Das Wichtigste in Kürze
- Gabriel Felbermayr, Direktor des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, hat am Sonntagvormittag in der ORF-„Pressestunde“ eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters in Österreich von 65 auf 67 Jahre nach übereinstimmenden Berichten österreichischer Medien, die sich auf die Austria Presse Agentur stützen, als unvermeidlich bezeichnet.
- Zwischen 13.05 und 15.27 Uhr – in 142 Minuten – veröffentlichten dazu sechs Organisationen Aussendungen: ÖGB, ÖVP-Seniorenbund, NEOS, SPÖ, FPÖ und der Pensionistenverband. Drei lehnen eine höhere gesetzliche Altersgrenze ausdrücklich ab.
- Das durchschnittliche Antrittsalter beim erstmaligen Neuzugang lag in Österreich 2024 bei 61,5 Jahren – dreieinhalb Jahre unter dem Regelpensionsalter der Männer. Beziffert wird das in keiner der sechs Aussendungen.
Um 11.05 Uhr saß Gabriel Felbermayr, Direktor des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), an diesem Sonntag in der ORF-„Pressestunde“ und beantwortete Fragen von Christina Traar (Kleine Zeitung) und Christoph Varga (ORF). Genau zwei Stunden nach Sendungsbeginn begann die Antwort darauf – nicht im Fernsehen, sondern in der Aussendungsdatenbank der Austria Presse Agentur.
Sechs Organisationen meldeten sich dort zwischen 13.05 und 15.27 Uhr zu Wort: eine Gewerkschaft, drei Parlamentsparteien und zwei Seniorenorganisationen. Alle bezogen sich auf denselben Punkt – dass eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters in Österreich von 65 auf 67 Jahre nach übereinstimmenden Berichten österreichischer Medien, die sich auf die Austria Presse Agentur stützen, unvermeidlich sei. Die Aussendungen ordnen sich in zwei Lager. Die Zahl, um die es dabei eigentlich geht, nennt keine von ihnen.
Was der Wifo-Direktor in der „Pressestunde“ gesagt hat
Der Wortlaut der Sendung liegt der Redaktion nicht vor. Die folgenden Punkte stützen sich auf die Berichterstattung österreichischer Tageszeitungen, die sich auf die Austria Presse Agentur berufen, sowie auf die Bezugnahmen in den Aussendungen der reagierenden Organisationen.
Danach argumentierte Felbermayr, Österreich könne sich von den Entwicklungen in den OECD-Staaten nicht vollständig abkoppeln, und sprach sich für eine schrittweise Anhebung von 65 auf 67 Jahre aus. Er hält demnach auch an der Position fest, das Antrittsalter automatisch an die steigende Lebenserwartung zu koppeln, wobei dem Vertrauensschutz eine entscheidende Rolle zukomme. Ein Bonus-Malus-System, das Betriebe für die Beschäftigung Älterer belohnt und für deren Fehlen belastet, nannte er demnach eine „insgesamt gute Idee“, warnte aber davor, jüngere Unternehmen zu benachteiligen.
Zum geplanten österreichischen Zukunftsdepot äußerte er sich den Berichten zufolge zwiespältig: hoher pädagogischer Wert, derzeit aber ein Programm für Besserverdienende – der vorgesehene jährliche Höchstbetrag von 5.000 Euro je Kind sei zu hoch angesetzt.
Sechs Aussendungen in 142 Minuten
Die Reaktionen sind über die Aussendungsdatenbank der Austria Presse Agentur (APA-OTS) mit Uhrzeit dokumentiert. Die Trennlinie verläuft dabei nicht zwischen Regierung und Opposition, sondern zwischen jenen, die an der gesetzlichen Grenze ansetzen wollen, und jenen, die zuerst den Arbeitsmarkt ändern wollen.
| Uhrzeit | Organisation und Person | Kernaussage der Aussendung | Zur Anhebung auf 67 |
|---|---|---|---|
| 13.05 Uhr | ÖGB, Helene Schuberth, Bundesgeschäftsführerin | Teuerung bekämpfen; die Kopplung an die Lebenserwartung sei „sozial extrem unfair“ | Ablehnung |
| 13.47 Uhr | ÖVP-Seniorenbund, Ingrid Korosec, Präsidentin | Das faktische Antrittsalter müsse steigen; Anreizsysteme für Betriebe | offengelassen |
| 14.34 Uhr | NEOS-Parlamentsklub, Johannes Gasser, Sozialsprecher | Reformbedarf bestätigt; bei den Pensionen brauche es „Klarheit und Planbarkeit“ | Zustimmung |
| 15.01 Uhr | SPÖ-Bundesorganisation, Klaus Seltenheim, Bundesgeschäftsführer | Arbeitsbedingungen und Gesundheit verbessern, Unternehmen in die Pflicht nehmen | Ablehnung |
| 15.08 Uhr | Freiheitlicher Parlamentsklub, Dagmar Belakowitsch, Sozialsprecherin | Der demografische Druck kulminiere erst um 2035; Wachstum und Familienpolitik statt Kürzungen | Ablehnung |
| 15.27 Uhr | Pensionistenverband, Birgit Gerstorfer, Präsidentin | Bonus-Malus sei eine langjährige Forderung des Verbandes; Arbeitslosigkeit ab 60 sei hoch | offengelassen |
Deutlich formulierte die FPÖ. Ihre Aussendung um 15.08 Uhr ist mit dem Satz „Pensionisten sind nicht der Bankomat der Nation“ überschrieben; Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch hält dem Wifo-Direktor darin entgegen, die demografische Herausforderung kulminiere erst um 2035. Die SPÖ legte sich sieben Minuten früher fest: Ihre Aussendung trägt den Hinweis, mit der SPÖ werde es keine Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters geben. Der ÖGB verband sein Nein mit der Teuerung in Österreich – ein Thema, das das Land seit der Umsatzsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel ohnehin beschäftigt – und nannte die automatische Kopplung an die Lebenserwartung „sozial extrem unfair“, weil Menschen mit höheren Einkommen im Durchschnitt länger lebten als Beschäftigte in körperlich belastenden Berufen.
Die Zahl, die in keiner der sechs Aussendungen steht
Zwei Aussendungen – jene des ÖVP-Seniorenbundes und jene des Pensionistenverbandes – weisen auf denselben Punkt hin: Das tatsächliche Antrittsalter liege deutlich unter dem gesetzlichen. Beziffert wird es in keinem der sechs Texte.
Die Zahl steht im Monitoring der Pensionsantritte 2019 bis 2024, das das österreichische Sozialministerium in Wien am 20. August 2025 veröffentlicht hat. Danach lag das durchschnittliche Antrittsalter beim erstmaligen Neuzugang im Jahr 2024 bei 61,5 Jahren – 62,4 Jahre bei Männern, 60,4 Jahre bei Frauen. Gegenüber 2023 ist das ein Plus von 0,4 Jahren, gegenüber 2019 von 1,2 Jahren. Der Abstand zum Regelpensionsalter der Männer von 65 Jahren beträgt damit dreieinhalb Jahre.

Darin liegt der eigentliche Streitpunkt hinter der Zahl 67: Eine Anhebung der gesetzlichen Grenze verschiebt eine Marke, die im Durchschnitt ohnehin nicht erreicht wird. Der ÖVP-Seniorenbund beziffert in seiner Aussendung, dass rund ein Viertel der Pensionsantritte in Österreich nicht direkt aus einer Beschäftigung heraus erfolge. Der Pensionistenverband verweist auf die hohe Arbeitslosigkeit ab 60 Jahren. Beide ziehen daraus dieselbe Schlussfolgerung wie die Gewerkschaft: Zuerst müsse der Arbeitsmarkt Ältere halten, dann lasse sich über Altersgrenzen reden.
Für Frauen in Österreich steigt das Alter ohnehin schon
In der Debatte geht regelmäßig unter, dass in Österreich bereits eine Anhebung läuft. Nach der Darstellung des Sozialministeriums zur Alterspension wird das Regelpensionsalter der Frauen seit dem 1. Jänner 2024 in Halbjahresschritten von 60 auf 65 Jahre angehoben. Für Geburtsdaten zwischen dem 1. Jänner und dem 30. Juni 1965 liegt es 2026 bei 61,5 Jahren; ab Geburtsdatum 1. Juli 1968 sind es 65 Jahre, erreicht im Jahr 2033. Eine Anhebung auf 67 käme für Frauen in Österreich also nicht anstelle, sondern zusätzlich zu einer bereits laufenden Anhebung um fünf Jahre.
Was die Pensionen im österreichischen Budget bewegen
Der Budgetdienst der österreichischen Parlamentsdirektion weist in seiner Analyse vom 5. Juni 2025 für das Jahr 2026 einen Bundesbeitrag an die gesetzlichen Pensionsversicherungsträger von 18,0 Milliarden Euro aus – 4,4 Prozent mehr als die für 2025 veranschlagten 17,2 Milliarden Euro. Die Pensionsausgaben insgesamt steigen der Analyse zufolge von 9,1 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung im Jahr 2024 auf 9,8 Prozent im Jahr 2029. NEOS-Sozialsprecher Johannes Gasser nennt in seiner Aussendung mehr als ein Viertel der Budgetausgaben, das in die Pensionen fließe – eine Größe, die über den Bundesbeitrag an die gesetzliche Pensionsversicherung hinausgeht.
Deutschland ist längst bei 67 – und diskutiert bereits darüber hinaus
Für die Leserschaft außerhalb Österreichs lohnt der Abgleich, weil die drei Länder an unterschiedlichen Punkten derselben Entwicklung stehen.
In Deutschland wird die Regelaltersgrenze nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung seit 2012 beginnend mit dem Geburtsjahrgang 1947 schrittweise angehoben; für alle ab Jahrgang 1964 liegt sie bei 67 Jahren. Was der Wifo-Direktor für Österreich als Ziel formuliert, ist in Deutschland also bereits geltendes Recht. Zugleich liegt dort ein Vorschlag auf dem Tisch, der über die 67 hinausgeht: Die deutsche Alterssicherungskommission empfiehlt nach Darstellung der Deutschen Rentenversicherung, die Regelaltersgrenze ab 2031 im Verhältnis 2:1 an die Lebenserwartung zu koppeln – steigt die Lebenserwartung um ein Jahr, entfielen acht Monate auf ein längeres Erwerbsleben und vier Monate auf einen längeren Rentenbezug. Bis 2041 ergäbe das nach dieser Rechnung eine Grenze von etwa 67,5 Jahren.
In der Schweiz gilt seit der Reform AHV 21 ein einheitliches Referenzalter von 65 Jahren. Das Bundesamt für Sozialversicherungen in Bern hebt das Referenzalter der Frauen seit 2025 in Dreimonatsschritten an; ab Jahrgang 1964, also ab 2028, liegt es bei 65 Jahren. Der Schritt, den Felbermayr für Österreich vorschlägt, steht dort derzeit nicht auf der Tagesordnung.
Was in der Debatte offenbleibt
Keine der sechs Aussendungen beantwortet die Frage, die für Betroffene zuerst zählt: Wie viele Menschen würde eine höhere Altersgrenze in Österreich treffen, und was bedeutete sie für die Höhe ihrer Pension? Auch der Übergang wird nirgends beziffert – weder, ab welchem Jahrgang eine Anhebung greifen soll, noch, über wie viele Jahre sie sich erstrecken würde.
Offen bleibt ebenso, wie ein Bonus-Malus-System konkret ausgestaltet wäre – obwohl es der einzige Punkt ist, bei dem sich Gewerkschaft, Seniorenbund, Pensionistenverband und der Wifo-Direktor in der Sache annähern. Genau diese Ausgestaltung soll nun eine Studie liefern: Nach Angaben des ÖVP-Seniorenbundes hat die Organisation das Wifo mit einer Untersuchung zu Anreizsystemen beauftragt, deren Ergebnisse bis Jahresende vorliegen und der Bundesregierung in Wien vorgelegt werden sollen. Das ist der nächste belegbare Termin in dieser Auseinandersetzung.
Welches Pensionsantrittsalter halten Sie für realistisch – und was müsste sich an den Arbeitsbedingungen ändern, damit es erreichbar wird? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne in die Kommentare.
Quellen
- ORF: „Pressestunde“ mit Gabriel Felbermayr, Sendung vom 13. September 2026, 11.05 Uhr, ORF 2 und ORF ON, sowie die Programmankündigung des ORF vom 11. September 2026
- ÖGB: „Teuerung bekämpfen, Nein zu höherem Pensionsantrittsalter“, Aussendung vom 13. September 2026, 13.05 Uhr
- ÖVP-Seniorenbund: „Korosec zu Felbermayr: Wifo-Studie über Anreizsysteme für Unternehmen“, Aussendung vom 13. September 2026, 13.47 Uhr
- NEOS-Parlamentsklub: „Wifo-Chef Felbermayr bestätigt weiteren Handlungsbedarf bei Pensionen“, Aussendung vom 13. September 2026, 14.34 Uhr
- SPÖ-Bundesorganisation: „Seltenheim: Bei Arbeitsbedingungen ansetzen und Unternehmen in die Pflicht nehmen“, Aussendung vom 13. September 2026, 15.01 Uhr
- Freiheitlicher Parlamentsklub: „Belakowitsch: Pensionisten sind nicht der Bankomat der Nation“, Aussendung vom 13. September 2026, 15.08 Uhr
- Pensionistenverband Österreichs: „Bonus-Malus-System ist der richtige Ansatz“, Aussendung vom 13. September 2026, 15.27 Uhr
- Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (Wien): Monitoring der Pensionsantritte 2019 bis 2024 (PDF), Bericht vom 20. August 2025, und Alterspension – Regelpensionsalter, abgerufen am 13. September 2026
- Budgetdienst der Parlamentsdirektion (Wien): Analyse zur Untergliederung 22 – Pensionsversicherung, Budgets 2025 und 2026 (PDF) vom 5. Juni 2025
- Deutsche Rentenversicherung: Rentenlexikon „Altersgrenze“ und „Alterssicherungskommission: Was die Vorschläge für Ihre Rente bedeuten würden“, beide abgerufen am 13. September 2026
- Bundesamt für Sozialversicherungen (Bern): Reform AHV 21 – Referenzalter, abgerufen am 13. September 2026
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