Es gibt Tage, an denen Worte kaum tragen. Heute ist ein solcher Tag. Anette Kröning ist gestorben. Mit ihr geht eine leise, kluge Kraft des journalistischen Berufsstands – eine Frau, die Wirkung nie mit Lautstärke verwechselte, aber bei der Wahrheit keine Kompromisse machte.
Anette arbeitete über Jahre als freie Mitarbeiterin für die BILD-Zeitung, zuletzt für BILD Leben & Wissen. Mit einem leisen Lächeln nannte sie sich selbst die „älteste SEO-Redakteurin Deutschlands“*. Obwohl sie mittlerweile 70 war – und dabei viele Jahre jünger wirkte –, war diese Selbstbezeichnung keine Koketterie. Es war Ausdruck einer bewundernswerten Haltung: Bei ihr flossen lebenslange Erfahrung, eine fast jugendliche digitale Neugier und eine unerschütterliche journalistische Souveränität nahtlos zusammen. Genau diese seltene Mischung ist es, die die Autorenschaft bei BILD auszeichnet und das Blatt immer wieder zur spannendsten Lektüre Deutschlands macht. Anette war ein Teil dieser DNA.
Fünf Jahre UNISTER – Eine Konstante der Ruhe
In meiner Zeit als CCO der UNISTER Holding in Leipzig war Anette fünf Jahre lang Teil meines Teams. Sie war bei allen beliebt: unaufgeregt, klar im Denken, ohne jede Attitüde. Nicht immer die Schnellste – aber sehr häufig die Beste. Wenn die Stimmung im Team mal getrübt war, war sie die Sonne der Abteilung. Eine Präsenz ohne Eitelkeit, die uns allen gutgetan hat.
Eine Recherche gegen das kollektive Schweigen
Unvergessen bleibt ihre zweijährige, akribische EU-Studie für das UNISTER-Portal Preisvergleich.de zu den Diäten in Parlamenten. Eine Analyse, die international widerhallte – vom britischen Telegraph über Le Monde und die Schweizer Weltwoche bis hin zu großen Zeitungen in Belgien.
Anette deckte Fakten auf, die vielen zu unbequem waren: Sie belegte schon damals, dass bulgarische Europaabgeordnete dank der Einheits-Diät im EU-Parlament rund 2000 Prozent mehr im Jahr verdienten als ein normaler Bürger in ihrer Heimat. Dass die deutschen Medien dieses Ergebnis kollektiv verschwiegen, hat sie (und mich) zu Recht geärgert. Die BILD unter Kai Diekmann wollte es ursprünglich auf die Titelseite nehmen, war dann aber doch zurückgezuckt.
Anette liebte Fakten. Genau darin lag die Kraft ihrer Arbeit. Erfahrung statt Eitelkeit.
Vieles von dem, was sie später digital bei BILD umsetzte, lernte sie in der Leipziger Start-up-Schmiede UNISTER. Wie sie mir erzählte, war sie sehr dankbar für die Chance, um das Jahr 2010 herum im Barfußgässchen mitzumischen. Obwohl sie damals schon mehr Berufsjahre auf dem Buckel hatte als ihre Kollegen, empfand sie die Arbeit im extrem jungen Team der UNISTER-Belegschaft – der Altersdurchschnitt lag bei 24 Jahren – als große Bereicherung.
Bei mir hatte sie faktisch Narrenfreiheit, weil wir einen Freigeist wie sie genau brauchten. Anette liebte ihre Unabhängigkeit, Handtaschen und die Leipziger Oper. Sie wusste instinktiv, dass Zurückhaltung oft stärker ist als jedes Sendungsbewusstsein.
Ankommen im Norden
Vor zwei Jahren besuchte ich sie und ihren Mann in ihrem neuen Zuhause in Schleswig-Holstein. Sie hatten ihr Leipziger Haus verkauft und sich im Norden mit viel Liebe zum Detail eine wunderbare Bleibe geschaffen. Ich erinnere mich, wie wir mit ihrem Mann von dort aus an die Stränden Dänemarks fuhren und nach Sylt – Momente ohne Inszenierung, eine schöne gemeinsame echte Zeit, warmherzig, menschlich, schön. Genau so war Anette und lustig. Sie lachte ungemein gern.
Abschied
Am Samstag ist Anette gestorben. Der Verlust wiegt schwer. Meine Gedanken sind in dieser Zeit ganz fest bei ihrem Mann, ebenfalls ein langjähriger Redakteur der BILD-Zeitung, bei ihrer Familie und unserem alten UNISTER-Team.
Es ist eine bewegende Erinnerung, dass sie damals die Beerdigung von UNISTER-Gründer Thomas Wagner mitorganisierte und dafür „Major Tom“ auswählte. Heute ist sie selbst völlig losgelöst.
Lasst uns nicht nur trauern. Lasst uns feiern, dass sie unter uns war und wie sie die Welt bereichert hat. Irgendwo da oben, auf einem der Sterne, schaut unsere „Kleine“ jetzt auf uns herunter.
A sharp mind. A kind heart. Curiosity. Integrity. Freedom. Laughter.
Let’s celebrate her good life. Du wirst uns fehlen.
Am Montag wird sie in Schleswig-Holstein beerdigt.
Mitten aus dem Leben und einem vertrauten Gespräch heraus nach dem von ihr so geliebten gemeinsamen Samstagvormittag-Frühstück nahm Gott sie gegen 11 Uhr sanft an die Hand und rief sie ab. Eine Freundin aus Leipzig war bei ihr. Man scherzte gerade und lachte. Obwohl sie erst zwei Monate zuvor die Diagnose der unheilbaren Peritonealkarzinose (Bauchfellkrebs) erhalten hatte, blieb ihr ein langer Leidensweg erspart. Sie kippte einfach um und verabschiedete sich sogar noch wörtlich, während die Freundin ihr die Hand hielt. Sie verstarb in ihrem geliebten Zuhause in einem Moment des Friedens und der Freundschaft. Wir sind dankbar, dass sie den Weg in die Ewigkeit so sanft und geborgen antreten durfte.
(NETZ-TRENDS.de, Hrgb.)
*SEO steht für Search Engine Optimization – auf Deutsch Suchmaschinenoptimierung.
Gemeint ist damit die gezielte Optimierung von Inhalten, Technik und Struktur einer Website, damit diese bei Suchmaschinen wie Google möglichst weit oben in den organischen (nicht bezahlten) Suchergebnissen erscheint.
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