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Rezension TV-Doku Unister: Aufstieg und Fall eines Internetkonzerns

Die TV-Doku über Unister wurde erstmals am 3. September in der ARD unter dem Titel "Der Absturz" ausgestrahlt. Bild: ARD

Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben oftmals selbst. Das dachte sich wohl auch der ARD-Dokumentarfilmer Ralf Ulrich Schmidt, als er in seiner neusten Produktion die Geschehnisse rund um den Unister-Konzern rekonstruierte. Herausgekommen ist eine sehenswerte Dokumentation mit nur wenigen Schwächen.

Einen Wirtschaftskrimi hätte man nicht besser schreiben können: Es geht um ein Millionenunternehmen, Betrugsvorwürfe und einen tragischen Flugzeugabsturz. Im Zentrum des Ganzen steht das Leipziger eCommerce-Startup Unister und dessen Geschäftsführer Thomas Wagner. In einer spannenden Dokumentation hat nun Ralf Ulrich Schmidt den Aufstieg und den Niedergang des Unternehmens aufgearbeitet.

Unister war eines der erfolgreichsten Internet-Unternehmen Deutschlands. Mit seinen Portalen wie fluege.de, ab-in-den-Urlaub.de und kurz-mal-weg.de oder der TRavel24.com AG wurde Unister zum größten Online-Reisevermittler in Europa. Hinzu kamen gut 60 weitere erfolgreiche Portale wie geld.de, preisvergleich.de, shopping.de, auto.de oder versicherungen.de. Bis zu 13 Millionen Nutzer waren monatlich auf Unister-Seiten. Alleine der vermittelte Reiseumsatz lag bei über 2 Milliarden Euro - mehr als 2014 beispielsweise die Deutsche Bahn online umsetze, wie das damalige FVW-Ranking zeigt.

Im Jahr 2012 beschäftigte die Firma 1670 Mitarbeiter, in Spitzenzeiten sogar über 2000. Neben Leipzig hatte Unister noch weitere Standorte in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Dresden, Stralsund, Magdeburg, Jena, Paris und Chemnitz. [1]

Unister startete als Studententauschbörse

Dabei fing die Erfolgsgeschichte des Konzerns ganz klein an, und zwar im Jahr 2002, als drei junge Männer beim Business Innovation Center in Leipzig Plagwitz vorstellig wurden, darunter auch Thomas Wagner, damals 23 Jahre alt. Im Gepäck hatten sie die Idee, eine Art Studentenportal zu gründen, auf dem man gegen Bezahlung Diplomarbeiten, Klausurthemen oder Kleinanzeigen ansehen und einstellen konnte. Nach dem Vorbild von Napster nannten sie ihre Studententauschbörse „unister.de“.

Die Dokumentation griff auf seltenes Archiv-Material zurück. Hier Thomas Wagner als 23-jähriger Firmengründer aus einem Interview in 2002.Bild: ARD

Im Zuge der Expansion erschloss das Unternehmen jedoch zahlreiche neue Geschäftsfelder. Große kommerzielle Erfolge feierte das Startup vor allem im Touristik-Bereich: „Das Reisethema haben wir uns vollständig selber beigebracht und angeeignet. Das hatte keiner von uns auf dem Schirm, dass das so erfolgreich sein könnte“, beschreibt der Mitgesellschafter Daniel Kirchhof in der Dokumentation. [2]

Unternehmensgeschichte eng mit Thomas Wagner verwoben

Der Film von Ralf Ulrich Schmidt zeichnet die etwa 15-jährige Geschichte des Unister-Konzerns nach. Anhand von Archivaufnahmen, internen Dokumenten, Interviews und teilweise nachgestellten Szenen bringt der Regisseur den Zuschauern den rasanten Aufstieg und dramatischen Niedergang des Unternehmens nahe.

Im Fokus des Dokumentarfilms steht vor allem der Firmengründer Thomas Wagner, wobei die 45-minütige Dokumentation auch Einblicke in das Seelenleben des gebürtigen Dessauers gibt. So wollte es Wagner vor allem „den Großen“ in der Branche zeigen, wie es in der Reportage heißt. Dafür arbeitete der ehemalige BWL-Student auch bis spät abends. „Die Leute haben oft mit ihm nachts bis zehn, elf, zwölf schuften“, erinnert sich Konstantin Korosides, ehemaliger Unister-Sprecher und langjähriger Vertrauter Wagners: "Nach dem Motto: Wenn der Chef immer so lange bleibt, kann ich ja nicht schon viel früher gehen."

Unister bewegte sich oft im Graubereich des Machbaren

Um das Wachstum und Reichweiten weiter voranzutreiben, entwickelter Wagner zusammen mit seinem Team auch zweifelhafter Marketingpraktiken. Es sei Thomas Wagners Mentalität gewesen, „alles zu machen, was nicht vor Gericht festgestellt war“, so Michael Buller, Vorstand des Verbands Internet Reisevertrieb. Unter anderem sicherte sich Unister zahlreiche Domains mit Namen bekannter Hotels, um Nutzer auf die eigenen Seiten zu holen. Viele Hotelbetreiber ärgerten sich damals über das Vorgehen des Internet-Konzerns.

Dem Unternehmen wurden zudem Preistricksereien und irreführende Preisangaben beim Buchungsprozess vorgeworfen. Wegen unerlaubten Vertreibens von Versicherungen und einer möglichen Steuerhinterziehung ermittelte 2012 die Dresdner Staatsanwaltschaft gegen die Geschäftsführung. Im Zuge der Ermittlungen geraten Wagner und Mitgesellschafter Kirchhof für kurze Zeit in Untersuchungshaft. „Wir wussten, dass es für uns etwas Existenzielles war“, erinnert sich Korosides an die schwierige Zeit zurück.

Dr. Konstantin Korosides war von 2009 bis 2015 oberster Pressechef des Unister-Konzerns und enger Freund von Thomas Wagner - hier im Interview mit der ARD.Bild: ARD

Wagner lehnte mehrere Verkaufsangebote ab

Im Anschluss kam es zu Zerwürfnissen zwischen den beiden langjährigen Weggefährten. Als Grund gibt die Produktion vor allem unterschiedliche Ansichten bezügliches eines Verkaufs des Unternehmens an. Thomas Wagner lehnte mehrere Verkaufsangebote ab, die sich in einer Größenordnung von 650 bis 900 Millionen Euro bewegten. Es kommt zum Streit und Kirchhof verließ Unister.

Seit den Ermittlungen der Staatsanwalt kam der Konzern nicht mehr auf die Beine. Investoren sprangen ab und die Banken vergaben keine Kredite mehr. Hinzu kam eine Reihe von negativen Presseberichten, die wie orchestriert auf das Unternehmen einprasselten.

Wagner fühlte sich offenbar in die Ecke gedrängt. Ein Ausweg, so die ARD in der sehr gut gemachten Dokumentation, so war für ihn nur noch ein dubioses Kreditgeschäft in Höhe von 15 Millionen Euro mit einem angeblichen israelischen Diamantenhändler, der den erlogenen Namen „Levy Vass“ nutzte und sich als israelischer Milliardär ausgab, der diskrete Geschäfte mache.

Obwohl Wagner von seinen eigenen Finanzexperten gewarnt wurde, reiste er mit einer kleinen Privatmaschine am 13.Juli 2016 nach Venedig. Gechartert von den Kreditvermittlern rund um Levy Vass, zugelassen in den USA. Mit dabei hat Wagner 1,5 Millionen Euro in bar, die als Kreditausfallversicherung dienen sollten. Begleitet wurde er von seinem Dessauer Abi-Freund Oliver Schilling, der bei Unister von Anfang an als Co-Gesellschafter dabei war - neben seinem Zwillingsbruder Christian Schilling, der ebenfalls Unister-Co-Gesellschafter war.

Mit dem Absturz Wagners ging auch Unister unter

In einem Hotel in Venedig übergab Wagner das Geld dem vermeintlichen Israeli. Wagner erhielt im Gegenzug eine erste Kredit-Tranche von 4,09 Millionen Schweizer Franken in einem Koffer überreicht. Erst später stellte er fest, dass nur die obersten Scheine echt waren. Nach einer Anzeige bei der italienischen Polizei flog Wagner wieder zurück. Auf tragische Weise verunglückte jedoch das Flugzeug auf dem Weg nach Leipzig.

„Es war wie ein Krimi, man kann es nicht glauben, was passiert ist“, kommentiert Isabell Demmler, ehemalige Unister-Sekretärin, den Schreckens-Moment, als sie von dem Tod Thomas Wagners erfuhr. Der tragische Absturz des Flugzeugs läutete auch den Niedergang des einstigen Vorzeigeunternehmens ein.

Eine Aufnahme von der Unfallstelle in Slowenien kurz nach dem Absturz der Privatmaschine, in der Thomas Wagner tödlich verunglückte.Bild: ARD

Fazit: Hervorragende Dokumentation mit kleinen Schwächen

Nur wenige Tage nach dem Ableben Wagners meldete der Reise-Riese Insolvenz an. „Wir konnten in den ersten Tagen noch nicht einmal zuordnen, welche Portale tatsächlich zu den einzelnen Gesellschaften gehörten“, erklärt der Insolvenzverwalter Lucas Flöther. Die Gründe für die Firmenpleite seien vielschichtig, so Flöther weiter, ohne jedoch konkrete Gründe zu nennen.

Warum Unister letztendlich bankrott ging beantwortet die Dokumentation genauso wenig wie die Frage, warum Wagner trotz drohender Insolvenz mehrere lukrative Angebote ausschlug. Hierin liegt auch eine der wenigen Schwachstellen der Produktion. Ansonsten beschreibt Schmidt in hervorragender Weise die Entwicklung des Unister-Komplexes, welche von Anfang bis Ende eng mit der Person Wagners verknüpft ist.

Die ehemalige Zentrale der Unister Holding in Leipzig im vornehmen Barfußgässchen.Bild: ARD

Die ARD schafft mit dieser Dokumentation einen würdigen und fairen Blick auf das neben Rocket Internet erfolgreichste deutsche ehemalige Start-Up in den vergangenen 20 Jahren. In Leipzig war Unister jahrelang der größte private Arbeitgeber - direkt im Zentrum, rund um das bei Touristen beliebte Barfußgässchen.

Heute existieren fast sämtliche ehemalige Unister-Portale immer noch - nur unter neuen Besitzern. Profitabel sind sie alle. „Schade, dass Unister jetzt doch zerschlagen wurde. Das Ziel der Unister-Gegner ist damit erreicht“, kommentiert Konstantin Korosides die ARD-Doku, die im Rahmen der WDR-Serie „Die Story“ vom MDR Fernsehen produziert worden ist.

Neben Redakteur Schmidt war auch Björn Menzel als Co-Autor der ARD-Dokumentation dabei, der selbst einmal bei einem Unister-Portal Redakteur war: Bei news.de, einem der größten deutschen von Printmedien unabhängigen Nachrichtenportale. Es gehört heute zu Müller Medien, einem Unternehmen der Familie rund um den Nürnberger Telefonbuch- und Lokalrundfunkkönig Gunther Oschmann.

Interessierte können sich die spannende ARD-Dokumentation noch bis zum 03.09.2019 unter folgenden Link ansehen: https://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Der-Absturz/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=55708292

Einzelnachweise:

[1] Unister, in: wikipedia.org vom 03. September 2018. Abruf am: 06. September 2018.

[2] Der Absturz, in: ardmediathek.de vom 03. September 2018. Abruf am 06. September 2018.

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