Shops Bestseller-Gate: Amazon verklagt 1100 Fake-Rezensenten nach "The Sunday Times" Bericht

Nachdem die britische Tageszeitung The Sunday Times mit Hilfe von gekauften Test-Accounts Amazon nachgewiesen hatte, dass Amazon gekaufte Fake-Rezensionen nicht erkennen kann oder will und online lässt, will der weltgrößte Marketplace für Online-Shops nun rechtlich gegen 1114 Rezensenten, sogenannte "Reviewers", vorgehen. Die Sunday Times hatte vor einer Woche das US-Kaufhaus mit der Schlagzeile "How to fake a bestseller" vorgeführt und lächerlich gemacht.

So berichtete die Sunday Times über den Fake-Bewertungstexte auf Amazon am Sonntag.

Allerdings ist Amazon nicht der einzige E-Commerce-Anbieter, welcher sich massiver Manipulation durch gefälschte Produkt-Bewertungstexte gegenübersieht. Da jedoch alleine in Europa Hunderttausende Shop-Anbieter von Amazon abhängig sind, die Amazon als Marketplace für den Verkauf ihrer Produkte nutzen und dafür an Amazon eine Verkaufsprovision entrichten müssen, hat das Verfahren auch für die deutschen Online-Shops eine nicht unwichtige Bedeutung.

Klar ist: Es wird der größte juristische Versuch von Amazon, gegen gekaufte Bewertungen vorzugehen. Die Sunday Times nahm das Thema am Sonntag auf die Titelseite ihrer weltbekannten Tageszeitung. Die Sonntagszeitung aus dem Reich der News Corporation von Medien-Zar Rupert Murdoch schreibt, wonach Amazon in seinem Versuch, gegen gekaufte Bewertungen vorzugehen, einen gigantischen juristischen Aufwand zu treiben habe.

Amazon muss erst einmal die Anonymität der Fake-Bewerter aufheben

So müsse das Unternehmen erst einmal versuchen, die Anonymität der Schreiber von gekauften Bewertungen aufzuheben und die wahren Identitäten der Personen ausfindig machen. Doch gerade in Ländern wie Deutschland ist so etwas nur mit Hilfe der Gerichte möglich.

Amazon wirft den käuflichen Rezensenten vor, sie beschädigten das Ansehen von Amazon in der Welt. Amazon hat unter zahlreichen Produkten Hunderttausende Bewertungstexte stehen, die sich den Anschein geben, als seien sie von unabhängigen Verbrauchern geschrieben. Die meisten dieser Texte dürften auch von realen unabhängigen Produkt-Käufern geschrieben sein, doch eben nicht alle. Tausende, wenn nicht Zehntausende, gelten als gekauft.

Dennoch gilt auch dies: Online-Kaufhäusern wie Amazon sind Produktbewertungs-Texte willkommen, da man damit eine höhere Sichtbarkeit in Internetsuchmaschinen wie Google oder Bing erreichen möchten. So ist es bekannt, dass vor allem Google die Social Media-Aktivitäten auf Online-Shops liebt und die Portale - also auch Amazon - mit einer höheren Sichtbarkeit in der Internetsuchmaschine belohnt. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf Umsatz und Gewinn - auch bei Amazon selber. Denn je höher die Sichtbarkeit von Webseiten wie Amazon in Google, desto höher ist der Umsatz und Gewinn.

Fake-Bewertungstexte sind deshalb ein beliebtes, wenn auch umstrittenes Mittel von Seo-Mitarbeitern in Unternehmen. Seo ist die Abkürzung für "Search Engine Optimization".

Mit den jetzt von Amazon geplanten umfangreichen juristischen Wegen versucht zum ersten Mal einer der großen Online-Monopolisten eigene enorme Marktmacht zu nutzen, um gegen das Geschäft mit gekauften Bewertungstexten zu Produkten vorzugehen. Denn ob beim Kauf von Staubsaugern, Autos, Computern, Reisen, Hotels, Büchern oder Musikanlagen - scheinbare Bewertungs-Texte von angeblichen Käufern sind für viele Verbraucher nicht unwichtig für die Kaufentscheidung.

Produkt-Bewertungstexte sind wichtig für Kaufentscheidungen - das wissen die Fake-Schreiber auch

Allerdings kam wohl auch bei Amazon erst Bewegung in die seit Jahren in der Online-Szene bekannte Angelegenheit, als die britische Sunday Times kürzlich vorsätzlich über Ghostwriter eBooks auf Amazon bewerten hatte lassen. Dafür hatte die Zeitung Fake-Reviewers bezahlt, damit diese eBooks ganz oben in eine der Best-Seller-Charts von Amazon befördern würden - was auch geklappt haben soll. Eine der betroffenen Autorinnen sei die Autorin Daniela Sacerdoti mit ihrer Novelle "Set Me Free" gewesen, schreibt Sunday Times,

Die Autorin sagte gegenüber der Zeitung, sie habe keinen blassen Schimmer davon gehabt, dass einige auf Amazon veröffentlichte guten Bewertungs-Texte zu ihrem Buch gekauft, also letztlich falsch gewesen seien. Sie erklärte, Nutzer, die Accounts eröffneten, um für Auftraggeber bestimmte Produkte mit Texten zu bewerten, seien unmoralisch.

The Sunday Times berichtet, dass auch einige der von ihr beauftragten gekauften eBook-Rezensenten (fake review dealers) von Amazon nun verklagt würden. Darunter sei unter anderem ein in den USA ansässiger Bewertungstexte-Händler. Er hatte als Beweis für die dubiose Bewertungsszene einige Identitäten von britischen Kindern gestohlen und zwar von Facebook. Diese Fake-Accounts auf Amazon sollten die unter Produkten auf Amazon veröffentlichten Produkt-Bewertungen glaubhafter machen.

Gekaufte Produktbewertungstexte schädigten den Brand Amazon

Konkret wirft Amazon solchen falschen, da gekauften Produkt-Bewertungstextern vor, sie würden Amazon-Kunden in die Irre führen und den Amazon-Brand nutzen, um eigene Geschäfte sowie Profit zu machen, aber auch, um "einer Handvoll unehrenhafter" Shop-Betreiber oder sonstiger Firmen zum Geschäft zu verhelfen.

Amazon reichte seine Klage bei einem Gericht in Washington State ein, wo Amazon seine Firmenzentrale unterhält. Alle die nun von Amazon verklagten Schreiber von gekauften Produkt-Bewertungstexten sollen über die Webseite Fiverr ihre Textaufträge erhalten haben, schreibt The Sunday Times. Zwar hatte Fiverr wohl gegenüber Amazon gesagt, man wolle kooperieren im Kampf gegen gekaufte Produkt-Rezensionen.

Dennoch erklärte Amazon man müsse das Übel an der Wurzel packen. Schon Anfang 2015 hatte Amazon mehrere Webseiten verklagt, die im Verdacht stehen, Produkt-Bewertungs-Texte zu verkaufen. Neben dem jetzt gewählten juristischen Gang versuche Amazon zudem, falsche Produktbewertungen mit Hilfe einer Software zu entdecken und automatisch zu entfernen.

Eine Software soll helfen, falsche Produktbewertungen ausfindig zu machen - doch gilt das als schwierig

Allerdings gilt die Texterkennungs-Technik nach wie vor als wenig ausgereift, da gute Fake-Bewertungstexte oftmals sehr schwer bis gar nicht zu erkennen sind. Dabei spielen längst sowohl positive wie negative Rezensionen zu Produkten eine große Rolle. Denn es gibt auch Auftraggeber, die gezielt schlechte Bewertungen zu Konkurrenzprodukten auf Portalen wie Amazon schreiben lassen.

Auch andere Webseiten, wie die amerikanische Reisebewertung-Seite TripAdvisor, stehen im Verdacht, nicht genügend gegen gekaufte Best-Hotelbewertungen vorzugehen. Im Gegenteil: netz-trends.de belegte sogar eimal, dass TripAdvisor negative Hotelbewertungen auch wieder löscht, aber kein Problem damit hat, wenn auffällige Jubel-Bewertungen, die nach gekaufter PR nicht nur riechen, sondern stinken, online bleiben und wenn dann solche Hotels auch noch mit einem Tripadvisor-Logo als eines der angeblich beliebtesten Hotels werben dürfen.