Keine Verspätungen Autonome Züge statt Bahnstreik: Technik nimmt Lokführern Arbeit ab

Sie nehmen Millionen Deutsche in Geiselhaft zur Durchsetzung eigener Ziele im Tarifstreit mit dem Personalvorstand der Deutschen Bahn AG. Doch langfristig könnte die Lokführer-Gewerkschaft damit einen weltweiten Trend beschleunigen – hin zu autonom gesteuerten Zügen. In Japan haben solche Züge eine durchschnittliche Verspätung von 6 Sekunden. Das sind paradiesische Zustände. Doch trotz allem Jammerns über die Deutsche Bahn AG: Ihr Streckennetz gilt weltweit als hervorragend und einmalig.

Bild: netz-trends
Wann fahren auch in Deutschland Hochgeschwindigkeits-Züge ohne Lokführer?

In Japan geht jetzt ein Schnellzug an den Start: Er fährt bis zu 600 Stundenkilometer, schafft eine Strecke, für welche Autos über 5 Stunden benötigen, in 40 Minuten. Und in Deutschland? Streiken die Lokführer.

Nirgends auf der Welt erreicht man so viele auch kleine Ortschaften mit besten Zügen, wie in Deutschland. Nirgends auf der Welt, in welcher Menschen Züge steuern, kommen so viele Züge immer noch so pünktlich an, wie in Deutschland. Trotzdem ist auch hier das berühmte Sprichwort anwendbar, wonach Luft nach oben ist.

Doch ist eine weitere Perfektionierung der Pünktlichkeit von Zügen kaum mit Lokführern zu bewerkstelligen. Denn wo Menschen sind, geschehen Fehler. In immer mehr deutschen Städten gibt es unter anderem deshalb Züge ganz ohne Lokführer. Beispiel: Die fränkische uralte Residenzstadt Nürnberg. Sie setzt auf autonome, also ohne Lokführer fahrende U-Bahnen.

Wer aber Bahnen ohne Fahrer durch die Lande schickt, benötigt ein perfektes Schienennetz – und das ist bei weitem in Deutschland nicht der Fall. Thomas Strang vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt im bayerischen Oberpfaffenhofen sagte zwar gegenüber der Stuttgarter Zeitung, wonach ein Lokführer angeblich "kaum Entscheidungsmöglichkeiten" habe und er "nichts anderes" mache, "als von einem grünen zum nächsten roten Signal zu fahren", doch gilt auch: Technisch stimmt das, aber die Momente, in denen er eben doch Handlungsspielraum hat, können auf alle anderen Lokführer-Kollegen und auf Tausende Bahnfahrer große Auswirkungen haben.

Wenn die Bahntüre nicht aufgeht

Beispiel Berlin Hauptbahnhof: Hunderte Bahnreisende stehen am Bahnsteig, der ICE nach München, von Hamburg kommend, fährt ein. Der edle weiße Zug hält am Gleis 2. Doch ein Einsteigen ist nicht möglich. Grund: Der Zugführer hat vergessen, die Türen zu entriegeln. Es vergehen für die Reisenden nervige Sekunden, fast eine Minute. Erst dann merkt der Lokführer, dass er die Entriegelung vergessen hat. Das ist sicherlich eine Ausnahme, aber Bahnreisende erleben solche Momente doch öfters, als ihnen lieb ist. Das gilt auch für S-Bahnen, welche in Deutschland ebenfalls von der Deutschen Bahn AG betrieben werden.

Neben dem Bau des richtigen Schienennetzes müsste die Deutsche Bahn AG weitere Technologien installieren, welche rechtlich einen autonomen Schienenverkehr nach dem Vorbild Japans ermöglichen könnten.

Bereits seit sechs Jahren fahren in Nürnberg die U-Bahnlinien 2 und 3 fahrerlos – und zwar gänzlich ohne größere Zwischenfälle, dafür aber kostengünstiger als mit Lokführer. Unpünktlichkeit gibt es seit dem Einsatz der Züge nicht mehr. Die Stadt Nürnberg teilte mit, wonach die betroffenen autonom fahrenden U-Bahnen in Nürnberg fast zu 100% pünktlich seien.

Bereits in 16 europäischen Städten fahren Züge ohne Lokführer

Neben Nürnberg gibt es 16 weitere Städte in Europa, in welchen bereits Bahnen ohne Lokführer eingesetzt werden – darunter in der italienischen Fiat-Stadt Turin. Aber auch in London soll das Projekt autonomer U-Bahnverkehr bis 2013 umgesetzt werden.

Bekanntlich gibt es beim Personennahverkehr keine revolutionäre Veränderung, ohne hohe Investitionen. Alleine die Stadt Nürnberg ließ sich die Umrüstung ihrer U-Bahnen von personenbetriebenen Zügen hin zu selbstständig fahrenden Zügen rund 600 Millionen Euro kosten.

Dennoch rechne sich dies, lässt der Stadtrat von Nürnberg wissen. In zehn bis zwölf Jahren seien die Kosten wieder drin, heißt es, habe man also die hohen Investitionen amortisiert. Auch in Berlin hatte man bereits im Jahr 2003 ein ähnliches U-Bahnprojekt wie in Nürnberg angepeilt. Doch war es aus Kostengründen auf Eis gelegt worden. Betroffen gewesen wäre die berühmte Regierungslinie der deutschen Hauptstadt, die U-Bahn U5.

Da die Deutsche Bahn AG in den vergangenen 20 Jahren nahezu ihr komplettes Schienennetz auf von Lokführern gefahrene Züge ausrichtete, dürfte es wohl noch unzählige Bahnstreiks der Lokführergewerkschaft geben, ehe man auch in Deutschland sekundengenaues Bahnfahren anbieten kann - dann aber ohne Lokführer.

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