Antitrust-Verfahren EU Manager: "Google Charts zu Google Shopping unseriös"

Netz-trends.de wollte das von einem Manager eines großen deutschen Preisvergleichsportals aus Hamburg wissen. Wir veröffentlichen hier das Gespräch anonymisiert, da derzeit niemand der Internetbranche sich öffentlich mit dem Goliath Google Inc. anlegen möchte.

Wie glaubhaft sind die Charts, welche die Google Inc. derzeit an Medien und Politik zu ihrem Produkt Google Shopping verschickt, um sich gegen das Antitrust-Verfahren der Europäischen Union (EU) zu wehren?

Frage netz-trends.de: Wie glaubhaft sind jene Charts, die Google derzeit an Medien und Politik weltweit zu ihrem Produkt Google Shopping verschickt, um sich gegen das Kartellrechts-Verfahren der Europäischen Union (EU) zu wehren?

Antwort: Google bildet mit diesen Charts nur die halbe Wahrheit ab. Grund: Es ist nicht nur der Traffic auf Google Shopping entscheidend, welcher in den Charts von Google dargestellt wird. Viel wichtiger ist die Frage, wie viele Nutzer direkt in den Suchergebnissen der Google-Websuche auf die von Google eingeblendeten Google Shopping-Anzeigen klicken, die für Umsatz auf Google Shopping sorgen. Es geht um das Geld nicht den Traffic.

Frage: Warum glaubst Du, dass die von Google an die Medien und Politik verschickten Charts nicht viel über die Bedeutung von Google Shopping als Umsatzmaschine für die Google Inc. ausdrücken?

Antwort: Der Chart ist undurchsichtig. Ich nehme an, es sind Traffic-Charts von einem eigenen Google-Dienst – möglicherweise von Google Trends. Dort wurde die Einschränkung vorgenommen, nur den Traffic für Google Shopping darzustellen. Es geht aber bei den in Google eingeblendeten Google Shopping-Anzeigen ja nicht um Klicks direkt auf Google Shopping, sondern auf Fremd-Händler-Shops. Hier erhält Google pro Klick Umsatz. Das sind im Schnitt 20 Cent pro Klick.

Das heißt: Nicht der Traffic in den Google Charts im Vergleich zu anderen Preisvergleichs-Portalen ist relevant, sondern, was Google Shopping an Umsatz von den Händler-Budgets abzieht – und zwar zu Lasten aller anderen Preisvergleichsportale. Denn wenn die Händler-Budgets für die Listings in Google Shopping bezahlen müssen, fehlt das Geld für eine Listung auf unabhängigen Preisvergleichsseiten.

Google Shopping: Die Klicks auf die von Google Shopping rechts eingeblendeten Fremd-Shop-Anbieter (man spricht von einer \"PLA-Listung\", also Product-Listing Ads) bildet Google in seinen Vergleichs-Charts den Medien und der Politik nicht an. Doch diese Klicks dürften 95% des Umsatzes von Google Shopping ausmachen, da Google pro Klick nach Schätzungen 20 Cent erhält - ein mögliches Milliarden-Geschäft bei 500 Millionen EU-Bürgern, von denen täglich viele über Google nach Produkten suchen. Die Anzeigen links oben sind Google AdWords-Anzeigen. Hier dürfen übliche Preisvergleichs-Portale kostenpflichtig in Google Werbung schalten. Sie werden derzeit teurer und verlieren Traffic, da viele Verbraucher eher auf grafisch hervorgehobene Anzeigen klicken wie jene von Google Shopping. Doch dort dürfen zwar Amazon oder E-Bay mit rein, nicht aber die üblichen großen Preisvergleichsseiten.

Wenn man sich klar macht, dass auf Google Shopping direkt vielleicht nur fünf Prozent der Klicks zu den von Google Shopping eingebundenen Fremdhändler-Shops erfolgen, bedeutet dies umgekehrt: Es fehlen 95% der umsatzrelevanten Klicks für Google Shopping in den von Google dargestellten Charts.

Frage: Welche Bedeutung hat denn Google Shopping überhaupt für Deutschlands Preisvergleichs-Portale, aber auch jene in den anderen EU-Ländern?

Das hat dahingehend eine große Bedeutung, dass Google ein direktes Konkurrenzprodukt anbietet und anderen Preisvergleichs-Portalen den Zugang zu dieser Werbeplatzierung versagt, beziehungsweise keine ähnlich prominente und umsatzgenerierende Platzierung anbietet. Wir dürfen nur Textlinks als Werbeform in Google anbieten – also Google AdWords - und Google hebt seine eigenen Anzeigen von Google Shopping prominent grafisch aufbereitet hervor - also außerhalb des Wettbewerbs, welchem sich alle anderen Wettbewerber unterziehen müssen.

Dabei ist bekannt, dass Konsumenten auf grafisch gestaltete Elemente stärker reagieren, als auf nur Textteil-Anzeigen. Durch das von Google Shopping durchgeführte PLA-Listung (Product-Listing Ads), also die grafisch gestalteten werblichen Einblendungen nach Produktanfragen durch Verbraucher zu Handys oder Stühlen rechts oben in den Google-Suchergebnissen, werden traditionellen Google AdWords-Textteilanzeigen auf den Google-Suchergebnis-Seiten verdrängt.

Spürt Ihr das als Betreiber eines Preisvergleichsportals mit über einer Millionen Nutzer im Monat bereits?

Ja. Es ist vor allem sichtbar in sinkenden Ausspielungen der von uns geschalteten Google AdWords-Anzeigen. Hier erleben wir, dass wir seltener Anzeigenraum ersteigern können im Google AdWords-System, da ja faktisch von den einstmals bis zu 13 Anzeigenplätzen in Google weniger ausgespielt werden, damit Google seine eigenen grafisch gestalteten Google PLA-Anzeigen (Product-Listing Ads) ausspielen kann.

Google kannibalisiert den Preisvergleichs-Markt im Internet also gleich von zwei Seiten: Dadurch, dass die Anzeigenplätze in Google AdWords weniger werden, steigen die Preise in der Google-AdWords-Börse für die Werbungtreibenden, also auch die unabhängigen Preisvergleichsportale, nach oben. Gleichzeitig klicken immer weniger Verbraucher auf unabhängige Vergleichsportale, da Google seine Google Shopping PLAs so dominant grafische rechts oben in der Suchmaschine einbindet.

Für uns ist das ein Teufelskreis, da wir immer höhere Anzeigenpreise bezahlen müssen für Google AdWords-Anzeigen für immer weniger Traffic. Doch die meisten Preisvergleichsseiten erhalten über 80% ihres Traffics und damit auch ihres Umsatzes durch Einblendungen in Google - entweder in den Google AdWords-Textteil-Anzeigen, für die man bezahlen muss, oder im natürlichen Trefferbereich, der aber immer weniger wird, da Google seine eigenen Konkurrenz-Produkte pusht.

Fühlt ihr euch von Google hinters Licht geführt?

Die jetzt von Google den Medien zur Verfügung gestellten Charts zum angeblichen Traffic auf Preisvergleichsseiten, also Nutzer-Aufkommen, sind wirklich eine Frechheit und unseriös und dokumentieren nicht einmal ansatzweise die bestehende erhebliche Wettbewerbs-Beschädigung durch Google. Es geht um nichts anderes, als einen Verdrängungskrieg den das US-Portal Google mit allen Mitteln gewinnen möchte und ja auch schon gewinnt.

Hinzu kommt, dass die beiden US-Portale Amazon und Ebay in den Charts absolut nichts zu suchen haben, da Amazon primär ein Online-Marktplatz, also ein Kaufhaus ist und Ebay mittlerweile ebenfalls. Die beiden können sich zudem in die PLA hineinbieten und dort teilnehmen – das können aber klassische deutsche Preisvergleichsseiten wie idealo, günstiger.de, billiger.de oder preisvergleich.de nicht.

Im Übrigen ist die Europäische Kommission (EU) vor wenigen Wochen an viele große europäische Preisvergleichsseiten herangetreten und hat sie um Stellungnahme gebeten. Darin wollte die EU Auskunft zur Entwicklung von Umsatz oder Traffic auf den Preisvergleichsseiten und eine Einschätzung der Wettbewerbssituation.

Wie groß schätzt Du denn den umsatzrelevanten Traffic über Google Shopping ein?

Wenn man bedenkt, dass Google Shopping selbst in den von Google gestreuten Charts mit den größten deutschen Preisvergleichsseiten mithalten kann, das aber nach unserer Schätzung nur maximal fünf Prozent der Klickouts, mit welchen in Google Shopping tatsächlich Umsatz gemacht wird, entspricht, kann man erahnen, wie irreführend die Google Charts sind. Denn 95% der für Google Shopping umsatzrelevanten Klicks zu den Dritt-Händler-Shops sind ja gar nicht abgebildet. Hinzu kommt: Google Shopping ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Google macht ähnliches im Geschäft mit der kommerziellen Darstellung von Adressen von Selbständigen, aber auch im Verkauf von Hotelzimmern, Flugtickets, Versicherungen und vielen weiteren Dingen. Für alles baut Google mittlerweile von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt eigene Vertriebsplattformen auf, die den Wettbewerb zu Wegelagerern degradieren. Zum Zuge kommt also nur noch der, der an die Google Inc. einen Durchlasszoll abdrückt.

Wir lieben Google, da die Suchmaschine so phantastisch gut funktioniert, aber wir fordern ganz klar: Es muss eine Trennung zwischen Suchmaschine geben und den sonstigen Internet-Geschäftsmodellen. Google kann und darf nicht alles selbst bedienen wollen. Das tötet die Seele des freien Internets und der freien Wirtschaft.

Um diese Charts von Google geht es:

Die von Google an Medien und Politik verschickten Grafiken seien unseriös, sagt der Betreiber eines großen Preisvergleichs-Portals aus Deutschland.


Die Stellungnahme von Google gibt es Hier anzuklicken.