Das Wichtigste in Kürze

  • Das deutsche Bundesland Niedersachsen und das Münchner Unternehmen Proxima Fusion haben am 9. September 2026 in Hannover eine Absichtserklärung über den Aufbau einer Produktion von Hochtemperatur-Supraleiter-Band unterzeichnet. Für die ersten beiden Projektphasen bis Ende 2029 nennt das Unternehmen rund 140 Millionen Euro.
  • Das Land plant nach eigener Darstellung 21 Millionen Euro beizusteuern. Angestrebt ist eine je hälftige Finanzierung aus privaten und öffentlichen Mitteln – rechnerisch bleiben damit rund 49 Millionen Euro des öffentlichen Anteils ohne benannten Geldgeber.
  • Auf dem vom Unternehmen verbreiteten Pressefoto ist die Schlussseite des Papiers lesbar. Unter „Nr. 7 Haftungsausschluss und Beendigung“ heißt es dort, die Vereinbarung begründe „keinerlei rechtliche und finanzielle Verpflichtungen oder Ansprüche für die Parteien“ und sei mit einer Frist von einem Monat kündbar.

Niedersachsen will Produktionsstandort für ein Vorprodukt der Fusionstechnik werden, das nach Darstellung des beteiligten Unternehmens bislang vor allem in Asien im großen Maßstab gefertigt wird. Das Münchner Fusionsunternehmen Proxima Fusion und die niedersächsische Landesregierung haben nach Angaben des Unternehmens an diesem Mittwochnachmittag in Hannover eine Absichtserklärung unterzeichnet, mit der die Grundlage für eine großindustrielle Fertigung von Hochtemperatur-Supraleiter-Band – kurz HTS-Band – geschaffen werden soll. Die Mitteilung ging um 17:53 Uhr über den Verteiler news aktuell.

HTS-Band ist ein beschichtetes Metallband, aus dem die Magnete künftiger Fusionsanlagen gewickelt werden sollen. Nach Darstellung des Unternehmens lassen sich damit kompaktere und leistungsfähigere Anlagen bauen und dadurch kostengünstigere Kraftwerke. Die Nachricht ist deshalb weniger eine Fusionsmeldung als eine industriepolitische: Es geht um den Aufbau einer Lieferkette.

Unterzeichnet wurde eine Absichtserklärung, kein Vertrag

Was in Hannover unterschrieben wurde, trägt den Titel „Memorandum of Understanding zum Aufbau einer HTS-Band-Produktion in Niedersachsen“. Parteien der Vereinbarung sind das Land Niedersachsen, vertreten durch Ministerpräsident Olaf Lies, und die Proxima Fusion GmbH, vertreten durch ihren Geschäftsführer Francesco Sciortino. Beides steht auf der Titelseite des Dokuments, die auf dem Pressefoto zu sehen ist, das Proxima Fusion mit der Mitteilung verbreitet hat.

Auf demselben Foto ist auch die Schlussseite lesbar. Dort steht unter der Zwischenüberschrift „Nr. 7 Haftungsausschluss und Beendigung“ der Satz: „Diese Vereinbarung begründet keinerlei rechtliche und finanzielle Verpflichtungen oder Ansprüche für die Parteien.“ Jede Seite trage ihre Kosten selbst und dürfe „jederzeit ohne Angaben von Gründen mit Frist von einem Monat zum Monatsende“ kündigen. Darüber heißt es, konkrete Vereinbarungen ergäben sich erst aus einem privatrechtlichen Vertrag zwischen Proxima Fusion und den jeweiligen Projektpartnern.

Das ist für ein Memorandum of Understanding nicht ungewöhnlich, ordnet die Zahlen des Tages aber ein: Angekündigt ist eine Fabrik, unterschrieben ist eine Gesprächsgrundlage. Eine eigene Mitteilung des Landes Niedersachsen war am Mittwochabend auf den Presseseiten der niedersächsischen Staatskanzlei und des Wissenschaftsministeriums nicht auffindbar; die Zitate des Ministerpräsidenten und des Wissenschaftsministers stammen aus der Aussendung des Unternehmens.

140 Millionen Euro, von denen 21 Millionen politisch benannt sind

Für die ersten beiden Projektphasen bis Ende 2029 nennt Proxima Fusion Investitionen von rund 140 Millionen Euro. Angestrebt sei eine Finanzierung „zu gleichen Teilen aus privaten Mitteln und öffentlicher Förderung“. Das Land Niedersachsen plane, „aktuell 21 Millionen Euro bereitzustellen“ – nach Darstellung des Unternehmens knapp 30 Prozent des vorgesehenen öffentlichen Anteils.

Rechnet man diese Angaben zusammen, ergibt sich ein öffentlicher Finanzierungsbedarf von rund 70 Millionen Euro, von dem etwa 49 Millionen Euro bislang keinem Geldgeber zugeordnet sind. Woher der private Teil kommen soll, benennt die Mitteilung ebenfalls nicht. Offen bleibt außerdem, aus welchem Haushaltstitel die 21 Millionen Euro stammen und ob der niedersächsische Landtag darüber noch zu entscheiden hat – dazu steht in der Aussendung nichts.

Säulendiagramm: Die Investition von 140 Millionen Euro für die ersten beiden Projektphasen soll je zur Hälfte aus privaten und aus öffentlichen Mitteln kommen. Vom öffentlichen Anteil von 70 Millionen Euro sind bislang 21 Millionen Euro des Landes Niedersachsen angekündigt, 49 Millionen Euro sind offen.
Eigene Darstellung NETZ-TRENDS auf Basis der Angaben von Proxima Fusion vom 9. September 2026. Die hälftige Aufteilung zwischen privaten und öffentlichen Mitteln ist ein Ziel des Unternehmens, keine Zusage.

Was HTS-Band ist

Hochtemperatur-Supraleiter-Band ist ein dünnes, beschichtetes Metallband, das unterhalb einer bestimmten Temperatur seinen elektrischen Widerstand verliert. Weil diese Temperatur deutlich höher liegt als bei klassischen Supraleitern, reicht zur Kühlung ein geringerer Aufwand. Aus dem Band lassen sich Elektromagnete wickeln, die sehr starke Magnetfelder auf kleinem Raum erzeugen. In einem Stellarator halten solche Felder das mehrere Millionen Grad heiße Plasma in der Schwebe, damit es die Wand der Anlage nicht berührt. Verwendet wird das Material nach Angaben von Proxima Fusion außerdem in Stromnetzen, in der medizinischen Bildgebung und in Antriebssystemen.

Der Standort steht noch nicht fest

Wo in Niedersachsen die Fertigung entstehen soll, ist offen. In der Absichtserklärung vorgesehen sind laut Mitteilung „die Prüfung geeigneter Standorte“, eine meilensteinbasierte Förderstruktur, die Begleitung von Genehmigungsverfahren sowie Kooperationen mit Unternehmen, Kommunen und Forschungseinrichtungen. Auch die Technik ist noch nicht im Land: Proxima Fusion befinde sich „in Gesprächen mit mehreren internationalen Technologiepartnern“, um Fertigungswissen nach Niedersachsen zu holen.

Ministerpräsident Olaf Lies wird in der Mitteilung mit der Ankündigung zitiert, Niedersachsen werde „zum Vorreiter einer europäischen HTS-Produktion“ ausgebaut. Wissenschaftsminister Falko Mohrs verweist auf Stärken des Landes in Laserphysik und Photonik. Eine Aussage dazu, wie viele Arbeitsplätze entstehen sollen, enthält die Aussendung nicht.

Angabe Wert Stand laut Mitteilung
Investition Projektphasen 1 und 2 rund 140 Mio. € erwartet
Beitrag des Landes Niedersachsen 21 Mio. € geplant
Anteil privat zu öffentlich je 50 % angestrebt
Produktionsstandort Prüfung läuft
HTS-Bedarf für den Demonstrator Alpha rund 20.000 km Planungsstand
HTS-Bedarf für das Kraftwerk Stellaris rund 40.000 km Planungsstand
Abschluss der Projektphasen 1 und 2 Ende 2029 Zeitplan
Quelle: Proxima Fusion, Pressemitteilung vom 9. September 2026. Sämtliche Angaben stammen aus der Darstellung des Unternehmens; unabhängig bestätigt sind sie nicht.

Was das Unternehmen bisher vorweisen kann

Proxima Fusion ist nach eigenen Angaben das erste Spin-out des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik und stützt sich auf die Forschung am Stellarator Wendelstein 7-X. Das Unternehmen beschäftigt rund 200 Menschen, hat seinen Sitz in München und Büros in Zürich und Oxford. Anfang Juli hatte es eine Finanzierungsrunde über 411 Millionen Euro gemeldet; insgesamt seien seit der Gründung mehr als 650 Millionen Euro zusammengekommen, darunter 95 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen. Der Demonstrator Alpha soll demnach auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks Gundremmingen im deutschen Bundesland Bayern entstehen und Anfang der 2030er-Jahre Nettoenergie liefern.

Diese Zeitangaben sind Unternehmensplanung. Ein Fusionskraftwerk, das Strom in ein Netz einspeist, existiert bislang nicht: Das deutsche Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt schreibt, bis dorthin sei es „noch ein langer Weg“, und spricht vom „Rennen um das erste Fusionskraftwerk“. Wie lange sich Großvorhaben im Energiebereich hinziehen können, hat sich zuletzt am Stromtrassenprojekt SuedLink gezeigt, das sechs Jahre später fertig wird als ursprünglich geplant.

Supraleiter-Band wird auch in Deutschland schon hergestellt

Proxima Fusion bezeichnet das Vorhaben als „Europas ersten groß-industriellen Produktionsstandort“ für fusionsgeeignetes HTS-Band und schreibt, das Material werde „bislang vor allem in Asien im großen industriellen Maßstab“ gefertigt. Der Zusatz „groß-industriell“ ist dabei wichtig: Eine Fertigung existiert in Deutschland bereits. Die THEVA Dünnschichttechnik GmbH im bayerischen Ismaning stellt nach eigenen Angaben seit 2015 Hochtemperatur-Supraleiter der zweiten Generation in Serie her; das 1996 gegründete Unternehmen hat rund 60 Beschäftigte.

Der Unterschied liegt also in der Größenordnung, nicht in der Existenz einer europäischen Fertigung. Für die Frage, ob Europa bei Fusionsmagneten abhängig bleibt, ist genau diese Größenordnung allerdings entscheidend: 60.000 Kilometer Band für zwei Anlagen sind eine andere Aufgabe als die Belieferung von Forschungsprojekten und Spezialkunden.

Der Bund hat sich auf über zwei Milliarden Euro festgelegt

Die niedersächsische Ankündigung fällt in einen Rahmen, den die deutsche Bundesregierung im Herbst 2025 gesetzt hat. Mit dem Aktionsplan Fusion, den das Bundesforschungsministerium am 1. Oktober 2025 veröffentlicht hat, will sie erreichen, dass „das weltweit erste Fusionskraftwerk in Deutschland“ entsteht. Bis 2029 sollen nach dem Text des Aktionsplans allein über zwei Milliarden Euro in die Fusionsforschung fließen; die Fördermittel im Programm „Fusion 2040“ und im angekündigten Energieforschungsprogramm sollen auf insgesamt bis zu 1,7 Milliarden Euro steigen. Zuständig ist Bundesforschungsministerin Dorothee Bär.

Errichten soll das Kraftwerk laut Aktionsplan ein industriegeführtes Konsortium. Der Aufbau von Wertschöpfungsketten ist dort ausdrücklich als Handlungsfeld genannt – und in genau dieses Feld fällt eine HTS-Band-Fertigung. Anders als bei der ebenfalls seit Monaten diskutierten strategischen Gasreserve geht es hier nicht um eine Umlage auf Verbrauchspreise, sondern um Fördermittel aus öffentlichen Haushalten. Für private Haushalte hat die Entscheidung damit vorerst keine unmittelbare Preiswirkung.

Was als Nächstes ansteht

Feste Termine nennt die Mitteilung nur zwei: den Abschluss der ersten beiden Projektphasen Ende 2029 und den Betrieb des Demonstrators Alpha Anfang der 2030er-Jahre. Alles davor – Standortwahl, Förderbescheid, Genehmigungen, privater Finanzierungsanteil, Technologiepartner – ist nach dem Wortlaut des Papiers noch zu klären. Ob und wann aus der Absichtserklärung ein privatrechtlicher Vertrag wird, den das Dokument ausdrücklich voraussetzt, ist offen.

Halten Sie öffentliche Fördermittel für eine Technologie, die frühestens in den 2030er-Jahren Strom liefern soll, für gut angelegt – oder sollte das Geld in bereits verfügbare Erzeugung und Netze fließen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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