MDR Podcast-Serie INVESTIGATIV UNISTER — Deutschlands Start-up-Tragödie! Aufstieg, dramatischer Absturz & 240 Mio. € Sanierung! Die ganze Geschichte.

Es ist die schlimmste Start-up-Tragödie in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, ja in ganz Europa. Eine Geschichte, die so unglaublich klingt, dass sie aus der Feder eines Hollywood-Autors stammen könnte – doch jedes Wort ist wahr. Erfahren Sie hier alles über das bittere Ende eines digitalen Weltreichs: Wie konnte aus einem bescheidenen Wohnheimzimmer in Leipzig eines der mächtigsten Internet-Unternehmen Europas entstehen? Und warum endete sein genialer, aber umstrittener Gründer Thomas Wagner (†38) mit einem Koffer voller Falschgeld und 1,5 Millionen Euro echtem Bargeld in einem Wrack in einem slowenischen Waldstück?

In unserer Review zur aktuellen MDR/ARD-Podcast-Thriller-Serie »Ab in den Urlaub – Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER« blicken wir hinter die Kulissen eines beispiellosen Aufstiegs und eines noch tieferen Falls. Es ist die Chronik eines Mannes, der als „ostdeutscher Zuckerberg“ gefeiert wurde, Kaufangebote von fast einer Milliarde Euro ausschlug und am Ende in ein Netz aus Mafia-Methoden, fälligen Millionen-Krediten der HanseMerkur Versicherung aus Hamburg und technischem Versagen geriet.

Produziert von Studio Soma (Berlin) und Zimmer & Zirk (Journalistische Kooperative Leipzig) für den MDR / ARD, führt Hostin, Moderatorin und Podcasterin Sophia Wetzke durch ein Labyrinth aus Gier, Genie und dem verzweifelten Kampf um die Unabhängigkeit. Lesen Sie jetzt die ganze Geschichte hinter dem Ohrwurm, der eine ganze Generation begleitete – und dem Imperium, das mit einem „Mayday“ in den Tod stürzte.

Es gibt einen Song, der sich in den frühen 2010er-Jahren ins kollektive Gedächtnis einbrannte. »Ab in den Urlaub« – geschrieben von den Kölner Karnevalsmachern der Höhner, gebucht von einem Internet-Start-up aus Leipzig, das kaum jemand wirklich kannte. Das Unternehmen hinter dem Ohrwurm hieß UNISTER, vermittelte zu Spitzenzeiten Reisen im Wert von fast zwei Milliarden Euro jährlich, beschäftigte über 1.800 Menschen und galt als das aufstrebendste deutsche Internet-Unternehmen seiner Generation. Heute existiert es nicht mehr unter dem alten Namen – aber die Portale leben weiter: Auto.de, Geld.de, Kredit.de, Ab-in-den-urlaub.de, Fluege.de, Preisvergleich.de und viele mehr. Sein Gründer Thomas Wagner starb 2016 mit erst 38 Jahren bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien – einen Tag nachdem er in Venedig auf einen Geldkoffer voller Falschgeld hereingefallen war.

Inhaltsverzeichnis:

Der Aufstieg: Die Garagen-Legende aus Leipzig: Vom WG-Zimmer zum Milliarden-Imperium: Wie Thomas Wagner das deutsche Web eroberte. Der ostdeutsche Zuckerberg: Mit Mut, Wuschelkopf und 4.000 Google-Konten an die Spitze. GELD.de, Fluege.de & Co.: Wie UNISTER sich die besten Adressen des Internets sicherte.

Der Hype: Stars, Skier und Millionen-Marketing: Ballack, Calmund & die Höhner: Die aggressive Jagd nach dem Massenmarkt. Marketing-Guerilla: Warum UNISTER sogar eine Skifabrik kaufte, um Regeln des Skisprung-Verbands zu umgehen. Der Ohrwurm der Nation: Die Geschichte hinter dem »Ab in den Urlaub«-Jingle.

Die Wende: Visier der Justiz und interne Risse: Das »Abzock-Imperium«? Wenn Grauzonen zum Verhängnis werden. Razzia vor der Weihnachtsfeier: Der Tag, an dem die Steuerfahndung das Imperium erschütterte. Der einsame Multimillionär: Warum der Chef trotz Reichtums im WG-Zimmer blieb.

Das Finale: Venedig, Mafia und der Mayday-Ruf: Der 1,5-Millionen-Euro-Rucksack: Wagners schlimmer Deal mit dem Phantom »Levi Vass«. Geldkoffer voller »FAXIMILE«: Wie Deutschlands Internet-Star auf einen Rip Deal hereinfiel. Todesflug aus dem Paradies: Die letzten Minuten der Piper N710CC über Slowenien.

Das Erbe: Was vom Imperium übrig blieb: Die Geister der Portale: Warum ab-in-den-urlaub.de weiterlebt und 2025 für 240 Millionen Euro weiterverkauft wurde nach Polen, während der Gründer gestorben ist. Insolvenz-Krimi ohne Ende: Das langsame Sterben eines Leipziger Leuchtturms. Major Tom ist weg: Ein Nachruf auf den Mann, für den Stillstand der Tod war.

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Der ostdeutsche Zuckerberg

Das Foto, das Thomas Wagner als jungen Mann zeigt, könnte aus dem Silicon Valley stammen. Ein etwas blasswürdig aussehender Typ Anfang 20 sitzt vor einem klobigen weißen PC-Bildschirm, trägt ein dunkelblaues T-Shirt, hat die Haare stachelig hochgegelt – typischer Jahrtausendwende-Style. Er grinst in die Kamera. Ähnliche Fotos gibt es von Jeff Bezos, von einem jungen Elon Musk, von Mark Zuckerberg in seinem Wohnheimzimmer. Sie alle erzählen dieselbe Geschichte: Vom Nobody zum Internet-Millionär, wenn man nur hart genug arbeitet.

Wagner kam 1978 in Dessau zur Welt, in einem Plattenbau. Seine Mutter war Lehrerin, sein Vater Ingenieur. Er machte 1996 Abitur, leistete zwei Jahre Bundeswehrdienst, schrieb sich 1999 in Leipzig für BWL ein. Doch statt in Vorlesungen zu sitzen, schloss er sich mit einem Kommilitonen ein Jahr lang in seinem Wohnheimzimmer ein. Die Idee: eine Plattform, auf der Studenten teure Fachliteratur und Diplomarbeiten tauschen können – ein bisschen wie das damals beliebte Musiktausch-Portal Napster. Nur für Akademisches.

Sie nannten die Plattform »UNISTER« – eine Mischung aus Universität und Napster. 2002 ging die Seite online. Mit dabei von Anfang an: Kommilitone Daniel Kirchhoff sowie die Zwillingsbrüder Christian und Oliver Schilling, mit denen Wagner schon aus der Schulzeit in Dessau, Sachsen-Anhalt, befreundet war. Das Startkapital von 38.500 Euro hatten sie selbst zusammengekratzt, teils von Familienmitgliedern und Freunden geborgt.

»Die waren extrem nervig. Aber ich habe auch nicht immer alles verstanden, was die so sagten. Ich weiß noch, dass ich mich immer gewundert habe, dass die da in diesem Computerkabinett sitzen und dann irgendwelche bunten Seiten aufrufen.«

Kathrin Wöhler, frühere UNISTER-Mitarbeiterin und Journalistin.

Kathrin Wöhler, Jahrgang wie Thomas Wagner, kommt ebenfalls aus der Nähe von Dessau in Sachsen-Anhalt und studiert damals Journalistik in Leipzig. Wagner holt sie später ins Team, um einen Newsletter aufzusetzen. Sie erinnert sich an eine kleine, eingeschworene Community junger Ostdeutscher, die die Wende als Ermächtigung erlebt hatten. »Die hatten echt Mut. Und die hatten vor allen Dingen keinen Bock, sich irgendwo einzufügen.« Die Wende liegt damals kaum mehr als zehn Jahre zurück. Junge Ostdeutsche haben plötzlich Möglichkeiten, die ihre Eltern nie hatten.

Leipzig selbst befindet sich in einem Moment des Aufbruchs. Jahrelang verfallene Gründerzeit-Viertel werden saniert, große Unternehmen siedeln sich an – BMW, Porsche, DHL. Stillgelegte Fabrikhallen werden zu Clubs und Ateliers. Die Mieten sind noch bezahlbar. »Es gab Wohnraum, frisch sanierte Altbauten – mit Marmor-Bädern, das ist kein Witz«, sagt Wöhler.

II

Das Imperium aus dem Wohnheimzimmer

Schon nach wenigen Monaten ist das Startkapital aufgebraucht. Das Studentennetzwerk generiert Nutzer, aber kaum Einnahmen. Für Investoren ist das Konzept unattraktiv – die Welt hat gerade gesehen, wie die erste Welle der Internet-Firmen krachen gegangen ist, die »Dotcom-Blase« hat geplatzt. Aber Wagner ist beweglich. Er beobachtet, dass Versicherungsvergleiche im Netz boomen, und startet mit seinem Team ein Finanzportal mit dem wahrscheinlich besten Domainnamen aller Zeiten: GELD.de.

Dann die entscheidende Beobachtung: In den UNISTER-Foren tauschen sich Studenten darüber aus, wie man mit wenig Budget reisen kann. Wagner erkennt die Chance. Nur ein Jahr nach der Gründung geht die Seite online, die heute noch existiert – auch wenn sie längst anderen gehört. Die Studentenplattform wird zur Reisebuchungsseite.

Was folgt, ist eine der bemerkenswertesten Wachstumsgeschichten der deutschen Internetwirtschaft. Innerhalb weniger Jahre baut UNISTER mindestens 40 Portale auf – immer nach demselben Prinzip: Nutzer sucht etwas, landet auf einer UNISTER-Seite, bekommt Preisvergleiche und kann direkt buchen. Die Domains sind so generisch wie möglich gewählt: fluege.de, auto.de, shopping.de, geld.de, kredit.de, versicherung.de, news.de, partnersuche.de, holiday.de, kurzmalweg.de. Simpel, direkt, einprägsam.

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UNISTER in Zahlen

Zu Spitzenzeiten beschäftigte UNISTER über 2.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das Unternehmen vermittelte Pauschalreisen, Flüge und Mietwagen im Wert von fast 2 Milliarden Euro jährlich.

UNISTER gab angeblich über 100 Millionen Euro pro Jahr für Google-Werbeanzeigen aus.

Bei der ersten Razzia 2012 wurden 20 UNISTER-Objekte in mehreren Städten durchsucht.

Das Strafverfahren endete mit Verurteilungen wegen Betrugs in 87.000 Fällen, Den angeblichen Gesamtschaden den die Staatsanwaltschaft sich zusammengerechnet haben will: 7,6 Millionen Euro. Eine Behauptung die UNISTER-Anwälte von Anfang an scharf zurückweisen. Ihr Argument jedes Reisebüro „buche herunter“.

Zentrales Werkzeug des Erfolgs: Google. UNISTER schaltet ohne Ende Anzeigen, um mit den eigenen Seiten immer ganz vorne in den Suchergebnissen zu erscheinen. Konstantin Korosides, ab 2009 Pressesprecher bei UNISTER kannte Wagner schon vor seinem Anfang. Eine Freundschaft wird es dann durch die enge Zusammenarbeit über die Jahre hinweg. Er beschreibt Thomas Wagner wie folgt: »Wir waren ja einer der ersten und haben für Google Anzeigenplätze immer am meisten geboten. So waren wir natürlich immer wie in der Formel 1 vorne. Und die Deppen waren immer hinter uns.«

Die Zusammenarbeit mit Google ist zunächst symbiotisch. UNISTER zahlt, Google zeigt es. Doch UNISTER nutzt auch Grauzonen aus: Das Unternehmen kauft Markennamen der Konkurrenz als Keywords, sodass Nutzer, die nach TUI suchen, auf einer UNISTER-Seite landen. Und es legt tausende von Google-Werbekonten an, statt wie von den Richtlinien verlangt nur eines zu verwenden. »Ich glaube, wir hatten irgendwie 4.000 Google-Konten«, erinnert sich Korosides.

2011 folgt der Schuss vor den Bug: Ein Brief aus der Google-Zentrale droht mit Kontenschließung innerhalb von vier Wochen, wenn UNISTER nicht »sauber spielt«. »Jetzt werden wir insolvent«, ist Korosides' erste Reaktion. Zähneknirschend passt UNISTER sein Verhalten an.

III

Stars, Songs und Stadien

Ab 2009 macht UNISTER Marketing so offensiv, wie es nur geht. Das Aushängeschild ist Michael Ballack – Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Nachwirkung des »Sommermärchens« 2006, Popstar des deutschen Fußballs. Er ist übrigens ebenfalls Ostdeutscher und fast gleichen Jahrgangs wie Wagner. In TV-Spots liegt Ballack mit Laptop auf der Couch, träumt vom nächsten Urlaub. Von riesigen Plakatwänden bundesweit leuchtet daneben der Schriftzug: »Mallorca ab 99 Euro«.

Für die Schwesterseite FLUEGE.de verpflichtet UNISTER Reiner Calmund, den schillernden Ex-Fußballmanager. Der MDR trifft Calmund in Leipzig, vor der Aufzeichnung der MDR-Talkshow Riverboat im Hotel Westin, in seiner Suite. »Thomas Wagner war ja der Gründer von UNISTER. Der hat mich direkt angesprochen. Der war ja fußballbekloppt, und so haben wir sofort schnell die gemeinsame Sprache gesprochen«, sagt Calmund. »Das war eine junge Truppe, eine wilde Truppe, voller Energie. Hungry. Auch sehr kreativ. Da wurde nicht länger rumgequatscht oder rumgefackelt. Die wollten was reißen.«

Werbung macht UNISTER auch mit Sonja Zietlow und Dirk Bach, den damals omnipräsenten Gesichtern des RTL-Dschungelcamps. Und mit Jürgen Drews, dem »König von Mallorca«. Beim Skispringen taucht plötzlich »FLUEGE.de« auf den Brettern der Sportler auf – möglich gemacht, weil UNISTER kurzerhand einen thüringischen Skibrettenhersteller aufkauft und den Firmennamen draufdruckt. »Man muss sich das mal vorstellen: Man kauft eine ganze Firma, um das Werbeverbot beim Profisport zu umgehen«, sagt Korosides. Heute prangen auf allen Flugski-Star-Ski irgendwelche Werbelogos. Möglich gemacht hat es die anfängliche Dreistigkeit von UNISTER im Jahr 2011. Zur Seite stand dem Unternehmen ARD- und Vierschanzentournee-Legende Dieter Thoma, gleichzeitig Berater von UNISTERs Skisparte.

»Oft sind es ja nicht die komplizierten Geschichten, sondern die einfachen, die aber den Nerv genau treffen. Ab in den Urlaub ist für alle Leute mit 40-Stunden-Woche der Traum schlechthin.«

Hannes Schöner, Bassist und Sänger der Höhner, Schöpfer des UNISTER-Jingles.

Ein Ohrwurm, der sich in den frühen 2010er-Jahren ins kollektive Gedächtnis brennt. Wer ihn einmal gehört hat, kommt nicht mehr heraus. Was kaum jemand weiß: Der Song gehört zu einem vollständigen Stück – und es ist von einer der bekanntesten deutschen Bands geschrieben. Hannes Schöner, 30 Jahre lang Bassist und Sänger der Kölner Karneval-Legende die Höhner, erzählt in einem Tonstudio in der Eifel, wie der Auftrag kam.

Ein Bekannter (Otto Meckenstock) habe ihn angesprochen, da gebe es eine Firma in Ostdeutschland, die für ihr Internetportal einen Song suche. »Und dann haben wir uns zusammengesetzt und haben überlegt, wie können wir das machen. Die haben eigentlich überhaupt nichts vorgegeben. Wir haben nur ein Lied über ›ab-in-den-Urlaub.de‹ gewollt.« Heute wissen die wenigsten, wer den Ohrwurm geschrieben hat. »Witziger- und schönerweise«, sagt Schöner, sei das bisher das erste Mal, dass er darauf angesprochen werde.

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IV

Der Chef, das Phantom

Thomas Wagner präsentiert sich damals auf Messen als jung und hip – Wuschelhaar bis zu den Augenbrauen, UNISTER als Gegenentwurf zum steifen deutschen Unternehmertum. Intern setzt er auf eine eingeschworene Gemeinschaft: Sommerpartys am See, legendäre Weihnachtsfeiern, das ganze Startup-Ritual. Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man fast durchweg junge Menschen zwischen 20 und 30, Seitenscheitel, dünn gezupfte Augenbrauen, Abercrombie-&-Fitch-Polohemden.

Dabei ist Wagner für die meisten seiner Mitarbeiter ein Phantom. Anton Zirk, heute Co-Autor des MDR-Podcasts »Ab-in-den-Urlaub.de«, jobbt 2014 als Student in der UNISTER-Presseabteilung. »An UNISTER bist du nicht vorbeigekommen, weil am Schwarzen Brett, in Foren und überall waren eigentlich Stellen ausgeschrieben.« Mit Wagner selbst kommt er nie in Kontakt. »Das war dann schon irgendwie gerade für uns als kleine Rädchen auch wie so ein Phantom einfach.«

Was man von Wagner von außen wahrnimmt, ist auffällig bescheiden. »Als ich 2009 anfing, lebte Thomas noch 2010 in einer WG. Er war vielfacher Multimillionär und hatte ein 20-Quadratmeter-WG-Zimmer«, erinnert sich Korosides. »Thomas hatte so einen billigen orangen Scheißstuhl im Büro. Mein Gott, da hatte er schon 1.000 Mitarbeiter.« Ein Porsche Boxster war das einzige sichtbare Zugeständnis an den eigenen Erfolg. Kein Penthouse, keine Kunstsammlung, keine Rolex-Uhren – das sollte sich später im Insolvenzverfahren bestätigen.

Den Reisebürounternehmer Hendrik Minkner, der seit über 30 Jahren ein kleines Ladengeschäft im Norden von Leipzig betreibt, erlebt die UNISTER-Jahre aus einer anderen Perspektive: als Konkurrenz, die er zunächst nicht ernst nimmt. »Man hätte in der Vorstellung nicht so gedacht, dass das langfristig wirklich so einen Shoot nimmt«, gibt er zu. Er ist einer von schätzungsweise 15.000 Reisebürobetreibern um die Mitte der 1990er-Jahre – heute sind es noch rund 8.000. Ob UNISTER der Auslöser für den Rückgang sei? »UNISTER war ein Teil in dieser ganzen Geschichte und nicht der Auslöser«, sagt Tourismuswissenschaftlerin Claudia Brözel, Professorin für nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule Eberswalde.

V

Risse im Fundament

Michael Hummel ist Jurist und kommt 2010 über eine Stellenanzeige zu UNISTER. »Die erste Zeit war wie ein Rausch. Es war einfach ganz fantastisch.« Als Anwalt in der Rechtsabteilung – zu Spitzenzeiten sind sie zwölf Juristen – ist es seine Aufgabe, das Unternehmen gegen Abmahnungen und Klagen zu verteidigen. »Ein Kollege sagte immer, wir haben eine Rechtsabteilung wie ein DAX-Unternehmen. Es lag aber daran, dass das Unternehmen so massenhaft und schwer Rechtsverletzungen begangen hat, dass diese Anzahl von Juristen notwendig war, um das alles zu managen.«

Schon früh gibt es Warnsignale. 2011 rebelliert ein Teil des Managements gegen Thomas Wagner, es gibt massive Auseinandersetzungen um die Unternehmensrichtung. Im September 2011 titelt die WirtschaftsWoche: »Alarmzeichen für UNISTER-Chef Wagner« – »Wagner bewegt sich mit seinem Geschäftsgebaren oft im legalen Graubereich«. Kurz zuvor hatte ein Gericht UNISTER dazu verpflichtet, Endpreise für Kunden sofort anzuzeigen statt erst im Verlauf der Buchung weitere Kosten hinzuzufügen. Außerdem verliert UNISTER einen Rechtsstreit wegen eines »Geprüfte Gästemeinung«-Siegels, das auf Reiseseiten auftauchte, obwohl die Bewertungen gar nicht überprüft worden waren.

Im Juni 2012 eskaliert es. Die COMPUTERBILD widmet UNISTER acht Seiten unter dem Titel »Das Abzock-Imperium«: Rabatt-Lügen, Markenverletzungen, hinterlistige Werbetricks, Abo-Fallen, illegale Servicegebühren. Auf der UNISTER-Dating-Seite partnersuche.de sollen Kunden durch gefälschte Flirt-Nachrichten zum Abschluss von Abos verleitet werden. »Wir haben den Artikel natürlich massiv angegriffen nachher rechtlich«, sagt Hummel. »Der hat auch größtenteils trotzdem gehalten.«

»Diese Mentalität ›Wir gegen alle‹ – die gab es definitiv im Unternehmen. Das war auch stark von Thomas Wagner getriggert. Er hat die Rechtsabteilung beauftragt, massiv gegen diese Berichterstattung vorzugehen. Und es war erstaunlich, wie gut es funktioniert hat.«

Michael Hummel, ehemaliger UNISTER-Jurist, heute Verbraucherschützer. Wöchentlich musste er UNISTER-Pressechef Korosides eine akribische Tabelle schicken in der die abgemahnten Medien auftauchten – gerankt nach: Falschberichte freiwillig gelöscht oder: Fall muss per Einstweiliger Verfügung vor Gericht gebracht werden. Denn massenhaft überschlagen sich viele Medien auch mit Falschberichten zu UNISTER. Immer noch einen drauf setzen heißt bei vielen das Motto. UNISTER ist längst zum Medien-Hype geworden.

Interne E-Mails, die dem MDR-Podcast vorliegen, zeichnen ein klares Bild von Wagners Führungsstil. Auf Hinweise von Mitarbeitern, dass bestimmte Praktiken strafrechtlich relevant sein könnten, schreibt er: »Bitte macht die Sache nicht größer als sie war bzw. schürt nicht noch Ängste vor rechtlichen Aussagen. Ähnliche Fälle, inklusive persönlicher Haftung, habe ich seit Jahren irgendwie täglich zur Unterschrift auf meinem Tisch und bin zu meinem Erstaunen immer noch auf freiem Fuß. Das wird immer heißer gekocht, als es gegessen wird.«

In einer anderen Mail zur Preisdarstellung: »Da würde ich lieber für den Kunden verwirrende Bezeichnungen formulieren.« Und: »Es wäre vielleicht mal einen Versuch wert, die Leute durch drei, vier, fünf Schritte zu jagen – und dann erst ganz zum Schluss die Gebühr zu präsentieren.«

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VI

Steuerfahndung, Untersuchungshaft, freier Fall

Am 11. Dezember 2012, kurz vor der Weihnachtsfeier, sitzt Hummel früh an seinem Schreibtisch. »Plötzlich flog die Tür auf. Es kam ein Mann in Lederjacke, zeigte seinen Ausweis hoch und sagte: Steuerfahndung. Das ist eine Durchsuchung. Niemand fasst seinen Computer an oder telefoniert.« An diesem Tag werden 20 UNISTER-Objekte in mehreren Städten durchsucht – darunter Dresden, Hamburg, Stralsund. Selbst Papierkorb-Inhalte werden mitgenommen. Drei Führungskräfte werden festgenommen und kommen in Untersuchungshaft. Darunter Thomas Wagner.

Die Ermittlungen werden von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden geführt, unterstützt von der INES – der Integrierten Ermittlungseinheit Sachsen, die auf Wirtschaftskriminalität und Korruption spezialisiert ist und zuvor bereits gegen das Musikfilm-Portal kino.to vorgegangen war. Auslöser ist eine anonyme Anzeige, die laut dem damaligen Dresdner Staatsanwalt Dr. Dirk Reuter »sehr fundierte Recherchen« enthielt und »aus juristischer Sicht sehr fundiert sich geäußert hat, was dort eventuell für eine Straftat begangen werden könnte«. Heute arbeitet Reuter im Berliner Justizministerium. F

Für einige UNISTER-Manager ist er bis heute eine persona non grata. Ihm schreiben nicht wenige den Zusammenbruch UNISTERs zu: „Durch die nicht mehr aufhörenden jahrelangen Ermittlungen und öffentlichen Vorwürfe“, sagt Korosides noch heute. „Das ging ja bis dahin, dass sie uns mit dem Einfrieren der Unternehmens-Konten drohten“. „Parallel fingen sie unsere E-Mails und unseren Schriftverkehr sogar mit Bundestagsabgeordneten ab“ und schicken sie uns retour mit einer unterschwelligen Drohung.

„Ohne diese exzessive staatsanwaltliches Vorgehen würde Thomas noch leben“, sagt ein andere UNISTER-Manager. Heißt: Indirekt habe ihn das alles in den Tod getrieben.

Reuter, der heute im Bundesjustizministerium in Berlin arbeitet und damals als einer von zwei Staatsanwälten (der zweite ist Andreas Günthel) die Ermittlungen leitete, erklärt im Gespräch mit dem MDR Podcast die zentralen Vorwürfe. Erstens: das Betreiben einer Versicherung ohne behördliche Erlaubnis. UNISTER hatte über seine Reiseportale Zusatzprodukte wie einen »Stornoschutz« und »FlexiFly« angeboten – Produkte, die im rechtlichen Sinne Versicherungscharakter hatten, ohne dass UNISTER dafür die erforderliche Genehmigung bei der BaFin eingeholt oder Versicherungssteuer abgeführt hatte. Laut Staatsanwaltschaft soll UNISTER so angeblich Versicherungssteuer in Höhe von 1,1 Millionen Euro hinterzogen haben. Ein Vorwurf den UNISTER ebenfalls immer zurückgewiesen hat mit dem Argument: Das Produkt habe man ja gar nicht als Versicherung deklariert, das habe im Nachhinein die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen gemacht, um daraus den Versicherungsvorwurf und die U-Haft stricken zu können.

Zweitens, und das ist der schwerwiegendere Vorwurf: das sogenannte »Runterbuchen«. Ein Kunde bucht einen Flug für 250 Euro nach Mallorca. UNISTER, als Vermittler zwischengeschaltet, kauft denselben Flug jedoch für 180 Euro bei der Fluggesellschaft – und behält die Differenz von 70 Euro, ohne den Kunden zu informieren. Gleichzeitig habe UNISTER die Fluggesellschaft getäuscht (z.B. Lufthansa) indem es so tue, als wäre der Kunde nur bereit, 180 Euro zu zahlen. »Es muss doch klar sein, dass das eine Straftat ist«, sagt Reuter. »Ich lüge in beide Richtungen und ich behalte einen Teil des Geldes.«

Auch dem entgegnen UNISTER-Anwälte bis heute: Das tue doch jedes Reisebüro. Ein Problem, gar ein rechtliches, sehe man darin nicht.

Insgesamt werden am Ende 87.000 Fälle dieses angeblichen Computerbetrugs durch die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen angeklagt mit einem behaupteten Gesamtschaden von angeblich 7,6 Millionen Euro. Hinzu kämen Einnahmen von angeblich 14 Millionen Euro durch das angeblich unerlaubte Versicherungsgeschäft. Was der Podcast nicht erwähnt ist die dubiose Rolle der BAFIN, Bundesfinanzaufsicht: Sie hatte sich auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft in Dresden eingelassen, eben UNISTER keine Entscheidung zukommen zu lassen, ob FlexiFly jetzt eine Versicherung sei oder ein Umbuchungsservice. Bei UNISTER dachte man sich: Solange es keine Untersagung gibt, lassen wir es als Umbuchungsservice halt laufen.

Dabei ist die Liste der Vorwürfe noch länger: Angebliche Umsatzsteuerhinterziehung, angebliche Untreue, angebliche Veruntreuung von Arbeitsentgelt, ja Korruptionsverdacht – ein Großteil davon wurde nicht weiter angeklagt, weil man sich auf die schwerwiegendsten Fälle konzentriert habe, prahlt die Staatsanwaltschaft, die ganz scharf auf dieses öffentliche Verfahren zu sein scheint. Intern sagt Wagner zu Freunden. Er halte das staatsanwaltliche Vorgehen „für psychopathisch, sehr gefährlich“.

Wagner kommt gegen Kaution kurz nach der Razzia wieder auf freien Fuß. Er musste 500.00 Euro Privatgeld in Bar hinterlegen. Firmengeld darf er dafür nicht verwenden. So viel Bargeld hat er aber nicht direkt parat. Also hilft ein Freund aus Frankfurt aus.

Aber nach dieser Razzia ist vieles anders. Das Unternehmen verliert schlagartig seine Kreditwürdigkeit. Geldgeber werden misstrauisch. Selbst ein normales Geschäftskonto bei einer Bank zu bekommen, wird schwierig, erinnert sich Dirk Rogl, der 2014 als Kommunikationsverantwortlicher im Travelbereich zu UNISTER stößt und ein Unternehmen in der Krise vorfindet. »Die Reputation ist schlagartig futsch«, sagt der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Reisefachzeitschrift FVW aus Hamburg. Zu dieser Zeit ist nach wie vor Korosides der Chief Communication Officer der UNISTER-Holding, also der Dachgesellschaft der bis zu 50 UNISTER-Untergesellschaften, die meisten GmbHs.

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VII

Der Riss im Inneren

2015 verlässt Finanzchef Daniel Kirchhoff das Unternehmen im Streit. Kirchhoff war nicht nur von Anfang an dabei und zeitweise im selben Büro wie Wagner, sondern auch Finanzchef. Wagner wirft ihm öffentlich vor, Gelder veruntreut zu haben. Kirchhoff, der diese Vorwürfe bis heute bestreitet, nennt einen anderen Grund für die Trennung: UNISTER hatte mehrere Angebote, die lukrative Reisesparte zu verkaufen. Bertelsmann bot 635 Millionen Euro. Wagner lehnte in einer Mail als »sehr tief« ab. Ein anderer Interessent soll laut einem Medienbericht sogar 900 Millionen Euro geboten haben. Auch hier: Ablehnung.

Wagner wollte stattdessen einen Teil des Unternehmens an die Börse bringen. »Er hat dann irgendwie an sich zu«, sagt Kirchhoff in einer MDR/ARD-Fernseh-Dokumentation aus dem Jahr 2018. Ihm sitzen Geldgeber im Nacken, die Konkurrenz, die Kunden, die Staatsanwaltschaft – und intern tobt Streit. Dirk Rogl erinnert sich bei Wagner an permanente 16-Stunden-Tage, auch an Wochenenden. »Das hat mir schon imponiert. Aber das ist natürlich auch eine Arbeitsdosis, die sicherlich auf Dauer nicht förderlich für ein Unternehmen ist.«

Kathrin Wöhler, die das Nachrichtenportal news.de aufgebaut hatte und zur Chefredakteurin geworden war, kämpft ihren eigenen Kampf. Angetreten mit großen Plänen – »Wir wollten so ein neuer Spiegel sein« – sieht sie das Portal immer weiter in Richtung Boulevard abdriften. »Der letzte Move war in Richtung: erstens radikale Reduktion der Redaktion, zweitens starke Ausrichtung auf Boulevard-Themen. Klassisches Clickbait.« Als die Artikelüberschriften in Richtung »Wenn Männerbrüste plötzlich wachsen« gehen, zieht sie die Konsequenz. 2011 verlässt sie UNISTER. »Ich habe nie mehr gesagt, dass ich für UNISTER gearbeitet habe.«

VIII

Venedig, Falschgeld und der letzte Flug

2016 bekommt Thomas Wagner in der Krise ein Angebot. Ein Kredit über 15 Millionen Euro. Den wolle ihm ein Mann geben, der sich als israelischer Diamantenhändler vorstellt – Levi Vass nennt er sich. Die Bedingung: Wagner soll 1,5 Millionen Euro als Sicherheit zahlen, in bar. Der Kontakt kommt über einen Mittelsmann aus Nordrhein-Westfalen zu Stande: Wilfried Schwätter, ein übler windiger Betrüger, Gauner und Schwerstkrimineller, der sich gut zu verkaufen weiß und Leute penetrant-aggressiv in Fallen lockt, die er als Lösung in der Krise verkauft, ja wenn man nur endlich zu lange.

Wagner ist zunächst skeptisch. Er schickt zwei Mitarbeiter nach Hannover zu einem Treffen, um das Ganze abzuchecken. Die kommen zurück mit einem klaren Urteil, wie Staatsanwalt Reuter aus den Ermittlungen weiß: »Ich würde dir raten, die Finger davon zu lassen. Ich glaube, wir haben mit der Mafia gesprochen.« Wagner geht auf das Angebot trotzdem ein. Er hebt bei einer Leipziger Bank 1,5 Millionen Euro in bar ab und packt sie in einen Rucksack.

Am 13. Juli 2016 steigt Thomas Wagner in eine kleine Chartermaschine nach Venedig. Mit an Bord sind Oliver Schilling, einer der Mitgesellschafter von UNISTER, außerdem der Vermittler, der den Deal eingefädelt hat, und der Pilot. In Venedig treffen sie Levi Vass am Hotel Anthony Palace in der Via Enrico Mattei. Im Restaurant unterzeichnen sie einen Kreditvertrag. Vass legt gefälschte Pässe vor – wie schon zwei Wochen zuvor in Slowenien, wo er parallel fünf weitere Geschäftsleute, darunter eine Architektin aus Nordrhein-Westahlen hereingelegt und diesen 450.000 Euro in bar entwendet.

Auf dem Parkplatz des Hotels in Venedig übergibt Wagner die 1,5 Millionen Euro Bargeld an den angeblichen Levy Vass. Im Gegenzug erhält er einen Geldkoffer – als »erste Anzahlung« auf den Kredit. Der Rest soll bei einer Bank ausgezahlt werden.

Bei der Banco Populare di Vicenza wartet die UNISTER-Gruppe auf Levi Vass. Er erscheint nicht. Sein Telefon klingelt immer wieder, wird nicht abgenommen, ist irgendwann ausgeschaltet. Nach anderthalb Stunden öffnet Wagner den Koffer vollständig und stellt fest: Nahezu alle Banknoten sind gefälscht. Auf beiden Seiten steht groß und fett: »FAXIMILE«. Nur die oberste Schicht ist echtes Geld. Was Staatsanwalt Reuter in der Kriminalistik als »Ripdeal« bezeichnet, beziehungsweise Rip Deal: Der Täter bringt jemanden dazu, Bargeld zu übergeben, und gibt im Gegenzug Falschgeld.

»Das ist psychologisch hochinteressant, wie das läuft. Das sind Leute, die verzweifelt sind, die Schwierigkeiten haben, die sich auf sowas einlassen.«

Dirk Reuter, Staatsanwalt

Am nächsten Morgen, dem 14. Juli 2016, steigen Wagner und seine Begleiter wieder in die gecharterte Kleinmaschine – eine Piper 32, knapp acht Meter lang, Propeller an der Nase. Um 10:17 Uhr hebt das Flugzeug mit der Kennung N710CC in Venedig ab. Die Flugroute führt über Slowenien in Richtung Deutschland. Das Wetter ist trotz Sommer schlecht.

Das Funkprotokoll des Flugs, das dem MDR Podcast vorliegt, dokumentiert die letzten Minuten: Der Pilot meldet Probleme mit Vereisung, bittet um Kursänderung, um das Unwetter zu umfliegen. Um 10:51 Uhr sein letzter Funkspruch: »Mayday, mayday.« Um 10:52 Uhr verschwindet das Flugzeug vom Radar.

Fernsehjournalistin Mathea Zug vom slowenischen Nachrichtensender, die in der Gegend wohnt, wird ans Absturzgebiet in einem Waldstück nahe dem Ort Pretmeja im Vipavatal geschickt. Sie sieht zwei verbrannte Trümmerteile und das Heck der Maschine, das separat liegt. In dem Waldstück findet die lokale Polizei neben dem Wrack einen Gegenstand, der fast unversehrt ist: ein blauer Rucksack mit 10.000 Schweizer Franken.

Reuter erklärt den Fund: »Bei einem Aufprall entsteht ein Überdruck in der Maschine, und deswegen fliegt alles raus, was irgendwie rausfliegen kann.« Vier Menschen sterben: Thomas Wagner, Oliver Schilling, ein weiterer windiger angeblicher Kredit-Vermittler, Compagnon von Betrüger Wilfried Schwätter und der Pilot. Vier Tage später meldet UNISTER Insolvenz an – auf Betreiben der Familie von Thomas Wagner, die sich nicht an das unübersichtliche Konzern-Konstrukt herangetraut. Auch Wagners Ex-Freundin Janka Lehner ist für den Konkurs, ebenso Christian Schilling. Diesen abzuwenden, schalten Daniel Kirchhof und Ex-UNISTER-Co-Geschäftsführer Andreas Prokop Konstantin Korosides ein – dieser wird gebeten alles zu tun, um den Gang zum Konkursgericht zu verhindern. Man sucht eine Lösung mit Investoren. Doch Wagners Eltern, Lehner und Schilling lehnen ab. Zu groß ist ihre Wut auf Daniel Kirchhoff, dem man indirekt zuschreibt, mit Schuld an der Misere zu haben, was dieser abstreitet. Keinesfalls wolle man, dass ungebetene Investoren am Ende noch das Ruder bei UNISTER übernähmen. Ein Name der damals Fällt: Steffen Göpel, mit dem Kirchhof damals eng befreundet und gut bekannt ist.

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IX

Die Abwicklung eines Imperiums und Weiterverkauf für 240 Millionen Euro nach Polen und China / Sanierung geklückt

Lucas Flöter, einer der renommiertesten Insolvenzverwalter Deutschlands – zuvor unter anderem mit Air Berlin, der Schnäppchenmarktkette Mac Geiz und der Fahrradmarke Mifa betraut –, übernimmt im Sommer 2016 die Mammutaufgabe UNISTER. Er empfängt das MDR Podcast-Team in seiner Kanzlei, einem schicken alten Gebäude in Halle, in einem großen Konferenzraum mit hoher Decke, Fischgrätparkett und abstrakter Kunst an den Wänden.

Das Bild, das sich Flöter und seinen Kollegen bei der Durchsicht der Bücher zeigt, ist ihm bekannt – »ein bisschen chaotisch, um es mal vorsichtig zu sagen«. Strukturen, die nicht mit dem schnellen Wachstum mitgewachsen waren. Und ein Chef, der in den letzten Monaten unter immensem Druck gestanden hatte: »Er hat einfach dann dort das Geld genommen, wo gerade Geld da war, um die Gläubiger zu befriedigen, die am meisten Druck gemacht haben.«

Viel Wissen war mit Wagner gestorben. »Viele Dinge, viel Wissen, was einfach im Kopf von Thomas Wagner war, war verloren gegangen. Und das waren auch viele Antworten auf meine Fragen – wo es immer nur hieß: Das hat eigentlich immer Thomas Wagner selbst gemacht.«

2017 werden ehemalige UNISTER-Manager verurteilt. Daniel Kirchhoff, als ehemaliger Finanzchef, zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe – schuldig in drei Punkten: Unter anderem unerlaubte Versicherungsgeschäfte und wegen Steuern. Außerdem wird der frühere Leiter der Flugsparte auf Bewährung verurteilt. Kirchhoff geht anschließend in Revision beim Bundesgerichtshof und wird zumindest in Teilen im Punkt Versicherungen freigesprochen. Staatsanwalt Reuter ist bis heute überzeugt: »Ganz sicher wäre Thomas Wagner verurteilt worden – und zu einer sicherlich sehr viel höheren Strafe.« Damit will er ganz offenkundig bis heute die bis drastische Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft Sachsen verteidigen.

Was bleibt? Ende 2016 übernimmt eine tschechische Beteiligungsgesellschaft den UNISTER-Geschäftsbereich Reisen für lediglich um die 80 Millionen Euro. Die UNISTER-Tochter Travel24.com AG samt Hotel in Leipzig wird für angeblich um die 20 Millionen Euro verkauft – an einen Leipziger Immobilienhändler. Heute gehört der UNISTER-Reisebereich, vor allem Ab-in-den-Urlaub.de einer polnischen Holding, die dafür 240 Millionen Euro bezahlte. Was zeigt: UNISTER war nie insolvent, aber ein Sanierungsfall, ein Sanierungsfall geworden während oder durch die jahrelangen Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen, die eine Refinanzierung am Kapitalmarkt immer schwieriger machte. Die Krise war zum Alltag geworden. Anfangs, 2012, als die Staatsanwaltschaft die erste Razzia machte, hatte der Konzern gerade einmal um die 25 Millionen Euro Gesamtschulden. Das gesamte Wachstum hatte Wagner mit seinen Jungs aus eigener Kraft hingelegt. Venture Capital hatte man immer abgelehnt. „Heute hätte man einen Thomas Wagner mit Hunderten Millionen Euro oder gar Milliarden an Venture Capital zugeschissen“, sagt Korosides heute. „Aber es gibt keine Thomas Wagner mehr in Deutschland“.

Die Marke ab-in-den-urlaub.de existiert noch, ebenso fluege.de und news.de – alle unter anderen Dächern, bei anderen Unternehmen. Das Insolvenzverfahren läuft bis heute.

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Was bleibt

Die Trauerfeier für Thomas Wagner und Oliver Schilling findet in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig statt. Auf einer Bühne stehen zwei große Fotos, daneben viele Blumen. Auf den Trauerschleifen Beileidsbekundungen von Partnern – und von Konkurrenten. Eine Binde in Gold und Weiß trägt den Aufdruck: »In stiller Anteilnahme. Google.« Das Unternehmen, das einst mit einem Brief UNISTER zur Ordnung gerufen hatte.

Am Ende wird ein Lied gespielt: David Bowies »Space Oddity« – die Geschichte von Major Tom, dem Astronauten, der ins All fliegt und den Kontakt zur Erde verliert. »Sagt doch alles, oder?«, sagt Korosides. »Er war Major Tom. Und er ist geflogen.«

Reisebürobetreiber Hendrik Minkner führt sein kleines Ladengeschäft im Norden von Leipzig weiter. Das Reisebüro sei »immer totgesagt« worden, mehrfach, sagt er, und er sei froh geblieben zu sein. »Wir kreieren und designen Reisen. Das ist halt nicht meine Philosophie, sondern etwas anderes.«

Michael Hummel, der UNISTER-Anwalt, arbeitet heute für die Verbraucherzentrale Sachsen. »Das Unternehmen hat mich zum Verbraucherschützer gemacht«, sagt er. In der Datenbank der Verbraucherzentralen fänden sich mehr als 200 Abmahnungen und Verfahren gegen den UNISTER-Konzern.

Was Thomas Wagner angetrieben hat, bleibt eine offene Frage. Luxus war es offenbar nicht. Persönlicher Reichtum auch nicht. Korosides versucht eine Antwort: »Das einzige Diabolische, was ich ihm vielleicht unterstellen würde, war der Kick und der Spaß, wenn er das Ding gewuppt hat. Wenn er es, obwohl man ihn gewarnt hatte, obwohl es andere nicht gepackt haben, obwohl es finanziell ein heißes Ding war – gewuppt hat. Da hat er sich gefreut. Er hat auch ganz viel gelacht.«

Insolvenzverwalter Flöter gibt zu bedenken, was hätte sein können: »Ich würde die These wagen, dass wenn das Management von UNISTER früher erkannt hätte und früher die Reißleine gezogen hätte, man durchaus eine gute Chance gehabt hätte, sich über ein Sanierungsverfahren neu aufzustellen. Und können Sie sich vorstellen, was ein Thomas Wagner gerockt hätte mit dem Unternehmen? Leipzig hätte mit diesem Unternehmen eines der größten Internetunternehmen in Europa gehabt.«

Ein letzter Satz aus einem Textinterview mit Thomas Wagner aus dem Jahr 2015 ist es, der – tragisch ironisch – seine Geschichte und die ganze Start-up-Welt auf den Punkt bringt: »Stillstand ist mit einem schleichenden Tod gleichbedeutend.«

Alle im Podcast genannten Personen

Thomas Wagner

Gründer und Chef von UNISTER; geboren 1978 in Dessau; starb am 14. Juli 2016 beim Flugzeugabsturz in Slowenien

Daniel Kirchhoff

Mitgründer und langjähriger Finanzchef von UNISTER; kannte Wagner von der Uni; 2015 im Streit ausgeschieden; 2017 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt

Oliver Schilling

Mitgründer und Mitgesellschafter von UNISTER; Bruder von Christian Schilling; war beim Venedig-Flug an Bord; starb beim Absturz in Slowenien

Christian Schilling

Mitgründer von UNISTER; Bruder von Oliver Schilling; kannte Wagner aus der Schulzeit in Dessau

Sophia Wetzke

Head-Autorin und Hosterin des MDR-Podcasts »Ab in den Urlaub – Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER«

Marc Zimmer

Recherche und Co-Autor des Podcasts (Zimmer & Zirk)

Anton Zirk

Recherche und Co-Autor des Podcasts; studierte 2014 Journalistik in Leipzig und jobbte kurz in UNISTERs Presseabteilung

Kathrin Wöhler

Frühe UNISTER-Mitarbeiterin; baute das Nachrichtenportal news.de auf und wurde Chefredakteurin; verließ UNISTER 2011; heute freischaffende Journalistin und Künstlerin

Hendrik Minkner

Inhaber des Reisebüros Minkner in Leipzig-Nord; seit über 33 Jahren im Geschäft; erlebte den Aufstieg der Online-Reiseportale als direkte Konkurrenz

Dr. Konstantin Korosides

Pressesprecher von UNISTER ab 2009, kannte Wagner aber schon von früher. Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Wagner auch enger Freund geworden; verließ das Unternehmen 2015; hinterfragte öffentlich die offizielle Absturzursache, schließt Mord bis heute nicht aus

Michael Hummel

Jurist in UNISTERs Rechtsabteilung 2010–2014; warnte intern wiederholt vor rechtlichen Konsequenzen; arbeitet heute für die Verbraucherzentrale

Dirk Rogl

Kommunikationsverantwortlicher bei UNISTER 2014–2016; kritisiert die Verhältnismäßigkeit der behördlichen Ermittlungen; initiierte 2017 eine (gescheiterte) Petition

Dr. Dirk Reuter

Staatsanwalt; leitete als einer von zwei Ermittlern die Strafverfahren gegen UNISTER; ermittelte auch nach dem Absturz; arbeitet heute im Bundesjustizministerium Berlin

Lucas Flöter

Insolvenzverwalter; übernahm Sommer 2016 die Abwicklung von UNISTER; zuvor u. a. mit Air Berlin, Mac Geiz und Mifa betraut; Kanzlei in Halle

Michael Ballack

Profifußballer; Kapitän der deutschen Nationalmannschaft; ab 2009 Werbegesicht von ab-in-den-urlaub.de; Ostdeutscher, fast gleicher Jahrgang wie Wagner

Reiner Calmund

Ex-Fußballmanager und Medienpersönlichkeit; Werbegesicht von fluege.de; traf Wagner als »fußballbegeisterten Gründer«

Sonja Zietlow

TV-Moderatorin (RTL-Dschungelcamp); machte Werbung für eine UNISTER-Plattform

Dirk Bach

TV-Entertainer und Moderator; machte zusammen mit Sonja Zietlow Werbung für UNISTER

Jürgen Drews

Schlagersänger; »König von Mallorca«; machte Werbung für UNISTER

Hannes Schöner

Bassist und Sänger der Kölner Karnevalband »die Höhner«; schrieb zusammen mit der Band den berühmten »Ab in den Urlaub«-Jingle

Prof. Claudia Brözel

Professorin für nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule Eberswalde; Präsidentin des Verbands Internetreisevertrieb; beobachtete UNISTER früh als Außenseiterin der Branche

Mathea Zug

Slowenische Fernsehjournalistin; berichtete am 14. Juli 2016 als eine der Ersten von der Absturzstelle im Vipavatal

Levi Vass (bzw. Levy Vass; alles Fake Namen)

Pseudonym des mutmaßlichen Betrügers; gab sich als israelischer Diamantenhändler aus; führte das »Ripdeal« in Venedig durch; bis heute auf freiem Fuß im Ausland

Adrian Wöhler

Ehemaliger UNISTER-Mitarbeiter; Mitarbeiternummer ca. 70; erlebte das Wachstum von unter 100 auf über 1.800 Beschäftigte

Chronologie

1978

Thomas Wagner wird in Dessau (DDR) geboren. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater Ingenieur.

1996

Wagner macht Abitur. Danach zwei Jahre Bundeswehrdienst.

1999

Beginn des BWL-Studiums in Leipzig. Wagner und ein Kommilitone arbeiten an einer studentischen Tauschplattform.

2002

Gründung der UNISTER GmbH. Startkapital: 38.500 Euro von Familienmitgliedern und Freunden. Die Website UNISTER.de geht online.

2003

Launch von geld.de und dem ersten Reiseportal. Das Unternehmen verlagert sich auf Preisvergleiche und Online-Buchungen.

2007

Kathrin Wöhler wird angerufen: Wagner will news.de aufbauen. Start des Nachrichtenportals.

2009

Michael Ballack wird Werbegesicht von ab-in-den-urlaub.de. Konstantin Korosides beginnt als Pressesprecher. Reiner Calmund übernimmt die Werbung für fluege.de.

2010

Über 1.800 Mitarbeiter. Umsatz: Reisen im Wert von fast 2 Milliarden Euro. Michael Hummel beginnt als Jurist. Anton Zirk arbeitet als Minijobber in der Presseabteilung.

2011

Brief von Google: Drohung mit Kontenschließung wegen Verstoß gegen Nutzungsrichtlinien. Rebellion von Teilen des Managements. WirtschaftsWoche-Bericht über rechtliche Graubereiche. Kathrin Wöhler verlässt UNISTER.

Juni 2012

Computer Bild titelt »Das Abzock-Imperium« – acht Seiten Vorwürfe. Anonym-Anzeige bei der Staatsanwaltschaft geht ein.

11. Dezember 2012

Erste große Razzia: 20 UNISTER-Objekte in mehreren Städten werden durchsucht. Drei Führungskräfte kommen in Untersuchungshaft, darunter Thomas Wagner.

2013

Weitere große Durchsuchung. Wagner kommt gegen Kaution frei, leitet das Unternehmen weiter.

2014

Dirk Rogl tritt als Teil-Kommunikationsverantwortlicher für den UNISTER-Travel-Bereich an. Korosides verantwortet aber weiter bis zu seinem Abgang die Kommunikation und Medienarbeit des Gesamtkonzerns UNISTER-Holding. Michael Hummel verlässt UNISTER und wechselt zur Verbraucherzentrale Sachsen.

2015

Daniel Kirchhoff verlässt das Unternehmen im Streit. Bertelsmann-Angebot (635 Mio. €) und ein weiteres Angebot (angeblich 900 Mio. €) werden von Wagner abgelehnt. Korosides verlässt UNISTER.

13. Juli 2016

Wagner und Oliver Schilling fliegen nach Venedig. Übergabe von 1,5 Mio. Euro Bargeld an »Levi Vass«. Der Rückkoffer enthält Falschgeld (»FAXIMILE«). Levi Vass verschwindet.

14. Juli 2016, 10:52 Uhr

Die Piper N710CC verschwindet vom Radar über dem Vipavatal in Slowenien. Letzter Funkspruch: »Mayday, mayday.« Thomas Wagner, Oliver Schilling, der Vermittler und der Pilot sterben.

18. Juli 2016

UNISTER meldet Insolvenz an. Lucas Flöter wird als Insolvenzverwalter bestellt.

Ende 2016

Eine tschechische Beteiligungsgesellschaft übernimmt den Reisebereich. Die meisten Mitarbeiter können ihre Jobs behalten.

2017

Verurteilung von Daniel Kirchhoff (2 Jahre Bewährung) und dem früheren Leiter der Flugsparte. Dirk Rogel‘s Petition für einen Untersuchungsausschuss scheitert (246 Unterschriften).

2020

Offizieller Abschlussbericht der slowenischen Behörden: Schlechtes Wetter war die Absturzursache. Keine Hinweise auf Fremdverschulden.

Podcast-Credits

Autorin & Host: Sophia Wetzke

Recherche & Autoren: Marc Zimmer und Anton Zirk

Dramaturgische Beratung: Christina Ebelt

Creative Producer & Regie: Max Stern

Musik: Jakob Hersch

Studioaufnahmen: Steffen Stark

Sounddesign & Mix: Jakob Hersch und Ole Zender

Cover: Helo Gorowski

Distribution Studio Soma: Aysegül Öztekin

Distribution MDR: Katja Arnold und Richard Gleitzmann

Technische Distribution MDR: Theresa Wünsch

Fact-Checking MDR: Dörte Harnisch und Alexander Roth

Redaktion MDR: Marvin Stantke

Redaktionsleitung MDR: Olivia Gattermann

Herstellungsleitung MDR: Steffen Thier

Executive Producer: Max Stern für Studio Soma; Olivia Gattermann für den MDR

Eine Produktion von Studio Soma und Zimmer & Zirk im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks.

Hintergrundtext zum MDR-Podcast »Ab in den Urlaub – Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER«
Alle zitierten Aussagen und Fakten entstammen dem dreiteiligen Podcast (Folge 1–3), produziert von Studio Soma und Zimmer & Zirk für den MDR, Autorin und Host: Sophia Wetzke. Der Artikel gibt den Inhalt des Podcasts zusammenfassend und analysierend wieder. Alle genannten Personen, Zitate, Daten und Sachverhalte beziehen sich überwiegend auf die im Podcast dokumentierten Recherchen.

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