Das Wichtigste in Kürze

  • Ein österreichisches Forschungsteam von SBA Research, der Universität Wien und der IT:U hat gezeigt, dass WhatsApp, Signal, iMessage und Threema in Gruppenchats keine „Transkript-Konsistenz“ garantieren – nicht alle Mitglieder sehen zwingend denselben Verlauf.
  • Ein bösartiges Gruppenmitglied kann einzelnen Teilnehmenden Nachrichten vorenthalten, umsortieren oder verfälscht anzeigen, ohne dass die App warnt. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wird dabei nicht gebrochen.
  • Die Arbeit wurde vom 12. bis 14. August 2026 auf dem 35. USENIX Security Symposium im US-amerikanischen Baltimore vorgestellt; seit dem 29. Juli liegt ein Vorabdruck vor. Proof-of-Concept-Programme und Videos sind öffentlich.

Verschlüsselte Messenger gelten als sicherer Ort für vertrauliche Absprachen – auch in Gruppen. Ein Forschungsteam aus Österreich hat nun vorgeführt, dass diese Sicherheit an einer Stelle weniger weit reicht, als viele annehmen: Wer in einer Gruppe schreibt, kann nicht sicher sein, dass alle anderen denselben Verlauf sehen. In einem Beitrag, der seit dieser Woche in der deutschsprachigen Fachöffentlichkeit breit diskutiert wird, zeigen die Fachleute, wie ein einzelnes Gruppenmitglied verschiedenen Teilnehmenden unterschiedliche Inhalte unterschieben kann – bei WhatsApp, Signal, iMessage und Threema.

Die Untersuchung mit dem Titel „Send and Pretend: Exploiting Transcript Consistency Issues in End-to-End Encrypted Group Chats“ stammt von Gabriel K. Gegenhuber (Interdisciplinary Transformation University Austria), Maximilian Günther (SBA Research) sowie Moritz Grefner, Matthäus Wininger, David Schmidt und Aljosha Judmayer (Universität Wien). Vorgestellt wurde sie auf dem 35. USENIX Security Symposium, einer der wichtigsten wissenschaftlichen Sicherheitskonferenzen. Ein Vorabdruck steht seit dem 29. Juli 2026 offen im Netz.

Worum es geht: dass alle dasselbe sehen

Der Kern der Arbeit ist eine Eigenschaft, die im Alltag niemand ausspricht, auf die sich aber alle verlassen: dass ein Gruppenchat für alle Beteiligten denselben Verlauf hat. In der Fachsprache heißt das Transkript-Konsistenz. Nach Darstellung der Forschenden garantiert keiner der großen Ende-zu-Ende-verschlüsselten Messenger diese Konsistenz für Gruppen. Ein bösartiges Mitglied könne Inhalte gezielt weglassen, umsortieren oder verändert darstellen – und zwar für einzelne Empfänger unterschiedlich, ohne dass in der Benutzeroberfläche ein Warnhinweis erscheint.

Was ist Transkript-Konsistenz?

Gemeint ist die Zusicherung, dass alle Mitglieder eines Gruppenchats denselben Nachrichtenverlauf in derselben Reihenfolge sehen. Fehlt sie, kann ein Mensch A eine Nachricht sehen, die Mensch B nie erhält – oder eine andere Version davon –, ohne dass beide den Unterschied bemerken. Die Verschlüsselung schützt den Transport der einzelnen Nachricht; über die Einheitlichkeit des gesamten Verlaufs sagt sie nichts.

Wie der Angriff funktioniert – und was er voraussetzt

Wichtig für die Einordnung: Die Schwäche sitzt nicht in der Verschlüsselung selbst. Die Forschenden brechen keine Kryptografie, sondern nutzen aus, wie Gruppen-Nachrichten verteilt und dargestellt werden. Sie beschreiben mehrere Wege, über die sich einzelnen Teilnehmenden ein abweichender Verlauf zeigen lässt – von Rückfallpfaden im Protokoll bis zum bewussten Einsatz der Eins-zu-eins-Kanäle, die innerhalb einer Gruppe ohnehin bestehen.

Der Angriff bleibt allerdings an klare Bedingungen geknüpft. Aus der Projektdokumentation der Forschenden ergeben sich vor allem diese:

  • Die angreifende Person nimmt als reguläres Mitglied an der Gruppe teil – sie muss weder den Server noch die Verschlüsselung kompromittieren.
  • Sie benutzt einen veränderten Client auf einem eigenen Gerät oder in einer Umgebung mit verknüpften Geräten.
  • In der Gruppe sind mindestens zwei gutgläubige Teilnehmende mit den offiziellen Apps – ihnen wird der abweichende Verlauf gezeigt.
  • Getestet wurde nach Angaben des Teams mit eigens angelegten Testkonten, nicht mit fremden privaten Zugängen.

Das grenzt die Gefahr ein: Ein Außenstehender kann so nicht mitlesen oder mitschreiben. Wer aber selbst in einer Gruppe sitzt – ein Kollege, ein Verhandlungspartner, ein Mitglied eines Vereins- oder Fraktionschats –, kann den anderen ein verzerrtes Bild des Gesprächs geben. Genau darin liegt der Unterschied zum klassischen Bild vom „Hacker von außen“.

Der greifbarste Fall: manipulierte Umfragen

Am deutlichsten wird das Problem bei den Umfragen, die inzwischen alle vier Dienste anbieten. Zuerst führten Threema und WhatsApp die Funktion ein, zuletzt auch Signal und iMessage. Eine Umfrage in einer Gruppe setzt stillschweigend voraus, dass alle dieselbe Frage, dieselben Optionen und dasselbe Ergebnis sehen. Genau das ist nach der Untersuchung nicht garantiert: Ein manipulierender Client kann einzelnen Mitgliedern eine andere Frage, andere Antwortmöglichkeiten oder ein anderes Zwischenergebnis anzeigen.

Die Folge ist ein Abstimmungsergebnis, das je nach Blickwinkel unterschiedlich ausfällt, ohne dass jemand die Diskrepanz bemerkt. Neben der Umfrage-Manipulation nennen die Forschenden weitere Anwendungsfälle: das gezielte Social Engineering, wie es NETZ-TRENDS zuletzt bei gefälschten Support-Chats beschrieben hat, sowie das Umgehen von Moderation und das Fälschen zitierter Nachrichten. Am Rande stießen sie zudem auf Verhaltensweisen mit Bezug zum Datenschutz, etwa die Möglichkeit, das Betriebssystem eines Geräts zu erkennen.

Warum das gerade jetzt zählt

Dass ausgerechnet Gruppenchats an dieser Stelle Schwächen zeigen, ist kein Randthema. Verschlüsselte Messenger werden längst für sensible Absprachen genutzt – nach Darstellung der Autoren bis hinein in Gruppen politischer Entscheidungsträger. Wo Menschen einer App vertrauen, dass ein Beschluss oder eine Abstimmung für alle gleich dokumentiert ist, wiegt eine unbemerkte Abweichung schwerer als bei einem privaten Plausch.

Die Fragestellung ist nicht ganz neu: Die Arbeit ordnet sich nach eigener Darstellung in frühere Forschung zur Transkript-Konsistenz von Gruppenchats ein. Neu sind die konkreten, vorführbaren Angriffe gegen die aktuellen Versionen der vier Dienste – samt der Umfrage-Funktion, die es bei den älteren Untersuchungen noch nicht gab. Die Sicherheitslage von Messengern ist ohnehin ein Dauerthema; erst am Wochenende hatte Apple 29 Schwachstellen in iOS 26.6.1 geschlossen.

Was Nutzende jetzt wissen sollten

Für den Alltag ist die wichtigste Einordnung zugleich die beruhigendste – und die unbequemste. Beruhigend: Die Inhalte bleiben vor Außenstehenden verschlüsselt, ein Fremder liest nicht mit. Unbequem: Die Integrität eines Gruppengesprächs hängt auch davon ab, dass sich alle Mitglieder korrekt verhalten. Ein Screenshot, den ein einzelnes Mitglied teilt, ist damit kein sicherer Beleg dafür, was in der Gruppe „wirklich“ stand.

Einordnung: Was der Befund bedeutet – und was nicht

Der Befund ist keine geknackte Verschlüsselung und kein Grund, einen Messenger fluchtartig zu wechseln. Er betrifft ein anderes Schutzversprechen: dass ein Gruppenverlauf für alle gleich ist. Dieses Versprechen halten die geprüften Apps nach der Untersuchung nicht zuverlässig ein.

Die Forschenden schlagen nach eigenen Angaben ressourcenschonende Gegenmaßnahmen und sichtbare Warnsignale in der Benutzeroberfläche vor, die sich in bestehende Gruppenprotokolle einbauen ließen. Ob und wann die Anbieter WhatsApp/Meta, Signal, Apple und Threema reagieren, war am Abend des 18. August für NETZ-TRENDS nicht durch eine belegbare öffentliche Stellungnahme geklärt.

Wie es weitergeht

Der belegbare nächste Schritt liegt bei den Herstellern: Die Arbeit benennt nicht nur die Probleme, sondern skizziert auch Lösungen, die ohne großen Zusatzaufwand in die Protokolle passen sollen. Zur Nachprüfung haben die Forschenden Programmcode und Demonstrationsvideos auf einer öffentlichen Projektseite hinterlegt; der Vorabdruck ist frei verfügbar. Ob die vier Anbieter die vorgeschlagenen Warnsignale übernehmen, wird sich an ihren kommenden App-Versionen ablesen lassen. Threema als schweizerischer Dienst und die drei US-amerikanischen Angebote WhatsApp, Signal und iMessage werden im gesamten deutschsprachigen Raum genutzt – Reaktionen hätten damit unmittelbar Wirkung für Millionen Gruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Wie gehen Sie mit Umfragen und wichtigen Absprachen in Messenger-Gruppen um – reicht Ihnen die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung als Sicherheitsversprechen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.

Quellen

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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