Kommentar - Auch Google hat Schuld an Thomas Cook Pleite

Kommentar - Neben TUI ist Thomas Cook der größte Reisekonzern der Welt. Nun meldete das mit seiner Zentrale in London ansässige Unternehmen, die Thomas Cook Group plc, Insolvenz an. Betroffen sind aber auch Hunderte Mitarbeiter in der zwar etwas in die Jahre gekommenen, aber immer noch sehr schicken Zentrale in Oberursel bei Frankfurt.

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Die Thomas Cook Zentrale in London meldete Insolvenz an.

Dabei hatte der börsennotierte Konzern Thomas Cook mit 21.263 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 10,9 Milliarden Euro sich bis zu Letzt am Strohhalm festgehalten, wonach ein möglicher Hilfskredit aus China in Höhe von einer Milliarde Euro vielleicht Rettung in letzter Not bringen könnte.

Davon hatten zumindest CEO Peter Fankhauser und seine deutsche Tochtergesellschaft Thomas Cook Touristik GmbH (Geschäftsführer: Stefanie Berk Vors., Dr. Carsten Seeliger und Steffen Patzak) geträumt.

Angeblich würden derzeit rund 600.000 Thomas Cook Kunden weltweit zittern, wie sie nun nach Hause kämen. Und angeblich würde die britische Regierung einen Rettungsplan ausarbeiten, heißt es schon seit Tagen. In Hotels, unter anderem in Tunesien, soll es aber schon zu unschönen Szenen gekommen sein.

In einem tunesischen Hotel hätten Securities mit Waffen im Anschlag Hotelgäste festgehalten und gezwungen, ihre Hotelkosten persönlich vor Ort noch einmal zu begleichen. Grund: Aus Angst, dass nach der Insolvenz der Insolvenzverwalter das Geld wieder zurückholt, was im Falle von Insolvenzen das Kerngeschäft vieler Insolvenzverwalter ist.

Doch jeder, der das Reisegeschäft kennt, weiß: Großbritannien ist derzeit mit seinem Brexit beschäftigt und nicht gerade dafür bekannt solche Krisen in dieser Dimension, wie sie sich nun bei Thomas Cook abzeichnet, planmäßig und schnell über die Bühne bringen zu können. Heißt: König Chaos ist erst einmal auch für die Reisenden angesagt.

Nun könnte man sagen, die Krise bei Thomas Cook sei hausgemacht. Doch das ist zu flach und trifft es nur bedingt.

Analysiert man die Krise bei Thomas Cook, stößt man auf einen ganzen Haufen voller Probleme. Einige davon sind hausgemacht. Andere Probleme strömen von außen an die gute alte Tante Thomas Cook heran.

Ein Mitarbeiter von Thomas Cook, eine Führungskraft, sagte einmal auf einer Veranstaltung im kleinen Kreise

„Die Frauenquote wird bei Thomas Cook, wie bei vielen Konzernen, mittlerweile intern höher gehalten, als die technologische Marktführerschaft.“ Hauptsache, man könne „sich mit einer guten Frauenquote öffentlich in Szene setzen und in Börsenpapieren“. Ob das so ist, oder nicht, wissen wir nicht.

Fakt ist aber: Das Reisegeschäft war schon immer stark weiblich geprägt. Dem steht aber ein veränderter Markt gegenüber, der digital und massiv technisch geprägt ist. Und bei Softwareentwicklern sind nach wie vor Männer führend, da Frauen scheinbar immer noch nur bedingt sich für IT-Entwicklung interessieren.

Wer in Google Keywords eingibt, wie „günstige Reise Türkei“ oder „günstiger Flug New York“ stießt fast immer sowohl bei den Google Adwords, also den Google Anzeigen, als auch den redaktionell eingeblendeten Treffern in Google auf Konkurrenten oder Vertriebspartner von Thomas Cook. Nicht aber auf Thomas Cook selber:

Man stieß auf TripAdvisor, ab-in-den-urlaub.de, booking.com, Holidaycheck oder Reisegeier.

Das ist ein Teil der Probleme bei Thomas Cook: Mangelnde technische Marktführerschaft. Dafür aber war man groß dabei, Unister 2012/2013 zu kündigen, da man sagte:

Mit einem von einer Steuerrazzia betroffenen Unternehmen wie Unister könne man angeblich nicht mehr zusammenarbeiten. Dabei soll das Leipziger Unternehmen Unister Thomas Cook, sagt ein Insider, Reisen im Wert von über hundert Millionen Euro im Jahr vermittelt haben.

In Wirklichkeit sei es Thomas Cook auch weniger ums Image gegangen, als um die Weigerung eine von Unister-Gründer Thomas Wagner geforderte Provision pro verkaufter Reise in Höhe von rund 15% zu bezahlen. „Thomas Cook wollte unter 10%“, behauptet der Insider.

Als dann Thomas Wagner 2016 mit 38 Jahren bei einem dubiosen Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben kam, standen die Unister-Marken wie ab-in-den-urlaub.de, fluege.de, reisen.de, travel24.com AG und viele andere – gut 60 Stück – zum Verkauf. Zu Dumpingpreisen.

Doch die Reisebranche rund um Thomas Cook und TUI hatte sich stillschweigend scheinbar darauf geeinigt, den Online-Reiseriesen lieber ausbluten zu lassen, als ihn zu übernehmen.

Und das, obwohl Unister nur über das Internet Reisen im Wert von über 2 Milliarden Euro in der Branche vermittelt. Den Zuschlag bekamen schließlich für relativ niedrige rund 80 Millionen Euro die Tschechen und Chinesen rund um die INVIA.com Group.

Dabei kaufte man sich bei Unister auch haufenweise Technologie und Könner ein, um im Internet Geschäfte machen zu können. Technologien, die Thomas Cook oder TUI sehr gut hätten gebrauchen können – aber hochmütig ablehnten.

Thomas Cook war immer stolz darauf, möglichst in jeder Fußgängerzone dieser Welt, von Indien über Paris bis in deutsche Kleinstädte Reisefilialen zu haben. Das Logo sollte allgegenwärtig sein und ein gutes Gefühl verleihen, die Welt wäre stehengeblieben und die alten Marken unverwüstlich.

Noch ist nicht klar, ob auch die Thomas Cook Tochtergesellschaften Thomas Cook GmbH, Thomas Cook Touristik GmbH und Bucher Reisen & Öger Tours GmbH Insolvenz anmelden müssen. Doch die Chancen stehen hoch, dass dies nun wie im Dominoeffekt passiert.

Die Frage steht zudem im Raum: Wer wird dann zum Insolvenzverwalter berufen und darf sich wieder die Taschen mit Millionen Honoraren vollstecken?

Denn im Gegensatz zur Schweiz, wo der Insolvenzverwalter einfach nur ein staatlich angestellter Mitarbeiter im örtlichen Finanzamt ist, sieht das in Deutschland ganz anders aus:

Hier kommt der Insolvenzverwalter gerne mal mit über 100 Mitarbeitern in den insolvent gegangenen Konzern, besetzt sofort massenhaft Führungspositionen, entlässt alte Manager und Mitarbeiter und stellt unter anderem erstmal Rechnungen – an den insolventen Konzern.

Im Falle von Air Berlin sollen es mindestens 22 Millionen Euro Honorare für den Insolvenzverwalter Lucas Flöther und sein 150 köpfiges Team gewesen sein – nur in den ersten Monaten der Insolvenzverwaltung. Diese Summe hatte das Amtsgericht Charlottenburg durchgewunken, ganz nach dem Motto: Hauptsache das Thema ist von den Füßen.

Auch bei Unister sei das Insolvenzverwalter-Honorar angeblich vom Air Berlin Konkurs nicht sehr weit entfernt gewesen sein, wird in der Branche hinter vorgehaltener Hand gemunkelt. Immerhin: Unister gibt es heute noch und wurde größtenteils auf Grund guter Schachzüge durch den Insolvenzverwalter und die Gläubiger erhalten – wenn auch unter neuer Eigentümerstruktur.

An der Thomas Cook Pleite schuld ist auch Google. In Deutschland namentlich die Google Germany GmbH in Hamburg und München. Denn Google blendet immer aggressiver, neuerdings sogar als Haupt-Kategorie in der Google-Dienstleistungsübersicht, den Verkauf von Flügen an, „Google Flights“, beziehungsweise „Google Flüge“.

Was vor Jahren startete, zieht Google immer weiter global und rücksichtslos unter Ausnutzung seines Internet-Monopols als eigenes Geschäftsgeld auf zum Schaden des Wettbewerbs: Den Verkauf von Flügen und Hotels.

Die Milliarden Provisionen dafür möchte scheinbar Google einsacken und möglichst weitgehend steuerfrei in die USA über seine Dubliner Europa-Zentrale umbuchen.

Alleine Unister soll zwischen 2002 und 2016 über 1,5 Milliarden Euro an Google für in Google geschaltete Reisewerbung (Google Adwords) überwiesen haben. Damit machte Google auch Unister groß.

Doch gleichzeitig zerstört Google jetzt seine einstigen Werbepartner durch vorsätzlich in die Bahn geschickte eigene Google-Konkurrenz. Obendrein treibt damit Google die Werbepreise für in Google geschaltete Reiseanzeigen weiter nach oben. Doch ohne Google-Werbung kein Umsatz für die Reiseanbieter im Netz. Eine wirtschaftliche und wettbewerbliche Falle.

Mittlerweile heißt es auch vom neuen fluege.de-Eigner, von INVIA, man stelle fluege.de zum Verkauf.

Wie es scheint, frisst das System Google und die Tendenz, dass Reisen immer stärker über das Internet verkauft werden, zunehmend seine Kinder.

Thomas Cook ist nun ein weiteres betroffenen Unternehmen - neben namenlosen Tausenden anderer Reiseunternehmen, die in den vergangenen Jahren in die Insolvenz geschliddert sind und über die niemand geschrieben hat.

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