IT: Deutsche Post: "Am Telefon müssen wir unsere Zungen überwachen"

Aufgespießt - Letzthin war ich bei einer guten Freundin. Sie ist mittlerweile 70. Auf ihrem Telefonschränkchen fand ich ein altes gelbes Adressbuch.

BILD: NZ
Ein Notizbuch von der Deutschen Bundespost, Vorgänger der Deutschen Post AG, aus der Zeit vor 1978 warnte die Kunden: Am Telefon nicht über alles sprechen.

Auf dem in die Jahre gekommenen Adressbuch prangte das weit bekannte gelbe Horn der Deutschen Post, die bis 1995 Deutsche Bundespost in West-Deutschland hieß, worauf mich ein Leser dieses Textes nach Veröffentlichung aufmerksam machte (Danke!). Wie alt das Büchlein sein könnte, wusste meine ältere Freundin nicht mehr so genau. "Aber 30 Jahre könnten es schon sein", meinte sie. Sie habe das Ringbüchlein mit dem gelben Posthorn wahrscheinlich 1985 gekauft. Sie habe damals die Telefonnummern für ihre Mutter in dem Büchlein in größerer Schrift hinterlegt, da diese nicht mehr so gut gesehen habe. Ich öffnete das gelbe Telefonbuch. Nach Publizieren dieses Artikels erreichte uns allerdings am 29. Juli das folgende interessante Statement (Kommentar am Text-Ende) eines netz-trends-Lesers: "Das Buch muss noch älter sein, wie man am (etwas abgegriffenen) Logo erkennen kann. Das Posthorn war in dieser Form nur bis 1978 in Verwendung. Es war dann übrigens auch nicht, wie im Text mehrfach behauptet, die Deutsche Post AG (DPAG) der Herausgeber des Buches, sondern die Deutsche Bundespost, da es die DPAG erst seit 1995 gibt."

Jedenfalls finden sich in dem Buch - das folglich also von der Deutschen Bundespost stammen muss - handschriftlichen Notizen, wie es Millionen Haushalte in Deutschland seit über 100 Jahren machen. Darunter waren Dutzende Telefonnummer von Freunden, der Familie, Apotheke, dem Hausarzt. Ich drehte das gelbe Telefonbuch herum. Auf der Rückseite stand - und zwar von der Deutschen Bundespost damals gedruckt - folgender spannender Satz:

"In der Einsamkeit müssen wir unsere Gedanken überwachen. In der Öffentlichkeit unsere Launen. Und am Telefon unsere Zungen!"

Das faszinierende an dieser Aussage der Deutschen Bundespost ist, dass sie schon so alt ist. Gleichzeitig zeigt dieser von der Post gedruckte Spruch, dass wir uns selbst in einer falschen Sicherheit gewogen haben, als wir dachten, die deutschen Datenschutzgesetze und jene der Europäischen Union (EU) würden uns schon irgendwie schützen.

Dass Schutz brüchig ist, Privatheit auch, wissen wir spätestens, seitdem klar ist, in welch kriminellem Ausmaß die amerikanische Stasi-Behörde NSA ("National Security Agency") gemeinsam mit dem britischen Pendant, der GCHQ (Government Communications Headquarters), Hunderte Millionen Bürger auch in westlichen Ländern - wahrscheinlich sogar gerade da - frech, dreist, illegal Tag für Tag hacken: Die Festnetz-Telefone, die Handys und Smartphones, die Tablets und dort vor allem die Kameras und Mikrofone.

Diese Erkenntnis verdanken wir dem tapferen Amerikaner Edward Snowden. Ihm bot Russland Schutz vor dem Zugriff der US-Häscher. Die feige Europäische Union (EU) duckte sich weg, auch Deutschland. Denn die USA hatten sich in ihrem umstrittenen kriminellen Tun von Snowden verraten gefühlt und man wollte nicht weiteres Öl ins Feuer der schwierigen Beziehungen zu den USA gießen, sagten die EU, die deutsche Bundesregierung. Immerhin verwies die Berliner Regierung den CIA-Statthalter außer Landes.

Snowden, so die US-Regierung empört, hätte elementare amerikanische Sicherheitsinteressen verraten. Außerdem habe er zu einer nachhaltigen Beschädigung wichtiger transatlantischer Beziehungen beigetragen. Beides mag zutreffen, doch Snowden sagt: Riesige Verbrechen, wie jene der NSA, müssten der Öffentlichkeit mitgeteilt werden. Dass er damit Recht hat, zeigt sich daran, dass sogar selbst in den USA auf Grund der Snowden-Veröffentlichungen mittlerweile Gesetzte geändert wurden, in der EU sowieso.

Viele sagen: Edward Snowden habe für sein Tun den berühmten Friedensnobelpreis verdient, dafür aber ein US-Präsidenten Barack Obama (Partei: Demokraten) nicht. Obama habe zwar von Frieden geträumt. Doch dies sei nicht genug. Denn durch seine chaotische Außenpolitik der vergangenen Jahre, die an die desaströse seines Vorgängers George W. Bush (Partei: Republikaner) angeschlossen habe, sei es dem US-Präsident nicht gelungen, die Welt sicherer zu machen. Vielmehr habe er die Welt sogar weiter destabilisiert. Heute brennt die arabische Welt mehr denn je, auch die nordafrikanische. Von einem arabischen Frühling, den die US-Regierung im Friedenschor mit der EU geradezu naiv besungen hatte, mag heute kaum mehr jemand öffentlich reden.

In der Zeit vor 1978 schrieb die Deutsche Bundespost, Vorgänger der Deutschen Post AG, diesen mahnenden Spruch ihren Kunden ins Stammbuch.

Gleichzeitig wissen wir aber beim Lesen des jahrzehnealten Postspruchs "Am Telefon müssen wir unsere Zungen überwachen!", dass selbst die Deutsche Post, beziehungsweise das Vorgänger-Unternehmen Deutsche Bundespost seit Jahrzehnten öffentlich dafür geworben hat, am Telefon nicht über alles zu sprechen, was einem auf der Zunge liegt. Dafür gibt es nur eine Begründung: Natürlich war einem der weltweit größten Konzerne, der DPAG, bewusst, dass alles was technische Kommunikation bedeutet, letztlich auch öffentliche Kommunikation ist, da jeder mit technischem Know-how oder krimineller Energie mithören, mitsehen kann. Telefone wurde seit ihrer Erfindung abgehört - entweder von der Sekretärin, die ein Gespräch vermittelte oder von den Staaten oder von privaten kriminellen Hackern. Das gab es damals, wie heute. Und hier sprechen wir immerhin von einem Zeitraum von mehr als 130 Jahren.

Insofern müssen wir uns selbst eher fragen: Wie konnten wir so dumm sein und annehmen, dass uns Datenschutzgesetze vor Ami-Hacks oder Briten-Hacks, auch vor deutschen staatlichen Hacks schützen könnten?

Wie exzessiv der Datenschutz mittlerweile aber vor allem von den Amerikanern missachtet wird, zeigte sich einmal mehr an dem neuen Macbook, auf welchem dieser Artikel geschrieben wird. Unter Einstellungen listet die Apple Inc. auf, in welchen Netzwerken sich der Computer ohne mein aktives Zutun in den vergangenen Monaten eingeloggt hatte. Da standen Netzwerke von meinem Stamm-Friseur ebenso wie von meinem Stamm-Kaffee.

Die Computer-Chronologie sammelt diese Daten ungebeten im Auftrag der Apple Inc. Klar, Apple sagt, man wolle damit eine bessere Computer-Performance bieten. Doch andere entgegnen dem, Apple wolle, wie alle US-Konzerne, teils unter Umgehung deutscher und europäischer Datenschutzgesetze vor allem seine eigene Marktmacht ausbauen, die natürlich zentral auf Big Data, einem möglichst großen und lückenlosen Datensatz zu Milliarden Menschen, beruhe.

Heikel: Weder hatte ich mich jemals aktiv bei meinem Stamm-Friseur in dessen öffentliches Netzwerk eingeloggt, noch bei meinem Stamm-Kaffee. Das heißt: Auch dieses heimliche Mithören von Apple geschieht gegen meinen Willen, gegen deutsche Datenschutzgesetze, aber es geschieht. Denn längst ist auch das Tablet, das Macbook, zur privaten freiwillig herumgetragenen Wanze geworden. Wie kann man sich nun schützen? Indem man über Einstellungen beispielsweise bei Macbook verhindert, dass heimlich alle Besuche in Räumlichkeiten mit öffentlichen Telefon- und Computer-Netzwerken aufgezeichnet werden. Ob das dann wirklich nicht mehr parallel aufgezeichnet wird, das müssen andere beurteilen.

Ergänzend sollte man wenigstens seine Webcam am Laptop mit einem Klebestreifen zudecken. Dies schaltet zwar nicht das möglicherweise heimlich eingeschaltete Mikrofon des Computers aus, ist aber schon etwas mehr Schutz. Außerdem sollte man sich nicht der Verführung hingeben, via datenschutzrechtlich strittiger US-Produkte wie WhatsApp, oder dem israelischen Viber zu kommunizieren. WhatsApp oder Viber verlangen faktisch alles auf dem Smartphone: Zugriff auf alle Kontaktdaten, ein Mitschneiden mit wem man wie lange telefoniert, ein Zugriff auf alle Nachrichten, Fotos und Videos auf dem Handy.

Besser sind da zwar die noch nicht weit verbreiteten, dafür aber entsprechend des deutschen Datenschutzes ausgelegte Handy-Messenger wie SIMsMe von der Deutschen Post AG sowie Chiffry von einer kleinen Software-Schmiede aus dem ostdeutschen Örtchen Halle. Beide Handy-Nachrichtendienste arbeiten verschlüsselt, zerstören also geschriebene Nachrichten beim Übermittlungsvorgang so, dass kein anderer mitlesen oder mithören kann.

Deshalb: Der Werbespruch der Deutschen Post "In der Einsamkeit müssen wir unsere Gedanken überwachen. In der Öffentlichkeit unsere Launen. Und am Telefon unsere Zungen!" - das galt vor Jahrzehnten und es gilt auch heute noch. Wir hatten es nur vergessen.

Wir dachten nach den großen Verbrechen unter Adolf Hitler, unter dem nationalsozialistischen deutschen Terrorsystem der 1930er und 1940er Jahre, dass der Staat sein posthum gegebenes Versprechen, uns nie wieder durch ein staatliches Spitzelsystem die Würde, die Freiheit, das Recht auf Privatsphäre zu nehmen und uns damit unserer ureigensten demokratisch-rechtsstaatlichen Rechte zu berauben, halten würde. Heute wissen wir aber zweierlei: Die USA haben uns dieses Versprechen nie gegeben - auch nicht nach WWII. Zudem: Der deutsche Staat hat durch eine dumpfe Kumpelei mit den USA sein Versprechen längst heimlich verraten, gebrochen.