Analyse: Verpulvert Microsoft für LinkedIn 26 Mrd. Dollar?

Der US-Softwarekonzern Microsoft gab kürzlich bekannt, dass er für das soziale amerikanische Business-Netzwerk LinkedIn 26 Milliarden US-Dollar auf den Tisch lege, also 23,3 Mrd. Euro.

Die Kaufsumme liegt damit höher, als ein Jahresgewinn von Microsoft. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ fragte deshalb in ihrer Ausgabe von 16. Juni bereits besorgt: „Versenkt dieser Mann 26 Milliarden Dollar?“ Gemeint ist der indisch-stämmige Microsoft-Chef Satya Nadella. Und tatsächlich: Wer sich jemals in Xing oder LinkedIn angemeldet hat, weiß:

Die Portale Xing oder LinkedIn eigenen sich nicht für den täglichen sozialen Austausch. Viele der Nutzer melden sich nur alle paar Wochen an, nicht wenige sogar nur alle paar Monate. Die Internet-Community fragt sich deshalb: Was bitteschön soll an LinkedIn 26 Milliarden US-Dollar wert sein? Selbst Microsoft hat darauf bislang keine befriedigende Antwort gegeben. Von einem „Befreiungsschlag“ zu sprechen, wie es die Stuttgarter Zeitung tat, ist sicherlich voreilig und eher nicht zutreffend.

Dass Microsoft ein Problem mit dem Internet hat, ist bekannt. Der einstige übermächtige Lieferant des Internet Explorer ist heute bei den Web-Browsern nur noch ein Schatten seiner selbst. Von einem einstmals fast 100-prozentigen Markanteil bei den Browsern ist Microsoft heute Lichtjahre entfernt. Es hat nur 10 Jahre gedauert. Vor allem der standardmäßig von Google auf seiner Suchmaschine den Nutzern aufdrängte Google Chrome-Browser hat Microsoft seit 2008 kräftig das Wasser abgegraben.

Doch auch das: Google Chrome begeisterte die Community, da er zunächst schneller war, als alle anderen bis dahin gekannten Browser. Je besser und schneller ein Web-Browser die Seiten lädt, desto besser für jede Webseite, für jedes E-Commerce-Business. Denn time ist money – gerade im Netz trifft das mehr denn je zu. Das scheint man bei Microsoft viel zu lange ignoriert zu haben. Ähnlich wie der Mozilla Firefox Browser waren von Microsofts Internet Explorer immer mehr immer stärker angenervt.

Auch im Bereich der Smartphones dümpelt Microsoft nur mühevoll der Szene hinterher. Zwar gibt es das Windows-Phone – und es ist durchaus sehr gut – doch richtig geil finden es viele nicht. Woran liegt das?

Zu vorderst: Microsoft hat ein Imageproblem. Der Koloss von Bill Gates wirkt nicht mehr hipp. Auch das revolutionäre, für das die Welt Microsoft über Jahre bewunderte, verliert immer mehr an Reiz. Microsoft ist heute wie IBM: Ein Koloss, der zwar noch über erkleckliche Marktanteile im PC-Markt mit Windows verfügt, aber der sicher nicht mehr hipp und auch nicht die Speerspitze der Innovation ist. Wie IBM klemmte sich Microsoft Dank seiner gigantischen Größe und behäbigen Konzernstruktur die Frischluftzufuhr ab.

Größe muss nicht ewig halten

Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es bei Microsoft immer noch mit einem der größten und reichsten Unternehmen der Welt zu tun haben. Aber auch der Rockefeller-Clan zeigt: Von dem vor 100 Jahren noch auf gut 200 Milliarden US-Dollar geschätzten Vermögen sind heute gerade noch 2 bis maximal 11 Milliarden übrig, was auch die außerordentliche Unfähigkeit der Rockefeller-Nachfahren belegt. Größe muss nicht ewig anhalten.

Mehr denn je gilt das alte Thurn- und Taxis´sche Sprichwort: Ein großes Vermögen kann man nicht verhuren, man kann es nicht versaufen, man kann es höchstens verdummen. Deshalb fragen wir uns: Verdummt oder perpennt Microsoft die Zukunft?

Die enge Verzahnung von Windows 10 mit der Dauer-Spionage-Tante Cortana und dem Internet Explorer mag für Microsoft Marktanteile im Netz zurückgewinnen. Doch kann auch damit die Übermacht von Google, Facebook oder Amazon im Internet nicht einmal ansatzweise bislang angekratzt werden.

Der Kauf von LinkedIn soll also den Befreiungsschlag bringen, meinen einige bei Microsoft. Schauen wir uns das Tool näher an: Ok, es gibt die Funktion, wonach man weltweit mögliche interessante Geschäfts- oder Sozialpartner vorgeschlagen bekommt. Das ist gut. Haken dran. Dann kann man, wie auf Facebook oder Xing, bei LinkedIn Artikel posten und mit der Community teilen. Auch Haken dran. Dann kann man noch Nachrichten an Geschäftspartner, Ex-Kollegen oder sonstige Leute schreiben. Das ist gut und sinnvoll. Doch bringt es Geld?

Wie Xing dürfte auch LinkedIn künftig versuchen, sein Business- und Kontaktnetzwerk stärker zu monetarisieren. Xing nervt mittlerweile damit, wonach man nur noch eine bestimmte Anzahl an möglichen neuen Kontakten anschauen darf oder diesen schreiben darf, sofern man kein zahlendes Mitglied ist. Das Resultat:

Mag sein, dass einige einknicken und dann halt zahlen. Aber es gibt auch genug, die sagen: Ich habe keinen Bock, für Profile-Anschauen oder Messages schreiben, zu zahlen. Das werden dann die berühmten Karteileichen oder Spaziergänger, die alle Jubeljahre mal kurz ihr Profil checken. Ähnlich ist das auch bei LinkedIn.

Milliarden-Umsatz, aber Verlust. Doch darum geht es sowieso nicht...

Nur mit dem Unterschied: Mit angeblich bis zu 440 Millionen angemeldeten Profilen ist LinkedIn weltweit deutlich größer als Xing. Größe alleine macht aber noch kein Business. Wobei erinnert sei: Facebook bezahlte für einstmals 400 Millionen Whatsapp-Nutzer 19 Milliarden US-Dollar, was weltweit für ungläubiges Staunen gesorgt hatte. Der Unterschied war aber auch der: Es wurde umfangreich mit Aktientausch bezahlt.

Die Zeit schreibt, wonach LinkedIn zwar 2015 insgesamt 3 Milliarden US-Dollar umgesetzt habe, aber dennoch 166 Millionen Dollar Verlust eingefahren habe.

Dass Microsoft irgendwas tun musste, um im Netz weiter zu wachsen, war klar. Auch besteht bei Microsoft, wie bei Facebook, Amazon oder Google (beziehungsweise Alphabet) ein Investitionsstau.

Alle diese Superkonzerne haben eine weitere Größe gemeinsam: Sie verdienen in der EU das fette Geld und zwar mehr als in den USA selber. Dennoch bezahlen sie nach Schätzungen im Schnitt jährlich nur rund 3% Steuern hierzulande. Das gesparte Geld wird aufgehoben, um den Wirtschaftskrieg gegen Europa, die Welt, weiter führen zu können und die Monopole weiter ausbauen zu können, Konkurrenten platt zu machen.

Nach Angaben der Die Zeit sitzen alleine Apple, Facebook, Google und Microsoft auf 400 Milliarden US-Dollar Cash, Barreserven. Da US-Konzerne traditionell ihr Geld zwar sehr gerne in der EU erwirtschaften, aber hierzulande nur ein paar Penny jährlich investieren, war klar:

Der nächste Große Deal würde mal wieder der US-Wirtschaft und US-Projekten zu Gute kommen. Im aktuellen Fall war dieses eben LinkedIn, jenes Business-Portal welches 2003 von einem Deutsch-Amerikaner mit gegründet worden ist.

Die USA bauen ihre Monopolstellung im Internet weiter aus, die EU schläft schön weiter

Ob sich die von Microsoft für LinkedIn hingeblätterten 26 Milliarden US-Dollar wirtschaftlich jemals rechnen oder nicht, ist nicht im Zentrum der Analyse von Konzernen, die auf so viel Geld sitzen, wie Microsoft, Google oder Facebook. Korinthenkackerei ist nach wie vor den deutschen Family Offices und Großkonzernen bei ihren dünnen Investments in der Digital-Branche vorbehalten, indem sie deutsche Internet-Genies (die sowieso rar genug sind), mit Businessplänen, die angeblich bilanzielle Überschuldungen aufweisen würden, trietzen (ein Spezialgebiet in der Berichterstattung des "Manager Magazin" oder "Handelsblatt"), bis diese sowieso keine Lust mehr auf eine Zusammenarbeit mit der Old Economy in Deutschland haben.

Hinzu kommen Teile der deutschen Justiz, insbesondere die sächsische, die ein Internet-Unternehmen nach dem anderen mit Razzien und U-Haft für Gründer und Geschäftsführer platt machen oder auf Jahre massiv beschädigen (Artikel-Verweis: Anwalt Peter Manthey zur Lovoo Razzia: "Sachsen ist kein guter Standort für Unternehmen").

Derweil werden die USA weiterhin schön ihre weltweite Vormachtstellung ausbauen. Deutschland hängt so oder so im Internet und der Digitalwirtschaft komplett an der US-Wirtschaft. Wenn die US-Konzerne möchten, könnten sie schon heute geschätzt über 80% der deutschen Internetportale wirtschaftlich kaputt machen. Ob Preisvergleichsportale oder Reiseportale, ob Online-Shops oder Nachrichten-Seiten – sie alle leben nur so lange, als Google & Co es wollen und erlauben (sofern die EU-Kommission nicht doch noch einmal dazwischen geht).

Insofern: Wie schön, dass nun auch LinkedIn in der Familie bleibt. In der US-Familie. Deutsche Digital-Konzerne hätten sowieso keine 26 Milliarden Dollar gehabt, um alle anderen Mitbewerber um LinkedIn aus dem Feld zu schlagen.