Andy Jassy sieht die Puffer erschöpft. Was Händler und Verbraucher 2026 erwartet – und warum Ökonomen die Warnung ernst nehmen.
Das Jahr 2025 verlief für viele Verbraucher überraschend glimpflich. Trotz der aggressiven Zollpolitik der Trump-Administration blieben die befürchteten massiven Preissteigerungen weitgehend aus. Wer auf drastisch teurere Elektronik, Kleidung oder Haushaltsgeräte wartete, wurde oft enttäuscht – im positiven Sinne. Doch Amazon-Chef Andy Jassy hat nun eine Warnung ausgesprochen, die Ökonomen aufhorchen lässt: Das Puffersystem, das Preise bislang stabil gehalten hat, ist aufgebraucht.
Jassy äußerte sich im Januar 2026 am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos in einem Interview mit dem US-Sender CNBC. Seine Aussagen markierten eine deutliche Kehrtwende gegenüber früheren Einschätzungen: Im Sommer 2025 hatte er noch erklärt, der Einfluss der Zölle auf Verbraucherpreise sei „falsch dargestellt" worden. Nun sagte er: „Man sieht, wie sich einige der Zölle in einige der Preise einschleichen." Manche Händler gäben die höheren Kosten direkt an Kunden weiter, andere versuchten sie zu absorbieren, um die Nachfrage zu halten – und viele täten beides ein bisschen.
Auf die Frage, welche Gegenstrategien noch zur Verfügung stünden, gab Jassy eine ernüchternde Antwort: „Der Einzelhandel arbeitet mit einstelligen Margen. Wenn die Kosten um zehn Prozent steigen, gibt es nicht viele Möglichkeiten, das aufzufangen. Endlose Optionen hat man nicht."
Um Jassys Warnung einzuordnen, lohnt ein Blick zurück. Die US-Regierung unter Präsident Trump hatte im vergangenen Jahr laut über Zölle gesprochen – und tatsächlich deutlich weniger geliefert als angekündigt. Zahlreiche Ausnahmen, Übergangsfristen und Rücknahmen sorgten dafür, dass die realen Belastungen für Importeure weit unter den ursprünglich kommunizierten Sätzen lagen. Harvard-Ökonomin Gita Gopinath brachte es gegenüber der New York Times auf den Punkt: Die tatsächlichen Zölle seien deutlich niedriger als angekündigt – weshalb die Auswirkungen hinter den Erwartungen zurückgeblieben seien.
Das deckt sich mit einem Dezember 2025 veröffentlichten Forschungspapier, das Gopinath gemeinsam mit dem Ökonomen Brent Neiman (Universität Chicago) vorlegte. Darin zeigen die Autoren: Die tatsächlich erhobenen Zollsätze lagen im Schnitt nur bei etwa der Hälfte der angekündigten Sätze. Gleichzeitig – und das ist die beunruhigende Kehrseite – werden Zollkosten nahezu vollständig auf US-Importpreise übertragen. Die Last tragen also nicht ausländische Exporteure, sondern amerikanische Unternehmen und Verbraucher.
Ein zweiter dämpfender Faktor war strategisches Vorratskaufen. Das Budget Lab der Yale University hat dieses Verhalten dokumentiert: Unternehmen und Konsumenten orderten frühzeitig große Mengen importierter Waren, bevor die Zölle in Kraft traten. Das drückte die Importmengen höher besteuerter Güter kurzfristig und dämpfte den Preisdruck spürbar.
Jassy selbst hatte diesen Ansatz im Frühjahr 2025 aktiv gefördert: Er ermutigte Händler auf der Amazon-Plattform, Lagerbestände aufzubauen, und kündigte an, Amazon werde das Gleiche tun. Die Strategie funktionierte – für eine begrenzte Zeit.
Genau hier setzt Jassys Warnung an. Laut dem Amazon-CEO waren die vorgekauften Bestände bereits im Herbst 2025 weitgehend aufgebraucht. Was seitdem importiert wird, kommt zu den tatsächlich geltenden Zollsätzen ins Land – und diese Kosten landen nun im Regal.
Für Händler ist die Situation besonders schwierig. Wer neu ordern muss, zahlt die vollen Zölle – ohne Puffer, ohne Spielraum. Amazons eigene Zahlen illustrieren das Dilemma: Einzelne Händler auf der Plattform berichteten, nach Preiserhöhungen von Amazon abgestraft worden zu sein – ihre „In den Warenkorb"-Buttons wurden deaktiviert, was den Umsatz drastisch einbrechen ließ. Der Konzern versucht, Preiserhöhungen zu bremsen, doch die strukturellen Grenzen sind klar.
Hinzu kommt ein wenig beachtetes Detail der bisherigen Zollpolitik: Bislang haben die US-Zölle rund 200 Milliarden Dollar in die Staatskasse gespült. Doch eine aktuelle Studie zeigt, dass amerikanische Verbraucher und Unternehmen 96 Prozent dieser Kosten tragen – nicht die ausländischen Exporteure, wie die Trump-Administration behauptet.
Auch andere Großhändler ziehen mittlerweile die gleichen Schlüsse wie Jassy. Walmart, Target und Home Depot haben öffentlich vor höheren Preisen durch Zölle gewarnt. Und laut dem jüngsten Beige Book der US-Notenbank Federal Reserve planen viele befragte Unternehmen für 2026 deutlich größere Preiserhöhungen als im Vorjahr.
Andy Jassy ist nicht irgendein Kommentator. Amazon ist eines der größten Handelsunternehmen der Welt, mit tiefer Einbindung in globale Lieferketten und direktem Preisüberblick über Millionen von Produktkategorien. Wenn der CEO dieses Unternehmens öffentlich einräumt, dass die Zollkosten jetzt bei den Verbrauchern ankommen, ist das keine abstrakte Prognose – sondern eine operative Bestandsaufnahme aus dem Zentrum des globalen Onlinehandels.
Ökonomen teilen die Sorge. Die Frage ist nicht mehr, ob die Zollkosten bei den Verbrauchern ankommen – sondern wie schnell und wie stark. Für Haushalte, die auf günstigere Zeiten gehofft hatten, dürfte 2026 eine ernüchternde Antwort bereithalten.
Quellen (verifiziert):
Andy Jassy, CNBC-Interview, Weltwirtschaftsforum Davos, 20./21. Januar 2026. Gita Gopinath, Harvard University, zitiert in der New York Times. Gopinath, G. & Neiman, B.: „The Incidence of Tariffs: Rates and Reality", Dezember 2025 (Harvard / University of Chicago) – SSRN. Budget Lab, Yale University, Analyse zu Vorratskäufen und Zollvermeidung. Fortune, TechCrunch, CNBC, CNN, Axios (Berichterstattung Davos 2026). Federal Reserve Beige Book, aktuelle Ausgabe und fastcompany.com.
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