Das Wichtigste in Kürze
- Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat am Sonntag um 10.12 Uhr angekündigt, die Dürre 2026 beim EU-Agrarministerrat am Montag in Brüssel auf die Tagesordnung zu bringen. Nach Darstellung seines Ministeriums fordert er dort wirksame europäische Kriseninstrumente und nennt dabei ausdrücklich die EU-Agrarreserve.
- Auf der veröffentlichten Tagesordnung des Rates für Landwirtschaft und Fischerei stehen für den 28. September drei Punkte: die Agrarpolitik nach 2027, die Marktlage und ein Arbeitsessen zum Düngemittel-Aktionsplan. Die Dürre ist dort nicht als eigener Punkt ausgewiesen.
- Die Österreichische Hagelversicherung bezifferte den Dürreschaden für 2026 am 10. August auf rund eine Milliarde Euro. Versichert sind nach ihren Angaben 80 Prozent der Ackerflächen, aber nur 40 Prozent der Grünlandflächen – also jener Flächen, für die das Ministerium Ertragseinbußen von bis zu 50 Prozent nennt.
Es ist Sonntagvormittag, und aus dem österreichischen Landwirtschaftsministerium kommt eine Ankündigung für den nächsten Tag: Die Dürre dieses Jahres soll in Brüssel zur Sprache kommen. Bundesminister Norbert Totschnig will nach Darstellung seines Hauses die „Auswirkungen der anhaltenden Trockenheit auf die Tagesordnung“ des EU-Agrarministerrats bringen und dort „wirksame Kriseninstrumente und eine starke GAP für mehr Widerstandsfähigkeit“ fordern. Die Zahlen, auf die er sich stützt, stammen aus dem August – die Frage, ob die Europäische Union darauf reagieren will, ist offen. Ende August sah die EU-Kommission nach einem Bericht der Fachzeitung „agrarzeitung“ noch keinen Anlass für gezielte Erleichterungen.
Was das österreichische Landwirtschaftsministerium am Sonntagvormittag angekündigt hat
Die Aussendung des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft vom 27. September 2026, 10.12 Uhr, ist kurz und in ihrem Kern eine Positionsbestimmung vor einer Ratssitzung. Totschnig wird darin mit dem Satz zitiert: „Wenn ganze Regionen von Extremereignissen betroffen sind, muss Europa rasch und wirksam handeln können.“ Genannt werden drei Zahlen: ein Niederschlagsdefizit von bis zu 75 Prozent im Osten Österreichs, Ertragseinbußen im Grünland von bis zu 50 Prozent und die Feststellung, die vergangenen zwölf Monate seien die trockensten seit Messbeginn im Jahr 1850 gewesen.
Eine dieser drei Angaben ist durch eine veröffentlichte Messreihe gedeckt, eine zweite stammt aus einer anderen Rechnung, als der Satz vermuten lässt, und die dritte ist eine Angabe des Ministeriums, die sich öffentlich nicht unabhängig prüfen lässt. Dazu weiter unten mehr.
Ein konkretes Instrument benennt die Aussendung dagegen sehr wohl. Totschnig wird dort weiter zitiert: „Dafür brauchen wir geeignete Kriseninstrumente. Insbesondere die EU-Agrarreserve muss im Ernstfall rasch und praxisnah eingesetzt werden können.“ Die EU-Agrarreserve ist der Krisentopf der Gemeinsamen Agrarpolitik, aus dem die EU-Kommission bei Marktstörungen und außergewöhnlichen Ereignissen Mittel bereitstellen kann. Was die Aussendung nicht enthält, ist ebenso aufschlussreich: keine Summe, keinen förmlichen Antrag und keinen Hinweis darauf, unter welchem Tagesordnungspunkt das Thema aufgerufen werden soll.
Als rein österreichisches Problem beschreibt die Aussendung die Trockenheit dabei nicht. „Aktuelle Analysen auf europäischer Ebene“ zeigten, heißt es dort, dass Sommerkulturen und Grünland „in weiteren Teilen West- und Mitteleuropas“ unter der extremen Trockenheit litten und die Futterversorgung unter Druck gerate. Welche Analysen gemeint sind, nennt der Text nicht; eine Zahl für Deutschland oder die Schweiz lässt sich daraus nicht ableiten.
Auf der veröffentlichten Tagesordnung für Montag steht die Dürre nicht
Der Rat der Europäischen Union tagt in der Zusammensetzung Landwirtschaft und Fischerei am 28. und 29. September 2026 in Brüssel, den Vorsitz führt im zweiten Halbjahr 2026 Irland. Die vom Rat veröffentlichte Tagesordnung nennt für den Montag drei Punkte: die Gemeinsame Agrarpolitik nach 2027, die Marktlage und ein Arbeitsessen zum Düngemittel-Aktionsplan. Der Dienstag gehört der Fischerei. Ein eigener Punkt „Dürre“ oder „Trockenheit“ ist dort nicht ausgewiesen; zur Marktlage heißt es dort, es gehe um einen Austausch über die Marktlage und aktuelle Herausforderungen.
Das ist kein Widerspruch zur Ankündigung aus Wien, aber es ordnet sie ein. Ein Mitgliedstaat, der ein Thema „auf die Tagesordnung bringen“ will, tut das in aller Regel unter einem bereits bestehenden Punkt oder über die Sonstigen Tagesordnungspunkte. Was daraus wird – eine Aussprache, eine Erklärung mehrerer Staaten oder eine Zusage der Kommission –, entscheidet sich am Montag im Saal und nicht in einer Aussendung vom Sonntag.
Die Zahlen zur Dürre 2026 in Österreich
| Kennzahl | Wert | Bezug |
|---|---|---|
| Dürreschaden in der Landwirtschaft | 1 Mrd. € | Stand 10. August 2026, Berechnung der Österreichischen Hagelversicherung |
| Schäden durch Frost, Hagel, Sturm, Überschwemmung | 80 Mio. € | zusätzlich, gleicher Stand |
| Nationales Dürre-Hilfspaket | 240 Mio. € | Einigung der österreichischen Bundesregierung, 21. August 2026 |
| Ertragseinbußen im Grünland | bis 50 % | Angabe des Ministeriums, erstmals am 3. August 2026 |
| Niederschlagsdefizit Niederösterreich | −43 % | 1. Jänner bis 12. August 2026, GeoSphere Austria |
| Niederschlag Ostösterreich | 210,9 mm | 23. Februar bis 9. August 2026 statt üblicher 405 mm, GeoSphere Austria |
| Versicherte Ackerfläche | 80 % | Angabe der Österreichischen Hagelversicherung |
| Versicherte Grünlandfläche | 40 % | Angabe der Österreichischen Hagelversicherung |
Woher die 75 Prozent stammen, sagt die Aussendung nicht
Der Rekordbefund selbst ist belegt: GeoSphere Austria teilte am 18. August 2026 mit, die vergangenen zwölf Monate würden „als die trockensten seit Messbeginn im Jahr 1850 in die Geschichte eingehen“. Auf 72 Prozent der österreichischen Landesfläche gab es demnach mehr trockene Tage als in jedem der vergangenen 65 Jahre.
Bei den Prozentwerten lohnt dagegen der genaue Blick. Die vom Ministerium genannten „bis zu 75 Prozent“ Niederschlagsdefizit im Osten decken sich nicht mit den Bundesländerwerten von GeoSphere Austria: Für den Zeitraum 1. Jänner bis 12. August 2026 weist GeoSphere Austria in Niederösterreich minus 43 Prozent aus, in Oberösterreich minus 42 Prozent, in Wien und im Burgenland jeweils minus 39 Prozent. Ein Wert von 75 Prozent findet sich allerdings in der Presseaussendung der Österreichischen Hagelversicherung vom 10. August 2026 – dort mit einem deutlich engeren Bezug: Gemeint ist der Rückgang in manchen Regionen seit dem 15. Juni, gemessen am Zehnjahresmittel 2016 bis 2025. Ob sich die Aussendung des Ministeriums auf diese Rechnung stützt, geht aus ihr nicht hervor; eine Quellenangabe enthält sie nicht.
Beide Zahlen sind also für sich genommen nachvollziehbar, sie beschreiben nur nicht dasselbe. Wer sie nebeneinanderstellt, erhält ein Bild, das dramatischer wirkt als die Messreihe hergibt – ohne dass eine der Angaben falsch wäre. Eine Rückfrage an das österreichische Landwirtschaftsministerium zur Herkunft des Werts war am Sonntagmittag nicht möglich; eine Klarstellung des Ministeriums lag bis dahin nicht vor.

Beim Grünland trifft der Ausfall die am seltensten versicherten Flächen
Eine Zahl, die weder in der Aussendung von heute noch auf der Tagesordnung der Ratssitzung auftaucht, steht in der Aufstellung des Versicherers: Von den österreichischen Ackerflächen sind nach dessen Angaben 80 Prozent gegen Dürre versichert, von den Grünlandflächen nur 40 Prozent. Das Grünland ist aber genau die Fläche, für die das Ministerium seit dem 3. August 2026 Ertragseinbußen von bis zu 50 Prozent nennt.
Aus beiden Angaben zusammen ergibt sich: Jene Flächen, für die das Ministerium die höchsten Ertragseinbußen nennt, sind zugleich die am seltensten versicherten. Grünland liefert Futter für Milchvieh und Rinder. Fällt es aus, muss Futter zugekauft oder aus Vorräten ersetzt werden – ein Kostenblock, der anders als ein einmaliger Ernteausfall beim Getreide über den ganzen Winter läuft.
Österreich hat national bereits 240 Millionen Euro zugesagt
Ohne Hilfe steht die österreichische Landwirtschaft dabei nicht da. Die österreichische Bundesregierung einigte sich nach Darstellung des Ministeriums am 21. August 2026 auf ein Dürre-Hilfspaket im Volumen von 240 Millionen Euro. Es besteht aus vier Teilen:
- 140 Millionen Euro für einen Erlass von zwei Dritteln des nächstmöglichen Quartalsbeitrags 2026 zur landwirtschaftlichen Sozialversicherung – das entspricht nach dieser Darstellung zwei Monatsbeiträgen.
- 50 Millionen Euro als Versicherungsbonus: Die Prämienbezuschussung für die Dürreversicherung steigt für das Jahr 2027 auf 65 Prozent.
- 25 Millionen Euro Zinszuschüsse für Betriebsmittelkredite für Futtermittel, Saatgut und Düngemittel; das soll ein Kreditvolumen von bis zu 300 Millionen Euro auslösen.
- bis zu 25 Millionen Euro für Ratenstundungen bei Agrarinvestitions- und Konsolidierungskrediten.
Die Maßnahmen gelten nach Angaben des Ministeriums in ganz Österreich, für alle Betriebsformen und sämtliche Kulturen. Bemerkenswert ist die Struktur: Nur ein Teil des Pakets ist unmittelbar wirksames Geld, ein anderer Teil ist eine Prämienstützung für das kommende Jahr, ein dritter besteht aus Krediten und Stundungen. Wer 2026 keinen Ertrag hatte, bekommt daraus keinen Ausgleich für den Ausfall, sondern eine Erleichterung bei Beiträgen und bei der Finanzierung der nächsten Saison.
Ende August sah die EU-Kommission laut einem Fachbericht keinen Anlass für Sondermaßnahmen
Damit ist die Frage gestellt, die Totschnig am Montag mit nach Brüssel nimmt. Beantwortet ist sie nicht. Die deutsche Fachzeitung „agrarzeitung“ berichtete am 27. August 2026, die EU-Kommission sehe vorerst keine gezielten Erleichterungen bei der Gemeinsamen Agrarpolitik für dürregeplagte Betriebe vor; EU-Agrarkommissar Christophe Hansen habe angekündigt, die Lage intensiv zu beobachten. Ob sich diese Haltung seither geändert hat, ist öffentlich nicht dokumentiert; eine aktuellere amtliche Festlegung der Kommission war am Sonntagmittag nicht auffindbar.
Zwischen „intensiv beobachten“ und „rasch und wirksam handeln“ – der Formulierung aus Wien – liegt genau der Abstand, um den es am Montag geht. Er ist auch deshalb nicht rein rhetorisch, weil über die Agrarpolitik nach 2027 ohnehin verhandelt wird und jede zusätzliche Krisenzusage dort verbucht werden müsste.
Was das für die Preise im Regal bedeutet
Für Haushalte in Österreich ist die Dürre vor allem über zwei Wege spürbar: über den Selbstversorgungsgrad und über die Futterkosten. Der Versicherer nennt für Österreich einen Selbstversorgungsgrad von 87 Prozent bei Getreide, 83 Prozent bei Mais, 78 Prozent bei Kartoffeln, 55 Prozent bei Gemüse und 26 Prozent bei pflanzlichen Ölen. Wo die heimische Ernte ausfällt, wird zugekauft – zu Preisen, die auf europäischen und internationalen Märkten gebildet werden und die eine nationale Hilfe nicht steuert.
Beim Milchpreis ist der Zusammenhang am direktesten. Teureres Futter schlägt auf die Erzeugungskosten durch, und die Rohstoffnotierungen ziehen ohnehin an: Der Kieler Rohstoffwert für Milch, ein Referenzwert für den deutschen Markt, ist seit Januar 2026 um 27,7 Prozent auf 38,70 Cent gestiegen, wie NETZ-TRENDS am 27. September 2026 berichtet hat. Ein kausaler Zusammenhang mit der österreichischen Dürre lässt sich daraus nicht ableiten – der Wert bildet den deutschen Markt ab und wird von mehreren Faktoren bestimmt. Er zeigt aber, in welche Richtung sich die Kostenbasis bewegt, auf die ein Futterausfall trifft.
Was offen bleibt
- Unter welchem Tagesordnungspunkt Österreich die Dürre am Montag aufrufen will – und ob andere Mitgliedstaaten mitziehen. Die Aussendung des Ministeriums nennt keine weiteren Staaten.
- Wie viel Geld in der EU-Agrarreserve für das laufende Jahr noch zur Verfügung steht und welcher Betrag für Österreich in Betracht käme. Die Aussendung des Ministeriums nennt dazu keine Zahl; eine aktuelle amtliche Angabe der EU-Kommission war am Sonntagmittag nicht auffindbar.
- Wie hoch der Dürreschaden nach Abschluss der Ernte 2026 tatsächlich ausfällt. Die Milliardensumme ist ein Zwischenstand des Versicherers vom 10. August, keine amtliche Endabrechnung.
Was als Nächstes ansteht
Der Rat für Landwirtschaft und Fischerei tagt am 28. und 29. September 2026 in Brüssel; der Montag ist der Agrartag, der Dienstag gehört der Fischereipolitik. Nach Ratssitzungen dieser Art gibt es üblicherweise eine Pressekonferenz des Vorsitzes und der Kommission, aus der hervorgeht, welche Punkte zusätzlich aufgerufen wurden. Ob die Dürre dazugehört, wird sich erst dort zeigen. In Österreich läuft parallel die Umsetzung des nationalen Hilfspakets; der erhöhte Versicherungszuschuss von 65 Prozent greift nach den Angaben des Ministeriums erst für das Jahr 2027.
Halten Sie ein europäisches Kriseninstrument für Dürrejahre für den richtigen Weg – oder sollten Risikovorsorge und Versicherung Sache der Betriebe bleiben? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.
Quellen
- Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (Österreich): „Totschnig: Dürre-Katastrophe 2026 ist gemeinsame Herausforderung für EU-Landwirtschaft“, Presseaussendung vom 27. September 2026, 10.12 Uhr (OTS0008)
- Rat der Europäischen Union: Tagesordnung des Rates für Landwirtschaft und Fischerei, 28. und 29. September 2026, Abruf am 27. September 2026
- GeoSphere Austria: „Trockenste Periode in Österreich in 176 Jahren Messgeschichte“, Meldung vom 18. August 2026
- Österreichische Hagelversicherung VVaG: „Hagelversicherung: Rekord-Dürreschäden in der Landwirtschaft“, Presseaussendung vom 10. August 2026, 11.52 Uhr (OTS0049)
- Österreichisches Landwirtschaftsministerium: Dürre-Hilfspaket 2026, Übersicht zu den vier Maßnahmen, Einigung vom 21. August 2026
- Österreichisches Landwirtschaftsministerium: „Totschnig und Moosbrugger: Historische Dürre bringt Landwirtschaft an ihre Grenzen“, Mitteilung vom 3. August 2026
- agrarzeitung: „Dürre in der EU: Keine Sondermaßnahmen geplant“, Bericht vom 27. August 2026 (zur Haltung der EU-Kommission; Beitrag teilweise hinter einer Bezahlschranke)
- Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (Österreich): Nutzungsbedingungen des Fotoservices, Abruf am 27. September 2026 (Beitragsbild)
Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.