10 Jahre nach der UNISTER Katastrophe - MDR Podcast-Serie »Ab-in-den-Urlaub.de« – der Crash des Internet-Imperiums Unister / Aufwühlende MDR-Podcast Serie

Zehn Jahre nach dem Tod des Internetstars und UNISTER-Gründers Thomas Wagner sowie seines Mitgesellschafters Oliver Schilling bei einem Flugzeugabsturz im slowenischen Vipavatal rückt ein neuer, aufwendig produzierter Podcast des Mitteldeutschen Rundfunks eines der spektakulärsten Kapitel der deutschen Internetwirtschaft erneut ins Rampenlicht.

Der MDR pusht auf allen Kanälen derzeit den dreiteiligen UNISTER-Podcast. Hier ein Ausschnitt auf Instagram (https://www.instagram.com/reel/DVlK0XJisNG/).

Die dreiteilige Serie „Ab in den Urlaub – Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER“ zeichnet den Aufstieg, die Skandale und das dramatische Ende des Leipziger Online-Konzerns nach. Dabei stellt der Podcast auch unbequeme Fragen. Gleichzeitig führt er seine Hörerinnen und Hörer behutsam durch eine wahnwitzige Start-up-Geschichte, die für viele ehemalige Mitarbeiter bis heute teils traumatisch nachwirkt. In der Spitze beschäftigte UNISTER rund 2.100 Menschen.

Seit dem 6. März 2026 ist die MDR-Produktion in der ARD Audiothek verfügbar und sorgt derzeit für große Aufmerksamkeit.

Zu Wort kommt auch Dr. Konstantin Korosides, langjähriger Kommunikationschef der UNISTER Holding. Er hat die entscheidenden Jahre des Unternehmens aus nächster Nähe begleitet und medial geprägt.

Redaktionshinweis: NETZ-TRENDS.de begleitet den MDR-Podcast in einer Artikelserie. Weitere Beiträge zum Thema UNISTER erscheinen im Laufe des Jahres – unter anderem anlässlich des 10. Todestags von Unternehmensgründer Thomas Wagner am 14. Juli 2026.

Der MDR-Podcast erschien am: 6. März 2026 · Folgen: 3 · Produktion: MDR/ARD / Studio Soma (Berlin) / Zimmer & Zirk (Leipzig)

Einleitung: Eine Geschichte, die sich niemand ausgedacht hätte

Es gibt Geschichten, die so unwahrscheinlich klingen, dass sie ein Drehbuchautor zurückschicken würde. Zu viel, würde er sagen. Zu effektvoll. Nicht glaubwürdig. Die Geschichte von Unister und seinem Gründer Thomas Wagner ist eine solche Geschichte. Sie beginnt mit zwei BWL-Studenten aus Dessau in einem Leipziger Studentenwohnheim, führt über Millionenumsätze, Krachgeräusch-Werbespots und bundesweite Fernsehpräsenz zu einer Razzia der Staatsanwaltschaft, einem Falschgeld-Deal in Venedig und einem Flugzeugabsturz über slowenischem Bergwald – und endet vier Tage später mit der Insolvenz des Unternehmens, veranlasst von der Familie Thomas Wagners, die nichts mit dem Unternehmen anzufangen wusste.

Zehn Jahre danach hat der MDR für die ARD diese Geschichte in einem dreiteiligen True-Crime-Podcast aufgerollt. Produziert von Studio Soma und dem Rechercheteam Zimmer & Zirk im Auftrag des MDR, präsentiert von Host Sophia Wetzke, basiert der Podcast auf Originalinterviews mit Zeitzeugen, internen Dokumenten und Originalaufnahmen – darunter das Funkprotokoll des letzten Fluges. Diese Rezension fasst alle drei Folgen zusammen.

cms.faqqn.400x600Podcast-Host Sophia Wetzke bei den UNISTER-Interviews. Foto: MDR / Dennis Schubert.

EPISODE 1 — Der Aufstieg »Der ostdeutsche Zuckerberg«

Episode 1: Der ostdeutsche Zuckerberg

Von Dessau nach Leipzig – die Keimzelle eines Imperiums

Alles beginnt am 10. Juli 2001 in einem 20-Quadratmeter-Zimmer im Studentenwohnheim der Universität Leipzig. Zwei BWL-Studenten aus Dessau – Thomas Wagner und Mathias Krasselt – gründen Unister, zunächst als digitales Schwarzes Brett, auf dem Studenten Klausurthemen, Lernunterlagen und Studienplätze tauschen können. Die Idee haben sie aus einer englischen Zeitschrift.

Wagner, geboren 1978 in Dessau, hat sich das Programmieren im Internet selbst beigebracht. Der frühere Leiter des Business Innovation Center Leipzig, Jörn-Heinrich Tobaben, erinnert sich: »Sie hatten eine Idee im Gepäck, die es so noch nicht gab.« Startkapital: 38.500 Euro. Büro: das Studentenwohnzimmer.

Zu den Gründern zählen neben Wagner und Krasselt auch Daniel Kirchhoff, Oliver Schilling und dessen Bruder Christian Schilling – allesamt Jugendfreunde aus Dessau und frühe Kommilitonen in Leipzig.

Der Pivot: Vom Schwarzen Brett zum Reiseimperium

Die ursprüngliche Idee mit den Studieninhalten skaliert nicht. Unister pivotiert: Die Gruppe entdeckt das Wachstumspotenzial der Online-Reisevermittlung. Innerhalb weniger Jahre entstehen mehr als 40 Internetportale – darunter die beiden Flagship-Portale, die den Namen Unister bundesweit bekannt machen werden.

ab-in-den-urlaub.de wird zum größten unabhängigen deutschen Online-Reisebüro. fluege.de positioniert sich als Deutschlands großes Flugbuchungsportal. Dazu kommen auto.de, news.de, Partnersuche.de, Travel24.com und Dutzende weitere. Zu Spitzenzeiten vermittelt Unister Pauschalreisen, Flüge und Mietwagen im Wert von nahezu zwei Milliarden Euro jährlich.

cms.rbdja.654x400Thomas Wagner (links) mit Andreas Prokop, der 2013 als Co-Geschäftsführer zu UNISTER kam. Der frühere Siemens-Manager war zuvor dem damaligen Kommunikationschef Konstantin Korosides von Dr. Volker Kühlow (Die Linke), damals Landtagsabgeordneter im Sächsischen Landtag, sowie von Reiner Engelmann (Die Linke), Mitglied der Fraktion im Leipziger Stadtrat, empfohlen worden; Korosides stellte ihn anschließend Wagner vor und empfahl diesen.

Der Jingle: Ein Ohrwurm und seine Schöpfer

Eine der Schlüsselentscheidungen in Unisters Aufstieg: Der Jingle. Das Unternehmen beauftragt die Kölner Kultband Die Höhner – genauer gesagt Bassist und Sänger Hannes Schöner – mit der Komposition eines Songs. Das Ergebnis: »Ab in den Urlaub«, ein simpler, eingängiger Ohrwurm, der in der Fernsehwerbung zehntausende Male gespielt wird. Pikant: Kaum jemand weiß bis heute, dass die Höhner dahinterstecken. Schöner schmunzelt im Podcast: »Das ist das erste Mal, dass ich darauf angesprochen werde.«

Michael Ballack und Reiner Calmund: Testimonials als Strategie

Ab 2009 setzt Unister konsequent auf prominente Werbegesichter. Michael Ballack, damals noch aktiver Fußball-Europameister, wird Testimonial für ab-in-den-urlaub.de. Der Werbespot – Ballack im Bett, vom Urlaub träumend – wird auf YouTube mehr als vier Millionen Mal geklickt.

FC-Bayern-Star Michael Ballack im Gespräch mit UNISTERs Medienchef Dr. Konstantin Korosides. Hier ein UNISTER-Pressefoto aus dem Jahr 2011, aufgenommen in Berlin Treptow bei einer ab-in-den-urlaub.de-Werbespot-Produktion.FC-Bayern-Star Michael Ballack im Gespräch mit UNISTERs Medienchef Dr. Konstantin Korosides. Hier ein UNISTER-Pressefoto aus dem Jahr 2011, aufgenommen in Berlin Treptow bei einer ab-in-den-urlaub.de-Werbespot-Produktion.

cms.jydda.696x400Podcast-Host Sophia Wetzke mit Co-Autor Anton Zirk.











Für fluege.de engagiert Unister Reiner Calmund, den legendären Ex-Manager von Bayer 04 Leverkusen, als Werbegesicht – seit März 2011 mit dem Slogan »Finde den billigsten Flug«. Der bürgerliche Name Calmunds ist Reinhold Calmund; »Reiner« ist sein bekannter Spitzname. Im Podcast erinnert er sich an Unister: »Das war eine junge Truppe, auch eine wilde Truppe, voller Energie und auch sehr kreativ! Da wurde nicht lange rumgequatscht oder rumgefackelt.«

cms.cgyzd.600x338Der Fußballmanager und TV-Werbestar Reiner Calmund war neben Michael Ballack eines der bekanntesten Gesichter der Unister-Werbung und prägte jahrelang die Kampagnen für fluege.de. Der Spot gilt bis heute als legendär. Im MDR-Podcast erinnert sich Calmund in Leipzig an Unternehmer Thomas Wagner, den er immer auch bewundert hatte.

Weitere Werbegesichter: RTL-TV-Moderatorin Sonja Zietlow (Dschungelcamp), Entertainer Dirk Bach und Schlagersänger Jürgen Drews, der »König von Mallorca«. Beim Skispringen taucht plötzlich »fluege.de« auf den Brettern der Sportler auf – Unister kauft kurzerhand einen thüringischen Skibrettenhersteller auf, um das Werbeverbot im Profisport zu umgehen.

Dr. Konstantin Korosides: Das Gesicht nach außen

Kaum eine Person ist enger mit der Außendarstellung von Unister verbunden als Dr. Konstantin Korosides. Der promovierte Politologe (LMU München und Freie Universität Berlin) tritt 2009 die Stelle als Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an und bleibt bis Mitte 2015 – insgesamt sechs Jahre, in denen er als Chief Communication Officer (CCO) die gesamte Unternehmenskommunikation der Unister Holding verantwortet.

cms.gwswm.400x711Dr. Konstantin Korosides, von 2009 bis 2015 Pressesprecher und Chief Communication Officer der Unister Holding in Leipzig. In seinem rund 20-köpfigen Team arbeitete zeitweise auch Werkstudent Anton Zirk (zimmerundzirk.de), heute Co-Autor des MDR-UNISTER-Podcasts. Foto: MDR / Anton Zirk.

Was Korosides in dieser Zeit leistet, ist in der deutschen PR-Branche bemerkenswert: Er tritt nach Branchenberichten weit über 100 Mal in nationalen Fernsehsendungen auf – Stern TV, Sat.1, ARD, ZDF, RTL, ProSieben, N-TV, n24. Mit seinem Presseteam baut er die Bekanntheit von Unister und seinen Portalen in der gesamten DACH-Region systematisch auf, vom kleinen Leipziger Start-up zum Begriff in Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch in Frankreich, Großbritannien und einigen weiteren Ländenr.

Im Podcast ist Korosides einer der offenherzigsten Gesprächspartner. Er beschreibt Wagner als jemanden mit einer fast diabolischen Freude am Spiel: »Das einzige Diabolische, was ich ihm vielleicht unterstellen würde, war der Kick und der Spaß, wenn er das Ding gewuppt hat.« Gleichzeitig macht er keinen Hehl aus seiner Loyalität. Wagner sei kein böser Mensch gewesen. »Er war kein Böser.«

Mitte 2015 verlässt Korosides Unister und kehrt nach Süddeutschland zurück. Er wechselt als Head of Communication zu Billiger.de (Karlsruhe), einer Tochter der Deutschen Telekom AG, Müller Medien in Nürnberg (Gunther Oschmann, Michael Oschmann, Constanze Oschmann) und Heise aus Hannover. Dass er Unister nicht loslässt, wird nach Wagners Tod auf drastische Weise deutlich – dazu mehr in Episode 3.

news.de und die Welt des Boulevard

Ein besonderes Kapitel im Unister-Aufstieg ist news.de, das 2007 gegründete Nachrichtenportal. Kathrin Wöhler– frühe Mitarbeiterin und Chefredakteurin des Portals – erinnert sich, wie sie mit bis zu 40 Redakteuren eine Plattform aufbaut, die »so ein neuer Spiegel sein« sollte. Die Realität: Etwa zwei Millionen Euro jährliches Minus. Wagner akzeptiert das Defizit für Jahre – aber die Richtung ändert sich schleichend. Als die Artikelüberschriften in Richtung »Wenn Männerbrüste plötzlich wachsen« gehen, zieht Wöhler– 2011 die Konsequenz. »Ich habe nie mehr gesagt, dass ich für Unister gearbeitet habe«, sagt sie im Podcast. Heute arbeitet sie als Journalistin von Burg aus, einer Kreisstadt des Landkreises Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, 30 Minuten nördlich von Magdeburg.

cms.shidv.711x400Kathrin Wöhler, frühere Chefredakteurin des UNISTER-Nachrichtenportals News.de, im Gespräch mit MDR-Podcast-Host Sophia Wetzke. Daneben Co-Autor Anton Zirk.











»Als ich 2009 anfing, lebte Thomas noch 2010 in einer WG. Er war vielfacher Multimillionär und hatte ein 20-Quadratmeter-WG-Zimmer. Thomas hatte so einen billigen Scheißstuhl.«

Dr. Konstantin Korosides, ehem. CCO Unister Holding

EPISODE 2 — Der Absturz »Ab in den Abgrund«

Episode 2: Ab in den Abgrund

Google, Grauzone und die Strategie der Grenzüberschreitung

Zentrales Werkzeug des Erfolgs: Google. Unister schaltet massiv Anzeigen über Google Ads, kauft auch Markennamen der Konkurrenz als Keywords – sodass Nutzer, die nach TUI suchen, auf einer Unister-Seite landen. Korosides erinnert sich: »Ich glaube, wir hatten irgendwie 4.000 Google-Konten.« 2011 kommt der Brief aus der Google-Zentrale: Kontenschließung innerhalb von vier Wochen, wenn Unister nicht »sauber spielt«. »Jetzt werden wir insolvent« ist Korosides' erste Reaktion laut MDR Podcast.

Die Razzia: 11. Dezember 2012

Am 11. Dezember 2012 schlägt die Staatsanwaltschaft zu. Die Ermittler – angeführt von Dr. Dirk Reuter, damals leitender Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen bei der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen und der dortigen umstrittenen INES (Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen), heute im Bundesjustizministerium in Berlin – durchsuchen die Unister-Büros im Barfußgässchen. Wagner und Kirchhoff kommen kurzzeitig in Untersuchungshaft.

cms.rmegd.711x400Dr. Dirk Reuter von der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen leitete gemeinsam mit Staatsanwalt Andreas Günthel das fast sechs Jahre andauernde Ermittlungsverfahren gegen den UNISTER-Konzern. Unter vielen ehemaligen Führungskräften des Unternehmens gilt er bis heute als persona non grata. Der Grund: Nicht wenige von ihnen machen die Staatsanwaltschaft und ihr aus ihrer Sicht überzogenes Vorgehen – von massiven Ermittlungen bis zu öffentlichen Beschuldigungen – Haupt-Mitverantwortlich für den Niedergang des Leipziger Internetkonzerns und damit indirekt für den Tod Thomas Wagners. Insgesamt gab es vier Razzien bei Unister, die Reuter leitete. An der ersten Razzia am 11. Dezember 2012 nahmen fast 130 Ermittler teil.











Die Vorwürfe sind gravierend: Das sogenannte »Runterbuchen« – Kunden buchten einen Flug für 250 Euro, Unister kaufte ihn für 180 Euro, behielt die Differenz und teilte sie dem Kunden nicht mit. Laut Staatsanwaltschaft umfasst dieses Vorgehen über 87.000 Fälle mit einem Schaden von rund 7,6 Millionen Euro.

Dazu kommt: Unister verkaufte Zusatzprodukte wie Stornoschutz und »FlexiFly«, die faktisch Versicherungscharakter hätten, behauptet die Staatsanwaltschaft – ohne die dafür erforderliche Lizenz der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht). Die Folge: Versicherungssteuer in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro seien angeblich hinterzogen worden. UNISTER beruft sich bis heute darauf, dass man dafür lokale Steuer abgeführt habe und zudem für das Portal kurz-mal-weg.de, das man für 11 Millionen Euro gekauft hatte, durchaus für das Flexyfly-Produkt eine Bafin Genehmigung hatte. Nur halt nicht als Versicherung, was die Bafin bis dahin auch niemals eingefordert habe.

Interne Mails, die im Rahmen der Ermittlungen sichergestellt werden, zeichnen ein klares Bild: Wagner schreibt Mitarbeitern, er würde bei Preisdarstellungen »lieber für den Kunden verwirrende Bezeichnungen formulieren«. In einer anderen Mail: »Es wäre vielleicht mal einen Versuch wert, die Leute durch drei, vier, fünf Schritte zu jagen. Und dann erst ganz zum Schluss die Gebühr zu präsentieren.«

Michael Hummel: Der Anwalt, der zum Verbraucherschützer wurde

Einer, der die Grauzone hautnah erlebt, ist Michael Hummel, Jurist in der Unister-Rechtsabteilung von 2010 bis 2014. Er beschreibt, wie er immer wieder auf rechtliche Risiken hinweist – und ignoriert wird. »Das Unternehmen hat mich zum Verbraucherschützer gemacht«, sagt er heute. Hummel arbeitet inzwischen für die Verbraucherzentrale. In deren Datenbank finden sich über 200 Abmahnungen und Verfahren gegen den Unister-Konzern.

Dirk Rogl: CCO in der Dauerkrise

Als Korosides im Mai 2015 „auf Anraten des ehemaligen Thüringer Regierungssprechers Peter Zimmermann geht“, wie Korosides später einräumt, übernimmt Dirk Rogl die Kommunikation. Peter Zimmermann zwar zwischenzeitlich Geschäftsführer bei UNISTER. Rogl, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des Touristik-Fachmagazins fvw (15 Jahre lang), ist seit Dezember 2014 als Direktor Kommunikation bei der Unister-Tochter Unister Travel tätig. Nach Korosides Weggang übernimmt er im Juli 2015 zusätzlich die Öffentlichkeitsarbeit der gesamten Holding und wird offiziell zum Chief Communications Officer (CCO) befördert – buchstäblich eines brennenden Konzerns. Er erinnert sich im MDR/ARD-Podcast an Thomas Wagners permanente 16-Stunden-Tage, auch an Wochenenden. Rogl betreibt heute Rogl Consult und arbeitet als Research Analyst bei Phocuswright Europe.

cms.eszdg.750x500Dirk Rogl, damals stellvertretender Chefredakteur der Hamburger Reisefachzeitschrift FVW, übernahm von 2015 bis 2016 für rund ein Jahr die Kommunikationsarbeit der UNISTER Holding. Er folgte damit auf den langjährigen Medienchef Dr. Konstantin Korosides, der sich nach Jahren intensiver medialer Präsenz rund um die UNISTER-Themen aus der Rolle zurückgezogen hatte - aus freien Stücken und in enger Absprache mit Wagner.

Dr. Konstantin Korosides – Die Intervention nach Wagners Tod

Was Korosides nach seinem Abgang von Unister antreibt, zeigt sich nach Wagners Tod besonders deutlich. Als am 15. Juli 2016 die Medienlage eskaliert – Bild, Spiegel Online, ARD, RTL, internationale Medien berichten und andere berichten über Geldkoffer, Rip-Deal, Falschgeld, Absturz –, droht die Berichterstattung, Wagner posthum zum Schurken seiner eigenen Geschichte zu machen. Korosides greift massiv ein.

Er tritt auch in Absprache mit der Wagner-Familie auf, die plötzlich Haupterbe von Thomas Wagners fast 50-Prozent-Anteil wird, spricht in Bild, Mitteldeutscher Zeitung, Kress und Dutzenden weiteren Medien. Er erklärt den Venedig-Deal als von der Hauskanzlei CMS Hasche Sigle vorgeprüftes Geschäft, beschreibt Wagner als Opfer organisierter Kriminalität – und bezweifelt öffentlich die Unfallthese des Absturzes.

»Für mich stinkt das Ganze zum Himmel. Wir haben es hier nicht mit Kleinkriminellen, sondern mit einem Kartell der Organisierten Kriminalität rund um Rip-Deals zu tun.«

Dr. Konstantin Korosides, ein Jahr nach dem Absturz (Kress.de, 2017)

Wagners Eltern stellen auf Anraten von Korosides Strafanzeige gegen Unbekannt und misstrauen öffentlich im DER SPIEGEL der ermittelnden Staatsanwaltschaft Sachsen. Es ist eine letzte PR-Intervention in einer Geschichte, die er mitgeschrieben hat – getragen von Loyalität und echter Überzeugung.

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Der Gesellschafter-Krach: Kirchhoff geht

2015 verlässt Daniel Kirchhoff das Unternehmen im Streit. Wagner wirft ihm öffentlich vor, Gelder veruntreut zu haben; Kirchhoff bestreitet das bis heute. Der eigentliche Kern: Unister hatte mehrere lukrative Verkaufsangebote vorliegen. Bertelsmann bot 635 Millionen Euro für die Reisesparte von UNISTER. Wagner lehnte ab. Ein weiteres Angebot soll sogar 900 Millionen Euro umfasst haben. Auch dieses lehnte Wagner ab – er wollte die Unabhängigkeit bewahren und Unister zur ersten deutschen Internet-Milliarden-Bewertung führen. Kirchhoff geht. 2017 wird er vom Landgericht Leipzig zu zwei Jahren Bewährung verurteilt.

EPISODE 3 — Das Erbe »Mayday«

Episode 3: Mayday

Venedig, 13. Juli 2016: Der Rip-Deal

Thomas Wagner reist am 13. Juli 2016 mit einem kleinen Team nach Venedig. Das Ziel: ein Kreditgeschäft mit dem angeblichen israelischen Diamantenhändler »Levy Vass« – einem Alias. Wagner bringt laut Ermittlungen rund 1,5 Millionen Euro in bar mit, als Sicherheit für ein angebliches Darlehen von 15 Millionen Euro.

Was folgt, ist ein klassischer Rip-Deal: Wagner erhält einen Koffer mit Schweizer Franken – Falschgeld, wie sich herausstellt. Den Schwindel bemerkt er erst auf der Rückfahrt zum Flughafen Marco Polo, als er einen Schein in einem Automaten einzahlt und kein Guthaben erscheint. Korosides erklärt im Podcast, wie es soweit kommen konnte: Ein bekannter Leipziger Politiker (Dr. Volker Kühlow) hatte Wagner über Korosides den Kontakt zu einem Immobilienhändler vermittelt (Oliver Bechstedt), der ind er Krise helfen wollte. Doch über zwei weitere Ecken landet Wagner plötzlich bei Betrüger Wilfried S. (69, aus Unna, NRW) landete – den Vermittler des Deals. Die Hauskanzlei CMS Hasche Sigle hatte den Darlehensvertrag vorab geprüft und zwar von einem »merkwürdigen Geschäft« gesprochen, aber keine grundsätzlichen Einwände erhoben.

14. Juli 2016: Der letzte Flug

Am Morgen des 14. Juli 2016 startet die gecharterte Piper PA-32 (N710CC), eine sechssitzige Maschine, vom Flughafen Venedig Marco Polo Richtung Leipzig/Halle. An Bord: Thomas Wagner, Oliver Schilling, Finanzberater Heinz Horst Beck (65) und der Pilot (73).

Das MDR/ARD-Podcast-Team konnte das Funkprotokoll des Fluges auftreiben und hat es vertonen lassen. Es dokumentiert die letzte halbe Stunde. Der Pilot meldet der Flugsicherung Ljubljana Eisprobleme und bittet um Kursänderung. Um 10:51 Uhr sein letzter Funkspruch: »Mayday, mayday. November 710, Charlie Charlie, do you read?« Um 10:52 Uhr verschwindet die Maschine vom Radar. Sie stürzt in einem Waldstück nahe dem Ort Pretmeja im Vipavatal (Slowenien) ab.

Die slowenische TV-Reporterin Mathea Zug, die in der Gegend wohnt, wird ans Absturzgebiet geschickt. Sie sieht zwei verbrannte Trümmerteile und das Heck der Maschine. Neben dem Wrack findet die Polizei einen nahezu unversehrten blauen Rucksack mit 10.000 Schweizer Franken – herausgeschleudert durch den Aufpralldruck.

Der offizielle Abschlussbericht und Korosides' Zweifel

Der offizielle Abschlussbericht der slowenischen Flugunfalluntersuchungsstelle, der erst vier Jahre später erscheint, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Das schlechte Wetter und die daraus resultierende Vereisung der Tragflächen haben die Maschine unkontrollierbar gemacht. Keine Hinweise auf Fremdverschulden.

Staatsanwalt Dr. Dirk Reuter sagt im Podcast: »Da habe ich keine Zweifel, dass dort irgendjemand irgendwie manipuliert hat« – gemeint ist damit die kriminelle Energie im Venedig-Deal, nicht der Absturz selbst. Korosides hingegen äußert sich öffentlich skeptisch zur Unfallthese und nennt ein Video, das nach seiner Kenntnis Wagner mit dem Rip-Dealer zeigt und das sächsische Ermittler bis heute nicht veröffentlicht haben: »Wir haben es mit einer schlampigen Justiz in Italien zu tun. Ich frage mich: Warum nicht?«

Levy Vass: Ein Phantom, das die Justiz kennt

Der Vermittler Wilfried S. wird 2017 vom Landgericht Leipzig wegen Betrugs zu fast vier Jahren Haft (3 Jahre, 10 Monate) verurteilt. Das eigentliche Gesicht des Betrugs, »Levy Vass«, bleibt auf freiem Fuß. Staatsanwalt Reuter sagt im Podcast: »Wir wissen, wer es ist – und wir haben ihn aber nie in Deutschland ins Gefängnis gebracht.« Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen kennt seine wahre Identität – ist aber nicht in der Lage, ihn zu verhaften, da er sich im Ausland aufhält.

Die Insolvenz und das Ende des Imperiums

Nur vier Tage nach dem Absturz, am 18. Juli 2016, meldet Unister nach einem internen Machtkampf zwischen den überlebenden Gesellschaftern Insolvenz an, eine Insolvenz die u.a. Korosides noch versucht hatte abzuwenden. Er hatte, wie einige andere, die Investorensuche priorisiert. Prof. Dr. Lucas Flöther, Insolvenzverwalter aus Halle und einer der renommiertesten Deutschlands (zuvor u.a. mit Air Berlin und der Fahrradmarke Mifa betraut), übernimmt auf Betreiben einiger Gesellschafter die Mammutaufgabe UNISTER. Er beschreibt die Lage: »Es war schon doch ein bisschen chaotisch, um es mal vorsichtig zu sagen.«

Ende 2016 wird der Reisebereich an die tschechische Beteiligungsgesellschaft Rockaway Capital SE (Prag) verkauft. ab-in-den-urlaub.de, fluege.de und news.de existieren bis heute – unter anderen Dächern. 2025 wird das Portal für 250 Millionen Euro weiterverkauft nach Polen.

Die Trauerfeier: Major Tom

Die Trauerfeier für Thomas Wagner und Oliver Schilling findet in der Kongresshalle am Zoo Leipzig statt – finanziert von Geschäftspartnern und der Branche, weil Unister selbst bereits insolvent ist. Am Ende wird David Bowies »Space Oddity« gespielt, die Geschichte von Major Tom, dem Astronauten, der den Kontakt zur Erde verliert. Einer der Trauerkränze kommt vom langjährigen UNISTER-Partner GOOGLE.

Das Team hinter dem Podcast

Host & Head-Autorin: Sophia Wetzke, Studio Soma, Berlin

Recherche & Co-Autoren: Marc Zimmer und Anton Zirk (Zimmer & Zirk)

cms.dfqbq.600x381Zimmer & Zirk aus Leipzig bestehen aus Marc Zimmer (links) und Anton Zirk .

Creative Producer & Regie: Max Stern (Studio Soma)

Musik: Jakob Hersch

Sounddesign & Mix: Jakob Hersch und Ole Zender

Dramaturgische Beratung: Christina Ebelt

Studioaufnahmen: Steffen Stark

Cover: Helo Gorowski

Fact-Checking MDR: Dörte Harnisch und Alexander Roth

Redaktion MDR: Marvin Stantke

Redaktionsleitung MDR: Olivia Gattermann

Herstellungsleitung MDR: Steffen Thier

Executive Producer: Max Stern (Studio Soma) und Olivia Gattermann (MDR)

Produktion: Studio Soma und Zimmer & Zirk im Auftrag des MDR

Fazit: Ein Podcast für die Zeitkapsel

Der MDR-Podcast »Ab in den Urlaub – Der Crash des Internet-Imperiums Unister« ist mehr als ein Nachruf auf ein Unternehmen. Er ist ein Dokument der deutschen Internet-Geschichte, ein Portrait einer Gründergeneration, die keine Grenzen kannte – und manchmal über sie hinausging. Die Mischung aus Original-Zeitzeugen, Originalaufnahmen (das Mayday-Funkprotokoll ist allein den Podcast wert) und sorgfältiger Recherche hebt diesen Podcast weit über die übliche True-Crime-Kost hinaus.

Alle drei Folgen sind kostenlos verfügbar in der ARD Audiothek sowie auf allen gängigen Podcast-Plattformen.

NETZ-TRENDS.de · 12. März 2026

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