Das Wichtigste in Kürze
- Das österreichische Finanzministerium und die Oesterreichische Kontrollbank haben am 26. September 2026 um 8.31 Uhr mitgeteilt, dass ihr Programm „Exportinvest EVU“ künftig schon ab 2 Millionen Euro Investitionsvolumen offensteht – bisher lag die Untergrenze bei 100 Millionen Euro.
- Insgesamt stehen nach Angaben der beiden Häuser 2 Milliarden Euro an Haftungen und Finanzierungen bereit; dazu kommt eine Risikoübernahme des Bundes von bis zu 80 Prozent für Nachrangkapital beim Netzausbau.
- Arbeiterkammer, FPÖ und SPÖ begrüßten den Schritt noch am selben Vormittag, knüpften ihn aber an dieselbe offene Frage: ob der Zinsvorteil bei den österreichischen Netzentgelten ankommt. Eine Kurzstudie im Auftrag der Arbeiterkammer Wien rechnete 2025 für staatliche Garantien allein mit einer Reduktion der Maximalbelastung um 1,7 Prozent.
Österreich weitet die staatlich gestützte Finanzierung des Stromnetzausbaus aus. Das österreichische Finanzministerium und die Oesterreichische Kontrollbank (OeKB) haben am Samstag, dem 26. September 2026, um 8.31 Uhr mitgeteilt, dass Finanzierungen aus dem Programm „Exportinvest EVU“ künftig bereits ab einem Investitionsvolumen von 2 Millionen Euro möglich sind. Bisher lag die Untergrenze bei 100 Millionen Euro. Zusätzlich übernimmt der Bund über das Programm „Exportinvest Mezzanin“ Haftungen für Nachrangkapital beim Netzausbau – nach Angaben der beiden Häuser mit bis zu 80 Prozent Risikoübernahme. Das Gesamtvolumen beziffern sie mit 2 Milliarden Euro an Haftungen und Finanzierungen.
Für Haushalte in Österreich ist das keine abstrakte Finanzmarktnachricht. Netzausbau wird über die Netzentgelte bezahlt, und die stehen auf jeder Stromrechnung. Je teurer die Netzbetreiber ihre Investitionen finanzieren, desto höher fällt dieser Posten aus. In den dreieinhalb Stunden nach der Aussendung meldeten sich drei Stellen zu Wort – und alle drei kamen auf dieselbe Frage: ob die günstigere Finanzierung überhaupt bei der Kundschaft ankommt.
Was das Finanzministerium und die OeKB beschlossen haben
Das Programm ist nicht neu. Bereits am 7. Februar 2026 hatten BMF und OeKB drei Spezialprogramme zur Finanzierung der Energieinfrastruktur angekündigt. Der Schritt vom Samstag senkt die Einstiegsschwelle und ergänzt die Mezzanin-Haftung. Auf der Produktseite der OeKB stand am Samstagmittag noch die alte Untergrenze von 100 Millionen Euro; dort sind auch die weiteren Konditionen dokumentiert: Laufzeiten bis zu 20 Jahre ab Inbetriebnahme, ein Wechselbürgschaftsentgelt von 0,2 bis 0,3 Prozent pro Jahr und eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 720 Euro.
| Angabe | Bisher | Laut Aussendung vom 26. September 2026 |
|---|---|---|
| Mindestvolumen Exportinvest EVU | 100 Mio. € | 2 Mio. € |
| Risikoübernahme des Bundes für Nachrangkapital | k. A. | bis 80 % |
| Gesamtvolumen Haftungen und Finanzierungen | k. A. | 2 Mrd. € |
Der österreichische Finanzminister Markus Marterbauer erklärte in der Aussendung, mit den „bestehenden und nun abermals ausgeweiteten Möglichkeiten“ könne man die erforderlichen Investitionen „im Rahmen des Ausfuhrförderungsgesetzes gezielt unterstützen“. OeKB-Vorstandsmitglied Helmut Bernkopf gab an, Finanzierungen von über 300 Millionen Euro seien bereits genehmigt; er erwarte „in den nächsten Monaten ein Volumen von über 1 Milliarde Euro“.
Drei Reaktionen an einem Vormittag – alle mit demselben Vorbehalt
Neunzehn Minuten nach der Aussendung meldete sich die Arbeiterkammer Wien. Tobias Schweitzer, Leiter der AK-Wirtschaftsabteilung, begrüßte das Vorhaben, knüpfte es aber an eine Bedingung: Die österreichische Regulierungsbehörde E-Control müsse sicherstellen, dass die Netzbetreiber alle verfügbaren günstigen Finanzierungsquellen tatsächlich nutzen – staatliche Garantien ebenso wie Mittel der Europäischen Investitionsbank und EU-Zuschüsse. Niedrigere Finanzierungskosten sollten sich in niedrigeren Netzentgelten niederschlagen.
Schweitzer warnte im selben Text vor Ausnahmen für Speicherbetreiber: Zahle eine Gruppe weniger, müssten andere den Rest tragen. Die derzeit diskutierten Ausnahmen könnten nach seinen Angaben Kosten von mehreren hundert Millionen Euro jährlich für Haushalte und Betriebe verursachen. Über den Streit um Österreichs Speicherausbau hat NETZ-TRENDS im August berichtet, als das Energieministerium und die E-Control unterschiedliche Zahlen zum Speicherbedarf nannten.
Um 10.47 Uhr folgte der Freiheitliche Parlamentsklub. Energiesprecher Paul Hammerl bewertete die günstigere Finanzierung als positiv, verlangte aber, auch die regulatorisch unterstellte Eigenkapitalquote von 40 Prozent zu überprüfen. Nach seiner Darstellung rechnet die E-Control für Neuinvestitionen 2026 mit Eigenkapitalkosten von 9,70 Prozent und Fremdkapitalkosten von 3,72 Prozent, woraus sich ein Mischsatz von 6,11 Prozent ergebe. Diese Werte stammen aus der Aussendung des Parlamentsklubs; eine eigene Bestätigung durch die E-Control lag dieser Redaktion am Samstagmittag nicht vor. Um 12.04 Uhr erklärte schließlich SPÖ-Energiesprecher Alois Schroll, eine günstige Finanzierung der Netzbetreiber senke die Ausbaukosten und am Ende die Netzkosten für alle.
Was eine Studie im Auftrag der Arbeiterkammer zur Größenordnung sagt
Wie viel staatliche Garantien tatsächlich bringen, hat eine Kurzstudie von FINGREEN im Auftrag der Arbeiterkammer Wien vom 8. Juli 2025 durchgerechnet. Sie beziffert den österreichischen Investitionsbedarf auf 53,4 Milliarden Euro bis 2040, davon 44,4 Milliarden Euro in den Verteilernetzen. Für die einzelnen Instrumente nennt sie unterschiedliche Reduktionen der dort errechneten Maximalbelastung: staatliche Garantien allein 1,7 Prozent, ein Mezzaninanteil von 20 Prozent 6,3 Prozent, eine um 15 Jahre verlängerte Abschreibung 11,8 Prozent, eine Investitionsförderung von 10 Prozent 9,4 Prozent. Erst der kombinierte Maßnahmenmix kommt in dieser Rechnung auf 20,1 Prozent.
Die Zahlen der Studie sind älter als die am Samstag angekündigten Programme und beziehen sich auf Modellannahmen, nicht auf die konkrete Ausgestaltung. Sie zeigen aber, in welcher Größenordnung sich der Effekt bewegt, um den es geht: Garantien sind in dieser Rechnung der kleinste der vier untersuchten Hebel. Der Mezzanin-Baustein, den die Aussendung vom Samstag ausdrücklich nennt, liegt darüber – aber unter der verlängerten Abschreibung und der Investitionsförderung.
Was offen bleibt
Aus der Aussendung geht nicht hervor, um wie viel die Netzentgelte durch die erweiterten Programme sinken sollen, bis wann, und wie kontrolliert wird, ob der Zinsvorteil weitergegeben wird. Eine Stellungnahme der E-Control lag am Samstagmittag nicht vor; die Behörde hatte die Stromnetzentgelte für 2026 am 18. Dezember 2025 festgelegt – im Schnitt 1,3 Prozent mehr für Haushalte, was bei 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch rund 5 Euro mehr im Jahr ausmacht.
Der nächste belegbare Prüfstein ist die Entgeltfestlegung für 2027, die noch aussteht. Erst dort wird sichtbar, ob sich die günstigere Finanzierung in den Tarifen niederschlägt. Für Deutschland läuft parallel ein eigenes Verfahren: Die Bundesnetzagentur hat im September Eckpunkte zur künftigen Netzentgeltstruktur vorgelegt, die NETZ-TRENDS am 18. September dargestellt hat. Die österreichischen Beträge und Regeln gelten dort nicht.
Wie beurteilen Sie diese Entwicklung – erwarten Sie, dass günstigere Finanzierungskosten der Netzbetreiber bei Ihrer Stromrechnung ankommen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.
Quellen
- Bundesministerium für Finanzen (Österreich) und Oesterreichische Kontrollbank AG: Presseaussendung „BMF und OeKB setzen weitere Maßnahmen zur Finanzierung der Energieinfrastruktur“ vom 26. September 2026, 8.31 Uhr
- Bundesministerium für Finanzen (Österreich) und OeKB: Presseaussendung zu den Spezialprogrammen vom 7. Februar 2026
- Oesterreichische Kontrollbank AG: Produktinformation Exportinvest EVU, Abruf am 26. September 2026
- Arbeiterkammer Wien: Presseaussendung „Günstigere Finanzierung der Stromnetze entlastet Haushalte“ vom 26. September 2026, 8.50 Uhr
- Freiheitlicher Parlamentsklub: Presseaussendung zur Eigenkapitalquote vom 26. September 2026, 10.47 Uhr
- SPÖ-Parlamentsklub: Presseaussendung „Unterstützung beim Netzausbau“ vom 26. September 2026, 12.04 Uhr
- FINGREEN im Auftrag der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien: Kurzstudie „Finanzierung des Stromnetzausbaus in Österreich“, 8. Juli 2025
- E-Control: Presseaussendung „Nur leicht steigende Stromnetzentgelte für 2026“ vom 18. Dezember 2025
- NETZ-TRENDS: Streit um Österreichs Speicherbedarf, 20. August 2026
- NETZ-TRENDS: Eckpunkte der Bundesnetzagentur zu den Netzentgelten, 18. September 2026
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