Das Wichtigste in Kürze
- Am 6. September 2026 um 16:28 Uhr MESZ verließen in einer einzigen Bitcoin-Transaktion 4.019,44391988 Bitcoin die Reserve der Sidechain Liquid – beim Kurs vom Montagmorgen rund 276 Millionen Euro.
- Seit Sonntagabend läuft ein Nachrichtenwechsel in Klartext über die Bitcoin-Blockchain. Zwei der Nachrichten tragen eine Signatur des PGP-Schlüssels, den Blockstream unter blockstream.com/pgp.txt für sein Sicherheitsteam veröffentlicht; NETZ-TRENDS hat beide geprüft, GnuPG meldet jeweils eine gültige Signatur.
- In einer um 05:30 Uhr MESZ bestätigten Nachricht heißt es, das Geld gehe erst nach einer bestätigten Fehlerbehebung zurück. Der öffentliche Liquid-Explorer weist als jüngsten Block einen Zeitstempel von 02:39 Uhr MESZ aus – seither steht die Kette dort still.
Auf der Bitcoin-Blockchain läuft seit Sonntagabend eine Verhandlung, die jeder mitlesen kann. Gegenstand sind 4.019,44391988 Bitcoin, die am 6. September 2026 um 16:28 Uhr MESZ aus der Reserve der Sidechain Liquid abgeflossen sind. Beim Kurs von 68.684 Euro je Bitcoin, den der Blockchain-Dienst mempool.space am Montag um 05:35 Uhr MESZ ausweist, entspricht das rund 276 Millionen Euro oder etwa 320 Millionen US-Dollar.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Summe als der Weg: Beide Seiten kommunizieren über die Blockchain selbst. Jede Nachricht steht als Datenfeld in einer eigenen Transaktion, mit Zeitstempel, dauerhaft abrufbar und für jeden nachprüfbar – auch für die Redaktion, die diesen Text schreibt.
Was in Block 965.783 passiert ist
Die Transaktion mit der Kennung 8db751a6…58a7b140 wurde in Block 965.783 aufgenommen, Zeitstempel 6. September 2026, 16:28 Uhr MESZ. Sie fasst 83 Eingänge zusammen und verteilt das Guthaben auf 13 Ausgänge. Der mit Abstand größte Ausgang über 3.996,02 Bitcoin ging an eine einzelne Adresse, von der aus die Summe im selben Block weiterwanderte.
Am Montagmorgen liegen auf der Zieladresse dieser zweiten Überweisung 3.998,4985 Bitcoin – rund 275 Millionen Euro. Der Betrag liegt geringfügig über dem Ausgang der Abgangstransaktion, weil auf derselben Adresse weitere Beträge eingegangen sind. Bewegt wurde das Guthaben seither mehrfach, aber nur in sich selbst: Zuletzt hat die Adresse es um 04:20 Uhr und um 05:30 Uhr MESZ neu zusammengefasst, ohne es an Dritte zu verteilen.
Sidechain, Peg-out, L-BTC – kurz erklärt
Liquid ist eine sogenannte Sidechain: eine eigene Kette neben der Bitcoin-Blockchain, auf der Überweisungen schneller und vertraulicher laufen sollen. Wer sie nutzt, überweist Bitcoin an eine Reserve-Adresse und erhält dafür auf der Sidechain den Token L-BTC im selben Umfang – das ist der Peg-in. Der umgekehrte Weg heißt Peg-out: L-BTC wird eingezogen, und aus der Reserve fließen echte Bitcoin zurück.
Die Reserve gehört keiner einzelnen Firma. Sie liegt in einer Multisignatur-Adresse, die nur mehrere Beteiligte gemeinsam bewegen können. Nach der Darstellung von Bitcoin Magazine sind dafür elf von fünfzehn Signaturen nötig.
Die Nachrichten der Nacht, mit Uhrzeit
Bitcoin-Transaktionen können ein kleines Datenfeld tragen, das keinen Wert überträgt, sondern Text. Genau darüber lief die Kommunikation. Die folgende Übersicht enthält ausschließlich Nachrichten, die auf der Blockchain bestätigt sind; die Zeitangabe ist jeweils der Zeitstempel des Blocks, in dem die Nachricht aufgenommen wurde.
| Zeit (MESZ) | Inhalt der Nachricht | Von wem |
|---|---|---|
| 6.9., 16:28 | Abgang von 4.019,44 Bitcoin aus der Reserve (keine Textnachricht) | – |
| 6.9., 20:30 | „we are whitehats. contact us on chain“ | Adresse mit dem Guthaben |
| 6.9., 21:31 | „Please contact security@blockstream.com“ | nicht signiert, Absender offen |
| 6.9., 22:38 | Verweis auf einen Signal-Kontakt | nicht signiert, Absender offen |
| 7.9., 03:49 | verschlüsselte Nachricht samt abgetrennter Signatur und Fingerabdruck des Schlüssels | Signatur geprüft: Blockstream |
| 7.9., 04:20 | „sending most back to bc1qdlld6…, is that ok“ | Adresse mit dem Guthaben |
| 7.9., 05:30 | „Please fix the bug first…“ – Rückgabe erst nach bestätigter Fehlerbehebung, Details verschlüsselt | Adresse mit dem Guthaben |
| 7.9., 05:30 | „Yes, thank you.“ – signiert um 05:16 Uhr | Signatur geprüft: Blockstream |
Zwischen diesen Nachrichten stehen Einträge, die mit dem Vorgang nichts zu tun haben: Werbung einer Wallet-App, Hinweise auf angebliche Tauschdienste für die Kryptowährung Monero, ein Verweis auf einen Memecoin, das Angebot einer anwaltlichen Vertretung. Wer 275 Millionen Euro auf einer öffentlich einsehbaren Adresse hält, bekommt binnen Stunden Post von allen, die daran verdienen wollen. Für den Vorgang selbst ist davon nichts belastbar.
Zwei Nachrichten, die sich prüfen lassen
Der entscheidende Punkt an dieser Nacht ist nicht der Wortlaut, sondern die Nachprüfbarkeit. Blockstream veröffentlicht den öffentlichen PGP-Schlüssel des eigenen Sicherheitsteams unter blockstream.com/pgp.txt. Die Redaktion hat diesen Schlüssel geladen und die beiden signierten Nachrichten aus der Blockchain damit geprüft.
Der Schlüssel trägt den Fingerabdruck 1176 542D A98E 71E1 3372 2EF7 4AC8 CC88 6844 A2D6 und ist auf „Blockstream Security Reporting <security@blockstream.com>“ ausgestellt. Für die Nachricht von 03:49 Uhr wie für die Antwort „Yes, thank you.“ meldet GnuPG jeweils eine gültige Signatur; die Signaturzeitpunkte liegen bei 03:14 Uhr und 05:16 Uhr MESZ. Nachvollziehen lässt sich das mit zwei Befehlen: gpg --import pgp.txt, anschließend gpg --verify auf die aus dem Datenfeld extrahierte Nachricht.
Was damit belegt ist, ist eng begrenzt, aber es ist etwas wert: Die Antworten stammen von jemandem, der über den privaten Schlüssel zu Blockstreams veröffentlichter Sicherheitsadresse verfügt. Auch die verschlüsselte Nachricht der Gegenseite ist an genau diesen Schlüssel gerichtet. Nicht belegt ist damit, wer auf der anderen Seite sitzt – dort steht keine Signatur, sondern nur eine Adresse.
Was der Betreiber selbst mitgeteilt hat
Öffentlich geäußert hat sich Liquid über das eigene Konto beim Kurznachrichtendienst X. Der Beitrag, auf den sich die internationale Berichterstattung stützt, war für die Redaktion am Montagmorgen nicht unabhängig abrufbar; wiedergegeben wird er unter anderem von The Block und von Bitcoin Magazine.
https://x.com/Liquid_BTC/status/2096696272447218108
Nach dieser Wiedergabe erklärte Liquid, man sei sich eines Sicherheitsvorfalls bewusst, die Brücken-Knoten seien abgeschaltet und die Sidechain angehalten worden; andere auf Liquid ausgegebene Werte seien nicht betroffen. Blockstream versuche, die Verantwortlichen über eine signierte Nachricht auf der Blockchain zu erreichen. Genau dieser letzte Punkt lässt sich unabhängig bestätigen – die signierten Nachrichten der Nacht liegen in der Kette.
Was das für Guthaben auf Liquid bedeutet
Der öffentliche Liquid-Explorer von Blockstream weist am Montagmorgen als jüngsten Block die Höhe 4.050.982 mit dem Zeitstempel 7. September, 02:39 Uhr MESZ aus. Davor entstand im Minutentakt ein Block, jeder mit nur einer einzigen Transaktion – die Kette lief leer weiter, bevor sie stehen blieb. Ob der Stillstand die Kette selbst oder nur diesen Explorer betrifft, lässt sich von außen nicht unterscheiden.
Praktisch heißt Stillstand: Solange keine Blöcke entstehen, geht auf Liquid nichts – kein Peg-out, keine Überweisung, kein Zugriff auf Guthaben, das dort liegt. Das betrifft Nutzung in Deutschland, Österreich und der Schweiz genauso wie überall sonst. Zur Liquid Federation zählen nach einer Mitteilung des Betreibers vom 16. Juli 2024 insgesamt 73 Mitglieder, darunter das deutsche Unternehmen Alby und das nach derselben Mitteilung in der Schweiz ansässige Peach Bitcoin. Ein eigener Bezug dieser Unternehmen zu dem Vorgang vom 6. September ergibt sich aus den öffentlichen Angaben nicht.
Ein Punkt, der in solchen Fällen regelmäßig untergeht: Guthaben auf einer Sidechain sind keine Bankeinlagen. Die gesetzlichen Einlagensicherungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Bankguthaben bis zu einer festgelegten Höhe absichern, erfassen sie nicht. Wer L-BTC hält, ist auf die Reserve und auf die Beteiligten angewiesen, die sie verwalten.
Deckungsstand: was die öffentlichen Zahlen hergeben
Der Liquid-Explorer weist für L-BTC in Summe Peg-ins von 18.356,93 Bitcoin, Peg-outs von 18.149,60 Bitcoin und 10,03 verbrannte Bitcoin aus. Rechnerisch bleiben daraus 197,30 L-BTC im Umlauf. Auf der Adresse, die die Gegenseite um 04:20 Uhr MESZ als Rückgabeziel nennt und die bereits in der Abgangstransaktion als Empfängerin dreier kleiner Beträge auftaucht, liegen am Montagmorgen 197,47 Bitcoin. Wie sich der Abgang vom 6. September in dieser Rechnung genau niederschlägt, ist aus den öffentlichen Daten allein nicht zu bestimmen – eine öffentliche Aufstellung des Betreibers zum Deckungsstand nach dem 6. September war bis Redaktionsschluss nicht auffindbar.
Warum „Whitehat“ hier nichts entscheidet
Die Selbstbezeichnung als „whitehats“ stammt aus der ersten Nachricht der Gegenseite und ist genau das: eine Selbstbezeichnung. Bestätigt hat sie bislang niemand unabhängig. Das Guthaben liegt bis 05:45 Uhr MESZ weiter auf derselben Adresse, und die Nachricht von 05:30 Uhr knüpft die Rückgabe an eine Bedingung. Im Wortlaut: „Please fix the bug first. The chain is under risk at latest commit right now. Make sure every node is patched. Then we will transfer the money back safely after confirming the fix.“ – erst also die Fehlerbehebung, dann die Rückgabe.
Diese Bedingung ist die eigentliche Nachricht des Morgens. Nach dieser Darstellung ist die Kette derzeit weiter angreifbar – und der Zeitpunkt der Rückgabe hängt an einer Bewertung, die die Gegenseite selbst vornimmt. Welcher Fehler gemeint ist, steht im verschlüsselten Teil der Nachricht und damit nicht öffentlich.
Wer den Vorgang einordnen will, kommt an einer nüchternen Beobachtung nicht vorbei: Der Schutz einer Sidechain-Reserve liegt nicht in der Bitcoin-Blockchain selbst, sondern in der Software und in der Schlüsselverwaltung derjenigen, die die Reserve gemeinsam bewegen dürfen. Das ist ein anderes Sicherheitsversprechen als das der Bitcoin-Blockchain – und es wird selten so deutlich benannt, wie es dieser Fall gerade tut. Ähnliche Fragen stellen sich derzeit auch an anderer Stelle: Beim Hersteller Trezor wurde der Datenabfluss bei einem US-Dienstleister Anfang September ausgeweitet, und im Fall des Berliner Landesnetzes forderten Angreifer 30 Bitcoin Lösegeld.
Was offen bleibt
- Die Schwachstelle. Welcher Fehler den Abgang ermöglichte, ist öffentlich nicht mitgeteilt. Die Angaben dazu stehen im verschlüsselten Teil der Nachrichten.
- Der Deckungsstand. Eine Aufstellung des Betreibers, wie viele Bitcoin die Reserve nach dem 6. September noch trägt und wie viel L-BTC dem gegenübersteht, war bis Redaktionsschluss öffentlich nicht auffindbar.
- Der Zeitpunkt der Wiederaufnahme. Wann die Sidechain wieder Blöcke erzeugt und Peg-outs möglich sind, ist nicht mitgeteilt.
- Die Identität der Gegenseite. Auf dieser Seite ist keine Nachricht signiert. Belegt ist nur, dass sie über die Adresse mit dem Guthaben verfügt.
Nachprüfbar ist an diesem Morgen vor allem eines: Die Verhandlung läuft, sie läuft öffentlich, und sie ist noch nicht zu Ende. Der nächste belegbare Schritt wäre eine Transaktion, die das Guthaben von der Adresse wegbewegt – sie stünde binnen Minuten in derselben Blockchain, in der auch alles Bisherige steht.
Halten Sie Guthaben auf einer Sidechain oder einer ähnlichen Zweitkette, und wie gehen Sie mit dem Risiko um, im Ernstfall tagelang nicht darauf zugreifen zu können? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.
Quellen
- mempool.space: Transaktion 8db751a6…58a7b140 in Block 965.783, Zeitstempel 6. September 2026, 16:28 Uhr MESZ, Abruf 7. September 2026
- mempool.space: Adresse bc1ql4mf…qjlte mit Guthaben und Transaktionsliste, Abruf 7. September 2026, 05:40 Uhr MESZ – Grundlage der ausgewerteten OP_RETURN-Nachrichten
- Blockstream: öffentlicher PGP-Schlüssel des Sicherheitsteams, Fingerabdruck 1176 542D A98E 71E1 3372 2EF7 4AC8 CC88 6844 A2D6, Abruf und Signaturprüfung durch die Redaktion am 7. September 2026
- Blockstream: Liquid-Explorer, jüngster Block 4.050.982 vom 7. September 2026, 02:39 Uhr MESZ, sowie Peg-in-, Peg-out- und Burn-Summen des Vermögenswerts L-BTC, Abruf 7. September 2026
- Liquid Network: Beitrag auf X vom 6. September 2026, x.com/Liquid_BTC/status/2096696272447218108 – für die Redaktion nicht unabhängig abrufbar, wiedergegeben bei The Block und Bitcoin Magazine
- The Block: Bericht vom 6. September 2026 zur Darstellung von Liquid und zum angehaltenen Netzwerk
- Bitcoin Magazine: Bericht vom 6. September 2026 zur Multisignatur-Schwelle von elf aus fünfzehn und zur Transaktionskennung
- Liquid Network: Mitteilung vom 16. Juli 2024 zur Zahl von 73 Federation-Mitgliedern sowie zu Alby (Deutschland) und Peach Bitcoin (Schweiz)
- mempool.space: Kursabruf mit 68.684 Euro und 79.741 US-Dollar je Bitcoin, 7. September 2026, 05:35 Uhr MESZ
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