Die Kommission beanstandet die Sogwirkung personalisierter Empfehlungen – endgültig entschieden ist das Verfahren noch nicht

Das Wichtigste in Kürze

  • Die EU-Kommission sieht vorläufig einen Verstoß gegen den Digital Services Act: TikToks „Für dich“-Feed könne Nutzer in immer engere Inhaltsschleifen führen.
  • Beanstandet werden die Risikobewertung und nach Ansicht der Kommission unzureichende Gegenmaßnahmen. TikTok kann die Akten einsehen und schriftlich Stellung nehmen.
  • Nutzer in der EU können ihren Feed schon heute beeinflussen, Themen anpassen, Empfehlungen zurücksetzen oder personalisierte Feeds abschalten.

Die Europäische Kommission hat am 6. November 2026 vorläufig festgestellt, dass TikToks personalisierter „Für dich“-Feed gegen Pflichten des Digital Services Act verstoße. Im Zentrum steht der sogenannte Rabbit-Hole-Effekt: Wer bestimmte Videos länger ansieht oder positiv bewertet, kann nach Darstellung der Behörde immer mehr ähnliche Inhalte erhalten. Besonders kritisch bewertet sie wiederholte Empfehlungen zu psychischer Belastung, Körperbild und Gewichtsabnahme.

Die Feststellung ist noch keine endgültige Entscheidung. TikTok erhält rechtliches Gehör und kann die Untersuchungsergebnisse bestreiten oder Maßnahmen anbieten. Für Nutzer ist das Verfahren dennoch relevant: Die Kommission verlangt im Kern mehr Gewicht für ausdrücklich gewählte Präferenzen und weniger Einfluss der bloßen Sehzeit. Genau diese Signale prägen nach TikToks eigener Hilfe-Seite den Feed stark.

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Zwei Vorwürfe: Risiko nicht ausreichend bewertet

Die Mitteilung der Europäischen Kommission trennt zwei Punkte. Erstens habe TikTok nach vorläufiger Bewertung nicht angemessen untersucht, wie das eigene Empfehlungssystem Nutzer in wiederholte Folgen ähnlicher Inhalte führen könne. Zweitens seien die bisherigen Maßnahmen gegen dieses Risiko nicht verhältnismäßig, wirksam und ausreichend.

Der Vorwurf betrifft nicht automatisch rechtswidrige Videos. Die Kommission untersucht vielmehr, wie zulässige Inhalte durch Auswahl und Wiederholung auf Nutzer wirken können. Als Beispiele nennt sie Videos über Traurigkeit, Isolation, Körperbild oder Gewichtsabnahme. Eine lange Folge ähnlicher Beiträge könne nach ihrer Bewertung insbesondere für Minderjährige und verletzliche Erwachsene nachteilig sein. Die Behörde stützt ihre vorläufige Sicht nach eigenen Angaben auf TikToks Risikoberichte, interne Daten und Dokumente, Antworten auf Auskunftsersuchen, wissenschaftliche Forschung sowie Gespräche mit Fachleuten.

Die Wortwahl „vorläufig“ ist entscheidend. Die Kommission hat ihre Einwände mitgeteilt, aber noch keinen endgültigen Verstoß festgestellt. Auch die im Text genannten möglichen Folgen für das Wohlbefinden sind die Bewertung der Behörde im laufenden Verfahren. Sie sind keine Diagnose für einzelne TikTok-Nutzer.

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Sehzeit kann stärker zählen als ein ausdrücklicher Wunsch

TikTok erläutert auf seiner eigenen Seite „So werden Inhalte empfohlen“, dass Nutzerinteraktionen, Informationen zum Inhalt und Angaben zum Nutzer in die Auswahl einfließen. Zu den Interaktionen gehören Likes, Kommentare, Teilen, vollständiges Ansehen und Überspringen. Bei den meisten Nutzern würden Interaktionen einschließlich der Sehzeit in der Regel stärker gewichtet als andere Faktoren.

Genau hier setzt die Kritik der Kommission an. Schaut jemand mehrere Videos zu einem belastenden Thema lange an, kann das System diese Zeit als Interesse deuten und mehr davon empfehlen. Ein Klick auf „Nicht interessiert“ müsse nach vorläufiger Einschätzung der Behörde nicht ausreichen, wenn die Sehzeit gleichzeitig ein starkes gegenteiliges Signal liefert.

TikTok beschreibt zugleich eigene Schutz- und Diversitätsregeln. Das Unternehmen wolle neue Themen und verschiedene Perspektiven einstreuen und zu häufige Empfehlungen bestimmter sensibler Inhalte begrenzen. Die Kommission erkennt an, dass Maßnahmen bestehen, hält sie im untersuchten Zustand aber für nicht wirksam genug. Sie nennt als mögliche Änderungen: ausdrückliche Nutzerwünsche stärker zu berücksichtigen, Sehzeit als Empfehlungssignal abzuschalten, Kontrollfunktionen leichter zugänglich zu machen und den Algorithmus regelmäßig zu testen.

TikTok kann widersprechen – eine Geldbuße ist offen

Als nächster Schritt kann TikTok die Untersuchungsakte einsehen und schriftlich antworten. Parallel konsultiert die Kommission den Europäischen Ausschuss für digitale Dienste. Erst nach dieser Verteidigung kann eine endgültige Entscheidung folgen. Nach dem DSA-Verfahrensüberblick der Kommission darf eine Geldbuße bei einem bestätigten Verstoß höchstens sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes des Anbieters erreichen. Höhe und Art einer möglichen Sanktion hängen unter anderem von Schwere, Dauer und Wiederholung ab.

Eine Maximalbuße ist daher weder beschlossen noch automatisch zu erwarten. Die Kommission kann außerdem konkrete Abhilfemaßnahmen anordnen. Der Anbieter kann eine endgültige Entscheidung vor den EU-Gerichten anfechten. Für Leser bedeutet das: Die heutige Meldung beschreibt einen belastbaren Verfahrensstand, aber kein rechtskräftiges Urteil.

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Die Untersuchung ist Teil eines größeren DSA-Verfahrens zu TikTok. Die Kommission hatte im Februar 2026 bereits vorläufige Einwände gegen abhängig machende Gestaltungsmerkmale mitgeteilt und im Juli Sicherheitsstandards für Konten Minderjähriger beanstandet. Die nun veröffentlichte Feststellung behandelt enger die wiederholte Empfehlung ähnlicher Inhalte.

Vier Einstellungen für mehr Einfluss auf den Feed

Nutzer müssen den Ausgang des Verfahrens nicht abwarten, um ihre Empfehlungen zu verändern. TikTok nennt mehrere vorhandene Werkzeuge. Ihre Wirkung kann zeitversetzt eintreten; die Kommission bezweifelt zudem, dass einzelne Funktionen das untersuchte Risiko bereits ausreichend mindern. Praktisch sind sie dennoch die derzeit verfügbaren Stellschrauben.

So greifen Sie in die Empfehlungen ein

  • „Nicht interessiert“: Video länger drücken oder über „Teilen“ die Option wählen. TikTok kündigt an, dann weniger ähnliche Beiträge zu zeigen.
  • Themen verwalten: Profil → Menü → Einstellungen und Datenschutz → Inhaltspräferenzen → Themen verwalten. Regler verändern die gewünschte Menge einzelner Themen im „Für dich“-Feed.
  • Feed aktualisieren: In den Inhaltspräferenzen lässt sich der „Für dich“-Feed zurücksetzen. Danach formen neue Interaktionen die Empfehlungen erneut.
  • Personalisierung abschalten: TikTok zufolge können Nutzer in der EU personalisierte Feeds deaktivieren. Der „Für dich“-Bereich zeigt dann populäre Inhalte statt eines individuell gewichteten Feeds.

Zusätzlich lassen sich Stichwörter und Hashtags filtern. Wer zu einem Thema bewusst Abstand gewinnen möchte, sollte entsprechende Videos nicht nur kommentieren oder bis zum Ende ansehen, um sie anschließend abzulehnen. Solche Interaktionen können weiterhin Signale an das System senden. Der „Gefolgt“-Feed ist eine weitere Möglichkeit, Inhalte stärker über selbst ausgewählte Konten statt über offene Empfehlungen zu beziehen.

Häufige Fragen

Hat die EU TikTok bereits verurteilt?

Nein. Die Kommission hat vorläufige Feststellungen mitgeteilt. TikTok kann Einsicht in die Akte nehmen und schriftlich Stellung beziehen. Eine endgültige Entscheidung steht aus.

Muss TikTok den „Für dich“-Feed abschaffen?

Das verlangt die aktuelle Mitteilung nicht. Die Kommission hält Änderungen am Design für erforderlich und nennt stärkere Nutzerpräferenzen, weniger Gewicht für Sehzeit, bessere Kontrollen und regelmäßige Tests als mögliche Ansätze.

Was ist ein „Rabbit Hole“?

Gemeint ist eine Empfehlungsschleife, in der auf eine Interaktion immer mehr ähnliche Inhalte folgen. Der Feed kann dadurch thematisch enger werden, obwohl der Nutzer nicht ausdrücklich mehr davon verlangt hat.

Ihre Einschätzung

Welche Einstellung hilft Ihnen am stärksten, unerwünschte Empfehlungen zu reduzieren – „Nicht interessiert“, Themenregler, Stichwortfilter oder ein zurückgesetzter Feed? Teilen Sie Ihre Erfahrung gern in den Kommentaren.

Quellen und Stand

Recherche- und Datenstand: 6. November 2026.

Transparenzhinweis: Bei Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Beitrags kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die verwendeten Quellen sind im Artikel aufgeführt. Die Veröffentlichung erfolgt erst nach manueller redaktioneller Freigabe.

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