistereinträgen. Dieser Beitrag behandelt im Übrigen ausschließlich die beiden großen Reisemarken ab-in-den-urlaub.de und fluege.de.

Der Kahlschlag zeigt sich auch beim Personal: Gilt dies spezifisch als Rumpfbelegschaft von ca. 191 Beschäftigten für ab-in-den-urlaub.de, muss einschränkend berücksichtigt werden, dass ein Großteil der Aufgaben heute dezentral geführt wird – weshalb man diese Zahl nicht eins zu eins mit der historischen Gesamtstruktur vor Ort in Leipzig gleichsetzen kann.

Wie die Wirtualna Polska Holding S.A. sich die Invia Group SE einverleibte

Die Übernahme vollzog sich in zwei Wellen: Am 23. Dezember 2024 angekündigt, kaufte die Wirtualna Polska Holding S.A. zum 24. April 2025 exakt 100 Prozent der Invia Group SE.

Der Kaufpreis betrug 242,8 Millionen Euro. WP-CEO Jacek Świderski feierte den Deal öffentlich als Meilenstein und verkündete: „Zum ersten Mal werden wir mehr mit dem Reisegeschäft verdienen als mit Medien.“

Am 20. April 2026 schlug die Stunde der Bereinigung im Handelsregister: Ralph Michaelsen und Boris Müller wurden als Geschäftsführer gelöscht.

An ihre Stelle rückten Michał Brański und Konzern-CFO Sergej Manthey. Sergej Manthey und Ralph Michaelsen kenne ich aus gemeinsamen UNISTER-Jahren als hochgradig integere Top-Manager.

Ihre Präsenz bildet nun den letzten verbliebenen Gegenpol zur ansonsten spürbaren kulturellen Entfremdung aus Warschau.

Starke Margen im Reisegeschäft – Einbrüche im Gesamtkonzern

Die Ironie des Dramas liegt in den Geschäftszahlen: Die UNISTER-Reste sind für die Polen eine lukrative Cashcow.

Laut Testat für 2024 erwirtschaftete die ab in den urlaub GmbH mit ihren 191 Mitarbeitern einen Provisionsumsatz von 76,02 Millionen Euro und einen Nettogewinn von 9,47 Millionen Euro.

Hochrechnungen belegen ein bewegtes Reisevolumen von geschätzten 634 bis 950 Millionen Euro.

Vom Fluggeschäft hat man sich getrennt: Seit Dezember 2025 gehört fluege.de für 42,3 Millionen Euro der chinesischen TC Flights Germany GmbH.

Dass die Wirtualna Polska Holding S.A. bei den Alt-Kadern so kompromisslos auftritt, dürfte auch an eigenen Turbulenzen an der Warschauer Börse liegen: Trotz starken Umsatzwachstums rutschte die WP-Holding im Jahr 2025 unterm Strich mit einem Nettofehlbetrag von 5,0 Millionen Euro in die roten Zahlen – angetrieben durch massive Sonderabschreibungen auf ungarische Beteiligungen.

Der Darlehensvertrag im Original

Der folgende Vertrag wurde im Juni 2016 zwischen Thomas Wagner und den Betrügern um Levy Vass aufgesetzt. Die Original-Scans liegen im Redaktionsarchiv von NETZ-TRENDS.de.

Darlehensvertrag Vass-Wagner vom Juni 2016, Seite mit §3 bis §7: Laufzeit, Darlehensbedingungen, Verzinsung, Zinsbindungsfrist, Zinszahlung
Seite des Darlehensvertrags vom Juni 2016 mit §3 bis §7. Quelle: Redaktionsarchiv NETZ-TRENDS.de
Darlehensvertrag Vass-Wagner vom Juni 2016, Seite mit §8 bis §10: Darlehensauszahlung, Verpflichtung des Darlehensgebers, Sicherheiten
Seite des Darlehensvertrags vom Juni 2016 mit §8 bis §10. Quelle: Redaktionsarchiv NETZ-TRENDS.de

Was eine Vermittlungsprovision in dieser Größenordnung finanziell bedeutet haben könnte, zeigt ein Vergleichswert aus einem Parallelfall: Der mutmaßliche Kreditvermittler Wilfried Schwätter soll seinen eigenen Provisionsanspruch bei erfolgreichen Krediten gegenüber einem anderen Opfer mit bis zu 20 Prozent beziffert haben. Realistisch dürfte die Provision eher im Bereich von 10 bis 20 Prozent gelegen haben – branchenübliche Sätze bei solchen Vermittlungen dürften oft darunter liegen, dokumentiert ist für diesen Fall allein Schwätters eigene Angabe. Übertragen auf den im Raum stehenden 15-Millionen-Euro-Kredit an Thomas Wagner ergäbe das rechnerisch zwischen 1,5 Millionen Euro (bei 10 Prozent) und 3 Millionen Euro (bei 20 Prozent) – eine Summe, die sich die beteiligte Vermittlerkette (laut bisherigen NETZ-TRENDS-Recherchen unter anderem Wilfried Schwätter und Karsten K.) möglicherweise geteilt haben könnte. Eine dokumentierte Aufteilung der Provision unter den einzelnen Vermittlern liegt NETZ-TRENDS.de nicht vor; die Berechnung beruht auf Schwätters eigener Provisionsangabe in einem anderen Fall sowie einer redaktionellen Einschätzung der Bandbreite.

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

Artikel teilen

TelegramiMessage/SMSE-Mail

Kommentar schreiben