Der KI-Konzern will als „ANT“ an die Nasdaq – die Bilanz zeigt durch eine Anleihe-Neubewertung einen Verlust von 80,7 Milliarden Dollar.
Das Wichtigste in Kürze
- Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude, hat am 26. Oktober 2026 bei der US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) einen Börsengang beantragt und will seine Class-A-Aktien an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ listen lassen.
- Im ersten Halbjahr 2026 erzielte das Unternehmen laut eigenem Antrag 16,3 Milliarden Dollar Umsatz – mehr als im gesamten Jahr 2025 (rund 4,6 Milliarden Dollar).
- Gleichzeitig weist die Bilanz für denselben Zeitraum einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar aus; laut Antrag geht dieser „in erster Linie“ auf eine buchhalterische Neubewertung von Wandelanleihen wegen der gestiegenen Unternehmensbewertung zurück. Der operative Verlust lag mit 693 Millionen Dollar deutlich niedriger.
- Eine unabhängige Stiftung, der Long-Term Benefit Trust, behält laut Antrag auch nach dem Börsengang die Mehrheit im Kontrollgremium des Unternehmens.
Der KI-Konzern Anthropic hat bei der US-Börsenaufsicht SEC einen Börsengang beantragt. Im ersten Halbjahr 2026 setzte das Unternehmen 16,3 Milliarden Dollar um – mehr als in jedem kompletten Jahr zuvor.
Das geht aus der am 26. Oktober 2026 veröffentlichten Registrierungserklärung (Form S-1) hervor, die Anthropic, PBC bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat. Das 2021 gegründete Unternehmen stellt mit Claude eines der drei international meistgenutzten KI-Sprachmodelle neben Angeboten von OpenAI und Google her und zählt nach eigenen Angaben auch zahlreiche Unternehmen in Deutschland zu seinen Kunden.
Ein Termin für den eigentlichen Börsenstart und eine Preisspanne je Aktie nennt der Antrag noch nicht – beide Angaben sollen laut Dokument erst in einer späteren Ergänzung des Prospekts folgen.
Der Antrag bei der US-Börsenaufsicht
Anthropic hat die Registrierungserklärung öffentlich bei der SEC eingereicht, nachdem das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits im Juni 2026 vertrauliche Entwurfsunterlagen vorgelegt hatte. Als Konsortialführer der Emission nennt der Antrag die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley; als weitere Konsortialbanken sind unter anderem J.P. Morgan, Citigroup, Barclays, Wells Fargo Securities, BofA Securities, die Deutsche Bank Securities, RBC Capital Markets, UBS Investment Bank und BMO Capital Markets aufgeführt.
Die Aktien sollen an der Nasdaq Global Select Market unter dem Kürzel „ANT“ gehandelt werden. Für Insider und Alt-Investoren gilt laut Antrag grundsätzlich eine Sperrfrist (Lock-up) von 180 Tagen nach dem Börsenstart, bevor sie ihre Anteile verkaufen dürfen; für einen Teil der Aktien ist eine gestaffelte Freigabe über bis zu 365 Tage vorgesehen.
Umsatz: 16,3 Milliarden Dollar in sechs Monaten
Der im Antrag ausgewiesene Umsatz zeigt ein für ein sechs Jahre altes Unternehmen außergewöhnliches Wachstumstempo. Im ersten vollen Geschäftsjahr 2023 setzte Anthropic nach eigenen Angaben 41 Millionen Dollar um, 2024 waren es rund 386 Millionen Dollar und 2025 bereits etwa 4,6 Milliarden Dollar. Allein in den ersten sechs Monaten 2026 kamen 16,3 Milliarden Dollar hinzu – mehr als das Dreieinhalbfache des gesamten Vorjahresumsatzes.
| Zeitraum | Umsatz | Operatives Ergebnis | Nettoverlust |
|---|---|---|---|
| Gesamtjahr 2023 | 41 Mio. $ | −551 Mio. $ | −1,5 Mrd. $ |
| Gesamtjahr 2024 | 386 Mio. $ | −2,98 Mrd. $ | −8,31 Mrd. $ |
| Gesamtjahr 2025 | 4,6 Mrd. $ | −8,06 Mrd. $ | −41,97 Mrd. $ |
| 1. Halbjahr 2025 | k. A. | −2,14 Mrd. $ | −12,97 Mrd. $ |
| 1. Halbjahr 2026 | 16,3 Mrd. $ | −0,69 Mrd. $ | −80,75 Mrd. $ |
Quelle: Anthropic, PBC, Registrierungserklärung (Form S-1) bei der US-Börsenaufsicht SEC, eingereicht am 26. Oktober 2026; k. A. = im Antrag nicht separat als Halbjahreswert ausgewiesen.
Rund 80 Prozent des Umsatzes im ersten Halbjahr 2026 stammten laut Antrag aus nutzungsabhängiger Abrechnung, bei der Kundschaft nach verarbeiteten Texteinheiten („Tokens“) zahlt; der Rest entfiel auf Abonnements. Zum 30. September 2026 zählte Anthropic nach eigenen Angaben mehr als 11.900 Kundinnen und Kunden mit mindestens 100.000 Dollar Jahresumsatz, mehr als 1.900 mit mindestens einer Million Dollar und rund 250 mit mindestens zehn Millionen Dollar.
Woher der Rekordverlust wirklich kommt
Ein Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar in einem halben Jahr wäre für sich genommen beispiellos – er lässt sich aber nicht mit einem operativen Verlust in dieser Höhe gleichsetzen. Laut Antrag entfielen von den 80,7 Milliarden Dollar allein 72,4 Milliarden Dollar auf die „Veränderung des beizulegenden Zeitwerts von Wandelanleihen, derivativen Verbindlichkeiten und SAFEs“ (Finanzierungsinstrumenten für Frühphasen-Investitionen). Anthropic erklärt dazu wörtlich, diese Veränderungen seien „in erster Linie auf einen Anstieg des beizulegenden Zeitwerts unserer ausstehenden wandelbaren Schuldscheine zurückzuführen, der sich aus einem Anstieg unserer Unternehmensbewertung ergibt“.
Warum ein Buchverlust keine Pleite bedeutet
Wandelanleihen lassen sich später in Firmenanteile umwandeln. Steigt der Unternehmenswert, steigt nach US-Bilanzregeln auch der rechnerische Wert dieses Umwandlungsrechts – und genau dieser Anstieg wird als Verlust verbucht, obwohl er zeigt, dass das Unternehmen wertvoller geworden ist. Mit dem Börsengang wandeln sich diese Anleihen in reguläre Aktien um, der Effekt entfällt dann in künftigen Bilanzen. Das eigentliche Tagesgeschäft verlor im ersten Halbjahr 2026 dagegen „nur“ 693 Millionen Dollar – deutlich weniger als die 2,14 Milliarden Dollar operativer Verlust im ersten Halbjahr 2025, bei fast vervierfachtem Umsatz.
Dass es sich nicht um eine Geldnot handelt, zeigen die übrigen Kennzahlen im Antrag: Zum 30. Juni 2026 hatte Anthropic nach eigenen Angaben insgesamt 141,1 Milliarden Dollar an Kapital eingesammelt und verfügte über 112,4 Milliarden Dollar an Zahlungsmitteln sowie weitere 19,3 Milliarden Dollar in kurzfristigen Geldanlagen – zusammen mehr, als die meisten Staaten der Welt an jährlicher Wirtschaftsleistung erzielen.
Eine Stiftung wacht über die Konzernspitze
Ungewöhnlich ist auch die Unternehmensstruktur, mit der Anthropic an die Börse geht. Das Unternehmen ist als sogenannte Public Benefit Corporation organisiert, eine US-Rechtsform, die Unternehmen neben der Gewinnerzielung auch auf einen im Gesellschaftsvertrag festgelegten Gemeinwohlzweck verpflichtet. Zusätzlich hält eine unabhängige Treuhandstiftung, der „Long-Term Benefit Trust“ (LTBT), eigene Vorzugsaktien der Klasse T und kann laut Antrag die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmen und abberufen.
Für Anlegerinnen und Anleger, die Class-A-Aktien zeichnen, bedeutet das: Sie erwerben einen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg, nicht aber die übliche Kontrolle über die Unternehmensführung, wie sie Aktionärinnen und Aktionäre bei den meisten börsennotierten Unternehmen ausüben. Anthropic stuft sich im Antrag selbst als „kontrolliertes Unternehmen“ im Sinne der Nasdaq-Regeln ein und beruft sich deshalb auf Ausnahmen von bestimmten Vorgaben zur Unternehmensführung.
Was im Antrag noch offen ist
- Preisspanne je Aktie: im aktuellen Antrag noch nicht beziffert.
- Zahl der ausgegebenen Aktien und Höhe des Emissionserlöses: ebenfalls noch offen.
- Genauer Termin für den ersten Handelstag: im Antrag nicht genannt.
- Lock-up für Insider: grundsätzlich 180 Tage, für einen Teil der Aktien gestaffelt bis zu 365 Tage.
- Stimmrechte: Die Treuhandstiftung LTBT behält laut Antrag die Kontrolle über die Mehrheit des Verwaltungsrats.
Was der Börsengang für Deutschland bedeutet
Einen separat ausgewiesenen Umsatzanteil für Deutschland oder Europa nennt der Antrag nicht. Dass die Europäische Union für Anthropic dennoch ein eigenes Kapitel ist, zeigt der Abschnitt zu rechtlichen Risiken: Dort führt das Unternehmen ausdrücklich die EU-KI-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1689), die EU-Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit (NIS2) sowie den EU Digital Services Act als Regelwerke auf, die laufende Melde-, Dokumentations- und Transparenzpflichten für Anbieter von KI-Systemen mit sogenanntem systemischen Risiko vorsehen – Pflichten, die nach Einschätzung des Unternehmens mit „erheblichen Bußgeldern“ bei Verstößen bewehrt sind.
Auch an der Finanzierung des Börsengangs ist mit der Deutsche Bank Securities eine der zwölf im Antrag genannten Konsortialbanken mit Sitz in Deutschland beteiligt. Für Sparerinnen und Sparer hierzulande, die Anthropic-Aktien nach dem Börsenstart über einen Broker mit US-Marktzugang kaufen wollen, gilt: Eine Zeichnung vor dem ersten Handelstag ist für Privatanlegerinnen und -anleger in der Regel nicht möglich, ein Kauf wird erst ab dem Handelsstart an der Nasdaq infrage kommen. Eine Anlageempfehlung ist das nicht – wie bei jedem Börsengang sind Kursverlauf und tatsächliche Verfügbarkeit für Privatkundschaft vorab nicht verlässlich vorherzusagen.
Der Antrag reiht sich in eine Serie von Börsenplänen großer KI-Unternehmen ein, über die NETZ-TRENDS in den vergangenen Wochen berichtet hat – etwa die Kurseinbrüche bei Alphabet und bei Amazon wegen hoher KI-Investitionen. Während die etablierten Technologiekonzerne für ihre KI-Ausgaben an der Börse zunehmend kritisch beäugt werden, muss sich mit Anthropic nun erstmals ein Unternehmen, das ausschließlich von KI-Software lebt, dem Urteil öffentlicher Aktienmärkte stellen.
Häufige Fragen
Was hat Anthropic bei der SEC beantragt?
Anthropic hat am 26. Oktober 2026 eine Registrierungserklärung (Form S-1) bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, um seine Class-A-Aktien an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ zu listen. Preisspanne und Termin des Börsenstarts nennt der Antrag noch nicht.
Warum weist Anthropic einen Verlust von 80,7 Milliarden Dollar aus, wenn der Umsatz stark wächst?
Der Großteil des ausgewiesenen Nettoverlusts – 72,4 von 80,7 Milliarden Dollar – stammt laut Antrag aus einer buchhalterischen Neubewertung von Wandelanleihen, deren rechnerischer Wert mit der stark gestiegenen Unternehmensbewertung zunahm. Der operative Verlust aus dem eigentlichen Geschäft lag im selben Zeitraum bei 693 Millionen Dollar.
Wer kontrolliert Anthropic nach dem Börsengang?
Die unabhängige Treuhandstiftung Long-Term Benefit Trust (LTBT) hält eigene Vorzugsaktien und kann laut Antrag weiterhin die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmen. Käuferinnen und Käufer von Class-A-Aktien erhalten damit wirtschaftliche Beteiligung, aber nur eingeschränkten Einfluss auf die Unternehmensführung.
Können Privatanlegerinnen und -anleger in Deutschland Anthropic-Aktien kaufen?
Vor dem ersten Handelstag ist eine Zeichnung für Privatkundschaft in der Regel nicht möglich. Nach dem Börsenstart an der Nasdaq lässt sich die Aktie grundsätzlich über Broker mit Zugang zum US-Aktienmarkt handeln, sofern diese sie listen – eine Garantie oder Kaufempfehlung ist das nicht.
Wie bewerten Sie es, dass ein KI-Unternehmen trotz eines Bilanzverlustes von 80,7 Milliarden Dollar an die Börse geht – nachvollziehbare Bilanzbesonderheit oder ein Warnsignal für überhitzte KI-Bewertungen? Schreiben Sie uns Ihre Einschätzung gerne in die Kommentare.
Quellen und Stand
- Anthropic, PBC: Registrierungserklärung (Form S-1) bei der US-Börsenaufsicht SEC, eingereicht am 26. Oktober 2026
- U.S. Securities and Exchange Commission: EDGAR-Unternehmensprofil Anthropic, PBC (CIK 0002130357)
Recherche- und Datenstand: 30. Oktober 2026.
Transparenz: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz recherchiert und formuliert und ist zur menschlichen redaktionellen Prüfung vorgesehen.