D-Wave meldet vier Betatester an die US-Börsenaufsicht – einer davon ist das Jülich Supercomputing Centre; die Quantenrechner dazu fehlen

Das Wichtigste in Kürze

  • Das an der US-Technologiebörse Nasdaq notierte Unternehmen D-Wave Quantum Inc. hat am 1. Oktober 2026 ein Betaprogramm für seinen Gate-Model-Simulator gestartet und das der US-Börsenaufsicht SEC am selben Tag um 07:01 Uhr New Yorker Zeit als Pflichtmitteilung gemeldet.
  • Zu den vier genannten Testorganisationen gehört das Jülich Supercomputing Centre des Forschungszentrums Jülich in Deutschland, daneben die spanische Großbank BBVA, das Unternehmen FirstQFM und die Florida Atlantic University in den USA.
  • Der Simulator bildet nach Angaben des Unternehmens bis zu 21 Qubits ab und bereitet auf Quantenrechner vor, die D-Wave nach eigener Darstellung erst noch bauen will. Ein Termin dafür steht in der Mitteilung nicht.

Ein Betaprogramm für eine Software, die einen Computer nachbildet, den es noch nicht gibt: Das ist, auf den Kern gebracht, die Nachricht, die das Quantenunternehmen D-Wave Quantum Inc. am Donnerstag veröffentlicht hat. Das Unternehmen öffnet seinen sogenannten Gate-Model-Simulator für ausgewählte Organisationen – und eine davon ist das Jülich Supercomputing Centre des Forschungszentrums Jülich in Nordrhein-Westfalen.

Die Mitteilung ging am 1. Oktober 2026 um 07:01 Uhr New Yorker Zeit – 13:01 Uhr MESZ – als Pflichtmitteilung nach Form 8-K bei der US-Börsenaufsicht SEC ein, eingeordnet unter Item 7.01 (Regulation FD Disclosure). Diese Regel soll dafür sorgen, dass kursrelevante Angaben allen am Markt Beteiligten gleichzeitig zugänglich sind; Börsenunternehmen nutzen sie auch vorsorglich. Der Weg über die SEC macht die Mitteilung jedenfalls zu einem datierten, nachprüfbaren Dokument.

Wer testen darf – und worauf

Nach der Pressemitteilung, die der Pflichtmitteilung beiliegt, erhalten vier Organisationen vorab Zugang: die spanische Großbank BBVA, das Unternehmen FirstQFM, die Florida Atlantic University im US-Bundesstaat Florida und eben das Jülich Supercomputing Centre. Der Zugang läuft nach Angaben des Unternehmens über den Cloud-Dienst Leap und das Entwicklungswerkzeug Ocean.

Zweck des Programms ist nach Darstellung von D-Wave, dass diese Organisationen „fehlerbewusstes Programmieren“ einüben und Anwendungen entwickeln können, bevor die eigentlichen Rechner existieren. Alan Baratz, Vorstandschef des Unternehmens, nennt die Quantenfehlerkorrektur dort eine prägende Herausforderung im Rennen um kommerziell nutzbares Gate-Model-Quantencomputing. Die Mitteilung ist auf Englisch verfasst; Zitate daraus sind hier sinngemäß wiedergegeben.

Kristel Michielsen, Direktorin des Jülich Supercomputing Centre, wird in derselben Mitteilung so wiedergegeben, der Simulator sei ein wichtiger Schritt nach vorn, um Fachleuten praktische Werkzeuge für fehlerbewusstes Quantencomputing an die Hand zu geben. Beide Aussagen stammen aus der Unternehmensmitteilung; eine unabhängige Einschätzung des Forschungszentrums lag zum Redaktionsschluss am Donnerstagmittag nicht vor.

Annealing und Gate-Model – zwei verschiedene Maschinen

D-Wave verkauft seit Jahren sogenannte Annealing-Quantenrechner. Die sind auf eine Aufgabenart zugeschnitten: Sie suchen den günstigsten Zustand in einem Optimierungsproblem, etwa bei Routenplanung oder Produktionsabläufen. Ein Gate-Model-Rechner arbeitet dagegen mit einzeln ansteuerbaren Rechenschritten, den Gattern, und gilt als der allgemeinere Ansatz – das ist die Bauform, an der auch IBM, Google und IonQ arbeiten. D-Wave bezeichnet sich als einziges Unternehmen, das beide Wege verfolgt. Fertige Gate-Model-Systeme hat es nach eigener Darstellung bislang nicht im Angebot; in der Mitteilung ist von „künftigen“ Systemen die Rede.

Angekündigt war der Zugang für September

Der Simulator selbst ist nicht neu. D-Wave hatte ihn am 18. Juni 2026 angekündigt. In jener Mitteilung stand ein konkreter Satz zum Zeitplan: Der Zugang zum Simulator solle im September 2026 beginnen (im englischen Original: „Access to the simulator is scheduled to begin in September 2026″). Beschrieben wurde er dort als Werkzeug für bis zu 21 Qubits, mit einem idealisierten und einem hardwarenahen Modus sowie einer Monte-Carlo-Simulation der Systemdynamik.

Am 1. Oktober steht stattdessen der Start eines Betaprogramms für einen ausgewählten Kundenkreis – und zwar ausdrücklich, so die Formulierung, im Vorfeld der allgemeinen Verfügbarkeit. Ein Datum für diese allgemeine Verfügbarkeit nennt die neue Mitteilung nicht, eine Begründung für den veränderten Zeitplan ebenso wenig. NETZ-TRENDS konnte dazu bis zum Redaktionsschluss am Donnerstagmittag keine Anfrage an das Unternehmen richten.

Auf Rechenleistung zielt das Werkzeug dabei erkennbar nicht: Mit 21 Qubits soll der Simulator keine großen Aufgaben lösen, sondern nachbilden, wie sich Fehler in D-Waves spezieller Bauweise bemerkbar machen.

Die Technik dahinter: Fehler sichtbar machen statt sie zu verstecken

D-Waves Ansatz heißt Dual-Rail-Architektur. Die Idee: Ein Teil der Fehler, die in supraleitenden Schaltkreisen auftreten, soll schon auf Ebene der Hardware erkennbar werden, statt nachträglich aufwendig herausgerechnet werden zu müssen. Ein erkannter Fehler lässt sich gezielt verwerfen; ein unerkannter verfälscht das Ergebnis.

Eine Grundlage dafür hat das Unternehmen nach eigenen Angaben im August 2026 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht, unter dem Titel „An entangling gate for dual-rail erasure qubits“. D-Wave beschreibt das Ergebnis auf der eigenen Seite zur Dual-Rail-Fehlerkorrektur mit rund 99,9 Prozent Güte bei Zwei-Qubit-Operationen und Schaltzeiten von etwa 500 Nanosekunden. Simulationen deuteten darauf hin, dass die logische Fehlerrate mit jeder Korrekturstufe um den Faktor zehn sinken könne – was deutlich weniger physische Qubits erfordern würde.

Diese Angaben stammen vom Unternehmen selbst. Die zugrundeliegende Arbeit ist nach dessen Darstellung in einer begutachteten Fachzeitschrift erschienen, die daraus abgeleitete Aussage über künftige Systeme ist das nicht: Ob sich ein im Labor gemessenes Zwei-Qubit-Gatter in einen Rechner mit vielen Tausend Qubits übersetzen lässt, ist die eigentliche offene Frage der gesamten Branche – und sie ist bei keinem Anbieter beantwortet.

Jülich ist nicht nur Testkunde

Für die Einordnung des deutschen Beitrags gehört eine Vorgeschichte dazu. Das Forschungszentrum Jülich hat am 13. Februar 2025 mitgeteilt, einen Annealing-Quantenrechner von D-Wave mit mehr als 5.000 Qubits dauerhaft erworben zu haben – für seine Quantencomputing-Infrastruktur JUNIQ und als nach eigener Angabe erstes Höchstleistungsrechenzentrum in Europa mit einem solchen System. Der Rechner soll mit dem Exascale-Rechner JUPITER zusammenarbeiten.

Das Jülich Supercomputing Centre tritt in dem neuen Betaprogramm also nicht als neutrale Prüfstelle auf, sondern als bestehender Kunde des Anbieters. Das entwertet die Beteiligung nicht – Rechenzentren testen üblicherweise die Technik, die sie betreiben. Es beschreibt aber die Rolle genauer, als es die Pressemitteilung tut.

Was die eigenen Zahlen zeigen

Das Betaprogramm fällt in ein Geschäftsjahr, dessen Zahlen die Lücke zwischen Ankündigung und Umsatz deutlich machen. D-Wave hat die Ergebnisse des zweiten Quartals 2026 am 6. August 2026 veröffentlicht:

Kennzahl 2. Quartal 2025 2. Quartal 2026
Umsatz 3,1 Mio. USD 3,1 Mio. USD
Nettoverlust 167,3 Mio. USD 48,0 Mio. USD
bereinigter EBITDA-Verlust 20,0 Mio. USD 37,1 Mio. USD
Auftragseingang (Bookings) 1,3 Mio. USD 2,1 Mio. USD
Quelle: D-Wave Quantum Inc., Quartalsmitteilung vom 6. August 2026. Angaben in US-Dollar, Nettoverlust und bereinigter EBITDA-Verlust nach Unternehmensangabe.

Der Umsatz lag nach Unternehmensangabe mit 3,1 Millionen US-Dollar auf dem Niveau des Vorjahresquartals, der Anteil kommerzieller Kundschaft stieg dabei von 45,1 auf 62,4 Prozent. Zum 30. Juni 2026 verfügte das Unternehmen nach eigenen Angaben über 546,2 Millionen US-Dollar an Zahlungsmitteln und handelbaren Wertpapieren. Der Nettoverlust des Quartals lag damit bei mehr als dem Fünfzehnfachen des Quartalsumsatzes. Das Unternehmen finanziert seine Entwicklung also weit überwiegend nicht aus dem laufenden Geschäft – ein Maßstab dafür, wie früh ein Betaprogramm in dieser Branche steht.

Was offen bleibt

  • Der Termin für die allgemeine Verfügbarkeit. Die Mitteilung vom 1. Oktober nennt keinen. Die Ankündigung vom Juni hatte den Zugang für September in Aussicht gestellt.
  • Der Zeitplan für die Hardware. Wann die Gate-Model-Rechner kommen sollen, auf die der Simulator vorbereitet, geht aus keiner der beiden Mitteilungen hervor.
  • Die Bedingungen für Jülich. Ob das Forschungszentrum für den Betazugang zahlt oder ihn kostenlos erhält, steht in der Mitteilung nicht. Angekündigte Entwicklungspakete aus Simulatorzugang, künftigen Systemen und Beratung sind dort nicht beziffert.
  • Die Zahl der Teilnehmenden insgesamt. Genannt sind vier Organisationen; ob es weitere gibt, lässt die Mitteilung offen.

Belegbar ist damit für den Moment dies: Eine Software zum Üben steht vier Organisationen offen, eine davon in Deutschland. Alles Weitere – Verfügbarkeit für alle, Hardware, Nutzen – hat D-Wave angekündigt, aber nicht terminiert. Wie viel Rechenleistung andernorts gerade tatsächlich gebaut wird, zeigt zum Vergleich Alibabas Ankündigung von mehr als 20 Gigawatt Rechenzentrumsleistung bis 2032; wie schwer sich der Nutzen neuer Rechentechnik beziffern lässt, zeigte zuletzt ein IWF-Papier zur Produktivitätswirkung von KI.

Halten Sie Quantencomputing für eine Technik, die in den nächsten Jahren praktisch nutzbar wird – oder für ein Versprechen, das immer weiter in die Zukunft rückt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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