Der Ikarus-Komplex Zehn Jahre nach dem Tod des Internet-Stars Thomas Wagner. Es beginnt nicht mit dem Absturz. Es beginnt mit einer Eskalation aus Schlagzeilen, Studioscheinwerfern und Andeutungen hinter den Kulissen.Der Moment, in dem sich alles dreht – Sommer 2012: Im Sommer 2012 liegt eine große Computerzeitschrift mit Millionenauflage an den Kiosken – in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Die COMPUTER BILD. Auf dem Titel: der Vorwurf, ein Leipziger Internetkonzern sei ein „Abzock-Imperium“. Der Ton ist grell, die Anklage maximal.
Für UNISTER ist das mehr als Kritik. Es ist der Moment, in dem sich die öffentliche Wahrnehmung schlagartig verschiebt. Dabei sind die Marken des Konzerns zu diesem Zeitpunkt allgegenwärtig. Michael Ballack wirbt für ab-in-den-urlaub.de, Reiner Calmund steht für fluege.de. Hinzu kommen Kampagnen mit Sonja Zietlow und Dirk Bach für holidaytest.de – auch deshalb, weil Thomas Wagner und der für Kommunikation verantwortliche Manager erklärtermaßen Fans des RTL-Dschungelcamps sind. Für die Tochter, die Travel24.com AG (noch heute steht in Leipzig das Travel24 Hotel) macht Jürgen Drews Werbung. Kaum ein anderes Internetunternehmen investiert damals – ergänzend zur Google-Werbung – so massiv in Fernsehwerbung. Jährlich rund 25 bis 35 Millionen Euro netto, allein bei der RTL Group. Vertrauen, Reichweite, Prominenz – die Fallhöhe ist enorm. Umso härter wirkt der Bruch, als sich die Erzählung dreht.
Berühmt wurde vor allem der UNISTER-Calli-Werbespot in dem dieser sagt: "Diese Airlines behaupten ja gern, man finde bei ihnen die billigsten Flüge – aber wie denn, wenn sie nur ihre eigenen Angebote zeigen? Meine Jungs von fluege.de vergleichen die Preise von über 700 Airlines. Da findest du garantiert den günstigsten Flug. Wir halten, was andere nur versprechen. fluege.de – finde den billigsten Flug. Die Jungs haben’s einfach drauf."
Die Spot-Produktion war inhouse entwickelt und prodziert worden - zwischen der TV-Produktion und der UNISTER Kommunikationsabteilung.
Die sächsische Generalstaatsanwaltschaft aus Dresden rieb sich später selbst an diesem Spot und wollte wissen, ob man beworben hätte, man finde garantiert den billigsten Flug oder nur "finde den billigsten Flug". Es war ihr dabei nicht mal peinlich genug, Calmund dazu direkt nach Dresden zu einer Befragung einzuladen.
In auffälliger zeitlicher Nähe zur ComputerBild-Titelgeschichte greift das Fernsehen das Thema UNISTER auf. stern TV auf RTL, moderiert von Steffen Hallaschka. Mit im Studio sitzt der damalige Chef vom Dienst der Computerzeitschrift – ein persönlicher Bekannter des Moderators aus früheren journalistischen Jahren.
Für Beobachter entsteht der Eindruck einer nahtlosen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Narrative werden weitergedreht, Vorwürfe zugespitzt, neue Anschuldigungen erstmals in der Sendung erhoben. Für den betroffenen Konzern ist eine substanzielle Stellungnahme faktisch unmöglich. Keine Vorbereitung, keine Einordnung, keine Entkräftung.
Thomas Wagner, Gründer des Konzerns, verweigert den Auftritt. Stattdessen reist der Bereichsleiter Unternehmenskommunikation – persönlicher Freund Wagners – zähneknirschend nach Köln.
Die Sendung wird zum medialen Desaster. Verteidigung wird zur Reaktion, Erklärung zur Rechtfertigung. Für viele bei UNISTER markiert dieser Abend den Moment, in dem aus Kritik öffentliche Bloßstellung wird.
Am Ende der Sendung meldet die Redaktion rund 3.000 Zuschriften von Zuschauern. Man wolle diese dem Konzern „gern zur Verfügung stellen“, teilt der Moderator dem UNISTER-Sprecher später bei Snacks im Studio-Umfeld mit. Ein beiläufiger Satz – und zugleich ein Hinweis auf die Wucht dieser Ausstrahlung.
Der Gründer reagiert wütend, fassungslos. Medien haben Blut geleckt. Auch „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg fragt mehrfach an, ob der Kommunikationschef die Sendung nutzen wolle, um „Dinge klarzustellen“. Er lehnt ab. Von Talkrunden hat man genug. Nie wieder, heißt es fortan bei UNISTER.
Wenige Tage später erhält Thomas Wagner Post aus Köln. Absenderin ist Anke Schäferkordt, damals Geschäftsführerin von RTL Deutschland (Bertelsmann SE & Co. KGaA, Gütersloh) und später Mitglied im BMW Aufsichtsrat. In dem Schreiben entschuldigt sich die bei vielen beliebte und fachlich geschätzte Medienmanagerin Anke Schäferkordt für die Sendung. Sie stellt klar, dass stern TV ein eigenständiges Format sei, das nicht der direkten redaktionellen Steuerung von RTL unterliege.
Zugleich bietet sie Werbespendings in Höhe von einer Million Euro als Wiedergutmachung an. Für Beobachter ist der Brief ein seltenes Signal: Selbst im eigenen RTL-Hauptquartier wird die Schärfe der Eskalation als problematisch empfunden.
Rückblickend schildert der damalige Konzernsprecher eine Episode, die ihn bis heute nicht loslässt. Im Herbst 2012, so berichtet er, sei er telefonisch von einem Redaktionsleiter der COMPUTER BILD kontaktiert worden – jenem Mitglied der Redaktiosleitung, der den mehrseitigen Anti-Unister-Artikel des Magazins inhaltlich mitverantwortet habe. In diesem Gespräch, gegen 14 Uhr, sei ihm mitgeteilt worden, dass bei Unister für den Dezember 2012 eine Razzia anberaumt sei, verbunden mit der Anordnung von Untersuchungshaft gegen drei Manager. Betroffen gewesen seien demnach auch Gründer Thomas Wagner, der Finanzchef sowie ein weiterer Manager. Die Ermittlungen, so hieß es weiter, würden von der Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen (INES) aus Dresden unter Führung der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen koordiniert.
Panisch habe er daraufhin recherchiert, wer diese INES sei, und Wagner umgehend informiert. INES, so teilte er Wagner mit, habe einen katastrophalen Ruf und sei eines der schärfsten Schwerter der Justiz in ganz Deutschland. Selbst ein Minister der aktuellen Sachsen-Regierung hatte mit dieser Einheit privat schon einmal zu tun. Dennoch sei Wagners Reaktion lapidar ausgefallen: Sollen sie doch kommen, habe der Gründer lachend gesagt, er habe nichts zu verbergen. Rückblickend, so der Konzernsprecher, wirke diese Haltung kaum vorstellbar – naiver ging es kaum.
Szenenwechsel: Bis zu diesem Zeitpunkt ist intern längst dem engeren Managementkreis klar, was sich abzeichnet. Spätestens seit 2011 weiß man: Wagner ist auf dem Weg, Milliardär zu werden – nicht durch schnellen Exit, sondern durch rasanten Wertaufbau, Cashflow, Gattungsdomains und internationale Marktführerschaft. Man spricht darüber auf den Fluren, nüchtern, fast selbstverständlich.
Dieses Selbstverständnis hält eine rund 50-seitige Jubiläumsbroschüre fest, erschienen im Frühjahr 2013 zum zehnjährigen Bestehen. Dokumentiert sind fast 2.000 Mitarbeiter, neun Standorte, über 40 Portale, rund zehn Millionen Nutzer im Monat. Domains wie ab-in-den-urlaub.de, fluege.de, auto.de, geld.de, shopping.de – einige der begehrtesten Internetadressen Europas. Expansion nach Frankreich, Spanien, Großbritannien und in die USA.
Die Broschüre ist ein Zeitdokument. Sie zeigt die Ausgangslage vor dem Zugriff des Staates.
+++ die Broschüre kann weiter unten komplett heruntergeladen werden +++
Drei Monate nach der Ankündigung zur möglichen Razzia rückt am 11. Dezember 2012 tatsächlich eine Hundertschaft an Ermittlern an – rund 130 Beamte: Polizei, Staatsanwälte, städtische Mitarbeiter, Finanzbeamte, IT-Forensiker. Unister wird besetzt.
Büros werden durchsucht, Server beschlagnahmt, Manager abgeführt. Zuständig ist die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen mit ihrer INES-Einheit. Das Durchschnittsalter der Unister-Belegschaft liegt bei 24 Jahren. Für viele wirkt der Einsatz wie eine Machtdemonstration machbesessener Staatsanwälte aus Dresden. Federführend sind die Staatsanwälte Andreas Günthel und Dr. Dirk Reuter.
Für Mitarbeiter entsteht der Eindruck einer Kette: Titelgeschichte, TV-Vorführung, Andeutungen, staatlicher Zugriff. Mediale Zuspitzung und Ermittlungsdruck scheinen sich gegenseitig zu verstärken.
Unmittelbar nach der Razzia im Dezember 2012 verlagerte sich das Geschehen von der strafprozessualen Ebene in den politischen Raum. Was als Ermittlungsverfahren begann, entwickelte sich rasch zu einem parlamentarisch, medial und institutionell begleiteten Großkomplex, dessen Dimensionen und Abläufe bis heute Gegenstand der Aufarbeitung sind. Im Sächsischen Landtag folgte eine Serie mehrerer Kleiner Anfragen aus der Fraktion DIE LINKE, die sich ausdrücklich mit der Rolle der Integrierten Ermittlungseinheit Sachsen (INES) in den Ermittlungen gegen Unister befassten.
Federführend trat der Leipziger Landtagsabgeordnete Dr. Volker Külow auf. Seine Kleine Anfrage (Drs.-Nr. 5/11251) zielte auf Transparenz über Zuständigkeiten, Eskalationsstufen und die konkrete Einsatzarchitektur der Ermittlungen. Beantwortet wurde sie namens und im Auftrag der Sächsischen Staatsregierung durch das Sächsisches Staatsministerium der Justiz und für Europa, unterzeichnet von Justizminister Jürgen Martens.
Martens, Rechtsanwalt und FDP-Politiker, war zu diesem Zeitpunkt Sächsischer Staatsminister der Justiz und für Europa von 2009 bis 2014 sowie Abgeordneter des Sächsischen Landtags von 2004 bis 2014. In seine Amtszeit fiel damit nicht nur die operative Phase der Ermittlungen, sondern auch deren parlamentarische Rechtfertigung und politische Einordnung. Später gehörte Martens von 2017 bis 2021 dem Deutschen Bundestag an – ein Umstand, der die damaligen Entscheidungen rückblickend zusätzlich politisch auflädt.
Bemerkenswert ist die Chronologie, die das Ministerium selbst offenlegte – und vor allem, was ihr vorausging. Ausgangspunkt der Ermittlungen war eine anonyme Anzeige, die am 31. August 2012 bei der Staatsanwaltschaft Leipzig einging.
Verfasser ist nach allem was man bis heute in der Branche vermutet, ein gewisser Jura-Professor aus Düsseldorf der dies im Auftrag eines Reiseverbands gemacht haben soll.
Bereits Anfang der 2010er-Jahre formierte sich massiver Widerstand gegen den digitalen Reisevertrieb. Selbst Branchengrößen wie TUI, Thomas Cook, der damalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunold oder Ryanair-Chef Michael Kevin O’Leary traten öffentlich als scharfe Kritiker von UNISTER auf. Der Leipziger Online-Konzern galt vielen etablierten Akteuren als Symbol – und Katalysator – eines unerwünschten Strukturwandels.
Im Jahr 2012 existierten in Deutschland dennoch noch rund 20.000 bis 24.000 stationäre Reisebüros. Heute, 2026, weist der Deutsche Reiseverband (DRV) nicht einmal mehr 8.000 aus. Der Rückgang war dramatisch – und früh wurde ein vermeintlicher Hauptschuldiger benannt: UNISTER.
In Fußgängerzonen, Einkaufszentren und Bahnhöfen wurde der Online-Konzern von vielen stationären Reisebüros als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Es kam zu offenen Boykottaufrufen, scharfen Abgrenzungen und teils regelrechten Hasskampagnen gegen UNISTER – häufig flankiert oder zumindest rhetorisch unterstützt von Branchenverbänden, die den digitalen Wandel nicht als ökonomische Realität, sondern als Angriff auf gewachsene Strukturen verstanden.
Doch bei aller Kritik gilt auch: Kein anderer Akteur im Markt agierte in dieser Phase so offensiv, so kompromisslos – und zugleich so erfolgreich – wie UNISTER. Der Konzern nutzte die Möglichkeiten des digitalen Vertriebs mit einer Konsequenz, die viele Wettbewerber unterschätzten oder zu spät adaptierten.
UNISTER wurde damit nicht nur zur Projektionsfläche eines Strukturbruchs, sondern zu einem seiner treibenden Kräfte.
Die anonyme Anzeige höchstwahrscheinlich aus Düsseldorf erfolgte erst nach einer intensiven Medienkampagne der COMPUTER BILD, die inhaltlich und zeitlich eng mit der Anti-Unister-Sendung von stern TV koordiniert waren.
Erst nach dieser publizistischen Eskalation wurde die anonyme Anzeige an die Generalstaatsanwaltschaft Dresden weitergeleitet, wo Vorermittlungen eingeleitet wurden. Bereits am Montag den 3. September 2012 sagte die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen die Übernahme des Verfahrens zu. Die förmliche Übernahme sämtlicher Ermittlungen erfolgte mit Verfügung vom 1. Oktober 2012 nach § 145 Gerichtsverfassungsgesetz (GVG). Erst ab diesem Zeitpunkt wurde die Abteilung III – INES offiziell mit der Durchführung der Ermittlungen beauftragt.
Noch in jener Septemberwoche, in der die Ermittlungen offiziell von der Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen (INES) übernommen wurden, so erinnert sich der damalige Konzernsprecher, sei er bereits konkret auf die bevorstehende Razzia hingewiesen worden. Für ihn ergibt sich daraus bis heute ein klares Bild: Zwischen INES und der COMPUTER BILD müssen enge Informationskontakte bestanden haben. Anders lasse sich die zeitliche Präzision dieser Vorabinformation kaum erklären, ist sich der damalige Bereichsleiter Unternehmenskommunikation bei UNISTER bis heute sicher.
Was folgte, war keine gewöhnliche Wirtschaftsermittlung. Die Antworten der Staatsregierung erlauben eine exakte Rekonstruktion der Einsatzarchitektur. Über drei Durchsuchungstage – den 11. Dezember 2012, den 12. Dezember 2012 sowie den 30. Januar 2013 – waren mindestens 123 Personen unmittelbar beteiligt; rechnet man Logistik, Auswertung und administrative Unterstützung hinzu, liegt die realistische Zahl bei über 130 bis 140 Beteiligten.
Allein auf Seiten der Generalstaatsanwaltschaft Dresden, Abteilung III – INES, waren 13 Mitarbeitende im Einsatz. Die Staatsregierung Sachsen weist insgesamt acht staatsanwaltliche Einsätze im Rahmen der Durchsuchungsmaßnahmen aus. Ob und in welchem Umfang es sich dabei um identische oder unterschiedliche Personen handelte, geht aus der Landtagsdrucksache nicht hervor.
Hinzu kamen 44 Beamte des Landeskriminalamts Sachsen, davon 13 aus dem Dezernat 25 – INES am Hauptdurchsuchungstag sowie weitere Kräfte an den Folgeterminen. Ergänzt wurde dieser Kern durch 16 Polizeibeamte aus anderen Bundesländern – konkret aus Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Brandenburg und Bayern –, was den länderübergreifenden Charakter der Maßnahme unterstreicht.
Eine weitere Ebene bildeten die Finanz- und Aufsichtsbehörden. Mit 38 Finanzbeamten der Steuerfahndung des Finanzamts Leipzig II sowie 3 Mitarbeitenden der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die mit eigenem Durchsuchungsbeschluss vor Ort waren, erreichte der Einsatz eine Tiefe, die selbst bei komplexen Wirtschaftsstrafverfahren ungewöhnlich ist. Hinzu kamen 5 kommunale Bedienstete aus Sachsen, Hessen und Bayern, die gemäß § 105 Abs. 2 Strafprozessordnung als gesetzliche Zeugen fungierten, sowie 4 externe IT-Gutachter, die gezielt mit der Sicherung umfangreicher elektronischer Daten beauftragt waren.
Die Durchsuchungen erstreckten sich nicht nur auf Geschäftsräume der Unister Holding und mehrerer Tochtergesellschaften, sondern auch auf Privatwohnungen beschuldigter Personen. Geografisch reichten sie von Sachsen über Hamburg bis nach Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Brandenburg und Bayern. Bereits diese Streuung zeigt: Es ging nicht um einen punktuellen Zugriff, sondern um eine flächendeckend koordinierte Großmaßnahme.
Gerade diese außergewöhnliche Dichte aus Medienkampagne, anonymer Anzeige, früher Zentralisierung der Ermittlungen und massiver Einsatzstärke erklärt, warum der Fall bis heute Bestandteil der Aufarbeitung ist – und zwar aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Juristisch stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit: War die frühe Übernahme durch die Generalstaatsanwaltschaft und die Bündelung bei INES angesichts des damaligen Kenntnisstands zwingend? Politisch bleibt offen, ob die Abfolge Medienberichterstattung → anonyme Anzeige → Ermittlungseskalation zufällig war oder strukturelle Probleme im Zusammenspiel von Öffentlichkeit, Strafverfolgung und Politik offenlegt. Medial wiederum wirkt der Fall als Lehrstück über Macht und Verantwortung investigativer Kampagnen, wenn diese faktisch Ermittlungsdynamiken vorstrukturieren.
Nicht zuletzt markiert die Unterzeichnung der Antworten durch Jürgen Martens den Moment, in dem das Verfahren endgültig regierungspolitische Verantwortung erhielt. Die Antworten auf die Kleine Anfrage im Landtag Sachsen sind formal präzise, juristisch abgesichert und zugleich auffällig zurückhaltend dort, wo personelle Verantwortlichkeiten konkret würden. Genau diese Mischung aus Transparenz und Begrenzung sorgt dafür, dass der Komplex Unister/INES bis heute als offenes Kapitel gilt – weil Fakten im Hintergrund fehlen und weil ihre Einordnung der Protagonisten im Hintergrund weiterhin offen und umstritten ist.
Es folgen fast sechs Jahre Ermittlungen. Vier Großrazzien, gebundene Vermögenswerte, verengte Entscheidungsräume, zerstörtes Vertrauen. Juristisch bleibt das Ergebnis später überschaubar. Ökonomisch ist die Wirkung verheerend. Der Kapitalmarkt friert ein. Erst 2017 kommt es zu finalen Gerichtsentscheidungen.
Im Herbst 2015 erklärte für UNISTER äußerst überraschend die HanseMerkur aus Hamburg einen Kredit gegenüber UNISTER und dessen Gründer Thomas Wagner für mit sofortiger Wirkung fällig. Der Schritt kam für den Konzern zu einem Zeitpunkt, an dem interne Finanzierungsannahmen noch von einem Fortbestand der Vereinbarung ausgingen. "Diese unnötige plötzliche Kredit-Fälligstellung ist letztlich für das ganze weitere Drama, einschließlich den Tod Thomas Wagners zentral mitverantwortlich. Ohne sie würde Wagner wahrscheinlich noch leben und UNISTER würde es als Ganzes noch geben", kommentiert ein Insider.
Die HanseMerkur zählt zu den größeren unabhängigen Versicherungsgruppen Deutschlands. Das Unternehmen wurde 1875 gegründet und ist insbesondere in der Kranken-, Reise-, Lebens- und Sachversicherung tätig (Quelle: HanseMerkur Unternehmensprofil).
Im Geschäftsjahr 2024 erzielte die Gruppe Bruttobeitragseinnahmen von 2.946,6 Mio. Euro und beschäftigte 2.626 Mitarbeitende im Innen- und Außendienst (Quelle: HanseMerkur Geschäftsbericht 2024).
Als institutioneller, traditionell vorsichtig agierender Versicherer galt die HanseMerkur nicht als kurzfristig agierender Finanzinvestor. Entsprechend hoch war die Signalwirkung, die von der Fälligstellung eines Kredits durch einen solchen Akteur ausging.
Konkret ging es um eine Summe von rund 50 Millionen Euro. Konzernintern war dieses Darlehen über längere Zeit als temporäre Übergangsfinanzierung eingeordnet worden. Mit der Fälligstellung musste der Betrag nun innerhalb weniger Wochen bis Monate vollständig bereitgestellt werden – ohne die Möglichkeit, auf vorbereitete Refinanzierungsstrukturen zurückzugreifen.
Parallel dazu hielt sich UNISTER gegenüber externen Banken bewusst zurück. Nach den massiven, in ihrer Wirkung vielfach als willkürlich empfundenen Großrazzien war der Zugang zu den Kapitalmärkten faktisch nahezu versperrt.
Die Lage verschärfte sich zusätzlich durch die operative Dimension des Konzerns: UNISTER betreute zu diesem Zeitpunkt rund 2 Millionen Kunden und vermittelte einen Reiseumsatz von über 2 Milliarden Euro (Unternehmensangaben/zeitgenössische Berichte).
Täglich mussten tausende, teils zehntausende buchhalterische Einzelvorgänge bewältigt werden – Zahlungen, Weiterleitungen, Provisionsabrechnungen, Stornos und Rückerstattungen. In einer solchen Struktur konnte bereits eine einzelne Verzögerung oder ein administrativer Engpass ausreichen, um fällige Verpflichtungen nicht fristgerecht zu bedienen.
Entscheidend war weniger die Ertragskraft des Geschäftsmodells als die ständige Anfälligkeit gegenüber externen Insolvenzanträgen. Nach § 14 Insolvenzordnung (InsO) kann jeder Gläubiger bei einer nicht bedienten fälligen Forderung ein Insolvenzverfahren von außen beantragen.
Der Konzern war damit nicht insolvent, aber strukturell angreifbar – abhängig davon, ob Zahlungen punktuell ins Stocken gerieten.
Aus einem zuvor cashflow-starken Konzern wurde so ein Unternehmen im permanenten finanziellen Spannungs- und Krisenmodus – nicht insolvent, aber jederzeit extern weiter destabilisierbar.
Diese fragile Lage hatten zuvor schon einzelne Medien und Journalisten teils genüsslich aufgegriffen und verstärkten sie durch zugespitzte Berichterstattung, etwa mit Schlagzeilen wie „UNISTER bilanziell überschuldet“ im HANDELSBLATT.
In dieser Situation setzte Thomas Wagner auf einen Börsengang der Reisesparte als Ausweg. Die Idee war tragfähig – sie brauchte jedoch Zeit. Mindestens ein Jahr. Diese Zeit stand nicht zur Verfügung.
Hinzu kam ein bis heute erklärungsbedürftiger Widerspruch: Über Jahre hatte die HanseMerkur erheblich von Unister profitiert, unter anderem durch den Verkauf tausender Reiserücktrittsversicherungen mit jährlichen Millionen-Gewinnen, die der HanseMerkur aus dem Deal mit Unister zuflossen. Ein Geschäft, das lange funktionierte – bis die Kreditforderung zur entscheidenden Bruchlinie wurde.
Als sich der Konzernsprecher und Leiter der Unternehmenskommunikation von Unister im Mai 2015 auf eigenen Wunsch zurückzieht, wirkt dieser Schritt nach außen wie eine zwar außergewöhnliche Personalie, aber eine verständliche. Viele empfanden es als Einschnitt, der sich nur vor dem Hintergrund der Rolle erklären lässt, die diese Funktion über Jahre eingenommen hat – und der medialen Dauerbelastung, unter der der Konzern längst stand und zu diesem Zeitpunkt steht.
Unister ist zu diesem Zeitpunkt kein Unternehmen mehr, das nur anlassbezogen in den Medien auftaucht. Es ist Dauerthema.
In der Regionalberichterstattung – etwa in der Leipziger Volkszeitung, in BILD (Ausgaben Leipzig/Sachsen), der Sächsischen Zeitung oder der Mitteldeutschen Zeitung – wird Unister über Jahre hinweg regelmäßig begleitet: Wachstum, Ermittlungen, Personalien, Umstrukturierungen.
Parallel dazu greifen überregionale Leitmedien den Fall immer wieder auf, darunter DER SPIEGEL, DIE ZEIT, Die Welt und das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, FAZ, auch österreichische oder Schweizer Medien sind dabei wie das Schweizer Fernsehen SRF oder deutsche nationale Fernsehsender wie ARD, ZDF, RTL, ebenso regionale wie MDR, SWR etc.. Häufig nicht als Einzelereignis, sondern als fortlaufende Geschichte über Aufstieg, Eskalation und Risiken eines Internetkonzerns. Später steigen auch Bloomberg ein oder die Financial Times.
Ausgewertete Pressespiegel und Archivtreffer – unter anderem aus dem Axel Springer-Archiv – zeigen ein eindeutiges Bild: Zwischen 2009 und 2017 erschienen deutlich über 100 Hintergrundberichte, in denen UNISTER im Mittelpunkt stand. Mehr als die Hälfte dieser Beiträge entfiel auf regionale und mitteldeutsche Medien, weitere rund 30 Veröffentlichungen auf nationale Leit- und Wirtschaftstitel. Darüber hinaus belegen UNISTER-interne Medienscreenings mit dem Medien-Clipping-Dienstleister Landau, dass allein im Jahr 2012 mehr als 20.000 Medienberichte zu UNISTER, seinen Portalen und Marken unter anderem in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich und einigen anderen Ländern erfasst wurden.
Auffällig ist dabei weniger die Häufigkeit als die Zuschreibung. In vielen Beiträgen wird nicht abstrakt „der Konzern“ zitiert, sondern der Konzernsprecher selbst als einordnende Instanz. Seine Aussagen liefern Kontext, Zahlen und Deutungsrahmen. Kommunikation wird erklärend – und damit sichtbar auf C-Level- bzw. Vorstandsniveau verortet.
Hinzu kommt eine studiengetriebene Kommunikation, die regelmäßig eigene Medienzyklen auslöst. Eine Untersuchung zum Tankbetrug etwa – basierend auf Daten aus über 100 Städten mit mehr als 90.000 registrierten Fällen und Zuwachsraten von über 17 Prozent – wird bundesweit aufgegriffen, kommentiert und weiterverarbeitet. Kommunikation fungiert hier nicht mehr nur begleitend, sondern als Ausgangspunkt öffentlicher Debatten.
Auch Wirtschafts- und Digitalmedien greifen Unister und seine Personalien regelmäßig auf. Titel wie Business Insider und Gründerszene ordnen Entwicklungen nicht als Randnotiz ein, sondern als relevante Vorgänge innerhalb der deutschen Digitalszene.
Selbst kleinere operative Schritte entfalten öffentliche Wirkung. Als Unister 2014 die Portalservice GmbH mit rund 120 Mitarbeitenden schließt beziehungsweise veräußert, berichten darüber nicht nur deutsche Medien. Über dpa- und APA-Meldungen greifen auch ausländische Titel den Vorgang auf, etwa die Tiroler Tageszeitung. Der Konzern wird dabei regelmäßig mit rund 1.800 Beschäftigten eingeordnet – jeder Schritt erhält Gewicht.
In dieses Umfeld tritt 2013 Peter Zimmermann ein. Als ehemaliger Regierungssprecher des Freistaates Sachsen sowie später Regierungssprecher und Staatssekretär für Medien in Thüringen kennt er Eskalationsdynamiken aus der Politik. Auf Wunsch von Thomas Wagner wird er in die Geschäftsführung eingebunden. Wagner sucht keinen klassischen Manager, sondern jemanden, der öffentliche Dynamiken lesen und Risiken benennen kann.
Die Annäherung erfolgt informell. Mehrere Abendessen finden in Leipzig, im Umfeld der Karl-Liebknecht-Straße, statt – diskret, teils in einer Wohnung mit Pseudonym an der Klingel. Am Tisch sitzen Wagner, der damalige Finanzchef, der Konzernsprecher und eine PR-Vertraute Zimmermanns. Es geht um Einschätzung, Vertrauen, das gemeinsame Lesen einer Lage, die sich zuspitzt.
Doch diese Personalie bleibt nicht unbeobachtet. Noch bevor Zimmermanns Einstieg öffentlich wird, meldet sich DER SPIEGEL beim Konzernsprecher. Der Anruf ist als Warnung formuliert: Zimmermann gelte angesichts seiner politischen Herkunft als hoch sensibles, „heißes“ Eisen. Wer ihn in dieser Phase in eine exponierte Konzernrolle hole, bewege sich auf medial und politisch vermintem Terrain.
Trotzdem geht man den Schritt. Zimmermann agiert primär beratend. Über gut eineinhalb Jahre sucht er immer wieder das Gespräch mit dem Konzernsprecher – häufig bei Mittagessen, bewusst fernab von Sitzungen. Er warnt vor der wachsenden persönlichen Fallhöhe: Sollte sich der massive Ermittlungsdruck wirtschaftlich zuspitzen, könne ein öffentlicher Knall nicht nur den Konzern, sondern auch den medial bekannten Konzernsprecher selbst treffen.
Erst im Frühjahr 2015 kippt die Abwägung. Die Schlagzeilen reißen nicht ab, die Personalisierung nimmt weiter zu, die Steuerbarkeit ab.
Der Rückzug erfolgt geordnet und in enger Abstimmung. Regionale Medien wie BILD Leipzig/Sachsen und die Leipziger Volkszeitung berichten ebenso darüber wie überregionale Titel aus der Digital- und Wirtschaftspresse, darunter Business Insider und Gründerszene. In vielen Beiträgen wird der Weggang nicht als bloße Personalie, sondern als Zäsur innerhalb der Eskalation bei Unister eingeordnet.
Wagner weiß, was dieser Schritt bedeutet: den Verlust eines Weggefährten durch die schwierigste Phase des Unternehmens. Zum Abschied bedankt er sich mit einer Abfindung – leise, ohne Inszenierung. In der Geschäftsführung fließen Tränen.
14. Juli 2016, 10.16 Uhr.
Eine Maschine hebt in Venedig ab. 1,5 Millionen Euro in bar, ein geplanter Rip-Deal, der Rückflug. Leipzig wird nie erreicht.
Unter den Toten: Thomas Wagner und Oliver Schilling, Mitgründer, frischgebackener Vater. Christian Schilling, Zwillingsbruder, überlebt, weil er den Flug nicht antritt.
2025 werden zentrale Assets für rund 240 Millionen Euro weiterverkauft – Vermögenswerte, die 2016 für 80 bis 90 Millionen Euro abgegeben wurden. Der Wertzuwachs zeigt: Unister war nie wertlos. Die Insolvenz war nicht alternativlos.
Offen bleibt bis heute der Rip-Deal-Komplex um Levy Vass. Trotz Aufnahmen, trotz Zeugen keine öffentliche Fahndung. Viele sagen: Irgendetwas stinkt zum Himmel.
Dieser Text ist kein Nachruf. Er ist ein Rückblick und eine Warnung. Er zeigt, wie mediale Eskalation, staatlicher Zugriff und finanzielle Abhängigkeit ein System kippen können – gerade dann, wenn der Erfolg am größten ist.
Am 14. Juli 2016 um 10.16 Uhr startet am Flughafen Venedig ein einmotoriges Flugzeug des Typs Piper PA‑32R‑301T mit der US‑Registrierung N710CC in Richtung Leipzig. An Bord sitzen drei Passagiere und ein 73‑jähriger Pilot, „vsi štirje so bili nemški državljani“ (deutsch: „alle vier waren deutsche Staatsbürger“), wie das slowenische Nachrichtenportal 24ur.com im Artikel vom 08.10.2020, 18.25 Uhr berichtet. Keiner überlebt den fast senkrechten Einschlag nahe Predmeja bei Ajdovščina – „Nesreče nihče ni preživel, vzrok zanjo pa je bilo predvsem slabo vreme“ (deutsch: „Niemand hat den Unfall überlebt, Ursache war vor allem das schlechte Wetter“), fasst der Beitrag mit dem Titel „Končno poročilo o letalski nesreči pri Ajdovščini razkriva več nepravilnosti“ zusammen. (Verweis u.a.: 24ur)
Freunde und auch einige Journalisten sehen es aber anders: Sie gehen nach wie vor von einem Mordanschlag aus. Von einem perfide inszenierten Mord. Doch der Reihe nach, jetzt 10 Jahre nach den tragischen Ereignissen, die bis heute bei vielen Nachbeben haben.
Denn unter den Toten ist kein geringerer als der 38‑jährige Leipziger Unternehmer und Internet-Star Thomas Wagner, Gründer der Unister‑Gruppe, die mit Portalen wie Ab‑in‑den‑Urlaub.de, Fluege.de, Auto.de, Preisvergleich.de, News.de, Börsennews.de, Geld.de und Kredit.de einen der größten unabhängigen Online‑Reisekonzerne Deutschlands aufgebaut hatte. Die Tagesschau bezeichnete Unister rückblickend als „einen der größten Online‑Reiseanbieter in Deutschland“, der „mit aggressivem Online‑Marketing und umstrittenen Zusatzangeboten den Reisemarkt aufgemischt“ habe. Die Financial Times (Autor: Guy Chazan) spricht vom „rise and tragic fall of [a] German internet star“. (Vgl. auch: wikipedia)
Die Mitteldeutsche Zeitung (Autor: Steffen Höhne) rekonstruiert in der einseitigen Reportage „Der Unister‑Krimi“ am 12. Juli 2017, wie Thomas Wagner Anfang der 2000er‑Jahre in Leipzig mit einer kleinen Studentenplattform beginnt, sein BWL‑Studium abbricht und mit rund 40.000 Euro aus dem Freundeskreis ein wachsendes Netz von Webseiten primär im E-Commerce sehr erfolgreich aufbaut. Aus dem 20 Quadratmeter-WG‑Zimmer (das er später seinem Kommunikationschef anbietet, dieser aber dankend ablehnt) entwickelt sich ein Konzern mit zeitweise 1.800 bis zu 2100 Mitarbeitern und Reisevolumen in Milliardenhöhe.
Wer in Deutschland, der Schweiz, in Luxembourg oder in Österreich fliegen will, verreisen will, eine Pauschalreise sucht, kommt an Unister nicht mehr vorbei. In der Spitze wiegt Unister gut 1000 stationäre Reisebüros auf. Auch in Frankreich ist man mit dem Flugportal vol24.fr Marktführer - allerdings mal wieder nicht geräuschlos. Da die Vorgänge um vol24.fr in gewisserweiße nicht untypisch für das unternehmerische hemdsärmliche Unternehmertum im jungen Start-Up Unister ist, seien diese hier etwas ausführlicher dargestellt.
Der französische Auftritt von Vol24.fr gilt in der Fachberichterstattung als zunächst gelungenes Beispiel für den internationalen Ausbau des Reiseportfoliors der Unister‑Gruppe. Die Zeit bezeichnet Vol24.fr als „französische Variante der deutschen Webseite fluege.de“. Der Markteintritt beim Nachbarland, das es immer noch ungerne sieht, wenn Ausländer sich dort im E-Commerce-Markt breiten machen, bleibt mal wieder medial und bei Verbraucherorganisationen nicht geräuschlos. Französische Branchenmedien wie TourMaG und TourHebdo berichten, dass Unister in Frankreich mit Vol24.fr in den Markt eingestiegen sei und den früheren Erfolg von fluege.de in Form eines national angepassten Flugportals wiederholt habe.
Strukturell wird in den Quellen beschrieben, dass Vol24.fr zunächst aus dem unmittelbaren Umfeld von Unister heraus aufgebaut und stark beworben worden sei, ehe die Aktivitäten später in die börsennotierte Travel24.com AG verlagert worden seien. Laut Wikipedia und juristischen Mitteilungen wurde die Travel24.com AG bereits 2009 von der Unister GmbH übernommen, womit Travel24.com als mehrheitliche Tochtergesellschaft innerhalb des Unister‑Konzerns galt. Französische Fachportale wie TourMaG halten fest, dass Travel24.com ab 2013 die Aktivitäten von Vol24.fr in Frankreich übernommen und als Betreiberin mehrerer Marken (u. a. Vol24.fr, Travel24.fr) fungiert habe – faktisch eine Verlagerung der Frankreich‑Geschäfte aus dem direkten Unister‑Kern in die börsennotierte Tochter.tourmag+4
Die Marktbearbeitung in Frankreich wurde von einer aufmerksamkeitsstarken TV‑Kampagne mit Guy Roux begleitet. TourMaG und TourHebdo beschreiben den früheren AJ‑Auxerre‑Trainer als „ambassadeur de Vol24.fr“, der für ein Jahr verpflichtet worden sei, um das Portal mit humorvoller Fußball‑Rhetorik („Offensive starten“, „Preise werden kleiner“) zu bewerben. Im Spot „Guyroux‑vol24‑pub“ auf YouTube tritt Roux als Sparfuchs‑Trainer auf und verspricht, Vol24 halte, „was andere nur ankündigen“, wodurch die Marke rasch an Bekanntheit gewonnen habe.
Zu Beginn wird Vol24.fr in französischen Fachmedien als gelungener Markteintritt eines deutschen Online-Players beschrieben. Die Plattform gilt als „französische Variante“ von fluege.de, gesteuert aus dem Unister-Umfeld beziehungsweise über die von Unister übernommene Travel24.com AG. Branchenportale wie TourMaG und TourHebdo berichten über neue Büros in Paris, eine rasch wachsende Präsenz im Flugsegment und über Guy Roux als prominenten ambassadeur de Vol24.fr, der der Marke mit TV-Spots schnell Sichtbarkeit verschafft. Operativ verantwortet wird der Aufbau des Pariser Büros von Emmanuel Yatera (Directeur des Opérations), Pascal Boyer (Directeur Commercial) und Vincent Luna (Directeur Général). In dieser Phase ähnelt der Ton der Berichterstattung den frühen deutschen Artikeln: ein aggressiv wachsender Newcomer, der mit günstigen Online-Flügen den französischen Markt aufmischt. (Vgl. u.a. quechoisir+3)
Wie in Deutschland kippt die Wahrnehmung von Unister und seinen Portalen auch in Frankreich – vom innovativen Online‑Angreifer hin zum Problemfall mit juristischen Risiken und verärgerten Kunden.
Zu Beginn wird Vol24.fr in französischen Fachmedien als erfolgreicher Markteintritt eines deutschen Online‑Players beschrieben: Die Seite gilt als „französische Variante“ von fluege.de, gesteuert aus dem Unister‑Umfeld beziehungsweise über die von Unister übernommene Travel24.com AG. Branchenportale wie TourMaG und TourHebdo berichten über neue Büros in Paris, eine wachsende Präsenz im Flugsegment und Guy Roux als „ambassadeur de Vol24.fr“ („Botschafter von Vol24.fr“), der die Marke mit TV‑Spots schnell bekannt macht. In dieser Phase ähnelt der Ton der frühen deutschen Berichte: ein aggressiv wachsender Newcomer, der mit günstigen Online‑Flügen den Markt aufmischt. (Vgl. u.a. zeit+5)
Der Stimmungsumschwung wird in Frankreich besonders klar in der Doppelausgabe Nr. 3692/3693 des Le Quotidien du Tourisme vom 28./29. Februar 2012 sichtbar. Auf den Seiten 2 und 3 widmet die Redaktion Vol24.fr den „Fait du jour“ unter der Überschrift „Vol24.fr depuis 1 an en France : les clients tirent à vue“ – wörtlich „Vol24.fr seit 1 Jahr in Frankreich: Die Kunden schießen aus allen Rohren“. Der Artikel beschreibt, wie Foren „croulent sous les commentaires négatifs“ („unter negativen Kommentaren zusammenbrechen“) und zitiert Einträge wie „Illégal“ („illegal“), „Très mauvais : à fuir“ („sehr schlecht: zu meiden“) und „Frais cachés“ („versteckte Gebühren“).
Die Verbraucherzeitschrift 60 Millions de Consommateurs wird mit „témoignages de consommateurs déboussolés“ („Berichte völlig verunsicherter Verbraucher“) zitiert; Kunden hätten „pas pu embarquer“ („nicht einsteigen können“), weil sie kein elektronisches Ticket oder keine endgültige Bestätigung erhalten hätten, und „constaté des problèmes d’horaires“ („Probleme bei Flugzeiten festgestellt“). Der Centre européen des consommateurs France (CEC‑F) meldet „80 dossiers en 5 mois“ („80 Fälle in fünf Monaten“) zu Vol24.fr – eine Zahl, die das Blatt als deutliches Warnsignal bewertet.
Wie in Deutschland geraten auch in Frankreich rechtliche Fragen ins Zentrum. Die Tourismusrechtlerin Emmanuelle Llop wird mit der Aussage zitiert: „À partir du moment où il exerce une profession d’agent de voyage, le site Vol24.fr doit être immatriculé même s’il s’agit d’un site Web“ – „Sobald Vol24.fr faktisch als Reisebüro tätig ist, muss die Seite immatrikuliert werden, auch wenn es sich um eine Website handelt“. Der Artikel hält fest, dass Vol24.fr bzw. Unister im Register von Atout France nicht erscheint und deshalb „en contravention avec la loi“ („im Widerspruch zum Gesetz“) stehe. Zugleich verweist der Text auf die AGB der Unister GmbH als „société mère de Vol24.com“ („Muttergesellschaft von Vol24.com“): Dort sei abwechselnd von einem „contrat d’intermédiaire“ („Vermittlungsvertrag“) und davon die Rede, man sei „que d’une agence de voyage“ („nur ein Reisebüro“), während sich Unister gleichzeitig von der „exécution régulière […] de la prestation“ („ordnungsgemäßen Durchführung der Leistung“) distanziere – aus Sicht des Blattes ein Versuch, Verantwortung abzustreifen.
Parallel zu dieser inhaltlichen Kritik analysiert das Editorial „L’air de la calomnie ?“ („Der Hauch der Verleumdung?“) auf Seite 2 die Inszenierung von Guy Roux. Er wird als „icône rassurante“ („beruhigende Ikone“) und „pépère tranquille du terroir“ („gemütlicher, bodenständiger Opa‑Typ vom Land“) beschrieben, der zuvor schon in Spots für Citroën und eine Mineralwassermarke aufgetreten ist und nun das Gesicht von Vol24.fr wird. Zugleich verweist der Text auf die Bildsprache der TV‑Spots, in denen Roux vor einem Hintergrund mit Einschusslöchern steht – eine Visualisierung, die suggeriert, dass das Portal unter Beschuss steht, während die Kampagne mit einem vertrauten Gesicht Vertrauen zurückgewinnen soll.
Im Interview in derselben Ausgabe bezeichnet der Unister-Konzernsprecher und Bereichsleiter Kommunikation den Frankreich‑Auftritt zwar als „success story“ und nennt Frankreich einen „marché clé“ („Schlüsselmarkt“), räumt aber ein, man sei von der Resonanz der TV‑Kampagne „un peu dépassés“ („etwas überrollt“) worden und „80% de ces plaintes auraient pu être évitées“ („80 % dieser Beschwerden hätten vermieden werden können“), wenn die Website präziser und ausführlicher gewesen wäre.
In der Zusammenschau zeigt sich eine Entwicklung, die der deutschen sehr ähnelt: Zunächst werden Unister und seine Portale als innovative, schnell wachsende Online‑Player wahrgenommen, die den Markt mit aggressiven Preisen und neuen Vertriebswegen aufmischen. Mit wachsender Zahl von Beschwerden, Verfahren und regulatorischen Fragen verschiebt sich der Fokus jedoch auf Verbraucherschutz, Transparenz und Rechtskonformität. So wie in Deutschland die Tonlage von „Internet‑Shootingstar“ zu „skandalumwitterter Problemfall“ wechselt, kippt in Frankreich die Berichterstattung über Vol24.fr – besonders sichtbar im Quotidien du Tourisme – von interessiert‑positiv zu deutlich warnend und kritisch.
In der rückblickenden Analyse wird betont, dass viele der damals scharf kritisierten Elemente – etwa Upselling von Zusatzleistungen, Service‑Fees, Voreinstellungen für Versicherungen oder Zahlungszuschläge – heute in ähnlicher Form bei zahlreichen Reiseportalen und Onlineshops zu finden seien. Beobachter verweisen darauf, dass das Internet als Marktumfeld „erwachsener“ geworden sei: Typische Gestaltungstricks von Buchungsstrecken seien durch Verbraucherorganisationen und Medien breit bekannt, die Regulierung von Vergleichsportalen wurde verschärft, und viele Nutzer könnten irreführende Hinweise oder versteckte Kostenblöcke schneller erkennen und besser einordnen. Vor diesem Hintergrund erscheint der französische Markteintritt von Unister mit Vol24.fr in aktuellen Rückblicken als erfolgreicher, aber stark umstrittener Vorläufer von Praktiken, die später von zahlreichen Wettbewerbern übernommen oder variiert wurden.

Der Wikipedia-Eintrag zu Unister führt mehr als 60 Portale aus den Bereichen Reise, Finanzen, Automobil, Vergleich und Nachrichten auf und verdeutlicht die außergewöhnliche thematische Breite des Konzerns. Zu den bekanntesten Angeboten gehörte Ab-in-den-Urlaub.de, das auch durch die Zusammenarbeit mit Michael Ballack bundesweite Aufmerksamkeit erhielt.
Ballack war zum damaligen Zeitpunkt Deutschlands bekanntester Fußballer (FC Bayern München) und war zudem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. In einem Making-of-Video auf YouTube schildert Thomas Wagner, wie man bei Unister im internen Brainstorming schließlich auf Ballack als Werbegesicht kam; auch Ballack selbst betont darin, dass ihm der Dreh großen Spaß gemacht habe.
Parallel dazu setzte Unister mit Fluege.de auf ein zweites prägendes Testimonial: Reiner „Calli“ Calmund stand über Jahre für das Portal und sorgte mit seiner volkstümlichen Art für hohe Wiedererkennbarkeit. Ballack und Calmund bildeten damit eine bewusst gewählte strategische Doppelbesetzung, flankiert von einem über Jahre konsequent aufgebauten massiven TV-Werbedruck. Unister war täglich in der SAT.1 Group präsent – vor allem im Abendprogramm nahezu aller reichweitenstarken Sendungen –, später auch in der RTL Group. Nach Branchenangaben investierte der Konzern netto weit über 100 Millionen Euro in Fernsehwerbung.
Das Unister-Testimonial Michael Ballack gab mit einer öffentlichen Verabschiedung mit dem Namen „Ciao Capitano“ am 5. Juni 2013 in Leipzig ein angemessen groß inszeniertes, emotionales Karriere-Finale mit zahlreichen Weggefährten und prominenten Gästen, darunter auch Bundestrainer Joachim Löw. Abends feierte man in der Leipziger Edel-Bar CHOCOLATE in der bekannten Ausgehmeile Gottschedtstaße, bei der Ballack Thomas Wagner schlicht vergaß einzuladen. Wagner nahm es gelassen und kam auch ohne Einladung ins CHOCOLATE noch rein, obgleich er Grund gehabt hätte, verschnupft zu sein. Immerhin verdiente Ballack als Testimonial bei Unister sehr viel Geld für im Schnitt rund drei Drehtage für eine Werbekampagne für ab-in-den-urlaub.de.

Ein Kern des Erfolgs sind Gattungsdomains, im Branchenchargon eher als generische Domains bezeichnet. Die Welt zählt in „Online‑Portale: Die Machenschaften des Abzock‑Imperiums Unister“ Domains wie Ab‑in‑den‑Urlaub.de, Fluege.de, Shopping.de, News.de, Börsennews.de, Geld.de und Kredit.de auf und spricht von einem „Paket von Gattungsdomains“, das Wagner zusammengetragen habe. Der Tagesspiegel berichtet, Unister habe für Shopping.de rund 1,96 Millionen Euro bezahlt. In anderen Medienberichten heißt es, für die Domain Kredit.de habe Unister 2008 etwa 892.000 Euro hingelegt. Das waren auch im internationalen Maßstab für damalige Verhältnisse globale Spitzenwerte für Internetadressen.
Die Financial Times beschreibt Unister hingegen als Deutschlands erfolgreichstes Unternehmens-Netzwerk von „travel and price‑comparison sites“, das mit Suchmaschinen‑Marketing und Affiliate‑Strömen zu „one of Germany’s biggest ecommerce groups“ geworden sei. Die Tagesschau der ARD wiederum sprach von einem Unternehmen, das „Reisen im Milliardenvolumen vermittelt“ habe. (Vgl.: ft+1)
Während in Berlin Modelle wie Rocket Internet Start‑ups mit massiven Venture‑Capital‑Runden und Konzernnetzwerken großziehen, bleibt Unister bewusst ohne dominanten Finanzinvestor. Das Gründungsportal Für‑Gründer.de beschreibt das Rocket‑Modell als Inkubator, der Kapital, Know‑how, Infrastruktur und internationale Netzwerke bündelt, die konkurrierenden Samwer‑Brüder setzten zielstrebig auf Venture Kapitalisierungsrunden, also Wachstumsgeldgeber. campaignlive
Unister geht aber seit Jahren konsequent einen anderen Weg. Spiegel Online schreibt nach dem Absturz in einem Hintergrundstück, der Konzern habe „einen Großteil seiner Einnahmen sofort wieder ins Marketing gesteckt“ – finanziert über laufende Cashflows und Kreditlinien. Also nicht über Milliarden-Investitionen durch Fonds. Große VC‑Investoren, Risikokapitalgeber oder ein Konzern als Anker fehlen.
Die ARD-Tagesschau berichtet, ebenso die Süddeutsche Zeitung, Unister habe nach eigenen Angaben mehrfach Millionenangebote potenzieller Investoren ausgeschlagen und sei damit bewusst unabhängig geblieben. Die Rede ist von Käuferangeboten die an die eine Milliarde Euro kratzten. Aber eben nur kratzen und nicht übersprangen, wie es der ostdeutsche Internetstar Thomas Wagner immer wollte.
Vgl.: Süddeutsche Zeitung vom 13. Oktober 2016: "Unister-Chef lehnte 900 Millionen Euro ab" von den Autoren Klaus Ott, Sebastian Pittelkow und Uwe Ritzer, Leipzig/München.
Eine Start-Up-Konstruktion ohne große fremde Kapitelgeber verschafft maximale operative Freiheit, macht den Konzern aber auch abhängig von Banken, Versicherern und der laufenden Liquidität – ohne die Puffer, die große VC‑Geber oder Konzernmütter in Krisen oft bereitstellen.
Im Sommer 2012 kippt die mediale Wahrnehmung. Die Zeitschrift Computer Bild etikettiert Unister in Ausgabe 15/2012 in einem mehrseitigen Revolver-Aufmacher-Artikel als „Deutschlands größtes Abzock‑Imperium“ und wirft dem Konzern „versteckte Gebühren, frei erfundene Preisreduzierungen, heimlich aufgeschlagene Service‑Gelder, Klick‑Fallen bei Urlaubsbuchungen und weitere Schwindelei“ vor. Die Welt übernimmt den Begriff „Abzock‑Imperium“ in ihrem Online‑Artikel "Die Machenschaften des Abzock‑Imperiums Unister" und beschreibt detailliert, wie Serviceentgelte und Zusatzleistungen angeblich zu Mehrkosten für Kunden geführt hätten. Die Übernahme ist kein Wunder: Der Autor ist der gleiche wie im ComputerBild-Artikel.
Unister wehrt sich. Heise Online berichtet im Hintergrundartikel "Computerbild hält an Abzock‑Vorwürfen gegen Unister fest", dass Unister beim Landgericht Leipzig eine einstweilige Verfügung beantragt habe. In dem Folgeartikel "Verwirrung um Verbreitungsverbot der Computerbild" zitiert Heise wiederum aus dem Gerichtsbeschluss (Az. 08 O 2057/12): die betroffene ComputerBild-Ausgabe dürfe „in der bisherigen Version nicht mehr unverändert verbreitet werden", das habe Unister mit einer Einstweiligen Verfügung und Unterlassungsklage erreicht. Vor allem eine Passage über angebliche Aktivitäten der Oberstaatsanwaltschaft Dresden habe geschwärzt werden müssen (Vgl.: heise)
Heise stellt zugleich klar, dass aber einige wichtige inhaltlichen Vorwürfe – etwa zu versteckten Gebühren – durch den Beschluss nicht untersagt worden seien. Die Ausgabe bleibe im Handel, nur der erwähnte Satz zur Staatsanwaltschaft dürfe nicht in neuer Auflage verbreitet werden.
Dieses Spannungsfeld – kritische Berichte, teilweiser rechtlicher Erfolg, aber keine Rehabilitierung im öffentlichen Bild – verstärkt das Bild eines Unternehmens, das sich mit Medien und Behörden anlegt. Richtig ist. Unister hatte für die ComputerBild bei einigen Pressegrossisten gemäß der Rechtslage ein Vertriebsstopp erreicht und das natürlich genüsslich Fachmedien als Thema zur Verfügung gestellt, die es gerne aufgriffen.
+++ Die oben im Text abgebildete UNISTER-Unternehmensbroschüre kann hier heruntergeladen werden:++
Den kritischen und von vielen als überzogen angesehenen Medienberichten folgen auf dem Fuß im Dezember 2012 strafrechtliche Probleme. Laut Medienberichten, u. a. im DER SPIEGEL oder in der ARD-Tagesschau, durchsuchte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden Räume der Unister‑Gruppe, wie später bekannt wird, mit fast 130 Ermittlern, lässt drei Spitzen-Manager, darunter Gründer Thomas Wagner, kurzfristig festnehmen und ermittelt wegen angeblich unerlaubten Betreibens von Versicherungsgeschäften und angeblicher Steuerhinterziehung. Im Fokus: die Zusatzprodukte „Stornoschutz“ (bei Hotelbuchungen) und „Flexifly“ (bei Flügen), mit denen Kunden gegen Aufpreis verbesserte Storno‑ bzw. Umbuchungsoptionen erhalten.spiegel+3
Die nach Ansicht von Insidern „fanatisch“ ermittelnden Dresdner Staatsanwälte Andreas Günthel und Dr. Dirk Reuter von der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen und ihrer politischen Antikorruptionseinheit INES (Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen) sehen in diesen Produkten Versicherungen, die einer Erlaubnis der BaFin bedurft hätten, außerdem den Vorwurf nicht abgeführter Versicherungs‑ und Umsatzsteuer in Millionenhöhe. Die Tagesschau fasst 2016 zusammen, man werfe Unister vor, „ohne BaFin‑Erlaubnis Versicherungsgeschäfte betrieben“ und „im großen Stil Steuern hinterzogen“ zu haben. Auch die BIlD und Hunderte andere Medien berichten ausführlich. Wagner ist auf der Seite 1 der BILD.
Die Ermittler waren morgens um 9 Uhr bei Wagner in Leipzig Gohlis in seiner kleinen 70 Qudratmeter-Wohnung aufgetaucht, wobei Staatsanwalt Günthel, so erzählt es Wagner später Insidern, gesagt haben soll: Unten warte ein grünes Wägelchen auf ihn. Dann habe eine Irrfahrt in einem Gefangenenwagen der Staatsanwaltschaft durch Deutschland stattgefunden. Wagner bezeichnete Günthel gegenüber Vertrauten als "hoch narzisstisch" und damit seiner Einschätzung nach "als sehr gefährlich".
Parallel waren 130 Ermittler in den Morgenstunden bei Unister eingelaufen und hatten das Unternehmen besetzt. Bei Unister wusste man bis zum späten Abend nicht mal wo Wagner war. Die Staatsanwaltschaft hatte keinerlei Angaben gemacht. Der Gründer war wie vom Erdboden verschluckt. „Uns einnerte das an Vorgehen in China“, sagt ein enger Wagner-Freund.
Es folgten drei weitere Razzien - wie Wagner empfand, "überwiegend aus Willkür". Die Staatsanwälte hätten auch Dinge beschlagnahmt, Festplatten, für die sie gar keine Untersuchungsbeschlüsse hatten. Stoppen ließen sich die Staatsanwälte vor Ort trotz Einwände nicht. "Sie meinten arrogant, sie nähmen erstmal alles mit, auch alles an Festpllatten, man finde da dann schon noch weitere Beweise".
Unister zieht mehrere spezialisierte Kanzleien hinzu. Nach Insider-Angaben kostet die Strafrechts-Verteidigung am Ende alle Beteiligten um die zwei Millionen Euro. Die Gründer hatten nicht einmal eine Geschäftsführer-Versicherung abgeschlossen. Wagner hatte sich das aus Kostengründen sparen wollen.
Eine zentrale Rolle spielt die Kieler/Hamburger/Berliner Sozietät Wiegert Werner Partner Partnerschaft mbB Rechtsanwälte Notare Complianceberater (LegalNord). In einer 268‑seitigen Verteidigungsschrift vom 14. April 2015 vertreten Dr. Ingmar Werner, Ulf Dresenkamp, Martina Botz und Franziska Titz die UNISTER GmbH als Verfallsbeteiligte im Verfahren der Generalstaatsanwaltschaft Dresden (Az. 391 Js 5713/13).
Die Schrift beantragt, das Verfahren auszusetzen und dem Bundesverfassungsgericht die Frage vorzulegen, ob § 140 VAG (Strafvorschrift zum unerlaubten Versicherungsgeschäft) mit Art. 103 Abs. 2 GG (Bestimmtheitsgrundsatz) und Art. 20 Abs. 3 GG vereinbar ist. Der Begriff „Versicherungsgeschäft“ sei so offen, dass „Tragweite und Anwendungsbereich“ für Normadressaten wie Unister nicht vorhersehbar gewesen seien; eine Konkretisierung habe nur durch verwaltungsgerichtliche, nicht durch strafgerichtliche Rechtsprechung stattgefunden.
Zu Flexifly argumentierte die Verteidigung von Unister: Flexifly sei ein Umbuchungsservice gewesen, bei dem die Leistungspflicht allein von der Entscheidung des Kunden, umzubuchen, abhing – nicht vom Eintritt eines zufälligen Ereignisses; das versicherungstypische „aleatorische Moment“ habe gefehlt. Das Produkt sei nicht nach dem „Gesetz der großen Zahl“ kalkuliert worden, sondern „allein auf Grundlage von Splittests“ mit dem Ziel, die höchstmögliche Prämie zu verlangen – ein versicherungsfremder Ansatz.
Flexifly sei ausschließlich in Verbindung mit Flugbuchungen über Unister‑Portale angeboten worden und daher eine unselbständige Nebenabrede zum Reisevermittlungsvertrag; die Umsätze hätten nur einen einstelligen Prozentsatz des Gesamtumsatzes ausgemacht.
Zu Stornoschutz verweist die Verteidigung auf ein Negativtestat des früheren Bundesaufsichtsamts für das Versicherungswesen (BAV) vom 20. März 2002 zum Vorgängerprodukt „Stornoservice“ der Klasen Consulting GmbH, die Unister später für kolportierte 11 Millionen gekauft hatte. Das damalige Bafin-Schreiben an die Klasen Consulting (kurz-mal-weg.de) habe den Stornoservice ausdrücklich als nicht genehmigungspflichtige Nebenabrede eingestuft; nach der Übernahme der Klasen‑Gesellschaft habe Unister das Produkt mit nur marginalen Änderungen fortgeführt, man habe daher auf die Rechtmäßigkeit vertrauen dürfen.
Im Steuerkomplex trägt die Verteidigung vor, dass auf Flexifly‑Einnahmen Umsatzsteuer abgeführt worden sei; im Fall einer Versicherungsqualifikation wäre diese mit der etwaig geschuldeten Versicherungssteuer zu verrechnen, das steuerliche Kompensationsverbot greife wegen Identität des Sachverhalts nicht. Der von der sächsischen Staatsanwaltschaft behauptete Steuerschaden von knapp 1,3 Millionen Euro sei tatsächlich deutlich niedriger. Insider sagen: Die Generalstaatsanwaltschaft habe angeblich extra die Millionen zusammenbekommen wollen, um vorm Amtsgericht eine U-Haft beantragen zu können. Die Staatsanwälte weisen das später zurück.
Parallel vertritt Rechtsanwalt Sewtz von der Kanzlei Zwanzig Hacke Meilke & Partner (Leipzig) Thomas Wagner persönlich. In einer „Zurückweisung der Vorwürfe“ vom 28. Januar 2016 hebt er hervor, Wagner habe sich auf das BAV‑Negativtestat, auf die Einschätzung der internen Rechtsabteilung und auf Chefjustitiar Mirko Richter verlassen; selbst die BaFin habe trotz Kenntnis über Jahre keine klare Untersagungsverfügung zu Stornoschutz und Flexifly erlassen.
In einem weiteren Schriftsatz vom 1. Februar 2016 beziffert Sewtz den durch das Strafverfahren verursachten Schaden für die Unister‑Gruppe – u. a. gekündigte Verträge, entfallene Produkte, abgesagte Investoren‑Deals, gekappte Kreditlinien – mit rund 43,5 Millionen Euro. Er spricht von einer existenzbedrohenden Wirkung des Verfahrens und deutet an, das Ganze sei ursprünglich auf Betreiben eines konkurrierenden Anwalts und „weiterer Akteure“ angestoßen worden. Man droht dem Land Sachsen mit Schadenersatzforderungen wegen der als überzogen eingestuften Ermittlungsverfahren. Zu diesem Zeitpunkt hat Wagner noch sechs Monate zu leben.
Bis zur Razzia am 11. Dezember 2012 galt die Unister Holding GmbH als ein außergewöhnlich cashflow-starker Internetkonzern mit Milliarden-Umsätzen bei bis zu 2 Millionen Reisekunden jährlich, der seine Expansion weitgehend aus dem operativen Geschäft finanzierte. Bankfinanzierung spielte – gemessen an der Unternehmensgröße – eine überraschend kleine Rolle. Im Kern existierte ein Konsortialkredit, der im Schreiben der Banken später ausdrücklich als „Kreditvertrag vom 28. November 2011“ bezeichnet wird. Die Summe wird dort als Gesamtbetrag von ursprünglich 28.000.000 Euro ausgewiesen.

Ab dem Moment der Razzia in jener legendären Adventswoche des 11. Dezember 2012 ist das Unternehmen Unister zwar formal nicht verurteilt, aber im Kapitalmarkt bereits „gebranntmarkt“: Kreditkomitees, Risikoabteilungen und Vertragspartner stellen plötzlich Fragen, die vorher nicht gestellt wurden – und sie stellen sie mit Fristen.
Ökonomisch entscheidend für Unister war weniger die Existenz des 28 Millionen Euro-Kredits als der Schock, den eine Razzia im Finanzierungssystem auslösen kann.
Nur zehn Tage nach der Razzia, am 21.12.2012, erhielt die Unister Holding GmbH in Leipzig ein Schreiben, das die finanzielle Normalität formal beendete.
Absender war: UniCredit Luxembourg S.A.
2, boulevard Konrad Adenauer, L-2180 Luxembourg
Boîte postale 493, L-2989 Luxembourg
Telefon +352 4272-1, Fax +352 4272-4500
Adressat war: Unister Holding GmbH – Geschäftsführung –
Barfußgäßchen 11, D-04109 Leipzig
Fax +49 341 49288 59
Im Briefkopf wird als Ansprechpartnerin benannt: Sarah M., mit einer Telefon-Durchwahl (im Dokument ausgewiesen). Der Brief nimmt Bezug auf die vorangegangene Korrespondenz, insbesondere auf ein Schreiben vom 19.12.2012, auf das Auszahlungsverlangen vom 20.12.2012 sowie auf eine „formale Waiveranfrage“.
Inhaltlich ist der Einstieg eine klare Zäsur. Die Banken schreiben wörtlich:
„Die aktuelle Entwicklung Ihrer Unternehmensgruppe sowie die aus unserer Sicht unzureichende Kommunikation mit dem Konsortium führen zu einer deutlichen Einschränkung der Vertrauensbasis.“
Es folgt die Feststellung, dass sich aus den Vorgängen nach Einschätzung der Banken Verletzungen konkreter Vertragsziffern ergeben könnten; weitere Prüfungen würden ausdrücklich vorbehalten.
Entscheidend ist dann die Konstruktion der Schonfrist, die im Ergebnis ein Vier-Wochen-Ultimatum darstellt. Das Konsortium erklärt sich bereit, „bis zum 28.01.2013 keine Rechte herzuleiten“ und „zum 28.12.2012 eine erneute Ziehung“ zuzulassen.
Diese Duldung wird an Bedingungen geknüpft, darunter die Vorlage einer Legal Opinion bis 23.01.2013 zu zentralen Vorwürfen (u. a. unerlaubte Ausübung des Versicherungsgeschäfts, Nichtabführung von Versicherungssteuer, Datensicherheit).
Der Brief wird dort besonders brisant, wo die Banken die Managementfrage ausdrücklich schriftlich fixieren. Sie halten fest, dass Thomas Wagner in der Telefonkonferenz vom 20.12.2012 als „vertrauensbildende Maßnahme“ nicht nur vorgeschlagen habe, das Management um einen erfahrenen CRO/CFO zu erweitern, sondern „als Signal nach außen“ auch bereit sei, sich selbst aus der Geschäftsführung zurückzuziehen.
Unmittelbar danach bieten die Banken an, bei der Suche nach einem (Interims)Management zu unterstützen – und nennen drei konkrete, „im Bankenkreis abgestimmte“ Vorschläge inklusive Ansprechpartnern, Anschriften, Telefon und E-Mail:
Management Link GmbH – Ansprechpartner: Herr Christoph Burk
Nymphenburger Straße 21, 80335 München
Noerr Consulting AG – Ansprechpartner: Herr Thomas Gole (so im Dokument ausgewiesen), Charlottenstraße 57, 10117 Berlin
Roland Berger Strategy Consultants GmbH – Ansprechpartner: Herr Klaus Kremers
Alt-Moabit 101b, 10559 Berlin
In dieser Kombination – Vertrauensentzug, Vertragsverletzungsprüfung, Vier-Wochen-Schonfrist, Legal-Opinion-Pflicht und faktische Einmischung in die Geschäftsführung – liegt der strukturelle Bruch. Es ist der Moment, in dem aus einer Kreditbeziehung ein Machtverhältnis wird.
Nach allem, was aus der späteren Entwicklung ablesbar ist, war der Kredit ab diesem Zeitpunkt zwar nicht automatisch beendet, aber er wurde politisch und psychologisch unter Vorbehalt gestellt. Für Dritte ist ein solcher Brief ein Signal: Hier ist ein Unternehmen, bei dem selbst die eigenen Banken Vertrauen nur noch befristet gewähren. Der Zugang zu klassischer Finanzierung wird in so einem Umfeld nicht größer, sondern kleiner.
Warum Thomas Wagner das Bankenkonsortium loswerden wollte, über welchen Kanal der Versicherer aus Hamburg ins Spiel kam – und welche Rollen Politik und Leipziger Akteure spielten
Der Weihnachtsbrief des Bankenkonsortiums vom 21. Dezember 2012 markierte für Thomas Wagner den endgültigen Bruch mit der Vorstellung, Unister könne künftig noch wie ein normaler Kreditnehmer behandelt werden. Die beteiligten Banken – UniCredit/HypoVereinsbank, Leipziger Sparkasse und Commerzbank – hatten darin nicht nur eine befristete Schonfrist eingeräumt, sondern zugleich einen Vertrauensentzug, die Prüfung möglicher Vertragsverletzungen sowie konkrete Governance-Eingriffe dokumentiert. Dass das Konsortium sogar namentlich Interims-Geschäftsführer vorschlug, machte deutlich, dass die Finanzierung in eine Kontrollbeziehung überzugehen drohte.
Für Wagner bedeutete das eine "strukturelle Erpressbarkeit", wie er einem engen Freund, der als Führungskraft bei ihm arbeitete, mehrmals geschockt sagte. Solange mehrere Banken gemeinsam agierten, konnte jede weitere Eskalation – ein kritischer Presseartikel, politische Nachfragen, neue Ermittlungsaspekte – eine Kettenreaktion auslösen. Wagner ging davon aus, dass dieser Zustand nicht vorübergehend, sondern dauerhaft sein würde. Die strategische Konsequenz lautete daher: Das Bankenkonsortium musste vollständig abgelöst werden.
Vor diesem Hintergrund suchte Wagner gezielt nach nicht-banklichen Finanzierungspartnern. Ein Verkauf des Unternehmens kam für ihn nicht in Frage, obgleich Angebote in Höhe von fast einer Milliarden Euro vorlagen. Zu groß war sein Selbstverständnis als Gründer, zu sehr identifizierte er sich mit der täglichen operativen Arbeit und dem Ausbau neuer Projekte.
Innerhalb des Unternehmens reifte deshalb ein anderer Gedanke: Versicherungen folgen anderen Logiken als Banken. Sie sind weniger von kurzfristigen Refinanzierungszyklen abhängig, bewerten Sicherheiten langfristiger und reagieren – zumindest zunächst – weniger reflexhaft auf einzelne Ermittlungsereignisse. Für Wagner versprach ein Versicherer vor allem Stabilität und eine Reduktion der Akteure: ein Gläubiger statt drei Banken.
Nach übereinstimmenden Darstellungen aus dem Umfeld von Unister kam der Kontakt zur Hanse Merkur nicht über klassische Finanzvermittler zustande, sondern über eine bestehende operative Schnittstelle: den Unister-Ableger Geld.de. Das Portal bewegte sich seit Jahren im Versicherungs- und Finanzvergleichsumfeld und war damit ein natürlicher Andockpunkt für Versicherer. Wagner verkaufte Geld.de im zeitlichen Umfeld dieser Vorgänge später für rund 12 Millionen Euro, wie interne Quellen berichten.
Im Zusammenhang mit dem Hanse-Merkur-Engagement wird Dirk Westermann, damaliger Geschäftsführer von Geld.de, als zentraler Kontaktkanal genannt. Aus dem Unister-Umfeld heißt es, dass über diese bestehende Geschäftsbeziehung Gespräche angebahnt wurden. Westermann verfügte über umfangreiche Branchenkenntnisse; zuvor war er Landes-Regionaldirektor bei Signal Iduna gewesen. Entscheidend für Wagner war die Einordnung: Er suchte keine Ergänzung, sondern einen Ersatz für das Bankenkonsortium.
Aus Wagners Sicht bot der Kredit der Hanse Merkur genau das, was die Banken nicht mehr boten: Zeit ohne Ultimaten. Der Deal sollte das Konsortium vollständig überflüssig machen. Deshalb wurde er in einer Größenordnung verhandelt, die eine Ablösung erlaubte; Insider sprechen von einem Kreditvolumen von rund 50 Millionen Euro.
Intern wurde diese Lösung als Befreiung wahrgenommen. Sie beendete den Zustand permanenter Unsicherheit und stellte die finanzielle Handlungsfähigkeit vorübergehend wieder her. Die Abhängigkeit verschwand jedoch nicht, sie konzentrierte sich – von drei Banken auf einen Versicherer.
Parallel zu diesen finanziellen Weichenstellungen blieb die Causa Unister politisch präsent. Unter Führung von Rico Gebhardt, Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke im Sächsischen Landtag von 2012 bis 2024, stellte die Linksfraktion mehrere Kleine Anfragen zu den Unister-Ermittlungen. Organisiert wurde dies ab 2012 maßgeblich über den Leipziger Landtagsabgeordneten Dr. Volker Külow, der sich früh öffentlich und intern mit Unister befasste. Ziel war es, Transparenz über den Stand der Verfahren und das Handeln der Behörden herzustellen.
Auch wenn die Antworten erwartungsgemäß begrenzt blieben, trugen diese Anfragen dazu bei, dass der Fall dauerhaft parlamentarisch begleitet wurde – ein zusätzlicher Faktor im öffentlichen Druckraum. Gebhardt stattete mit Teilen seiner Fraktion dem damaligen Unister-Kommunikationschef auch einen Besuch im Leipziger Barfußgässchen ab. Man werde die Sache weiter begleiten, hieße es, worüber man sich bei UNISTER freute.
Politisches Geleit wusste man in der Krise zu schätzen. Nicht umsonst dockte später der ehemalige Thüringer Regierungssprecher Peter Zimmermann als Geschäftsführer an, "der aber de Fakto neben Wagner nicht sehr viel zu sagen hatte", meint ein Insider rückblickend. Er sollte nach Wagners Vorstellungen unter anderem den amtierenden Kommunikationschef und sein Team beraten, was intern aber nicht immer als ganz einfach angesehen wurde, da jede Seite ihre eigenen Vorstellungen hatte und Wagner wollte, dass beide möglichst gut zusammenarbeiteten.
Derweil dockten immer mehr bis dahin operativ nicht in Erscheinung getretene Personen bei Unister auf. Dazu gehörte auch der Leipziger Immobilienunternehmer Steffen Göpel, der sich gerne auf Golf Charities feiern lässt.
Bereits im Dezember 2014 habe Wagner nach Darstellung der Leipziger Volkszeitung den Kontakt zu dem Leipziger Immobilienunternehmer Steffen Göpel gesucht. Göpel, Gründer der GRK Holding, galt als enger Vertrauter von Daniel Kirchhof, dem langjährigen Finanzverantwortlichen und Gesellschafter von Unister. Kirchhof spielte über Jahre eine zentrale Rolle in der Holding-Struktur und bei finanziellen Entscheidungen.
Wagner soll Göpel einen konkreten Vorschlag unterbreitet haben: Für einen kurzfristigen Kredit über vier Millionen Euro sei er bereit, Zinsen in Höhe von einer Million Euro zu zahlen. Göpel erhielt sein Kapital zuzüglich Zinsen zurück und wurde über seine Opus 30 Vermögensverwaltung zeitweise mit fünf Prozent Gesellschafter der Unister-Holding. Wagner sprach später von Wucherzinsen, unterlag jedoch vor Gericht und musste zahlen. Dieser Einstieg wurde später wieder rückabgewickelt.
Für die Einordnung ist entscheidend: Göpel trat nicht als operativer Entscheider auf und übernahm keine Managementfunktion – das soll auch ausdrücklich Wagners Willen entsprochen haben. Seine Rolle beschränkte sich auf die eines kurzfristigen externen Kreditgebers im niedrigen Millionenbereich. Dass Wagner nach der Auseinandersetzung um die Rückzahlungsmodalitäten und die Beteiligung erklärte, mit Göpel keine weiteren Geschäfte mehr machen zu wollen, unterstreicht die Zerrüttung der Finanzbeziehungen.
Der Göpel-Kredit war damit kein Ausreißer, sondern Ausdruck eines Systems, in dem Unister bereits vor dem Hanse-Merkur-Engagement Liquidität zunehmend über persönliche Netzwerke und teure Zwischenlösungen organisieren musste. Intern soll Wagner Göpel böse beschimpft haben, was Göpel nicht gefallen haben soll, wird bis heute bei Unister-Nachfolgeunternehmen gesagt.
Der entscheidende Nachteil der Versicherungslösung zeigte sich, als das Engagement öffentlich problematisiert wurde. Mit dem prominent platzierten Handelsblatt-Artikel von Heinz-Roger Dohms ("Unruhe bei Hanse Merkur – Millionenkredit an Portalbetreiber Unister wackelt", 29. Oktober 2015) änderte sich die Wahrnehmung schlagartig. Für einen Versicherer ist ein öffentlich diskutiertes, potenziell haftungsrelevantes Kreditengagement etwas grundlegend anderes als eine diskrete strategische Partnerschaft.
Die interne Neubewertung führte schließlich zur Fälligstellung des 50 Millionen Euro-Kredits im November 2015, beziehungsweise wird Wagner mitgeteilt, der Kredit werde nicht verlängert. Das war Monate in der Schwebe, aber Wagner war bis dahin immer davon ausgegangen, dass die Hanse Merkur Unister nicht fallen lassen würde in den nicht einfachen Zeiten.
Als klar war, dass die Hamburger Unister an den Abgrund geschoben hatten, brach in der Unister-Geschäftsführung Panik aus. Gleichzeitig ärgerte man sich, da immer wieder internas aus der Buchhaltung dem Handelsblatt zugespielt worden waren. Einige verdächtigen dabei das Umfeld des ehemaligen und von Wagner unappetitlich herausgeworfenen Finanzchefs Daniel Kirchof, der das aber immer wieder zurückgewiesen hatte. Auch war ein eigener Anwalt der Rechtsabteilung zur Generalstaatsanwaltschaft als "Kronzeuge" übergelaufen. Er war Mitglied der SPD und schrieb sich vertrauliche Mails mit einem "Genossen"-Staatsanwalt in Bezug zu Unister.
Dass Peter Ludwig, damals Vorstand der HanseMerkur Versicherung und konzernintern wie in der Branche als Architekt des Unister‑Deals wahrgenommen, ausgerechnet in jener Phase aus dem Unternehmen ausschied, in der über eine Vertragsverlängerung mit Unister entschieden wurde, blieb in der Finanzszene nicht unbemerkt. Aus dem Umfeld der HanseMerkur war hinter vorgehaltener Hand zu hören, sein Abschied sei nicht aus freien Stücken erfolgt, während der Versicherer nach außen von einer „einvernehmlichen Trennung“ sprach. Diese betont nüchterne Lesart stand im klaren Widerspruch zu internen Einschätzungen und wurde von Branchenbeobachtern als deutliches Signal für einen strategischen Kurswechsel interpretiert.
Für Thomas Wagner hatte dieser Einschnitt unmittelbare und tiefgreifende Konsequenzen. Mit dem Wegfall dieser Personalie versiegte die letzte belastbare Finanzierungsoption, die noch jenseits eines vollständigen Unternehmensverkaufs existierte. Einen solchen Schritt hatte Wagner bis zuletzt immer wieder strikt abgelehnt, obgleich Unternehmensberater im Haus auch diese Option verfolgten. Wagner wollte mit nur 37 Jahre nach wie vor die Kontrolle nicht aus der Hand geben, wollte seine Position an der Spitze des Konzerns bewahren.
Weggefährten und Freunde beschreiben ihn in dieser Phase weiterhin als zentralen Fixpunkt des Unternehmens, mit dem man sehr gerne zusammenarbeite und es deshalb auch nicht unbedingt gerne gesehen hätte, wenn Wagner verkauft hätte. Sie schildern Thomas Wagner auch heute noch als außergewöhnlich kreativen, analytisch scharfen Internetunternehmer, der natürlich prägend und fordernd gewesen sei, hätte sein müssen und aber auch selber außergewöhnlich produktiv. Meist trudelte er im Barfußgässchen in Leipzig, dem Stammhaus von Unister, erst gegen 9.30 Uhr ein, blieb aber oft sechs Tage die Woche, manchmal auch noch Sonntags bis Abends um 23 Uhr oder länger.
Im April 2016, nur wenige Monate vor dem Sommer 2016, dokumentierte der Versicherungsbote im Beitrag „Hanse Merkur: Alles toll, Schweigen zu Unister“ eine auffällige Schere zwischen Rekordkommunikation und Schweigen zum Unister-Kredit. Die Hanse Merkur meldete für 2015 einen Überschussanstieg von 51 auf 62 Millionen Euro, Beitragseinnahmen von über zwei Milliarden Euro und Wachstum in mehreren Sparten – äußerte sich jedoch nicht zu dem medial begleiteten rund 50 Millionen Euro Darlehen an Unister.
Das zeigte vor allem eins: Die Hanse Merkur stand wirtschaftlich nicht mit dem Rücken zur Wand. Das Schweigen war Strategie, nicht Notwehr. Nur Unister hatte man mit der kurzfristig gezogenen tatsächlichen Fälligstellung der gesamten Kreditsumme in Höhe von fast 50 Millionen Euro gehörig unter Druck und ins Straucheln gebracht.
Nach der Fälligstellung brachte Wagner in wenigen Wochen rund 15 Millionen Euro auf, die er an die HanseMerkur überwies, um Zeit zu gewinnen. Nach übereinstimmenden Darstellungen aus dem Umfeld gelang dies nur durch das Bündeln interner Liquidität: Kassenbestände, Zahlungsströme, eingefrorene Budgets und verschobene Ausgaben. Es war ein Zeitkauf, kein Befreiungsschlag. Rund 35 Millionen Euro blieben bis zu seinem Tod im Juli 2016 offen.
Parallel verschärfte sich der operative Druck. Der Focus berichtete nach dem Absturz im Juli 2016, Unister habe rund zehn Millionen Euro an offenen Forderungen bei Google gehabt – ein Hinweis darauf, wie stark Performance-Traffic und Marketingkosten die Liquidität zusätzlich belasteten. In dieser Lage genügt oft ein weiterer externer Impuls, um die Situation insolvenzrechtlich kippen zu lassen. Allerdings sahen und sehen Unister-Mitarbeiter das bis heute als relativ an: In Spitzenmonaten hatte Unister leicht über 12 Millionen Euro monatlich an Google überwiesen, übers Jahr bis zu 150 Millionen Euro – und das weit über 10 Jahre hinweg. Wir reden also über Milliardenbeträge, die an Google geflossen sind über die Jahre. Unister gehörte global zu den Top-Google-Spendern. Hinzu kamen jährlich 25 bis 35 Millionen Euro Nettowerbeaufwendungen für die RTL Group oder zuvor die Sat.1 Group, mit denen man lange Zeit sehr gut zusammenarbeitete.
Die Tragik des 14. Juli 2016 lässt sich heute, zehn Jahre später, in einer unerbittlichen Zahl beziffern: 240 Millionen Euro. Dies ist kein theoretischer Wert aus verstaubten Akten, sondern der reale Preis, den die polnische WP Holding (Wirtualna Polska) im April 2025 für die eine Übernahme der Invia Group – den technologischen Kern des alten Unister-Reisereichs – zahlte. Es ist der ultimative Beweis dafür, dass Thomas Wagner auf einem massiven digitalen Schatz saß, während er für ein Phantom-Darlehen von 15 Millionen Euro sein Leben riskierte.
Bereits ein Jahr vor dem Absturz war die Stimmung vergiftet. Unter dem Titel „Ab in den Irrsinn“ konstatierten die SPIEGEL-Autoren Isabell Hülsen, Martin U. Müller U. Müller und Marcel Rosenbach im Juni 2015 treffend: „Nun zerlegt sich die Firma selbst, ihre Eigentümer sind heillos zerstritten.“ Die Autoren beschrieben ein Klima des Misstrauens, das Wagner in die Isolation trieb.
Genau diese Isolation wurde später zur tödlichen Falle, als die HanseMerkur den Druck erhöhte und den Kredit schließlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im November 2015 kurzfristig fällig stellte - rund ein halbes Jahr später sollte Thomas Wagner tot sein, gestorben, da er in einer waghalsigen Aktion in Venedig verzweifelt versucht hatte, der Hanse Merkur ihre letzten rund 35 Millionen Euro zurückzubezahlen.
In dieser Phase war man bei Unister dankbar für politische Unterstützung, zugleich aber ehrlich verwundert, dass sie seit nun schon gut drei Jahren ausgerechnet überwiegend von Politikern der Leipziger und säschsischen LINKEN kam. Von anderen politischen Lagern blieb Hilfe deutlich geringer oder ganz aus, von der Leiziger oder sächsischen FDP kam keinerlei Unterstützung. Für Vertrter der LINKEN war klar, dass man alle Hebel die man als Politiker hatte, versuchen wollte, in Bewegung zu setzen, Unister als Unternehmen als „ostdeutsches Leuchtturmprojekt“ zu retten – getragen von politischem Wohlwollen, aber ohne die wirtschaftliche Durchschlagskraft, die die Eskalation noch hätte aufhalten können.
Schon vor dem HanseMerkur-Debakel, direkt nach der legendären Razzia im Leipziger Barfußgässchen und in Außenbüros von Unister suchte im Jahr 2013 der Leipziger Stadtrat Reiner Engelmann und der sächsische Landtagsabgeordnete Dr. Volker Külow (beide DIE LINKE) im ehrlichen Bemühen um den Standort nach Auswegen. Mit einer Entourage war man beim Unister-Kommunikationschef aufgeschlagen. Im Gepäck katte man einen IT-Fachmann, einen potentiellen neuen Unister-Geschäftsführer (Andreas Prokop) und einige andere Fachleute dabei. Man suchte nicht nur das Gespräch, sondern bot auch konkrete Hilfe an. Das wusste man bei Unister sehr zu schätzen.
Der Jahre später, im Januar 2016, wurde erneut ein Leipziger Netzwerk aktiviert. Dr. Volker Külow stellte den Kontakt zum Immobilienunternehmer Oliver Bechstedt her, der proaktiv Unterstützung bei der Kapitalsuche anbot, um Thomas Wagner aus der eskalierenden HanseMerkur-Situation herauszuführen. Auf Bitten Bechstedts nahm Külow Kontakt zu Unister auf – konkret hatte er zum damaligen Kommunikationschef Kontakt aufgenommen – und übermittelte das Angebot. Es kam im Januar 2016 in den Leipziger Räumlichkeiten von Bechstedt zu einem Treffen zwischen Oliver Bechstedt, dessen Bruder, Dr. Volker Külow und dem Ex-Kommunikationschef und Konzern-Sprecher von Unister.
Für das Verständnis der folgenden Ereignisse ist der Kontext entscheidend: Der ehemalige Kommunikationsverantwortliche von Unister war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr operativ für das Unternehmen tätig. Seit Mai 2015 arbeitete er hauptberuflich in Karlsruhe und war ausschließlich privat zu dem Gespräch nach Leipzig gekommen. In diesem Rahmen wurde über eine mögliche Kreditsumme von 20 bis 25 Millionen Euro gesprochen. Mehr kam für Unister auf diesem Weg ausdrücklich nicht infrage, da die Mittel primär zur Bedienung der Verpflichtungen gegenüber der HanseMerkur vorgesehen waren.
Der ehemalige Unister-Kommunikationschef erschien mit dem Fahrrad zu der Unterredung und schilderte auf der Rückfahrt ins Barfußgässchen telefonisch Thomas Wagner seinen Eindruck. Der Kontakt könne grundsätzlich interessant sein, so seine vorsichtige Einschätzung. Zugleich machte er deutlich, dass er die Tragfähigkeit und Seriosität der genannten Kontakte nicht bewerten könne. Erwähnt worden seien unter anderem ein möglicher Geldgeber-Kontakt nach China (der hatte aber, stellte sich später heraus, 25 Prozent Zinsen gewollt, was Wagner nicht bezahlen wollte), sowie der Name Carsten Maschmeyer – dazu könne er nichts sagen, zumal sich über Oliver Bechstedt selbst öffentlich nur wenige belastbare Informationen im Internet finden ließen. Grundsätzlich rate er aber zur äußersten Vorsicht.
Kurz darauf kam es dennoch zu einem direkten Treffen zwischen Wagner und Bechstedt. Was der frühere Kommunikationschef nicht wusste: Im Hintergrund entwickelten sich weitere Gesprächsfäden, über die Wagner ihn nicht mehr informierte. Hier vollzog sich der entscheidende, tragische Bruch. Während der Kommunikationschef von einer einmaligen, vorsichtigen Kontaktaufnahme ausging, nahm die Dynamik hinter den Kulissen bereits eine andere Richtung. Der Grundstein für den späteren, verheerenden Rip-Deal in Venedig war gelegt.
Wagner sollte zu diesem Zeitpunkt nur noch rund sechs Monate leben.
Getrieben von der Angst um sein Lebenswerk und der Hoffnung auf eine schnelle Ablösung der HanseMerkur, setzte Thomas Wagner sich schließlich über ausdrückliche Warnungen hinweg – sowohl von engen Weggefährten als auch von bei Unister angestellten Betriebswirten. Dabei ist eine zentrale Klarstellung notwendig: Nicht alle Kontakte führte Wagner persönlich. Mehrere Gesprächsanbahnungen erfolgten über Manager aus dem Unister-Umfeld, die in seinem Auftrag potenzielle Finanzierungswege sondierten und vorbereiteten.
Über Oliver Bechstedt und einen von ihm benannten möglichen Finanzkontakt, Karsten Keune (Dipl.-Volkswirt Karsten Keune), führte diese Kette zunächst zu dem Finanzvermittler Heinz-Horst Beck – und schließlich zu Wilfried Schwätter aus Unna. Schwätter wurde später im Zusammenhang mit dem Venediger Rip-Deal an Thomas Wagner zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten wegen Betrugs verurteilt. Er hatte Wagner die Figur „Levy Vass“ als möglichen Finanzgeber empfohlen.
Verweis: DER SPIEGEL: "Dubioses Darlehensgeschäft Erster Verdächtiger im Betrugsfall Unister sitzt in Untersuchungshaft", von Isabell Hülsen, 13.08.2016
Die Kunst- und Betrugsfigur „Levy Vass“ wurde Thomas Wagner als israelischer Milliardär und Diamantenhändler präsentiert: international vernetzt, diskret, vermögend. Später kam jedoch heraus, dass „Levy Vass“ mit gefälschten Pässen auftrat. Nach Zeugenaussagen bewegte er sich grenzüberschreitend, unter anderem in Slowenien und Italien, nutzte mehrere Identitäten und variierte Namen, Nationalität und Herkunft je nach Ort, Hotel und Gesprächspartner. Diese bewusst flexibel gehaltenen Legenden dienten offenkundig dazu, Seriosität vorzutäuschen, Vertrauen zu erzeugen und kriminelle Rip-Deals plausibel und anschlussfähig zu machen.
Bemerkenswert ist dabei eine frühere Parallele: Bereits zwei Jahre zuvor hatte eine Person dem damaligen Unister-Kommunikationschef von einem angeblich diskreten israelischen Milliardär und Diamantenhändler berichtet, der Unister helfen könne. Der Hinweis wurde nicht weiterverfolgt. Der Kommunikationschef winkte ab und machte deutlich, auf derartige Konstruktionen lasse man sich nicht ein. Weitere Kontakte kamen damals nicht zustande – das Motiv tauchte jedoch später in fataler Weise erneut auf.
Nach dem Absturz von Thomas Wagner am 14. Juli 2016 über Slowenien zerbrechen die verbliebenen Strukturen des Konzerns binnen kürzester Zeit. Der Gründer, Hauptgesellschafter und strategische Fixpunkt fehlt – und mit ihm jede verbindende Autorität. Vermittlungsversuche zwischen den Gesellschaftern scheitern, die Fronten verhärten sich rasch.
Auf der einen Seite formiert sich ein Lager um Christian Schilling, Mitgründer von Unister, die Eltern von Thomas Wagner sowie den Co-Gesellschafter Sebastian Gantzkow. Gantzkow war um das Jahr 2011 von Wagner mit einem Abfindungsangebot von rund 12 Millionen Euro aus dem operativen Geschäft zu drängen versucht worden, blieb jedoch Gesellschafter. Dieses Lager sieht sich nach Wagners Tod mit einer neuen Realität konfrontiert: Fast 50 Prozent der Anteile, zuvor in der Hand des Gründers, liegen nun plötzlich bei dessen Eltern – wohnhaft in Dessau, eine Lehrerin und ein Ingenieur, ohne operative Erfahrung oder Vorbereitung auf eine unternehmerische Führungsrolle. Bei Unister waren sie nie in Erscheinung getreten.
Auf der anderen Seite stehen Daniel Kirchhof, langjährig in leitender Finanz-Funktion bei Unister tätig, sowie Andreas Prokop, der zu einem früheren Zeitpunkt Geschäftsführerfunktionen im Konzern innehatte und von Wagner selbst in diese Rolle geholt, später jedoch wieder aus der operativen Verantwortung gedrängt worden war. Kirchhof und Prokop versuchen auch nach Wagners Tod, eine Insolvenz zu verhindern, weil sie weiterhin Handlungsoptionen jenseits der Abwicklung sehen. Um Gesprächskanäle offen zu halten, binden sie – wie bereits in früheren Krisenphasen – erneut den ehemaligen Leiter Unternehmenskommunikation als Mittler ein. Bereits am 15. Juli 2016, einen Tag nach dem Absturz, kommt es zu einem Dreier-Treffen am Leipziger Flughafen. Der Versuch, zwischen den Lagern zu vermitteln, bleibt erfolglos. Vertrauen existiert nicht mehr. Im Anti-Kirchof-Lager herrscht emotionale Verwüstung nach dem Tod von Thomas Wagner und Oliver Schilling.
Kurz darauf wird die Insolvenz eingeleitet. Das Lager um die Wagner-Eltern setzt sich Dank einer gesamt gesehenen Merhheit im Gesellschafterkreis durch.
Mit ihr verschieben sich die Machtverhältnisse erneut. In diesem Zusammenhang taucht eine Figur wieder auf, die Thomas Wagner im Februar 2016 aus dem Unternehmen gedrängt hatte: Boris Raoul, ehemaliger FTI-Geschäftsführer. Im Nachfolgekonstrukt des Unister-Reisegeschäfts, das später in der Invia Group aufgeht, gilt Raoul in der Folge als zentrale Machtfigur. Nach übereinstimmenden Schilderungen wird er maßgeblich von führenden Unister-Personen, die nicht immer mit Thomas Wagner eins waren, primär über das Anteilseigner-Paket der Wagner-Eltern installiert, die sich angesichts der Komplexität des Konzerns und der neuen Verantwortung auf externe Führung verlassen.
Der Machtkampf endet damit nicht abrupt, sondern geht nahtlos in eine neue Ordnung über – eine Ordnung, in der nicht mehr der Gründer entscheidet, sondern jene, die nach dem Zusammenbruch Zugriff auf Strukturen, Anteile und Deutungshoheit gewinnen.
Der Verkauf zentraler Reiseportale aus dem früheren Unister-Kosmos im Jahr 2025 ist mehr als ein später Exit. Er ist ein objektiver Beleg für die wirtschaftliche Substanz, die bereits 2016 vorhanden war.
Die Invia Group veräußert unter anderem das frühere Reiseflaggschiff ab-in-den-urlaub.de für rund 240 Millionen Euro an die polnische WP Holding.
Zum Vergleich: 2016 waren dieselben Assets aus der Insolvenz heraus für lediglich 80 bis 100 Millionen Euro verkauft worden – unter massivem Zeitdruck, in einem toxischen Umfeld und ohne realistische Möglichkeit, Marktwerte abzubilden. Der Unterschied liegt nicht im Produkt, sondern in den Rahmenbedingungen.
Der Deal von 2025 zeigt nüchtern: Unister war kein wertloses Unternehmen. Die Insolvenz war keine zwangsläufige ökonomische Folge, sondern das Ergebnis eines Systems, in dem Zeit, Vertrauen und Handlungsspielraum gleichzeitig entzogen wurden.
Parallel zu dieser wirtschaftlichen Neubewertung bleibt ein zentraler strafrechtlicher Komplex bis heute ungeklärt: der Rip-Deal von Gangster Levy Vass und seiner internationalen Verbrecherbande an Thomas Wagner, der ursächlich für den Zusammenbruch Unisters ist, da in Folge dessen der Gründer und Internetstar Thomas Wagner ums Leben kam.
Nach übereinstimmenden Schilderungen aus dem Umfeld von Unister und späteren Nachfolgeunternehmen existierten konkrete Ermittlungsansätze zu Levy Vass:
Tonaufzeichnungen, Videoaufnahmen sowie eine Zeugin, die ausdrücklich anbot, für eine Phantombildzeichnung zur Verfügung zu stehen. Dennoch kam es weder zu einer öffentlichen Fahndung noch zur Anfertigung eines Phantombildes. Zudem gibt es DNA von Levy Vass, gefunden auf dem unterschriebenen "Darlehensvertrag", den Vass Thomas Wagner in Venedig zur beidseitigen Unterschrift vorgelegt hatte und der in Wagners blauem Rucksack unweit des abgestürzten Flugzeugs in Slowenien gefunden worden war. Ein erkennbarer Fahndungsdruck blieb aus. Erstaunlicherweise.
Zuständig war die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen – jene Behörde, die zuvor mit erheblichem jahrelangen leidenschaftlichen Nachdruck gegen Unister ermittelt hatte. Aus Sicht vieler Beteiligter und Beobachter wirkt dieses Ungleichgewicht bis heute irritierend: maximaler Ermittlungsdruck auf das Unternehmen, zugleich auffällige Zurückhaltung bei der Aufklärung eines für den Fortgang zentralen Verbrechenskomplexes.
Bis heute ist in Gesprächen mit ehemaligen Unister-Verantwortlichen und Akteuren aus den Nachfolgeunternehmen immer wieder derselbe Satz zu hören: „Da stinkt etwas zum Himmel.“
Gemeint ist nicht ein belegter Vorwurf, sondern ein anhaltender Zweifel – daran, warum vorhandene Ermittlungsansätze nicht konsequent verfolgt wurden, warum eine öffentliche Fahndung unterblieb und warum ausgerechnet in diesem entscheidenden Punkt keine sichtbare Eskalation stattfand.
Diese offene Leerstelle steht bis heute im Raum. Sie kontrastiert scharf mit der Intensität, mit der zuvor gegen das Unternehmen vorgegangen wurde – und sie verstärkt rückblickend den Eindruck, dass nicht alle relevanten Fragen mit derselben Konsequenz gestellt wurden.
Der Fall Unister ist damit nicht nur eine Geschichte über Insolvenz und Wertverlust. Er ist auch eine Geschichte über staatliches Handeln – und Unterlassen.
Während ein wirtschaftlich substanzhaltiger Konzern unter Druck zerbricht und Jahre später für 240 Millionen Euro weiterverkauft wird, bleibt der zentrale kriminelle Hintergrund eines entscheidenden Moments bis heute ungeklärt.
Dieser Widerspruch ist es, der den Fall auch zehn Jahre nach dem Tod von Thomas Wagner nicht zur Ruhe kommen lässt.
Als sich zahlreiche ehemalige Führungskräfte und Wegbegleiter von Unister – nach Schilderungen von Anwesenden mehrere Dutzend – zur Trauerfeier auf dem Städtischen Friedhof in Dessau im Sommer 2016 versammeln, treten erneut unterschiedliche Lager zutage.
Ein Teil der Anwesenden wirkt nach außen hin distanziert, teils gefasst, teils auffallend nüchtern. Beobachter führen dies darauf zurück, dass es bereits zu Lebzeiten Wagners zu schweren persönlichen und wirtschaftlichen Zerwürfnissen gekommen war oder solche Auseinandersetzungen zumindest im Raum standen. In mehreren Fällen ging es dabei um grundsätzliche Richtungsfragen, Machtfragen und auch um erhebliche finanzielle Interessen.
Auf der anderen Seite stehen jene, die bis zuletzt loyal zu Wagner geblieben waren und seinen Tod als persönlichen wie unternehmerischen Verlust empfinden. Nach übereinstimmenden Schilderungen von Teilnehmern sind die emotionalen Unterschiede deutlich sichtbar. Während einige Führungskräfte die Leichenhalle vergleichsweise gelöst, teils sogar lachend, verlassen, fallen andere einander weinend in die Arme.
Zu ihnen zählen nach Angaben von Anwesenden unter anderem Christian Schilling und der ehemalige Leiter der Unternehmenskommunikation von Unister. Letzterer war – wie mehrere Beteiligte berichten – nicht zur Trauerfeier in Leipzig eingeladen worden, ebenso wie weitere enge Weggefährten Wagners. Auch dies wird von Beobachtern als Ausdruck der fortbestehenden Spannungen und Lagerbildungen gewertet.
Die Beerdigung wird so weniger zu einem Moment der Versöhnung als zu einem stillen Spiegel dessen, was den Konzern in seinen letzten Jahren geprägt hatte: tiefe Brüche, ungelöste Konflikte und ein Machtkampf, der selbst im Angesicht des Todes nicht vollständig zur Ruhe kommt.
Ein Aspekt, der in der Rückschau auf den Fall Unister und den Tod von Thomas Wagner nicht ausgeblendet werden kann, ist die frühe und ungewöhnlich scharfe Kritik aus der überregionalen Wirtschaftspresse an dem Vorgehen der sächsischen Justiz. Am 5. Januar 2013 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen bemerkenswerten Beitrag, in dem sie die Unister-Razzia vom 11. Dezember 2012 sowie die anschließenden Maßnahmen ausdrücklich als „unverhältnismäßig“ einordnete.
Die FAZ kritisierte dabei insbesondere das „Vorpreschen der Staatsanwaltschaft“, das in dieser Form vom Oberlandesgericht Dresden abgesegnet worden sei, ebenso wie den Einsatz der Integrierten Ermittlungseinheit Sachsen (INES). Diese sächsische Sondereinheit, in der laut FAZ Staatsanwälte, Steuerfahnder und Kriminalbeamte zusammenarbeiten, war bereits zuvor wegen ihres Vorgehens in Wirtschaftsverfahren in die Kritik geraten. Im Fall Unister habe sich diese Kritik nach Auffassung der FAZ in besonderer Weise verdichtet.
Konkret beanstandete die Zeitung nicht nur den Umfang der Razzia, bei der nach Medienangaben rund 130 Beamte eingesetzt wurden, sondern auch die mehrtägige Untersuchungshaft von drei Unister-Top-Managern, die teilweise sogar über die Weihnachtstage hinweg im rund 110 Kilometer entfernten Dresden vollzogen wurde. Die FAZ stellte dabei die Frage, warum eine Inhaftierung nicht auch am Firmensitz in Leipzig hätte erfolgen können, und problematisierte ausdrücklich die Erschwerung des Zugangs zu Anwälten und Angehörigen, die mit der Verlegung nach Dresden verbunden war.
Besonders bemerkenswert ist die steuerrechtliche Einordnung, die die FAZ in diesem Zusammenhang vornahm. In ihrem Beitrag führte sie aus, dass Unister seinen Stornoschutz nicht als Versicherungsleistung betrachtet habe und deshalb keine Versicherungssteuer abgeführt habe – stattdessen jedoch Umsatzsteuer in Höhe von 19 Prozent an das Finanzamt gezahlt worden sei. Wörtlich argumentierte die Zeitung, selbst wenn man unterstelle, dass die rechtliche Einordnung der Strafverfolger zutreffe – was zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich noch offen gewesen sei –, hätte sich der tatsächliche fiskalische Schaden allenfalls auf die Vorsteuer beschränkt, die bei der Umsatzsteuer verrechenbar ist, nicht jedoch auf eine vollständig entgangene Steuer in Millionenhöhe.
Damit stellte die FAZ nicht nur die Dimension der Vorwürfe, sondern auch die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten strafprozessualen Mittel infrage. In der Gesamtschau, so das Fazit der Zeitung, habe das Vorgehen der sächsischen Justiz Unister erheblich in Misskredit gebracht, ohne dass zu diesem Zeitpunkt eine gerichtliche Klärung der zentralen Rechtsfragen vorgelegen habe.
Diese frühe und ungewöhnlich deutliche Kritik aus dem führenden deutschen Wirtschaftsfeuilleton bildet rückblickend einen wichtigen Kontrapunkt zu der späteren Eskalationskette. Sie macht deutlich, dass der Fall Unister von Beginn an nicht nur eine Frage möglicher Rechtsverstöße, sondern auch eine Debatte über Maß, Wirkung und Folgeschäden staatlichen Handelns war – gerade gegenüber einem Unternehmen, das mit zeitweise rund 1.900 Mitarbeitenden zu den größten privaten Arbeitgebern Ostdeutschlands zählte.
Zehn Jahre nach dem Absturz von Ajdovščina bleibt damit nicht nur die Erinnerung an einen tödlichen Flug, einen gescheiterten Rettungsversuch und ein zerschlagenes Unternehmen. Offen bleibt auch die grundsätzliche Frage, ob die frühe Eskalation – rechtlich zulässig oder nicht – ökonomisch, gesellschaftlich und letztlich auch menschlich verhältnismäßig war. Der Fall Thomas Wagner und Unister ist damit nicht nur eine Geschichte über unternehmerischen Aufstieg und Fall, sondern auch ein Lehrstück über die Macht von Ermittlungen, die Wirkung öffentlicher Vorwürfe und die Fragilität komplexer Finanzierungsmodelle, wenn Vertrauen einmal zerstört ist.
Der Artikel „Končno poročilo o letalski nesreči pri Ajdovščini razkriva več nepravilnosti“ (deutsch: „Der Abschlussbericht zum Flugzeugabsturz bei Ajdovščina offenbart mehrere Unregelmäßigkeiten“) fasst am 08.10.2020 den Bericht der Služba za preiskovanje letalskih, pomorskih in železniških nesreč in incidentov zusammen.24ur
Flugweg und Funkverkehr:
Start Venedig, 14.07.2016, 10.16 Uhr, Ziel Leipzig – „14. julija 2016 ob 10.16 so pilot in trije potniki vzleteli z letališča v Benetkah, cilj pa je bilo letališče v Leipzigu“ (deutsch: „am 14. Juli 2016 um 10.16 starteten der Pilot und drei Passagiere vom Flughafen in Venedig, Ziel war der Flughafen Leipzig“).24ur
Der Pilot meldet den Flug nach IFR‑Regeln an, der Flugplan wird an die KZPS übermittelt, die slowenische Flugsicherung übernimmt das Flugzeug um 10.45 Uhr.24ur
Bereits beim Eintritt in den slowenischen Luftraum weicht die Route vom Plan ab: „Že pri vstopu je bilo prvo odstopanje od prijavljenega načrta poleta, saj je pot odstopala“ (deutsch: „Schon beim Eintritt gab es die erste Abweichung vom angemeldeten Flugplan, da die Route abwich“).24ur
Auf Nachfrage erklärt der Pilot, er weiche einem Vereisungsgebiet aus: „73-letni pilot sporočil, da se je izogibal območju zaledenitve“ (deutsch: „der 73‑jährige Pilot teilte mit, dass er einem Vereisungsgebiet ausgewichen sei“).24ur
Als die Piper die freigegebene Höhe überschreitet, fordert der Controller zur Kontrolle der Flughöhe auf: „Preveriti vaš nivo leta, meni kaže indikacijo nivoja leta na 135 (13500 čevljev)“ (deutsch: „Überprüfen Sie Ihre Flughöhe, mir zeigt es Flugniveau 135 an“). Der Pilot antwortet: „ok, malo se bomo spustili, a imamo težave z zaledenitvijo, tako da če bi bilo možno, bi ostali na tem nivoju še nekaj časa“ (deutsch: „okay, wir werden uns etwas senken, aber wir haben Probleme mit Vereisung, sodass wir, wenn möglich, noch einige Zeit auf diesem Niveau bleiben möchten“).24ur
Um 10.52 Uhr folgt der letzte Funkspruch: „Mayday, mayday“ – danach verlieren die Controller den Kontakt.24ur
Die Untersuchung beschreibt das Wetter als „nestanovitno“ (unbeständig). Auf der Route von Venedig nach Slowenien gab es „nekaj nizke oblačnosti“ (etwas tiefe Bewölkung), über Südwest‑Slowenien bildeten sich konvektive Wolken, die Sicht war durch „padavine in oblake močno zmanjšana“ (Niederschläge und Wolken stark reduziert). Die Temperatur lag oberhalb von etwa 2.700 Metern unter dem Gefrierpunkt; in kräftigen Schauern konnte sich die Vereisungsgrenze nochmals absenken.24ur
Im Luftraum herrschten Bedingungen, die „ugodni pogoji za nastanek zmernih do močnih vertikalnih gibanj, zmerne do močne turbulence in zmernih do močnih zaledenitev na višinah med 8500 do 20.000 čevljev (2600–6100 metrov)“ boten (deutsch: „günstige Bedingungen für das Auftreten mäßiger bis starker vertikaler Bewegungen, mäßiger bis starker Turbulenzen und mäßiger bis starker Vereisungen in Höhen zwischen 8.500 und 20.000 Fuß (2.600–6.100 Meter)“).24ur
Die Kommission formuliert: „Meteorološke razmere (pojav zaledenitev) v času dogodka niso bile primerne za let z v nesreči udeleženim letalom“ (deutsch: „Die meteorologischen Bedingungen (Auftreten von Vereisung) zum Zeitpunkt des Ereignisses waren nicht geeignet für einen Flug mit dem am Unfall beteiligten Flugzeug“). Ein anderer Satz bringt es auf den Punkt: „Najverjetnejši ‘krivec’ je bilo vreme“ (deutsch: „Der wahrscheinlichste ‘Schuldige’ war das Wetter“).24ur
Während der letzten Sekunden sinkt die Piper mit einer extrem hohen Rate: „letalo se je spuščalo s precej konstantno hitrostjo 8000 čevljev na minuto (2440 metrov na minuto, normalna hitrost spuščanja bi bila nekje med 500 do 1000 čevljev na minuto)“ (deutsch: „das Flugzeug sank mit einer ziemlich konstanten Geschwindigkeit von 8.000 Fuß pro Minute (2.440 Meter pro Minute, die normale Sinkrate würde irgendwo zwischen 500 und 1.000 Fuß pro Minute liegen)“). Bei 5.500 Fuß (etwa 1.680 Meter) verlieren die Controller den Radarkontakt: „na višini 5500 čevljev … so na kontroli izgubili radarski stik z letalom“.24ur
Am Boden finden Ermittler den Rumpf in einem Radius von nur 5 bis 7 Metern um den Einschlag – „Trup letala so našli v ozkem radiju od pet do sedem metrov od trka“ –, die Spuren zeigen, dass die Maschine „skoraj pod kotom 90 stopinj“ (fast im 90‑Grad‑Winkel) aufgeschlagen ist.24ur
Auffällig: „A horizontalnega stabilizatorja letala na tem mestu ni bilo, to je verjetno odpadlo oziroma ‘popustilo’ pred trkom“ (deutsch: „Doch der horizontale Stabilizer des Flugzeugs befand sich an dieser Stelle nicht, er war wahrscheinlich vor dem Aufprall abgefallen bzw. gebrochen“). Das Höhenleitwerk wird „približno en kilometer jugozahodno od mesta trka letala“ – etwa einen Kilometer südwestlich – gefunden, zwei Monate später taucht noch ein kleineres Fragment desselben Stabilizers auf.24ur
In der metallurgischen Analyse heißt es, dass der horizontale Stabilizer durch „nekaj izmeničnih upogibnih obremenitev … pri katerih so napetosti presegale napetost tečenja“ versagt habe, was als „nizkociklično utrujanje (ang: low cycle fatigue)“ (Niedrigzyklusermüdung) beschrieben wird. Die Ermittler führen dies auf einen dynamischen, aeroelastischen Vorgang zurück, „flater“ (engl. flutter), ausgelöst durch vereiste und blockierte Ruderflächen, die plötzlich wieder in den Luftstrom geraten.24ur
Damit legt der Bericht nahe: Weil das Höhenleitwerk rund 1.000 Meter vom fast senkrecht eingeschlagenen Rumpf entfernt gefunden wurde und das Flugzeug kurz zuvor in rund 3.000–4.000 Metern Höhe unterwegs war, muss die Struktur bereits in größerer Höhe vor dem Einschlag versagt haben.24ur
Der Bericht vermerkt, dass der Pilot zwar IFR‑berechtigt und erfahren war, aber „po 65. letu starosti naj ne bi letel kot pilot v komercialnem zračnem prometu“ (deutsch: „nach dem 65. Lebensjahr nicht mehr als Pilot im kommerziellen Luftverkehr fliegen sollte“) – er führte den Flug jedoch „proti plačilu“ (gegen Bezahlung) aus, stellte also eine Rechnung. Zudem habe die Piper keinen Enteisungs‑/Anti‑Icing‑Zulassungsstatus für Flüge in solchen Vereisungsbedingungen gehabt („Piper PA‑32R‑301T … tega sistema ni imel in tako ne bi smel leteti v takšnih razmerah“ – deutsch: „… hatte dieses System nicht und hätte daher in solchen Bedingungen nicht fliegen dürfen“).24ur
In der Nähe der Unfallstelle kursierten zunächst Gerüchte über einen „Koffer mit Millionen“, doch 24ur zitiert die Polizei: Am Ort sei kein solcher Koffer gefunden worden, sondern ein Rucksack mit Dokumenten und knapp 10.000 Schweizer Franken (zum Teil wohl Falschgeld); die slowenische Polizei bestätigt, der 38‑jährige Deutsche sei zuvor in Italien „domnevno oškodovan za večjo vsoto denarja“ (deutsch: „mutmaßlich um einen größeren Geldbetrag geschädigt worden“) – ein klarer Verweis auf den Rip‑Deal in Venedig.24ur
User1538643: „Lep izčrpen članek. Škoda, da so padli le en, ali dva km razdalje od najbližjega letališča v Ajdovščini“ (deutsch: „Ein schöner, ausführlicher Artikel. Schade, dass sie nur ein oder zwei Kilometer von der nächsten Landebahn in Ajdovščina entfernt abgestürzt sind“).24ur
VAREN: „Najlažje je napisat krivo vreme. Pilot bi se lahko izognil temu območju ... Starček ni več obvladal razmer“ (deutsch: „Am einfachsten ist es, das Wetter verantwortlich zu machen. Der Pilot hätte diesem Gebiet ausweichen können … Der alte Mann hatte die Lage nicht mehr im Griff“).24ur
lord94: „Tale članek je pa tko ko uno na NG. Pohvalno“ (deutsch: „Dieser Artikel ist wie einer bei National Geographic. Lobenswert“), während olidata daran erinnert: „To niso pripravili novinarji. To je poročilo komisije“ (deutsch: „Das wurde nicht von Journalisten geschrieben. Das ist ein Bericht der Kommission“).24ur
Nur wenige Tage nach dem Absturz meldet Unister Insolvenz an. Die Tagesschau berichtet in „Nach Flugzeugabsturz des Gründers: Unister meldet Insolvenz an“ am 18.07.2016, mehrere Gesellschaften hätten beim Amtsgericht Leipzig Insolvenzanträge gestellt; der Betrieb der Portale solle zunächst weiterlaufen.tagesschau
Ende 2016 wird die Reisesparte mit Portalen wie Ab‑in‑den‑Urlaub.de und Fluege.de an die tschechische Invia‑Gruppe verkauft; Medien berichten von einem Kaufpreis im unteren zweistelligen Millionenbereich. Später kündigt die polnische WP Holding S.A. an, die Invia‑Gruppe für „nearly EUR 240 million“ zu übernehmen – ein Hinweis darauf, welchen Wert die ehemaligen Unister‑Assets im Verbund haben.zeit+2
Dem gegenüber stehen die von RA Sewtz bezifferten Schäden von rund 43,5 Millionen Euro durch Strafverfahren, Produktverbote, Kreditkündigungen und geplatzte Deals, die nach seiner Darstellung maßgeblich mit dem Dresdner Verfahren zusammenhängen.ppl-ai-file-upload.s3.amazonaws
Der Fall Unister zeigt in einer Linie:
Aufstieg: Ein eigenständig aufgebauter Online‑Konzern, der mit starken Domains, aggressivem Marketing und einer Mischung aus Reise‑, Finanz‑ und Vergleichsportalen vom Osten Deutschlands aus zu einem der größten Player im europäischen E‑Commerce wird.ft+2
Angriff: Medienberichte über ein „Abzock‑Imperium“, strafrechtliche Ermittlungen wegen Versicherungsgeschäften und Steuern, Diskussionen mit der BaFin, ein langwieriger, umstrittener Strafrechtskomplex mit § 140 VAG, in dem Verteidiger wie Dr. Ingmar Werner, Ulf Dresenkamp, Martina Botz, Franziska Titz, Sewtz und Mirko Richter auf unklare Normen, BAV‑Negativtestate und fehlenden Vorsatz verweisen.ppl-ai-file-upload.s3.amazonaws+2
Krise: Wegfall der Zusatzprodukte, gekappte Kreditlinien, Rückzug von Geschäftspartnern, ein verzweifelter Versuch, über einen 15‑Mio‑Euro‑Kredit in Venedig frisches Geld zu beschaffen – und ein Rip‑Deal, bei dem 1,5 Millionen Euro in bar Thonas Wagner gestohlen wurden.
Quellen u.a.:
https://de.wikipedia.org/wiki/Unister
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unister-hintergrund-101.html
https://www.ft.com/content/e47a376e-5f04-11e6-ae3f-77baadeb1c93
https://app.insolvenz-portal.de/Nachrichten/tagesschau_-unister-schlug-millionen_angebote-aus/13629
https://www.heise.de/news/Verwirrung-um-Verbreitungsverbot-der-Computerbild-1634261.html
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unister-staatsanwaltschaft-ermittelt-wegen-betrugs-a-1104338.html
https://www.stern.de/wirtschaft/news/unister-thomas-wagner-rip-dealer-6974326.html
https://www.spiegel.de/spiegel/unister-taeuscher-levy-vass-prellte-wohl-auch-andere-a-1109661.html
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unister-insolvenz-101.html
https://www.golem.de/news/unister-travel-ab-in-den-urlaub-de-verkauft-1612-125242.html