FireChat: Wie Hongkong Demonstranten mit Mesh-Netzwerken ohne Mobilfunkmasten oder WLAN-Knoten kommunizieren

Seit Tagen gehen Bilder um die Welt, wie Tausende Menschen in Hongkong versuchen die chinesische Zentralregierung in dem kleinen Stadtstaat zu mehr demokratischen Zugeständnissen zu bewegen. Zwar gab es immer wieder in den vergangenen Jahren kleinere oder größere Demonstrationen, doch die jetzigen haben in ihrem Ausmaß eine neue Qualität. Neu ist auch die Technik, die dabei zum Einsatz kommt:

Firechat funktioniert als Messenger auf Handys auch ohne Mobilfunkmasten.

Mit einem neuen Handy-Messenger aus den USA, Firechat, versuchen derzeit die Demonstranten für mehr Demokratie in HongKong ihre Kommunikation aufrecht zu erhalten. Dabei nutzen sie eine Technik ohne Cell oder Wi-Fi Networks. Dem voraus gegangen war eine Sperrung des amerikanischen Bilderdienstes Instagram durch die chinesische Regierung.

Denn bislang funktionieren Handys über Mobilfunkmasten oder WLAN-Knoten. Doch die Pro-Demokratie-Demonstranten nutzen im zentralen Geschäftsviertel von Hongkong, das von Hochhäusern gesäumt ist, erstmals ein Handy-Nachrichten-Netzwerk, welches eben nicht über Mobilfunkmasten oder WLAN-Knoten funktioniert. Auf die Idee kam ein amerikanisches Unternehmen aus St. Francisco.

Die neue App mit dem Namen FireChat wurde bereits im März 2014 ins Leben gerufen. Das System beruht darauf, dass über eine spezielle Netzwerk-Technik eingeloggte Handys ein temporäres lokal abgegrenztes Internet bilden können. Dabei wird die übliche Handy-Technik umgangen, die Kommunikation von Handy zu Handy in einem räumlich begrenzten Gebiet aber über Messenger-Nachrichten gewährleistet. Die Rede ist von einem Mesh-Netzwerk.

Bisher haben sich Mesh-Netzwerke als sehr effektiv erwiesen in Zeiten von Natur-Katastrophe oder politischen Unruhen. Eigentlich sind solche Netzwerke Politikern, ebenso Journalisten vorbehalten, um sicherzustellen, dass auch bei Zerstörung der Infrastruktur eine Kommunikation über Handys weiterhin möglich ist. Doch in Hongkong nutzen immer mehr normale Demonstranten diese Technik.

In den vergangenen Tagen sollen bereits über 100.000 Menschen, berichtet der amerikanische Nachrichtensender CNN, den FireChat-Messenger heruntergeladen haben. Insgesamt kommt die App mittlerweile auf über 500.000 Downloads, wobei die durchschnittliche Nutzerbewertung mit 3,3 Google-Stars eher im leicht gehobenen Mittelfeld ist.

Doch Achtung: Die App aus den USA ist einmal mehr datenschutzsrechtlich problematisch, wenn nicht sogar mit dem EU-Recht nicht in Einklang stehend. So möchte der US-amerikanische Firechat-Anbieter gleich vor dem Download folgende Kriterien übermittelt haben, die eigentlich dem EU-Datenschutz unterliegen: "Identität, alle Kontakte im Telefon, den komplette Kalender-Zugriff, Zugriff auf den Standort, Zugriff auf sämtliche Fotos/Medien/Dateien im Handy, WLAN-Verbindungsinformationen". Außerdem muss ein eigenes Nutzerkonto eingerichtet werden. Selbst Kreditkarten-Infos oder der Zugang zum PayPal-Konto werden abgefragt.

Für die Demonstranten in Hongkong bietet Firechat einen entscheidenden Vorteil: Selbst wenn eine Regierung die mobilen Netzwerke für die Handys kappt und damit eine Kommunikation vor Ort eliminieren möchte, kann dank Apps wie Firechat weiter zwischen den Demonstranten kommuniziert werden: Nachrichten können gesendet werden, Bilder verschickt werden. Damit werden Blockaden durch Regierungen immer unsinniger.

Doch nicht nur zu Katastrophenzeiten ist eine solche Technik sinnvoll, sondern auch während großer Sportveranstaltungen oder aus Anlass größerer Feierlichkeiten: Beispielsweise auf dem Münchner Odeonsplatz an Silvester oder an der Copacabana in Rio de Janeiro zu Silvester.

Aus dem Umfeld von FireChat heißt es, wonach man derzeit überlege, möglicherweise eine Verschlüsselungs-Technik einzusetzen, um die Kommunikation vor staatlichen oder privaten Schnüfflern besser zu sichern. Denn es kann davon ausgegangen werden, dass Firechat bislang eine eher komplett offene Kommunikations-Plattform ist.

Grund: Der Modus FireChat verbindet mobile Geräte mittels Bluetooth über direkte Peer-to-Peer-Verbindungen und nicht über Mobilfunkmasten. Die Reichweite umfasst einen Radius von circa 40 bis 70 Meter (131 Fuß bis 220 Fuß). Möchte man an ein weiter entferntes Gerät Nachrichten senden, so nutzt die App FireChat eben Handys, die in der näheren Reichweite sind. Das bedeutet:

Die Kommunikation geht offen über diese Zwischengeräte, nutzt diese als eine Art "Mobilfunkmasten". Das Ergebnis: Je mehr Menschen FireChat nutzen, desto höher ist die Reichweite des sogenannten Mesh-Netzwerks. Löst sich eine Menschenmenge auf, bricht damit das lokale Netzwerk wieder in sich zusammen.

FireChat sagte, wonach alleine in Hong Kong in den vergangenen Tagen über 800.000-Chat-Sitzungen über FireChat abgehalten worden seien. Das teilte der für das FireChat-Marketing zuständige Christophe Daligault Venturebeat vom Unternehmen Open Garden mit.