Das Wichtigste in Kürze

  • Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul hat am Freitag, dem 4. September 2026, in einem WDR-Interview gesagt, es spreche „im Moment weniger für die staatlich fremde Macht“ und „einiges dafür, dass es ein Einzeltäter ist“. Zwei Tage zuvor hatte er noch von zwei Ermittlungsrichtungen gesprochen, darunter fremdstaatlich gelenkte Sabotage.
  • Bei dem folgenschwersten der drei Vorfälle gingen am 1. September gegen 20 Uhr fünf Braunkohleblöcke von RWE mit zusammen rund 4,2 Gigawatt Nennleistung vom Netz; sie speisten zu diesem Zeitpunkt etwa 3 Gigawatt ein. Der deutsche Übertragungsnetzbetreiber Amprion erklärte, die allgemeine Stromversorgung sei „zu keinem Zeitpunkt davon betroffen“ gewesen.
  • Am kurzfristigen Strommarkt schlug der Ausfall dagegen durch: Der Fachdienst pv magazine berichtet unter Berufung auf den Marktdienst Montel von Intraday-Preisen um 4.500 Euro je Megawattstunde in der Viertelstunde bis 21 Uhr. Wie viel davon am Ende über Netzentgelte bei den Haushalten in Deutschland ankommt, ist bislang nicht beziffert.

Es ist eine bemerkenswerte Verschiebung innerhalb von drei Tagen. Am Dienstag, dem 1. September 2026, standen nach den Angriffen auf zwei Umspannanlagen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg die Begriffe im Raum, die die Debatte über kritische Infrastruktur in Deutschland seit Jahren prägen: hybride Bedrohung, fremder Staat, Angriff auf die Versorgung. Am Freitagnachmittag sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) in einem Interview des WDR einen Satz, der in die andere Richtung zeigt.

„Es spricht im Moment weniger für die staatlich fremde Macht“, sagte Reul nach der Mitteilung des WDR Newsroom vom 4. September 2026, 14:10 Uhr. „Es spricht einiges dafür, dass es ein Einzeltäter ist.“

Der Minister stützt sich auf zwei Bekennerschreiben

Reul begründete das in demselben Interview mit Schriftstücken, die den deutschen Ermittlungsbehörden vorliegen. „Es gibt zwei Bekennerschreiben, die sind sehr übereinstimmend. Es spricht vieles dafür, dass das alles aus einer Hand gemacht worden ist“, sagte er. Bemerkenswert sei, dass eines der Schreiben „mit dem persönlichen Namen unterschrieben ist und mit der Adresse“.

Entscheidend für die Bewertung ist nach Reuls Darstellung eine Überprüfung in der Nacht zum Freitag: „Wir haben uns die Stellen gestern Nacht noch angeguckt, die er genannt hat. Und tatsächlich: Das war kein Fake. Die Informationen stimmen.“ Damit sei ein Mensch im Blick, „dessen Namen wir kennen“.

Über den Inhalt der Schreiben berichtete ZDFheute: Darin werde die Tat mit einem Umweltmotiv begründet, die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen sei „ein Verbrechen, das unsägliches Leid nach sich zieht“. NETZ-TRENDS konnte den Wortlaut der Schreiben nicht einsehen; die Zitate sind als Wiedergabe des ZDF zu behandeln. Ein Tatverdacht ist kein Schuldnachweis – es gilt die Unschuldsvermutung, und die Person wird hier nicht benannt.

Drei Anlagen in drei Tagen – und nach Betreiberangaben keine Unterbrechung

Der Reihe nach: Am Dienstagmorgen, dem 1. September 2026, wurde die Polizei nach Darstellung des Regionaldienstes Niederlausitz aktuell gegen 8 Uhr zu einer Anlage des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz im brandenburgischen Turnow-Preilack gerufen, unweit des Kraftwerks Jänschwalde. Dort lag demnach eine zweistellige Zahl selbstgebauter Flugkörper; in zwei Fällen sei es gelungen, leitfähiges Material in die Höchstspannungsleitung einzubringen. Das brandenburgische Landeskriminalamt ermittelt nach demselben Bericht unter anderem wegen Störung öffentlicher Betriebe (§ 316b), Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion (§ 308) und Bildung einer terroristischen Vereinigung (§ 129a) des deutschen Strafgesetzbuchs.

Am selben Tag gegen 20 Uhr traf es eine Umspannanlage des Netzbetreibers Amprion im rheinischen Bergheim. In einem Maisfeld fanden sich nach der Darstellung des Berliner Tagesspiegels sechs Abschussvorrichtungen, die Drähte über die Leitungen befördern sollten. Am Donnerstagabend entdeckte nach Angaben der Polizei ein Spaziergänger eine ähnliche Vorrichtung nahe dem Umspannwerk Dormagen-Gohr zwischen Köln und Düsseldorf. „Jemand hat offenbar versucht, mutwillig einen Kurzschluss herbeizuführen“, zitiert ZDFheute einen Sprecher der Polizei Köln. Ausgelöst wurde die Vorrichtung dort nicht.

Ort und Anlage Zeitpunkt Netzbetreiber Erzeugung vom Netz Versorgungsunterbrechung
Turnow-Preilack, Brandenburg 1. September, gegen 8 Uhr 50Hertz ein Kraftwerksblock keine
Bergheim, Nordrhein-Westfalen 1. September, gegen 20 Uhr Amprion rund 3.000 MW keine
Dormagen-Gohr, Nordrhein-Westfalen 3. September, abends k. A. keine
Quellen: Angaben von 50Hertz und Amprion sowie der Polizei, wiedergegeben bei Niederlausitz aktuell, Tagesspiegel, ZfK, pv magazine und ZDFheute. Stand: 4. September 2026, 19 Uhr. „Erzeugung vom Netz“ bezeichnet die Leistung, die sich infolge des Vorfalls abschaltete, nicht ausgefallene Versorgung.

Fünf Blöcke schalteten sich ab – die Versorgung lief weiter

Der Vorfall in Bergheim hatte die größte technische Wirkung. Nach der Darstellung des Fachdienstes ZfK – Zeitung für kommunale Wirtschaft gingen fünf Braunkohleblöcke von RWE vom Netz: Neurath F, G und H sowie Niederaußem G und K, zusammen rund 4,2 Gigawatt Nennleistung. Zum Zeitpunkt des Ereignisses speisten sie etwa 3 Gigawatt ein.

Amprion, in dessen Netzgebiet die Anlage liegt, wird dort mit den Worten wiedergegeben: „Die allgemeine Stromversorgung war zu keinem Zeitpunkt davon betroffen und die Systemstabilität immer gewährleistet.“ Zur Ursache erklärte das Unternehmen nach der Wiedergabe des Fachmagazins pv magazine: „Die Ursache des Ereignisses ist derzeit Gegenstand laufender polizeilicher Untersuchungen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist von einer Fremdeinwirkung auszugehen.“ Für Brandenburg hält Niederlausitz aktuell fest, die allgemeine Stromversorgung sei nach Angaben von 50Hertz zu keiner Zeit gefährdet gewesen.

Warum ein Draht über der Leitung ein Kraftwerk abschaltet

Höchstspannungsleitungen führen in Deutschland 220.000 oder 380.000 Volt. Gerät leitfähiges Material zwischen zwei Leiterseile oder zwischen Seil und Erde, entsteht ein Kurzschluss. Der Schutz der Anlage trennt den betroffenen Abschnitt dann binnen Millisekunden vom Netz – das ist kein Defekt, sondern die vorgesehene Funktion. Kraftwerke, die über diesen Abschnitt einspeisen, verlieren dabei ihren Abtransportweg und fahren automatisch herunter. Der Strom fließt anschließend über andere Leitungen; für die angeschlossenen Haushalte bleibt der Vorgang deshalb in der Regel unbemerkt. Teuer wird nicht der Ausfall, sondern der kurzfristige Ersatz der weggefallenen Erzeugung.

4.500 Euro je Megawattstunde: Am Strommarkt schlug der Ausfall durch

Genau dort, im Ersatz, wurde der Vorfall messbar. pv magazine berichtet unter Berufung auf den Marktdienst Montel, in der Viertelstunde bis 21 Uhr seien im Intraday-Handel Preise um 4.500 Euro je Megawattstunde aufgerufen worden – also 4,50 Euro je Kilowattstunde. Für Minutenreserve seien demnach Preise bis zu 15.000 Euro je Megawattstunde erzielt worden. Das Fachmagazin spricht von Preisspitzen: Die Werte lagen um ein Vielfaches über dem, was in einer gewöhnlichen Abendstunde am deutschen Strommarkt gehandelt wird.

Diese Kosten verschwinden nicht. Ausgleichsenergie und Regelleistung werden im deutschen Strommarkt über die Bilanzkreise und über die Netzentgelte abgerechnet, und Netzentgelte stehen auf jeder Stromrechnung eines Haushalts in Deutschland. Wie hoch der Betrag im konkreten Fall war und welcher Anteil davon am Ende bei den Endkunden ankommt, ist in den bis Freitagabend vorliegenden Stellungnahmen von Netzbetreibern und Behörden nicht beziffert. Eine eigene Anfrage bei Amprion, 50Hertz und der deutschen Bundesnetzagentur war dieser Redaktion am Freitagabend nicht mehr möglich.

Was offen bleibt

Die Aussage des Ministers ist eine Zwischenbewertung im laufenden Verfahren, kein Ermittlungsergebnis. Offen ist, ob die Bekennerschreiben echt sind, ob alle drei Vorfälle derselben Urheberschaft zuzurechnen sind und ob es bei einer einzelnen Person bleibt. Offen ist ebenso, was die Vorfälle gekostet haben – und wer diese Kosten trägt. Beides sind Fragen, die sich unabhängig davon stellen, wer am Ende ermittelt wird.

Vor drei Tagen klang die Zuschreibung noch anders

Der Kontrast zum Wochenbeginn ist der eigentliche Nachrichtenwert dieses Freitagnachmittags. Nach der Darstellung des Tagesspiegels hatte Reul am 2. September gesagt: „Wir prüfen zwei Richtungen: fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus.“ Bei den nordrhein-westfälischen Behörden lief die Sache dem Bericht zufolge unter dem Anfangsverdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage. In dieselbe Woche fiel der ARD-DeutschlandTREND vom 3. September 2026: Danach halten 56 Prozent der Befragten die Sicherheit in Deutschland durch Russland derzeit für sehr stark oder stark bedroht. Infratest dimap befragte dafür vom 31. August bis 2. September 1.319 Wahlberechtigte.

Dass beides zusammen eine Erwartungshaltung erzeugt, ist nachvollziehbar – belegt ist damit nichts. Die Einordnung, die Reul am Freitag vornahm, geht in die entgegengesetzte Richtung, und sie stammt von derselben Stelle, die drei Tage zuvor die andere Möglichkeit betont hatte. Für die Frage, wie verwundbar das deutsche Stromnetz ist, macht der Unterschied allerdings weniger aus, als man vermuten könnte: Die technische Wirkung von rund 3 Gigawatt weniger Einspeisung ist dieselbe, gleich wer die Vorrichtung aufgestellt hat.

Der Schutz kostet Geld, das ebenfalls über die Netzentgelte kommt

Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) formulierte nach der Wiedergabe von ZDFheute die politische Konsequenz so: „Wir können vielleicht nicht jeden Anschlag verhindern. Aber wir können den Schutz unserer Infrastruktur massiv erhöhen.“ Was das praktisch bedeutet, zeigt der Ablauf der vergangenen Tage: Die Vorrichtungen lagen in einem Maisfeld und auf einem Feld neben der Anlage, gefunden hat eine davon ein Spaziergänger. Zäune, Kameras und Sensorik an Anlagen dieser Art im ganzen Land wären eine Investition, die im deutschen Strommarkt über die Netzentgelte refinanziert wird – so wie der Netzausbau, dessen Kosten NETZ-TRENDS zuletzt am Beispiel des Elbtunnels der SuedLink-Trasse beschrieben hat.

Bemerkenswert ist deshalb, was in den bisherigen Stellungnahmen nicht vorkommt: eine Zahl. Weder für den Schaden der vergangenen Tage noch für die Kosten eines höheren Schutzniveaus nennen die von dieser Redaktion ausgewerteten Mitteilungen und Berichte eine Größenordnung. Solange die fehlt, bleibt die Debatte über den Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland eine über Zuständigkeiten – nicht über den Preis, den am Ende die Haushalte über ihre Stromrechnung zahlen.

Wie es weitergeht

Am Freitagnachmittag dauerte die Fahndung nach den vorliegenden Berichten noch an. Nach Angaben von Reul, die ZDFheute wiedergibt, war der Aufenthaltsort der gesuchten Person zu diesem Zeitpunkt unbekannt: „Wo der sich rumtreibt, wissen wir nicht. Mich würde es nicht wundern, wenn er noch in Deutschland ist.“ Das brandenburgische Landeskriminalamt führt demselben Bericht zufolge eine Besondere Aufbauorganisation mit rund 300 Einsatzkräften; ein Generalstaatsanwalt prüfe die Übernahme der Ermittlungen – aus welchem Bundesland, geht aus dem Bericht nicht hervor. Ob die drei Vorfälle rechtlich als ein Verfahren geführt werden, ist damit noch nicht entschieden. Eine Stellungnahme der gesuchten Person liegt nicht vor.

Für die Stromversorgung gilt vorerst die Auskunft der Netzbetreiber: Sie war nicht unterbrochen. Ob das auch bei einem Versuch so bliebe, der an mehreren Anlagen gleichzeitig gelingt, beantworten die bisherigen Stellungnahmen nicht.

Wie schätzen Sie das ein: Sollte der Schutz von Umspannanlagen in Deutschland aus den Netzentgelten finanziert werden – also von allen Stromkunden – oder aus dem Staatshaushalt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

  • WDR Newsroom: Mitteilung „NRW-Innenminister Reul zu den Ermittlungen nach mehreren Sabotageversuchen an Umspannwerken: Es spricht einiges für einen Einzeltäter“ vom 4. September 2026, 14:10 Uhr – presseportal.de
  • pv magazine Deutschland: „Ausfall des Umspannwerks von Amprion verursacht Preisspitzen“, 2. September 2026, mit Marktdaten von Montel und einer Stellungnahme von Amprion – pv-magazine.de
  • ZfK – Zeitung für kommunale Wirtschaft: „Anschlag in Bergheim: Fünf RWE-Kraftwerksblöcke vom Netz“, 2. September 2026, mit Stellungnahme von Amprion – zfk.de
  • Niederlausitz aktuell: „Terror-Ermittlungen nach Anschlag auf Umspannwerk in Turnow-Preilack“, mit Angaben von 50Hertz und des brandenburgischen Landeskriminalamts – niederlausitz-aktuell.de
  • Tagesspiegel: „Anschlag auf die kritische Infrastruktur: Sechs Abschussvorrichtungen nahe Umspannwerk Bergheim bei Köln gefunden“, Stand 2. September 2026 – tagesspiegel.de
  • ZDFheute: „Angriffe auf Umspannwerke: Durchsuchung bei Tatverdächtigem“, 4. September 2026 – zdfheute.de
  • ZDFheute: „Stromnetz-Sabotage in Brandenburg: Polizei prüft Bekennerschreiben“, 3. September 2026 – zdfheute.de
  • ARD/infratest dimap: ARD-DeutschlandTREND „Mehrheit sieht Russland als Sicherheitsrisiko für Deutschland“, Mitteilung vom 3. September 2026 – presseportal.de
  • ZDFheute: „Polizei spricht von möglicher Sabotage an Umspannwerk in Dormagen“, 4. September 2026 – zdfheute.de

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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