Europas bislang größte Datengrundlage soll Turbulenzrisiken genauer erfassen
Das Wichtigste in Kürze
- Ein EU-Forschungsprojekt analysiert mehr als 4,4 Millionen Flugaufzeichnungen von sechs europäischen Airlines.
- Zusätzlich fließen Ereignismeldungen aus dem europäischen Melderegister in die Untersuchung ein.
- Für Reisende bleibt die wichtigste Schutzmaßnahme einfach: den Gurt auch bei ausgeschaltetem Anschnallzeichen locker geschlossen halten.
Die europäische Luftfahrt versucht, Turbulenzen nicht nur aus Einzelmeldungen, sondern aus Millionen realer Flüge besser zu verstehen. Grundlage ist eine neue Analyse im EU-Projekt ALBATROS mit Unterstützung der EASA-Plattform Data4Safety.
Die Untersuchung verbindet erstmals in diesem Umfang Flugdaten und Sicherheitsmeldungen aus Europa. Für Passagiere ändert sich vor allem eines nicht: Wer sitzt, sollte angeschnallt bleiben.
Was an der Untersuchung neu ist
Die Europäische Agentur für Flugsicherheit EASA stellte die Untersuchung Ende September 2026 in einem Fachwebinar vor. Nach ihren Angaben wurden mehr als 4,4 Millionen aufgezeichnete Flüge von sechs europäischen Luftfahrtunternehmen ausgewertet. Hinzu kommen Meldungen aus dem vollständigen European Central Repository, der zentralen europäischen Datenbank für sicherheitsrelevante Vorkommnisse.
Die Kombination ist wichtig, weil beide Quellen unterschiedliche Ausschnitte zeigen. Ereignismeldungen beschreiben, was Besatzungen oder Organisationen als sicherheitsrelevant gemeldet haben. Flugschreiberdaten liefern dagegen fortlaufende technische Messwerte aus dem tatsächlichen Betrieb – auch für Flüge, bei denen kein außergewöhnliches Ereignis gemeldet wurde.
Nach Angaben der EASA untersucht das Projekt Häufigkeit, räumliche Verteilung und betrieblichen Kontext von Turbulenzbegegnungen. Außerdem werden Zusammenhänge mit Verletzungen und anderen betrieblichen Folgen analysiert. Die Behörde spricht von der ersten groß angelegten europäischen Studie dieser Art auf Basis ihrer Data4Safety-Plattform.
Warum Millionen Flüge helfen
Turbulenz ist kein einheitliches Phänomen. Sie kann unter anderem in der Nähe von Gewittern, Gebirgen, Wetterfronten oder starken Höhenwinden entstehen. Besonders schwer erkennbar ist die sogenannte Clear-Air-Turbulence: Sie tritt in wolkenfreier Luft auf und ist nicht immer rechtzeitig mit dem Bordwetterradar zu erkennen.
Eine große Datenbasis kann zeigen, unter welchen Wetter- und Betriebsbedingungen bestimmte Muster häufiger vorkommen. Sie kann außerdem helfen, Unterschiede zwischen einzelnen Flugphasen, Regionen und Höhenbereichen zu untersuchen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede einzelne Erschütterung exakt vorhergesagt werden kann. Das Projekt schafft vor allem eine belastbarere Grundlage für Risikomodelle und Prävention.
Data4Safety ist dafür als freiwillige europäische Partnerschaft angelegt. Die Plattform führt unter anderem Sicherheitsmeldungen, Flugdaten, Informationen aus der Flugsicherung und Wetterdaten zusammen. Beteiligt sind nationale Behörden, Airlines, Flughäfen, Flugsicherungsorganisationen und Hersteller.
Was Passagiere daraus mitnehmen können
Moderne Verkehrsflugzeuge sind für hohe Belastungen ausgelegt, und Besatzungen werden im Umgang mit Turbulenz geschult. Das unmittelbare Verletzungsrisiko in der Kabine entsteht vor allem dann, wenn Menschen nicht angeschnallt sind oder sich gerade im Gang befinden. Auch lose Gegenstände können bei einem plötzlichen Stoß zum Risiko werden.
Die EASA empfiehlt deshalb, den Sicherheitsgurt während des gesamten Fluges geschlossen zu halten, solange man sitzt. Bei ausgeschaltetem Anschnallzeichen kann der Gurt für mehr Komfort etwas gelockert werden. Leuchtet das Zeichen auf oder gibt die Besatzung eine Anweisung, sollte man sich umgehend hinsetzen und den Gurt festziehen.
Checkliste für einen ruhigeren Umgang mit Turbulenzen
- Den Gurt im Sitzen durchgehend geschlossen halten.
- Handgepäck sicher verstauen und schwere Gegenstände nicht lose liegen lassen.
- Anweisungen der Besatzung sofort befolgen.
- Kinder mit einem zugelassenen Rückhaltesystem sichern, wenn Alter und Airline-Regeln dies vorsehen.
- Bei eingeschaltetem Anschnallzeichen nicht die Gepäckfächer öffnen.
Diese Hinweise verhindern Turbulenzen nicht. Sie reduzieren aber die Gefahr, bei einer unerwarteten Bewegung aus dem Sitz gehoben oder von einem losen Gegenstand getroffen zu werden.
Welche Rolle der Klimawandel spielt
Der Deutsche Wetterdienst nennt eine Zunahme von Clear-Air-Turbulence und konvektiv verursachter Turbulenz als eine der Herausforderungen, auf die sich die Luftfahrt im Zuge des Klimawandels einstellen muss. Damit ist keine einfache Aussage gemeint, wonach jeder Flug künftig unruhiger wird. Häufigkeit und Stärke hängen von Region, Jahreszeit, Flughöhe und konkreter Wetterlage ab.
Gerade deshalb sind große, harmonisierte Datensätze wertvoll. Sie können langfristige Veränderungen besser von zufälligen Schwankungen unterscheiden und zeigen, wo zusätzliche Forschung oder angepasste Verfahren sinnvoll sind. Die ALBATROS-Untersuchung ist dabei ein Forschungsschritt, keine Garantie für turbulenzfreie Routen.
Was die Daten nicht versprechen
Die EASA hat den Umfang und die Analyseziele öffentlich beschrieben. Eine vollständige Ergebnisdarstellung mit allen Kennzahlen ist auf der Veranstaltungsseite jedoch nicht veröffentlicht. Aussagen über konkrete Prozentwerte, besonders gefährdete Strecken oder eine messbare Verringerung von Verletzungen wären deshalb zum jetzigen Stand nicht belastbar.
Hinzu kommt: Die mehr als 4,4 Millionen Flugaufzeichnungen stammen von sechs Betreibern. Das ist eine außergewöhnlich große Stichprobe, bildet aber nicht automatisch den gesamten europäischen Luftverkehr mit allen Flugzeugtypen, Routen und Geschäftsmodellen ab. Entscheidend wird sein, wie die Erkenntnisse später in Vorhersagen, Einsatzplanung, Besatzungsschulung und standardisierte Sicherheitsverfahren einfließen.
Häufige Fragen
Sind Turbulenzen für ein Flugzeug gefährlich?
Die meisten Turbulenzen sind für moderne Verkehrsflugzeuge beherrschbar. Das häufigere praktische Risiko sind Verletzungen in der Kabine, besonders bei nicht angeschnallten Personen und ungesicherten Gegenständen.
Kann das Bordwetterradar jede Turbulenz erkennen?
Nein. Turbulenz in wolkenfreier Luft kann ohne sichtbare Begleiterscheinungen auftreten und ist nicht immer direkt mit dem Bordwetterradar erkennbar.
Sollte der Gurt auch ohne Anschnallzeichen geschlossen bleiben?
Ja. Die EASA empfiehlt, den Gurt während des gesamten Fluges geschlossen zu halten, solange man sitzt. Für mehr Komfort kann er im Reiseflug etwas gelockert werden.
Ihre Erfahrung ist gefragt
Wie gehen Sie mit Turbulenzen um – helfen Ihnen Erklärungen der Besatzung, oder wünschen Sie sich während des Fluges mehr Informationen? Schreiben Sie uns Ihre Einschätzung.
Mehr Hintergründe zu digitalen Sicherheitssystemen und neuen Technologien finden Sie in unserer Rubrik Technik.
Quellen und Stand
- EASA: In-Flight Turbulence Study using Data4Safety
- EASA: Data4Safety
- CORDIS: EU-Forschungsprojekt ALBATROS
- EASA: Sicherheitshinweise für Passagiere
- Deutscher Wetterdienst: Anpassung der Luftfahrt an den Klimawandel
Recherche- und Datenstand: 20. Oktober 2026. KI-Transparenzhinweis: Bei Struktur und Formulierung wurde KI unterstützend eingesetzt; alle Tatsachenangaben wurden anhand der verlinkten Behörden- und EU-Quellen redaktionell geprüft. Wo die vollständigen Studienergebnisse noch nicht öffentlich vorliegen, wird auf weitergehende Zahlenangaben verzichtet.