Das Wichtigste in Kürze

  • Der US-Konzern Gen Digital, dem die Schutzprogramme Norton, Avast, AVG und Avira gehören, hat am Montag um 22:20:51 Uhr deutscher Zeit einen LinkedIn-Beitrag seines Vorstandschefs als Anlage eines Formulars 8-K an die US-Börsenaufsicht SEC übermittelt. Der Beitrag beginnt mit der Frage „Is Gen buying GoDaddy?“ und beantwortet sie ausdrücklich nicht.
  • Seit dem Bericht über Übernahmegespräche vom 24. September ist die Gen-Aktie an der Nasdaq von 26,23 auf 20,85 Dollar gefallen – 20,5 Prozent in drei Handelstagen. GoDaddy schloss am Montag 2,8 Prozent unter dem Stand vor dem Bericht.
  • Für den deutschsprachigen Raum hängt an dem Vorgang mehr, als der Ticker zeigt: GoDaddy führt in seinem Geschäftsbericht sechs deutsche Gesellschaften und eine Schweizer auf, darunter die Host Europe GmbH und die DomainFactory GmbH.

Ein Beitrag in einem sozialen Netzwerk ist normalerweise kein Fall für eine Börsenaufsicht. Am Montagabend wurde einer daraus. Um 16:20:51 Uhr Ortszeit in New York – 22:20:51 Uhr deutscher Zeit, gut zwanzig Minuten nach dem Schluss des US-Aktienhandels – ging bei der US-Börsenaufsicht SEC ein Formular 8-K von Gen Digital ein. Angekreuzt war Punkt 7.01, „Regulation FD Disclosure“. Als Anlage 99.1 hing daran ein LinkedIn-Beitrag des eigenen Vorstandschefs.

Gen Digital mit Sitz in Tempe im US-Bundesstaat Arizona hieß bis 2022 NortonLifeLock und davor Symantec. Zum Konzern gehören nach der Markenaufstellung im eigenen Geschäftsbericht für das am 3. April 2026 beendete Geschäftsjahr unter anderem Norton, Avast, AVG, Avira, CCleaner, LifeLock und MoneyLion. Die Produkte werden dem Bericht zufolge von rund 500 Millionen Menschen in mehr als 150 Ländern genutzt; die zahlende Kundschaft beziffert er auf rund 79 Millionen.

Der erste Satz stellt die Frage, die der Beitrag nicht beantwortet

Die Anlage 99.1 zum Formular 8-K gibt den Beitrag im Wortlaut wieder. Er beginnt so: „‚Is Gen buying GoDaddy?‘ That is the question many of you have asked me since last week. I can’t comment on rumors, but I can explain how we think about acquisitions.“ Auf Deutsch: Kauft Gen GoDaddy? Das sei die Frage, die viele seit vergangener Woche gestellt hätten; zu Gerüchten könne er sich nicht äußern, wohl aber dazu, wie im Unternehmen über Zukäufe gedacht werde.

Es folgen fünf Prüffragen, die der Beitrag jedem Zukauf voranstellt: ob er zur Strategie passt, ob der Preis stimmt, ob sich Einsparungen heben lassen, ob er den Gewinn je Aktie erhöht – und ob er besser ist als ein Rückkauf eigener Aktien, alles bei weiterhin stabiler Bilanz. Unterzeichnet ist der Text mit „Vincent“. Vorstandschef von Gen Digital ist nach der Quartalsmitteilung vom 6. August 2026 Vincent Pilette.

Anlass der Frage war ein Bericht der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times vom 24. September. Danach befänden sich Gen Digital und GoDaddy in einem frühen Stadium von Gesprächen über eine Übernahme; über den Bericht referierte unter anderem der Branchendienst Domain Name Wire. Öffentlich bestätigt hat die Gespräche bislang keines der beiden Unternehmen. Beide Unternehmen sitzen im selben Ort: Gen Digital am East Rio Salado Parkway in Tempe, GoDaddy an der South Mill Avenue, ebenfalls in Tempe.

Warum ein LinkedIn-Beitrag bei der Börsenaufsicht landet

Die US-Regel „Regulation FD“ verlangt im Kern, dass ein börsennotiertes Unternehmen kursrelevante Informationen allen am Markt Beteiligten gleichzeitig zugänglich macht. Äußert sich eine Führungskraft öffentlich zu Geschäftszahlen, ist das Formular 8-K der übliche Weg, diese Gleichbehandlung herzustellen. Gen Digital hält in der Einreichung ausdrücklich fest, die Angaben würden „furnished“ und gälten nicht als „filed“ im Sinne von Abschnitt 18 des US-Börsengesetzes – eine in den USA gebräuchliche Einschränkung der Haftung für übermittelte statt eingereichter Unterlagen.

Der Markt bestraft den möglichen Käufer härter, als er das Ziel belohnt

Bei Übernahmegerüchten ist ein Muster verbreitet: Die Aktie des Ziels steigt um den erwarteten Aufschlag, die des Käufers gibt etwas nach. Hier fiel die zweite Hälfte ungewöhnlich deutlich aus. Nach den Schlusskursen der Nasdaq verlor die Gen-Aktie am 24. September 12,0 Prozent, und sie fiel danach weiter: auf 21,62 Dollar am 25. September und 20,85 Dollar am Montag. Gegenüber dem letzten Schluss vor dem Bericht – 26,23 Dollar am 23. September – sind das 20,5 Prozent. Gegenüber dem 15. September, als die Aktie noch 31,23 Dollar kostete, sind es 33,2 Prozent. Der Rückgang begann allerdings vor dem Bericht: Zwischen dem 15. und dem 23. September hatte die Aktie bereits 16,0 Prozent verloren.

GoDaddy dagegen legte am 24. September an der New York Stock Exchange um 4,6 Prozent auf 100,81 Dollar zu – und gab den Aufschlag anschließend wieder ab. Der Montagsschluss von 93,71 Dollar liegt 2,8 Prozent unter dem Stand vom 23. September. Ein Übernahmeaufschlag lässt sich im Kurs von GoDaddy am Montagabend nicht mehr ablesen.

Liniendiagramm: Indexierter Kursverlauf von Gen Digital und GoDaddy zwischen dem 15. und 28. September 2026, Basis 23. September gleich 100. Gen Digital fällt nach dem 23. September auf 79,5, GoDaddy steigt kurz auf 104,6 und endet bei 97,2.
Kursentwicklung beider Unternehmen seit Mitte September, indexiert auf den letzten Schlusskurs vor dem Bericht über Übernahmegespräche. Grafik: NETZ-TRENDS, eigene Berechnung nach den Schlusskursen an der Nasdaq (Gen Digital) und der New York Stock Exchange (GoDaddy).

8,2 Milliarden Dollar Schulden stehen 2,7 Milliarden Eigenkapital gegenüber

Womit ein Zukauf dieser Größe zusammenträfe, zeigt die eigene Bilanz. Zum Stichtag 3. Juli 2026 wies Gen Digital in seinem Quartalsbericht Finanzschulden von 8,156 Milliarden Dollar aus, bei Verbindlichkeiten von insgesamt 12,988 Milliarden Dollar und einem Eigenkapital von 2,656 Milliarden Dollar. Die zugrunde liegenden Kreditlinien gehen nach dem Geschäftsbericht auf die Finanzierung der beiden großen Zukäufe zurück: Avast im September 2022 und MoneyLion im April 2025.

Ins Verhältnis gesetzt: Bei 598.587.032 ausstehenden Aktien und einem Montagsschluss von 20,85 Dollar kommt Gen Digital rechnerisch auf eine Börsenbewertung von rund 12,5 Milliarden Dollar. Die Finanzschulden entsprechen damit etwa 65 Prozent des eigenen Börsenwerts. GoDaddy kam am selben Tag bei 126.647.704 ausstehenden Aktien auf rund 11,9 Milliarden Dollar. Der Abstand zwischen möglichem Käufer und möglichem Ziel betrug am Montagabend rechnerisch rund 0,6 Milliarden Dollar.

Kennzahl Gen Digital GoDaddy
Sitz Tempe, Arizona Tempe, Arizona
Umsatz im letzten Geschäftsjahr 5.000 Mio. $ 4.951,1 Mio. $
Zahlende Kundschaft rund 79 Mio. 20,4 Mio.
Finanzschulden 8.156 Mio. $ k. A.
Börsenwert am 28. September 2026 12,5 Mrd. $ 11,9 Mrd. $
Gesellschaften in Deutschland und der Schweiz 2 in Tettnang 6 und 1
Quellen: Geschäfts- und Quartalsberichte beider Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC. Geschäftsjahr Gen Digital bis 3. April 2026, Bilanzstichtag 3. Juli 2026; Geschäftsjahr GoDaddy bis 31. Dezember 2025. Börsenwert: eigene Berechnung aus Schlusskurs und ausstehenden Aktien. Die Finanzschulden von GoDaddy wurden für diese Übersicht nicht erhoben. Gesellschaften: bei GoDaddy nach der Tochterliste des Geschäftsberichts, bei Gen Digital nach dem Impressum von Avira – die Tochterlisten der Geschäftsberichte führen nur wesentliche Beteiligungen auf.

Sieben Gesellschaften im deutschsprachigen Raum hängen am Ziel

Für die Leserschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der interessanteste Teil dieser Geschichte nicht der Kurs, sondern die Tochterliste im Geschäftsbericht von GoDaddy. Sie nennt sechs deutsche Gesellschaften – Host Europe GmbH, DomainFactory GmbH, GoDaddy Deutschland GmbH, Bayern Connect GmbH, Minds + Machines GmbH und WorldHostingDays GmbH – sowie die Host Europe Suisse AG in der Schweiz. Die DomainFactory GmbH ist nach ihrem Impressum beim Amtsgericht München unter HRB 150294 eingetragen.

Host Europe und DomainFactory stehen in Deutschland für Webhosting und Domains. Im Geschäftsbericht von GoDaddy für 2025 steht außerdem der Satz, dass ein Teil der Beschäftigten in Deutschland durch Betriebsräte vertreten wird – das setzt Personal vor Ort voraus. Weltweit zählte GoDaddy zum Jahresende eine Kundschaft von 20,4 Millionen, davon rund 9,8 Millionen außerhalb der USA; 33 Prozent des Umsatzes von 4.951,1 Millionen Dollar entfielen auf das Auslandsgeschäft.

Auf der Gegenseite ist die deutsche Spur schmaler, aber vorhanden. Die Tochterliste von Gen Digital führt sieben Gesellschaften auf, darunter die Avast Software s.r.o. in Tschechien, aber keine deutsche – solche Listen nennen allerdings nur wesentliche Beteiligungen. Tatsächlich sitzen im baden-württembergischen Tettnang zwei deutsche Gesellschaften des Konzerns: Nach dem Impressum von Avira betreiben die Avira Operations GmbH (Amtsgericht Ulm, HRB 742261) und die Avira Holding GmbH die Marke am Kaplaneiweg 1; die Fußzeile derselben Seite hält fest, Avira sei Teil von Gen.

Genau an diesem Ort hat der Konzern zuletzt allerdings Fläche abgebaut. Im Geschäftsbericht heißt es, das Unternehmen habe im April 2025 Grundstücke und Gebäude in Tettnang für 9 Millionen Dollar verkauft und dabei einen geringfügigen Verlust verbucht.

Die Zahl „fast 3 Dollar“ ist eine bereinigte Zahl

Der LinkedIn-Beitrag enthält neben der Grundsatzerklärung auch Zahlen, und an dieser Stelle lohnt der Abgleich mit den amtlichen Unterlagen. Im Original heißt es: „Six years ago, Gen generated $2 billion in revenue and less than $1 of EPS. Today, we generate more than $5 billion in revenue and nearly $3 of EPS.“ Sinngemäß: Vor sechs Jahren habe Gen 2 Milliarden Dollar Umsatz und weniger als 1 Dollar Gewinn je Aktie erwirtschaftet, heute seien es mehr als 5 Milliarden Dollar Umsatz und fast 3 Dollar je Aktie.

Die Umsatzangabe deckt sich mit dem Geschäftsbericht, der für das abgelaufene Geschäftsjahr 5.000 Millionen Dollar ausweist. Der Gewinn je Aktie bedarf einer Einordnung: Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2027 liegt laut Quartalsmitteilung vom 6. August bei 2,87 bis 2,97 Dollar – das ist die bereinigte Non-GAAP-Kennzahl. Nach den US-Bilanzregeln GAAP wies Gen Digital im ersten Quartal dieses Geschäftsjahres einen verwässerten Gewinn je Aktie von 0,36 Dollar aus, bereinigt waren es 0,71 Dollar. Die bereinigte Größe lag in diesem Quartal also rund doppelt so hoch wie die bilanzielle.

Was der Beitrag nebenbei mitteilt

Ein Satz des LinkedIn-Textes geht über eine Grundsatzerklärung hinaus: Das am 2. Oktober endende Quartal und die Jahresprognose bewegten sich beide „to the higher end of our guidance“, also am oberen Ende der Prognosespanne. Das ist eine Aussage über laufende Geschäftszahlen, vier Tage vor Quartalsende – und eine naheliegende Erklärung dafür, warum der Beitrag überhaupt als Anlage bei der SEC landete. Die angehobene Prognose für das Geschäftsjahr 2027 lautet 9 bis 11 Prozent Umsatzwachstum sowie – im Original „mid-to high-teens“ – ein Wachstum des bereinigten Gewinns je Aktie im mittleren bis hohen Zehnprozentbereich.

Was offen bleibt

Bestätigt ist bislang nichts. Weder liegt eine Mitteilung über ein Angebot vor noch ein Preis, ein Zeitplan oder eine Aussage des Aufsichtsrats einer der beiden Seiten. Eine öffentliche Äußerung von GoDaddy zu dem Bericht ist nicht bekannt; die jüngste Meldung des Unternehmens in Form eines 8-K bei der SEC datiert nach der Einreichungsübersicht vom 4. August 2026. Über die öffentlich zugänglichen Unterlagen hinaus lag der Redaktion zum Redaktionsschluss am späten Montagabend keine Äußerung der beiden Unternehmen vor; eine eigene Anfrage war bis dahin nicht möglich.

Offen ist damit auch die Frage, die im deutschsprachigen Raum als Erstes zählte: was ein Eigentümerwechsel für die Kundschaft von Host Europe, DomainFactory und den übrigen Gesellschaften bedeuten würde – Verträge, Rechenzentrumsstandorte, Ansprechstellen. Solange kein Angebot auf dem Tisch liegt, lässt sich darauf keine belastbare Antwort geben. Belastbar ist nur der Rahmen: Ein Zusammenschluss dieser Größenordnung mit Gesellschaften in mehreren EU-Staaten wäre fusionskontrollrechtlich anzumelden, sobald die maßgeblichen Umsatzschwellen erreicht sind.

Der nächste belegbare Termin steht fest: Das laufende Quartal von Gen Digital endet am 2. Oktober 2026. Die Zahlen dazu legt das Unternehmen üblicherweise Anfang November vor. Wie sicherheitsnahe Anbieter derzeit unter Beobachtung stehen, zeigte zuletzt auch der Fall der acht Schwachstellen in Citrix NetScaler; wie sehr Schutz- und Datenthemen inzwischen politisch verhandelt werden, zeigten die BigBrotherAwards 2026.

Was halten Sie davon, wenn ein Unternehmen Geschäftszahlen zuerst über ein soziales Netzwerk mitteilt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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